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Autohersteller Endzeitstimmung für Opel-Ingenieure in Rüsselsheim

Der Autohersteller will 2000 Ingenieure an Segula auslagern. Zwei geheime Gutachten zeigen: Trotz einer Mitgift von 300 Millionen Euro wären die Jobs nicht sicher.
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Opel will 2000 Ingenieure an den französischen Entwicklungsdienstleister Segula auslagern. Quelle: Opel
Entwicklungszentrum Rüsselsheim

Opel will 2000 Ingenieure an den französischen Entwicklungsdienstleister Segula auslagern.

(Foto: Opel)

MünchenPSA-Chef Carlos Tavares ist ein Getriebener. Er verabscheut den Status quo. Wer still steht, ist aus seiner Sicht leichter angreifbar. Daher sorgt der gebürtige Portugiese an der Spitze des französischen Autobauers ständig für Bewegung; trimmt Werke und Verwaltung auf Effizienz. So hat er erst das jahrhundertealte Peugeot-Erbe vor dem Untergang bewahrt. Und so hat er jetzt den Turnaround bei der chronisch defizitären deutschen Tochter Opel geschafft – nach 20 Jahren mit Verlusten.

„Entweder wir passen uns an oder sterben“, lautet die darwinistische Maxime des Sanierers. Bei Opel sieht Tavares folglich weiter Veränderungsbedarf. Sein Plan: 2000 der 7000 Ingenieure der Marke mit dem Blitz am Stammsitz in Rüsselsheim sollen an den französischen Entwicklungsdienstleister Segula ausgelagert werden. Bei Opel gebe es für sie schlichtweg zu wenig Arbeit.

Doch der Widerstand gegen das Projekt ist immens. Die Vertrauensleute der Gewerkschaft IG Metall lehnen den Deal geschlossen ab.

Tavares tobt. „In 38 Jahren Karriere in der Autoindustrie weltweit habe ich noch nie erlebt, dass ein Gewerkschaftspartner nicht dafür kämpft, 2000 Jobs zu sichern“, erklärte der PSA-Frontmann am Dienstag bei der Vorlage der Konzernbilanz.

Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter gibt es für die Blockade aber triftige Gründe. Seit Ende Januar kursieren in Gewerkschaftskreisen nämlich zwei vertrauliche Gutachten, die von der angedachten Transaktion mit Segula dezidiert abraten.

Eines der Papiere liegt dem Handelsblatt zur Gänze vor, das zweite in Form der zweiseitigen Conclusio. Die Unterlagen, die im Auftrag des Opel-Betriebsrats erstellt wurden, sind offenbar so brisant, dass Opel vorsorglich einen externen Medienanwalt engagiert hat, um zu verhindern, dass Passagen daraus an die Öffentlichkeit dringen.

Das Handelsblatt publiziert nach Abwägung der Rechtslage dennoch Auszüge wie diesen aus den Gutachten: „In Summe ist festzustellen, dass die strategische Partnerschaft für Opel mit erheblichen Risiken verbunden ist, wohingegen die Risiken für Segula gleich null sind, da Segula mit Garantieaufträgen und Assets ausgestattet wird“, lautet das Fazit eines mehr als 20-seitigen „Alternativkonzepts“, das die Beratung Tsetinis zusammengestellt hat. Mit der angedachten Auslagerung von 2000 Jobs ergebe sich für Opel „kein wirtschaftlicher Vorteil“, heißt es weiter in dem Papier.

Ein Opel-Sprecher hält dagegen: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Partnerschaft mit Segula die sinnvollste und verantwortungsvollste Lösung für die entstehenden Überkapazitäten ist. Daher arbeiten wir gemeinsam mit Segula und im Dialog mit unseren Sozialpartnern konsequent an der Umsetzung dieser Partnerschaft.“

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Sicher ist: Im Entwicklungszentrum ITEZ am Stammsitz von Opel besteht Handlungsbedarf. Das Herzstück des Autobauers, in dem Tausende Ingenieure an den Innovationen von morgen tüfteln, leidet unter hohen Überkapazitäten.

Der Grund: Das Auftragsvolumen des Ex-Eigentümers General Motors (GM) nimmt rapide ab. „Wir sehen eine ganz deutliche Unterauslastung im Entwicklungszentrum, und zwar jetzt, nicht erst in ein paar Jahren“, erklärte Opel-Personalchef Ralph Wangemann zuletzt in einem internen Interview die schwierige Lage.

Der Traditionskonzern muss schnell handeln, ist Wangemann überzeugt. Die avisierte Transaktion mit Segula sei „dringlicher denn je“ und der „richtige Weg“, um die Jobs der Ingenieure in Rüsselsheim „nachhaltig zu sichern“, erläuterte der Arbeitsdirektor.

Doch genau daran gibt es erhebliche Zweifel. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bws Graf Kanitz kommt in einem weiteren Gutachten zu dem Schluss: „Der dauerhafte Fortbestand von Segula Technologies hängt wesentlich vom Eintritt von Planungsannahmen ab“.

Als „Risikofaktor“ listen die Berater die Tatsache auf, dass das Familienunternehmen aus Nanterre bei Paris in Deutschland bisher kaum präsent ist, es sich also um einen neuen Anbieter in einem etablierten Markt handelt. „Eine solche Risiken abfedernde rechtlich verbindliche Rückendeckung durch einen finanzstarken Konzern konnte nicht dargelegt werden“, lautet die abschließende Bewertung der Prüfer: „Entsprechend ist, insbesondere ab dem Jahr 2021, keine Sicherheit der übergehenden Arbeitsplätze gewährleistet.“

Im Klartext heißt das: Die Experten von bws Graf Kanitz zweifeln an der Solidität von Segula. Und das, obwohl Opel, wie die Gutachter ausführen, sogenannte „Ramp-up-Zahlungen“ in Höhe von mehr als 300 Millionen Euro an die Franzosen gewährt.

In Opel-Konzernkreisen heißt es, diese Anschubfinanzierung, gepaart mit garantierten Aufträgen und weiteren Zahlungen, sei die Grundvoraussetzung dafür, dass jene Fachkräfte, die zu Segula wechseln, weiter mit Arbeit ausgelastet und entlohnt werden könnten. Es würde einfach eine Weile dauern, bis Segula hierzulande Neugeschäft akquirieren könne.

Bei vielen Entwicklern im ITEZ in Rüsselsheim macht sich beim Gedanken, Opel zu verlassen, allerdings Endzeitstimmung breit. Sie fürchten, in einer Auffanggesellschaft ohne Perspektive zu landen. Segula versucht zu beruhigen. Die Franzosen wehren sich gegen den Verdacht, ihnen fehle es an liquiden Mitteln.

„Segula ist ein profitables Unternehmen mit hohen Wachstumsquoten. Es ist einer der größten Entwicklungsdienstleister mit über 300 Kunden weltweit und einer robusten Finanzstruktur“, lässt ein Firmensprecher wissen. Überprüfen lassen sich seine Aussagen nur bedingt.

Segula veröffentlicht keine konsolidierte Bilanz. Bekannt ist lediglich ein Jahresumsatz von etwa 700 Millionen Euro. Einzelne Tochterfirmen weisen allerdings schon mal Verluste aus. Die Segula Technologies Cologne GmbH ist beispielsweise mit mehr als einer Million Euro bilanziell überschuldet und hält sich nur dank einer Patronatserklärung am Leben. Die gesamte Segula-Gruppe soll freilich profitabel sein, wird versichert.

Klar ist: Die Franzosen wachsen seit Jahren rasant, haben sich von einem Mittelständler zu einem Konzern entwickelt. Seit 2012 hat sich so die Zahl der Mitarbeiter beinahe verdoppelt – von 6400 auf fast 12.000. Segula zählt deutsche Premiumhersteller wie Audi oder BMW zu seinen Kunden, ist aber neben dem Autosektor beispielsweise auch in der Bahnindustrie oder der Luftfahrtbranche aktiv.

Das Ziel der verschwiegenen Familie Ghrenassia, die hinter der Gruppe steht, ist ambitioniert: Bis 2023 wollen die Franzosen der „weltweit führende Anbieter von Lösungen für die Automobilindustrie werden“, wie es in einer internen Präsentation heißt.

Das Engagement in Rüsselsheim ist für dieses Vorhaben sehr wichtig. Denn nur mit den Opel-Ingenieuren kann Segula wie erhofft zu einem „Generalentwickler für Fahrzeuge aufsteigen“. Der kühne Plan von Deutschland-Statthalter Martin Lange: Mit den hessischen Entwicklern soll der Segula-Umsatz hierzulande von avisierten 230 Millionen Euro in diesem Jahr auf 420 Millionen Euro 2023 in die Höhe schießen.

Die Experten von Tsetinis halten diese Annahmen allerdings für äußerst optimistisch: „Vergleicht man die Innovationskraft von Segula mit direkten Wettbewerben, so ist davon auszugehen, dass Segula sich Aufträge als Kostenführer am Markt ,erkaufen‘ muss, was angesichts der Kostenstrukturen kein profitables Wachstum verspricht“, schreiben sie in ihrem Gutachten.

Im Umkreis von Segula heißt es dagegen, die Rendite des Unternehmens liege im hohen einstelligen Bereich. Die Sorge, den Franzosen fehle es an Finanzkraft, sei unbegründet. Zudem verspricht Segula, den bei Opel bestehenden Kündigungsschutz bis 2023 auch für alle Wechselnden weiter zu garantieren.

Altersteilzeit als Alternative

„Keiner am Markt hat auf Segula gewartet“, wettern dagegen die Vertrauensleute der IG Metall in einem Thesenpapier von Anfang Februar. Die Gewerkschafter halten einen Teilverkauf des Entwicklungszentrums ITEZ für „nicht notwendig“. Die Opelaner müssten bei einem Wechsel zu Segula mit geringeren Entgelten und einer „Verschlechterung“ der Arbeitsbedingungen rechnen, fürchten die Arbeitnehmervertreter. „Kein Mitarbeiter soll Nachteile haben, wenn er wechselt“, entgegnet ein Opel-Sprecher. „Die Gehälter der Mitarbeiter, die zu Segula wechseln, werden selbstverständlich nicht sinken“, assistiert ein Segula-Kommunikator.

Die IG Metall überzeugen all diese Zusagen nicht. Denn scheitert die Expansion von Segula in den deutschen Markt, wären all die blumigen Worte wohl nicht viel wert. Daher werben die Arbeitnehmervertreter dafür, personelle Überhänge im ITEZ durch Altersteilzeit, Senior-Leave-Programme oder Umschulungen aufzufangen.

Die Berater von Tsetinis haben in ihrem Gutachten das Potenzial für eine mögliche Ausweitung des Altersteilzeitmodells erhoben. Demnach ließen sich rein rechnerisch bei einer Regelung, die die Jahrgänge 1953 bis einschließlich 1966 umfasst, Lösungen für 1805 Mitarbeiter erarbeiten, um die Kapazitäten anzupassen.

Unter der Prämisse, dass die Opel-Mutter PSA ihre Zusagen einhält, wonach das ITEZ mit 15 Kompetenzzentren ausgestattet wird, die Plattformen für leichte Nutzfahrzeuge für den Konzernverbund erstellen darf und alle Opel-Modelle entwickle, sei aber ohnehin „ausreichend Arbeit vorhanden“, argumentieren die Gewerkschafter.

PSA-Chef Tavares sieht das anders. Das Auftragsvolumen von GM werde in einigen Jahren auf null abschmelzen. Mit Entwicklungsleistungen, die im eigenen Unternehmen erfolgen, lässt sich dieser Wegfall nicht völlig kompensieren, wird argumentiert.

In einer Marktlage, in der direkte Wettbewerber wie Ford angekündigt haben, Tausende Stellen in Europa zu streichen, habe Tavares mit Segula einen Plan auf den Tisch gelegt, wie die Jobs in Rüsselsheim dennoch erhalten bleiben können. „Wir tun uns schwer zu verstehen, warum unser Partner diese Lösung nicht unterstützt“, grummelt der PSA-Antreiber. Aus ethischer Sicht könne er jedenfalls guten Gewissens morgens in den Spiegel schauen, bekundet Tavares.

Gelbwesten und Protestplakate

Wer sich nicht ändert, verschwindet. Das gilt im Zweifel auch für die Jobs von bockigen Ingenieuren in Rüsselsheim, schwingt als Subtext der Aussagen von Tavares mit. Dennoch hofft der Klartext-Manager darauf, dass das Opel-Management und die IG Metall noch zu einer gütlichen Einigung finden. Die konfrontative Rhetorik der natürlichen Auslese wirkt auf die Gewerkschafter abschreckend.

Martin Lange gibt sich da einfühlsamer. Der Segula-Deutschlandchef versucht, den Opel-Ingenieuren in einer ganzen Reihe an Informationsveranstaltungen ihre Sorgen zu nehmen. Der Auftakt der Gespräche am vergangenen Dienstag verlief allerdings holprig. Empfangen wurde Lange im Gebäude N50 in Rüsselsheim von Beschäftigten in Gelbwesten und Plakaten mit der Aufschrift „Segula? Nein danke!“.

Und auch die Ansprache des Managers fand wenig Anklang. Ein Gutteil der Zuhörer verließ die Veranstaltung frühzeitig, berichten Teilnehmer. Beim Dialog tags darauf soll die Stimmung besser gewesen sein. Damit der Betriebsübergang von 2000 Opelanern zu Segula im zweiten Quartal vollzogen werden kann, wird Lange aber noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Mehr: Opel macht wieder Gewinn – doch etliche Baustellen bleiben. Welche das sind, lesen Sie hier.

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