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Autoindustrie Strukturwandel in der Zulieferindustrie – Conti vermittelt Mitarbeiter an Tesla

Personalchefin Reinhart will mit Weiterbildung Arbeitslosigkeit vermeiden. Da Kurzarbeit nur begrenzt hilft, sind nun auch kreative Lösungen gefragt.
03.06.2021 - 19:06 Uhr Kommentieren
Die Arbeitsdirektorin bei Continental und der Arbeitsagenturchef in der gemeinsamen Pressekonferenz.
Ariane Reinhart und Detlef Scheele

Die Arbeitsdirektorin bei Continental und der Arbeitsagenturchef in der gemeinsamen Pressekonferenz.

Düsseldorf Die Continental-Mitarbeiter in Karben können aufatmen. Die IG Metall und der Konzernvorstand haben sich Ende April darauf geeinigt, das Werk in Hessen nicht bereits 2023 zu schließen, sondern erst zwei Jahre später. Es ist eine Gnadenfrist – mehr aber auch nicht.

Denn die Einigung kann den Strukturwandel in der Autoindustrie nicht ungeschehen machen. Das weiß auch Detlef Scheele. „Es werden sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der Autoindustrie verloren gehen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Continental-Personalvorständin Ariane Reinhart.

Wie viele genau, traut sich Scheele nicht zu schätzen. Experten gehen aber von einer Zahl jenseits der 200.000 Arbeitsplätze aus. Vor allem die Zulieferindustrie sei betroffen, sagt Scheele, da die Autobauer dank einer höheren Fertigungstiefe den eigenen Arbeitsaufwand im Unternehmen erhöhen und damit Arbeitsplätze absichern können.

Scheele und Reinhart diskutierten daher über Lösungen, wie sich die drohende Massenarbeitslosigkeit in Deutschlands Zulieferindustrie vermeiden lasse. Arbeitnehmervertreter haben an der Konferenz nicht teilgenommen.

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    Der Wandel vom Verbrenner zum Elektromotor und der zunehmende Einfluss der Software im Auto lasse sich mit Kurzarbeit nicht bewältigen, so Scheele. „Sie ist ein Rettungsanker, der Unternehmen ermöglicht hat, ihre Arbeitnehmer zu halten“, sagt der Arbeitsagenturchef mit Blick auf die Coronakrise. In der Transformation der Autoindustrie helfe dieses Instrument jedoch nicht.

    Denn schon jetzt ist klar, dass viele Arbeitnehmer mit ihrer derzeitigen Qualifikation keine Chance mehr haben in der künftigen Autoindustrie. Laut Scheele und Reinhart brauche es umfassendere Lösungen mit verschiedenen Instrumenten und ein Netzwerk, in dem sich Politik und Unternehmen über Möglichkeiten austauschen.

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    Das führt mitunter bereits jetzt schon dazu, dass Continental die eigenen gefährdeten Mitarbeiter direkt zur Konkurrenz oder zu Autobauern vermittelt. „Wir gucken überall, wo es Möglichkeiten gibt. Im an Niedersachsen grenzenden Brandenburg gibt es einen Bedarf bei Tesla“, sagt Personalchefin Reinhart. „Auch hier stehen wir in Kontakt, und wir konnten bereits die ersten Facharbeiter von Continental zu Tesla vermitteln.“

    Ein weiteres Instrument ist die Weiterbildung für andere Berufe. Scheele setzt darin große Hoffnungen. „Wir arbeiten gerade an einer neuen Weiterbildungsdatenbank im Rahmen der nationalen Weiterbildungsstrategie. Damit könnten wir einen bundesweiten Überblick über Weiterbildungsangebote von Kammern, Innungen und privaten Trägern ermöglichen“, sagt der Arbeitsagenturchef.

    „Vom Band ans Bett“ geht nur in Einzelfällen

    Das Problem hier: Wegen der vergleichsweise hohen Löhne in der Autoindustrie sind die Weiterbildungsmöglichkeiten begrenzt. Die Auto-Arbeiter können beispielsweise nicht ohne Weiteres für sogenannte Engpassberufe qualifiziert werden. Bei Engpassberufen ist die Zahl der offenen Stellen höher als die Zahl der potenziellen Bewerber. Die Pflege beispielsweise ist so ein Engpassberuf. In der Coronakrise wurde der Arbeitskräftemangel hier deutlich sichtbar. Allerdings sind die Löhne in der Pflege niedrig, die gewerkschaftliche Vertretung, verglichen mit der IG Metall, sehr schwach.

    „Wir versuchen bereits seit einigen Jahren, die Menschen sozusagen „vom Band ans Bett“ zu bringen, zum Beispiel, in den Pflegebereich wechseln zu lassen. Das geht aber nur im Einzelfall“, gibt Scheele zu. Dennoch will Conti Mitarbeiter, deren Job gefährdet ist, im Rahmen des eigenen Weiterbildungsinstituts CITT zu qualifizierten Pflegekräften ausbilden lassen. Personalvorständin Reinhart aber bleibt realistisch. „Für viele kommt der Wechsel von der Autoindustrie in die Pflege nicht infrage“, sagt auch sie.

    Reinhart wird allerdings nicht müde zu betonen, dass die Weiterqualifizierung von ungelernten Conti-Mitarbeitern eines ihrer Herzensanliegen sei, damit diesen nicht die Arbeitslosigkeit droht. „Wir qualifizieren unsere Beschäftigten auch für unsere eigenen Bedarfe, zum Beispiel zu Mechatronikern. Da bilden wir derzeit auch sehr viele Frauen aus“, sagt Reinhart.

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    Auch für das von der Schließung betroffene Reifenwerk in Aachen suche Conti nach Lösungen. „Wir versuchen, Perspektiven für die Betroffenen zu finden, und sitzen mit Bundesagentur für Arbeit, Sozialpartnern, Verbänden, Universitäten und regionalen Firmen am runden Tisch, den die Stadt Aachen gebildet hat“, sagt Reinhart.

    Was die Personalchefin jedoch nicht so gern betont: Kosten sollen all diese Lösungen und vor allem die Weiterbildung den Konzern so wenig wie möglich. Unternehmen können nämlich dank des Qualifizierungschancengesetzes einen Großteil der Lohnkosten auf die Arbeitsagentur abwälzen, wenn sie Mitarbeiter, denen der Verlust des Arbeitsplatzes im Unternehmen droht, für andere Berufe weiterqualifizieren lassen. Continental nutzt diese Möglichkeit im Rahmen seines Sparprogramms, dem in Deutschland bis zu 13.000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten.

    Scheele sieht darin jedoch keine Möglichkeit für Unternehmen, sich den Standortabbau von der Arbeitsagentur zu subventionieren. Er verteidigt das Gesetz. Denn die bis dahin üblichen Transfergesellschaften, die bei solchen Entlassungen gebildet wurden, hätten nicht den gewünschten Effekt gehabt. „Transfergesellschaften müssen zu Qualifizierungsgesellschaften werden, damit am Ende der Transfergesellschaft nicht nur die Arbeitslosigkeit um sechs oder zwölf Monate verschoben wird. Das müssen wir unter allen Umständen vermeiden“, sagt Scheele.

    Allerdings sind der Weiterqualifikation innerhalb der Unternehmen Grenzen gesetzt. Bandarbeiter können nicht in Softwareentwickler umqualifiziert werden. „Es gibt in der Softwareentwicklung teilweise spezielle Anforderungsprofile, wo es kaum möglich ist, ungelernte Arbeitskräfte durch Weiterbildung heranzuführen“, gibt Reinhart zu.

    Genau diese Spezialisten aber sucht Conti in Deutschland. Ein Großteil der rund 100 offenen Stellen bei Conti ist für Softwareentwickler mit versierten Kenntnissen in den gängigen Programmiersprachen ausgeschrieben, ein akademischer Abschluss wird vorausgesetzt. Da kommt man mit einem Weiterbildungszertifikat nicht weit.

    Mehr: Corona hat den Zulieferer mitten im Konzernumbau getroffen. Die Gewinne aus dem Reifengeschäft können nur die Kosten der Transformation finanzieren.

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