Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Führung im Visier

Herbert Diess (links), Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns und Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratsvorsitzender, könnten angeklagt werden.

(Foto: dpa)

Autokonzern Anklage gegen Diess und Pötsch? Volkswagen rüstet sich für den Ernstfall

Das Führungspersonal von Volkswagen will auch nach einer möglichen Anklage im Amt bleiben. Das Unternehmen stünde dann vor einer Zerreißprobe.
Kommentieren

Frankfurt Hans Dieter Pötsch übt sich in Gelassenheit. Während um ihn herum der Trubel der Internationalen Automobilausstellung (IAA) tost, lässt er seinen Blick über den Messestand von Volkswagen schweifen. Zwei seiner engsten Mitarbeiter hat der Aufsichtsratschef des Autobauers als Begleiter dabei.

An diesem Messetag sind viele Journalisten da; die Mitarbeiter schirmen Pötsch ab vor allzu vielen Fragen. Eine aber ist erlaubt: Was er denn zu tun gedenke, sollte die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen ihn Anklage wegen mutmaßlicher Marktmanipulationen erheben? Ob es dazu komme, so seine Antwort, sei Spekulation. Außerdem hätten alle internen Untersuchungen gezeigt, dass gegen ihn nichts vorliege.

Die Staatsanwälte untersuchen, ob Volkswagen seine Aktionäre zu spät über den Abgasbetrug und die daraus folgenden finanziellen Gefahren informiert hat. Die Ermittlungen richten sich neben Pötsch gegen den amtierenden VW-Chef Herbert Diess und dessen Vorgänger Martin Winterkorn. Erst vier Tage nachdem der Skandal von den US-Umweltbehörden am 18. September 2015 öffentlich gemacht worden war, hatte das Unternehmen den Betrug eingestanden.

Der Aktienkurs war da schon in Erwartung hoher Strafen eingebrochen. Die folgten dann auch in der Realität: Bislang hat Volkswagen nach eigenen Angaben rund 30 Milliarden Euro für die Aufarbeitung des Abgasbetrugs bezahlen müssen. Dieser gigantische Betrag beschäftigt nun die Staatsanwaltschaft Braunschweig.

Grafik

In den vergangenen Monaten haben sich die Ermittler durch Berge von Akten gekämpft, um Be- und Entlastendes gegen die drei Männer zu finden. Ende September, also in wenigen Tagen, wollen sie ihre Arbeit abschließen und dann entscheiden, ob Anklage erhoben wird, wie Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe kürzlich gesagt hatte. Die Frage wäre dann auch, gegen wen der drei Manager die Behörde vorgehen würde.

Inzwischen halten Insider eine Verzögerung der Anklageerhebung für denkbar. Der Grund dafür sind Probleme in einem anderen Fall: In einem parallel laufenden Verfahren wegen mutmaßlichen Betrugs hatte das Landgericht Braunschweig laut einem „Bild“-Bericht weitere Informationen von der Staatsanwaltschaft eingefordert, weil eine Anklage gegen Winterkorn nicht ausreichend begründet sein soll.

Dabei sind die beiden Fälle inhaltlich völlig unabhängig voneinander zu behandeln. In der gegen Winterkorn erhobenen Anklage werfen ihm die Ermittler ein konkretes Wissen um den Abgasbetrug vor. In dem Verfahren gegen Pötsch, Diess und Winterkorn geht es darum, dass die Topmanager den Aktionären die Dimension des Skandals verheimlich haben sollen.

Volkswagen rechnet fest mit einer Anklage

Auch wenn sich Pötsch bei seinem IAA-Rundgang gelassen gezeigt hat, im Unternehmen rüsten sich die Entscheidungsträger bereits für den Ernstfall. „Wir rechnen fest damit, dass gegen alle drei Anklage erhoben wird“, hieß es in Kreisen des Topmanagements und des Aufsichtsrats.

Auch dann würden Diess, Pötsch und Winterkorn zunächst lediglich als Beschuldigte gelten – zu Angeklagten würden sie erst in dem Moment werden, wenn das Gericht die Klage auch annimmt. Im Konzern hat daran kaum jemand Zweifel. „Der öffentliche Druck ist dafür schon jetzt zu hoch“, klagt eine Führungskraft, die mit dem Fall vertraut ist.

Der Weg in den Gerichtssaal scheint damit letztlich unvermeidlich. Erstmals in der bundesdeutschen Geschichte würden mit Diess und Pötsch die Vorsitzenden von Aufsichtsrat und Vorstand eines Großkonzerns gleichzeitig vor den Kadi gezerrt. Der Fall würde sich von vergleichbaren Verfahren gegen Top-Führungskräfte etwa der Deutschen Bank unterscheiden, bei denen lediglich Mitglieder eines Gremiums angeklagt worden waren.

Die Betroffenen selbst und auch die Verantwortungsträger im Unternehmen rechnen dem Vernehmen nach fest mit Freisprüchen, sollte die Anklage einmal vor Gericht kommen. Weder Diess noch Pötsch hätten daher die Absicht, ihre aktuellen Posten aufzugeben, berichteten mehrere Personen aus den obersten Führungsgremien dem Handelsblatt.

