Autoindustrie Audi verschleppt WLTP-Umstellung – und kommt jetzt nicht mit der Produktion nach

Audi ist die Gewinnmaschine von VW. Doch ein neuer Prüfzyklus bremst die Produktion, die Verkäufe brechen ein. In Ingolstadt sucht man eine Lösung.
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Audi verschleppt WLTP-Umstellung – Produktion ist ausgebremst Quelle: obs
Audi-Produktion in Ingolstadt

Die Umstellung auf den neuen Prüfstandard führt zu massiven Verwerfungen.

(Foto: obs)

München, DüsseldorfDass bei Audi das operative Geschäft irgendwann leiden würde, davon war auszugehen. Am Freitag vergangener Woche musste der hochgeschätzte Entwicklungsvorstand Peter Mertens das Unternehmen aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Am Dienstag rang sich der Aufsichtsrat dazu durch, den inhaftierten und bislang beurlaubten Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler abzusetzen.

An der Spitze steht seit Mitte Juni Vertriebsvorstand Bram Schot, der das Unternehmen bis auf Weiteres „kommissarisch“ führt. Weil BMW den in München abgeworbenen Wunschkandidaten Markus Duesmann bis Mitte 2020 mit einer Wettbewerbssperre belegt hat, bleibt Schot vorerst weiter im Amt, heißt es in Ingolstadt.

Denn die Probleme im Tagesgeschäft werden immer gravierender – da brauche es Kontinuität. Am Donnerstag lud das Unternehmen kurzfristig zur Telefonkonferenz, um über den Stand der Umstellung auf den neuen Verbrauchsstandard WLTP zu informieren. Audi hat die Umstellung auf den im September eingeführten Standard verschleppt – auch weil Techniker und Teststände für die Überprüfung der manipulierten Dieselmotoren gebraucht wurden.

Die Folge: Zwei von drei Motor-Getriebe-Varianten in der Modellpalette kann Audi zur Zeit nicht liefern. „Jetzt stehen uns schwierige Monate bevor“, sagte der Leiter der Vertriebsplanung Alexander Buk. Während Audi aktuell auf 34 zugelassene Fahrzeugtypen kommt, hat Konkurrent BMW bereits 157.

Immerhin will Audi in den kommenden drei Monaten alle fehlenden Genehmigungen beim Kraftfahrtbundesamt noch erwirken. „Spätestens dann haben wir wieder eine wettbewerbsfähige Modellpalette“, hofft Deutschland-Chef Martin Sander.

Nicht nur Audi, sondern der gesamte VW-Konzern hängt bei der WLTP-Zertifizierung hinterher. Insgesamt müssen bei VW und den Schwestermarken gut 260 verschiedene Motor-Getriebe-Varianten nach den neuen WLTP-Standards getestet werden. VW peilt nach Angaben aus Konzernkreisen an, dass bis zum Jahresende mehr als 90 Prozent aller Modelle den neuen Normen genügen.

Aktuell hat Volkswagen noch nicht einmal die Hälfte geschafft. Ursprünglich sollten bereits zum 1. September mehr als 70 Prozent der Autos die neue Zulassungshürde genommen haben.

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Immerhin zeichnet sich bei Volkswagen zumindest in der Produktion wieder eine Normalisierung ab. Im August und im September war etwa im Stammwerk Wolfsburg jede Woche mindestens ein Produktionstag ausgefallen, weil es zu wenig Modelle mit WLTP-Zulassung gab.

Diese Zwangspausen gehen in dieser Woche zu Ende. Vom kommenden Montag an wird in Wolfsburg wieder während der gesamten Woche nach dem regulären Schichtplan produziert. Volkswagen setzt darauf, die in den Sommermonaten ausgefallen Schichten bis zum Jahresende zumindest teilweise aufholen zu können.

Auch bei Audi hilft man sich mit wilden Vertriebsmanövern und einer Produktion auf Abruf. Im ersten Halbjahr hatten die Ingolstädter wie die Mutter in Wolfsburg auf Halde produziert und die Autos bis August nach dem noch gültigen altem Standard NEFZ aggressiv vermarktet. So legte Audi im August im Europa um zwanzig Prozent zu, auch weil man Leasingkunden vorzeitig zum Wechsel auf ein Neufahrzeug überredete.

Nun folgt der Kater: Im September ist Absatz in Deutschland laut Kraftfahrtbundesamt um 77 Prozent eingebrochen. Die Absatzzahlen für Europa und die Welt sollen am Freitag folgen.

Ziele für 2018 bleiben

Entsprechend holprig wird in den Audi-Werken produziert. Interimschef Bram Schot hat mit den Arbeitnehmern ein Abkommen getroffen, um maximal flexibel fertigen zu können. In den Stammwerken in Ingolstadt und Neckarsulm werden mal Freischichten und mal Sonderschichten gefahren.

Manche Modelle werden wochenweise gestoppt. Sobald das Kraftfahrtbundesamt wieder ein Modell zugelassen hat, werden Zusatzschichten gefahren. Schon die Vermutung auf eine Zulassung reicht den Audi-Planern im Moment die Bänder wieder anlaufen zu lassen.

Im Vertrieb werden Leasingverträge nun solange gestreckt, bis die neuen Autos wieder lieferbar sind. Auch Kurzzeitmieten werden den Kunden angeboten. „Natürlich haben wir ungewöhnliche Maßnahmen getroffen“, sagt Vertriebschef Sander. Das Absatzziel für das Gesamtjahr bleibt bestehen: Audi will 2018 genauso viele Autos verkaufen wie im Vorjahr, also 1,87 Millionen Stück.

Dieses Ziel werde aber Woche für Woche überprüft. Dass Audi eine Rabattschlacht angezettelt habe, um dieses Ziel zu erreichen, will man in Ingolstadt nicht stehen lassen. „Der Markt ist wettbewerbsintensiv“, sagt Sander.

Das sieht der Konkurrent BMW anders. Die Münchener mussten erst vergangene Woche ihr Absatz- und Gewinnziel für 2018 kassieren. Während Konzernchef Harald Krüger noch im Sommer zuversichtlich war, von den fehlenden WLTP-Zulassungen des Konkurrenten zu profitieren, begründen die Münchener nun ihre Gewinnwarnung mit den Preiskämpfen des Konkurrenten.

Der Markt werde sich so schnell auch nicht normalisieren. „Es wird sechs bis neun Monate dauern, bis sich der Markt beruhigt hat“, sagte Konzernchef Harald Krüger Anfang der Woche auf dem Autosalon in Paris.

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