Autobranche Mehr Geld für Start-ups – Porsche geht auf Einhorn-Jagd

Porsche stockt sein Venture-Beteiligungskapital auf. Der Autobauer will in innovative Start-ups investieren – und damit technologische Zukunftslücken füllen.
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Mehr Geld für Start-ups – Porsche geht auf Einhorn-Jagd Quelle: dpa
Das Auto wird zum rollenden Smartphone

Porsche beteiligt sich deswegen vermehrt an Start-ups.

(Foto: dpa)

StuttgartPorsche hat das Thema Beteiligungen an Start-ups zur Chefsache gemacht. Finanz- und IT-Chef Lutz Meschke kümmert sich persönlich darum. Seine Arbeit ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Sportwagenbauers.

Wie wichtig innovative Start-ups für Porsche mittlerweile sind, beweisen Zahlen aus den vergangenen zwei Jahren: Mit 100 Millionen Euro hat sich der Konzern an sechs jungen Unternehmen direkt und an vier über Venture-Capital-Fonds beteiligt. „Wir stocken die Investitionssumme für Venture-Capital-Aktivitäten um 150 Millionen Euro auf“, sagt Meschke jetzt dem Handelsblatt.

Porsche will sich so Zugang zu neuen Technologien und Geschäftsmodellen sichern, die in der vernetzten Welt künftig über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Experten sind sich einig: Design und Motor werden in Zukunft an Bedeutung verlieren.

„Wir müssen uns grundlegend ändern. Wer sich in der Branche nicht öffnet, wird spätestens beim autonomen Fahren auf die Nase fliegen“, betont Meschke. Dann werden die großen Internetkonzerne noch mehr ins Autogeschäft drängen als heute schon. „Deshalb müssen wir ein starkes Ökosystem mit kompetenten Partnern aufbauen“, sagt der Finanzchef.

Die direkten Beteiligungen an jungen Unternehmen und Fonds dienen dazu, diese andere Welt zu verstehen. An den Fonds eVentures Europe und eVentures US ist Porsche ebenso beteiligt, wie in Israel an den beiden Fonds Magma und Grove. Und Meschke will noch einen Schritt weiter gehen. „Es ist auch denkbar, dass wir selbst einen Venture-Capital-Fonds aufbauen“, stellt der 52-Jährige in Aussicht.

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Für den Sportwagenbauer ist es eine Aufholjagd. Firmen wie BMW und Daimler, aber auch große Zulieferer wie Bosch sind seit Jahren auf dem Beteiligungsmarkt aktiv. Bosch etwa hat bereits 450 Millionen Euro in den vergangenen zehn Jahren investiert und denkt ebenfalls an eine weitere Aufstockung.

Autobranche mitten in der Transformation

Während andere Konzerne teilweise unabhängig vom Kerngeschäft auf Einhorn-Jagd gehen, sind für die Volkswagentochter vor allem Technologien interessant, „die den Unterschied ausmachen“, wie es Meschke ausdrückt. Der Druck beim Sportwagenbauer ist gewaltig. „Wir müssen und werden uns auch im elektrischen Zeitalter von der Konkurrenz abheben“, sagt Meschke.

„Aktivitäten wie von Porsche sind ein Indikator für die Transformation der Autobranche“, sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. „Alle wetten auf die Zukunft. Das ist natürlich mit Risiko verbunden. Es wird nicht nur Gewinner geben“, betont Bratzel. Aber im Prinzip sei das jetzige Vorgehen der Zuffenhausener alternativlos.

Porsche ist erst seit zwei Jahren auf dem Start-up-Markt aktiv. Zuletzt hatte Porsche im Juni zehn Prozent der Technologie- und Sportwagenfirma Rimac Automobili übernommen. Das kroatische Unternehmen entwickelt und produziert Komponenten für die Elektromobilität und stellt selbst elektrische Supersportwagen her, die zuletzt auf den Automessen für Furore sorgten. Porsche sicherte sich damit vor allem einen Entwicklungspartner.

Porsches erster eigener Elektroflitzer wird unter dem Namen Taycan mit über 600 PS im kommenden Jahr auf den Markt kommen.

Mit der neuen Kriegskasse steigt Porsche jetzt beim Schweizer Start-up WayRay. Die Zuffenhausener beteiligen sich als strategischer Lead-Investor bei der nächsten Finanzierungsrunde, die ein Gesamtvolumen von 80 Millionen US-Dollar hat. Mit dabei sind der Autokonzern Hyundai, JVC Kenwood und weitere Fonds. Bereits bei den Schweizern investiert ist Alibaba.