Außerdem würde für die Topmanager wie auch für jeden anderen die Unschuldsvermutung gelten. „Erst bei einer rechtskräftigen Verurteilung würde sich dies ändern“, sagte eine hochrangige Quelle.

Zumindest im Fall Pötsch hatte sich dies vor einigen Monaten noch anders angehört. Im kleinen Kreis hatte er damals beteuert, er werde sich bei einer Anklage voll und ganz auf seine Verteidigung konzentrieren. Außerdem, so fügt ein Aufsichtsrat hinzu, sei er als Aufsichtsratsvorsitzender der oberste Kontrolleur des Volkswagen-Konzerns. Gerade der Blick auf das Milliardendesaster „Dieselgate“ zeigt, wie wichtig diese Funktion eigentlich ist.

Pötsch will nun bleiben. Zu seinem Gesinnungswechsel dürfte auch der Druck aus dem Eigentümerkreis beigetragen haben. Weder die Familie Porsche/Piëch noch das Land Niedersachsen als größte Aktionäre hätten ein Interesse daran, dass Pötsch zurücktrete, hieß es.

Die Treue zu dem früheren Finanzvorstand hat einen simplen Grund: „Er ist im Moment der Einzige, der den Kontakt mit den Familien vernünftig organisieren kann“, hieß es in den Reihen des Managements. Pötsch sei deshalb unersetzlich. Er organisiere in diesem wohl schwierigsten Aufsichtsrat eines Dax-Konzerns die nötigen Mehrheiten, um Konzernumbau und Aufarbeitung des Abgasskandals zu bewältigen.

Diess und Pötsch gelten im Konzern als „unersetzlich“

Auch Diess sehen viele im Aufsichtsrat als unersetzlich an. Der seit bald anderthalb Jahren amtierende Vorstandschef soll den laufenden Konzernumbau abwickeln. Ein Wechsel zum aktuellen Zeitpunkt wäre da nicht hilfreich, hieß es aus dem Gremium. Volkswagen stellt derzeit seine Produktion von Verbrennern auf Elektroautos um, was einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag kosten wird.

Der Konzern lässt nicht den geringsten Zweifel an seiner Position: Milliardenschwere Strafen wären von den beratenden Juristen als unwahrscheinlich eingestuft worden, erklärte Volkswagen. „Wir dachten, die Affäre ließe sich mit einem Betrag von 100 Millionen Euro bereinigen“, erinnerte sich ein Insider rückblickend. Eine Pflichtmitteilung an die Investoren wäre bei dieser Größenordnung nicht nötig gewesen.

In den Ermittlungsunterlagen finden sich indes Hinweise, nach denen die Beteiligten bereits im Juli und damit schon frühzeitig über das drohende Ungemach Bescheid wussten. Auch Hinweise darauf, dass eine Milliardenstrafe drohen könnte, finden sich in den Unterlagen.

Im Moment, so Insider, sind die Reihen im Unternehmen fest geschlossen. Diess und Pötsch könnten im Amt bleiben, erklärte ein Aufsichtsrat. Allerdings gilt diese Aussage mit Einschränkungen, da sich im Aufsichtsrat viele Interessen wiederfinden. Die Position der Familie Porsche/Piëch ist da am einfachsten. Die Oberen des Clans stehen treu vor allem zu Pötsch, hieß es. Dies gelte auch für den mächtigen Betriebsrat, der Ruhe im Konzern wolle.

Komplizierter wird es beim Land Niedersachsen, das mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) zwei Vertreter im Aufsichtsrat sitzen hat. Absehbar sei, dass es einen öffentlichen Aufschrei gebe, sobald die Anklage erhoben werde. Als Politiker würden die beiden besonders im Fokus der Kritik stehen. Schon mehrfach hatten sie im Landtag der Opposition Rede und Antwort in Sachen Dieselgate stehen müssen.

Weil und Althusmann würden ungeachtet der öffentlichen Diskussion keine Ablösung der beiden Manager fordern, hieß es. Allerdings, so die Sorge von VW-Insidern, seien Weil und Althusmann trotz ihrer Regierungskoalition auch politische Rivalen. Sollte es ein anhaltendes mediales Dauerfeuer geben, dann könnte sich deren Position ändern.

Dies könnte passieren, wenn das Gericht eine mögliche Anklage annehmen würde. Dann nämlich stünde auch die Frage im Raum, wie häufig die dann Angeklagten im Gerichtssaal erscheinen müssten.
Diese Frage gelte vor allem für Diess, sagte ein Aufsichtsrat. Würde seine tägliche Arbeit zu sehr eingeschränkt, dann müsste über seinen Verbleib nachgedacht werden, sagten mehrere Vertreter aus Management und Aufsichtsrat. Noch aber stelle sich diese Frage nicht.

Mehr: Die Rollen die Herbert Diess, Martin Winterkorn und Hans Dieter Pötsch im Dieselskandal spielten, sind noch nicht geklärt. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Startseite

Mehr zu: Autokonzern - Anklage gegen Diess und Pötsch? Volkswagen rüstet sich für den Ernstfall

0 Kommentare zu "Autokonzern: Anklage gegen Diess und Pötsch? Volkswagen rüstet sich für den Ernstfall"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote