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Autobranche IAA: Glaubenswandel auf der heiligen Messe

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Quelle: dpa
(Foto: dpa)

Moment, sagt Dieter Zetsche. Er wolle noch von der „Faszination der Marke“ sprechen. Den Seufzer der Erleichterung darüber, dass er als Verbrennungsmotoren-Ingenieur noch über die Verbrennung von hochverdichtetem Benzin sprechen darf, verkneift er sich. Auf einer Leinwand liebkost die Kamera die Kurven eines Rennwagens, der brüllt wie ein hungriger Tiger, klappt die Flügeltüren hoch, und dann schwebt ein feuerroter SLS AMG auf die Bühne – wie ein Raumschiff durch Trockeneisnebel, im Bauch ein 6,3-Liter-V8-Herz. Dieter Zetsche sagt „Wow“, dann lange nichts mehr.

13,2 Liter auf 100 Kilometer. Ab 2013 gibt es den 571-PS-und-317-Stundenkilometerspitzengeschwindigkeits-Sündenfall auch mit Elektroantrieb, sagt Zetsche.

Das goldene Kalb trägt einen anthrazitfarbenen Putz, und ein weißes Partyzelt beschützt es vor Frankfurter Abendschauern. Die Altgläubigen, die sich um das Kalb drängen, sind nervös. Ein gediegener Herr in den 60ern sitzt seit gefühlten zehn Minuten im Cockpit, beide Hände am Lenkrad, und streichelt mit den Augen jedes Detail der handgefertigten Inneneinrichtung. Er blockiert die Anbetungszeremonie. Denn jeder will mal hinein in den neuen Aston Martin „Rapide“ – Betonung übrigens bitte auf der zweiten Silbe.

Sie sehen aus wie Hansi Hinterseer, Bertolt Brecht oder Flavio Briatore, die Herren mit den Moët-Kelchen zwischen den Fingerspitzen, und sobald die Tür wieder aufschwingt, schieben sie sich in die Nähe des Götzen: 6-Liter-V12-470-PS-Verführungsinstrument, viele Schlitze in Haube und Kotflügel sollen ihm genug Luft zufächeln. Sie wollen auch mal ran, mal rein, hinunter sinken in den Sitz, der so tief liegt, dass Mann bei der wochenendlichen Landpartie auf Augenhöhe mit Marder und Dachs durch die Walachei braust. Einer fummelt am Handy herum, drückt es seinem Nachbarn in die Hand und schiebt die säuerlich dreinblickende Gattin aufs Podium. Jetzt rechts unten drücken, bitte. Klick. Danke.

Das sind sie, die Kunden, „unsere Freunde“, die Aston-Martin-Chef Ulrich Bez am Abend vor dem IAA-Start in ein Frankfurter Hotel geladen hat und in schwer schwäbelndem Englisch willkommen heißt in seiner PS-Kirche. 180000 Euro müssten sie locker haben für so ein Gefährt, das, genügsam, ganz ohne Hybrid und E und ohne Wasserstoff auskommen darf. Dafür hat es hinten zwei Auspuffenden, groß wie Kanonenrohre.

Bez, der Aston Martin 2007 aus den Fängen des Massenherstellers Ford befreien durfte, trägt weiße Turnschuhe zum dunklen Anzug, auf ihnen steht „Racing“. Er hat früher bei Porsche Autos entwickelt und ist begeisterter Rennfahrer. Nürburgring, Nordkurve, alles kein Problem, x-mal gefahren. Heute Abend will Bez nur feiern, morgen, auf der IAA, wird auch er ein wenig über CO2 sprechen und, ja doch, auch darüber, dass die Aston-Martin-Flotte künftig weniger davon auspusten soll.

Über seinen eigenen Öko-Coup spricht er fast gar nicht. Als sei es ihm peinlich. „Cygnet“ heißt der, was „junger Schwan“ bedeutet. Einen Kleinwagen will Bez bald anbieten, einen ganz kleinen, mit dem seine zahlenden Freunde künftig ins Büro oder in den Supermarkt fahren können. Denn für so was wäre ein „Rapide“ ja nun wirklich zu schade. Eigentlich ist der „Cygnet“ nur ein Toyota „iQ“, aber von innen soll er wie ein Aston Martin sein. Es gibt eine Bedingung für den Erwerb: Kaufen darf den Mini-Aston nur, wer auch einen großen Aston hat.

Bei Aston Martin haben sie wirklich verstanden, worauf es beim grünen Glauben ankommt: Die PS-gläubigen Kunden wollen gar nicht geläutert werden. Die Gemeinde ist mindestens so störrisch wie die meisten ihrer Priester.

Deshalb, erklärt ein Aston-Mann beim Tanz ums anthrazitfarbene Kalb, weil der Zeitgeist nun mal so ist, wie er ist, sei es besser fürs Image, wenn man auch mal öfter im Ökomobil gesehen werde als im Götzenwagen. So werde doch alles gut und grün genug. Solange halt das Benzin nicht ausgeht.

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