WayRay entwickelt und produziert Head-up-Displays, die holografische Argumented-Reality-Visualisierungen auf die Windschutzscheibe projizieren. „Für uns ist die äußerst platzsparende Technologie wegen der Gestaltung des Innenraums unserer Sportwagen besonders interessant“, sagt Meschke. Sie habe enormes Potential für Porsche-typische Lösungen.

Beispielsweise kann der Fahrer dann auf dem Nürburgring sich die Rennstrecke einblenden lassen mit entsprechenden Fahrtipps in Echtzeit. WayRay mit Sitz in Zürich und Standorten in Russland und China beschäftigt 250 Mitarbeiter. Gründer und Chef Vitaly Ponomarev verspricht sich von Porsche vor allem spannende Anwendungsfelder seiner „bahnbrechenden Technologie“.

Porsche erhofft sich durch WayRay auch den Einstieg zu neuen Geschäftsfeldern. So könnten auf den Porsche-Kunden individuell abgestimmte Angebote auf die Windschutzscheibe auch des Beifahrers projiziert werden, wie etwa Lieblingsrestaurants oder andere kulturelle Angebote. Im Idealfall würde Porsche dann fürs Einspielen auch noch von den Anbietern bezahlt. Angst, dass ein Internetgigant dem Autobauer das Geschäft streitig machen könnte, hat Meschke nicht. „Ich sehe Unternehmen wie Alibaba nicht als Konkurrenten, sondern vielmehr als Partner. “

Gerade in China müsse auch Porsche sich diesen Angeboten öffnen. „Die Kunden sind deutlich jünger als in Europa, rund um die Uhr in sozialen Medien unterwegs und erwarten von Porsche entsprechende Dienste und Services. Wer da in unserer Branche nicht mitmacht, ist schnell aus dem Geschäft“, sagt Meschke.

Porsche beteiligt sich auch an Blockchain-Start-up

Der Finanz- und IT-Vorstand geht in seiner Zukunftsvision noch weiter: „Es ist auch geplant, dass in Zukunft der Porsche-Fahrer bei Bedarf Zusatzfunktionen freischalten kann, die schon im Fahrzeug eingebaut sind, die er aber nur bezahlt, wenn er sie braucht.“ Als Beispiele nannte Meschke die Abstimmung des Fahrwerks für bestimmte Strecken, mehr Antrieb oder eben Rennstrecken-Assistenz. „Wenn Sie zum Beispiel in die Nähe einer Rennstrecke fahren, könnte Ihnen direkt im Marktplatz in der Windschutzscheibe ein passendes Performance-Paket angeboten werden. Über sogenannte Functions on demand.“

Auch auf Start-ups, die die Blockchain-Technologie als Sicherheitstechnik verwenden, hat Porsche ein Auge geworfen. Die Minderheitsbeteiligung am Berliner Start-up Gapless ist dabei die jüngste Investition.

Das junge Unternehmen ermöglicht es Kunden, ihre Oldtimer-Fahrzeuge inklusive der gesamten Historie digital zu verwalten und die Fahrzeughistorie fälschungssicher mit anderen Nutzern zu teilen. Dafür entwickelt das Start-up eine Lösung auf Basis der Blockchain-Technologie, die das Ziel hat, den Wert von Sammlerstücken zu erhalten oder zu steigern.

Einen ersten Eindruck, wohin die Reise in Zukunft bei den Zuffenhausenern führt, wird die Öffentlichkeit im Spätherbst sehen, wenn der neue 911er eingeführt wird und spätestens im kommenden Jahr mit der Einführung des elektrischen Taycan.

Jenseits der Zukunftspläne muss Porsche allerdings derzeit sehr reale Probleme meistern: Zum einen die Ausrüstung der neuen Benzinmotoren mit Otto-Partikelfilter und zum anderen die hohen Kosten für die Entwicklung des Elektroflitzers. Auch der Verzicht auf den Verkauf von Dieselautos im Zuge des Abgasskandals macht sich bei Porsche bemerkbar.

„Wir sehen aber eine durchaus realistische Chance, den Vorjahresumsatz zu erreichen“, sagte Meschke. Auch das Renditeziel (Ebit) von mindestens 15 Prozent sei nicht in Gefahr. Porsche zählt in der Branche zu den weltweit rentabelsten Autoherstellern.

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