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Automobilindustrie Behörden rufen immer mehr Autos zurück – vor allem von BMW

Neue Studien zeigen: Die Zahl der Rückrufe der Autohersteller ist im ersten Halbjahr erneut gestiegen – in Deutschland, aber auch in den USA.
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Der Hersteller hatte im untersuchten Zeitraum eine Rückrufquote von 231 Prozent. Quelle: Bloomberg/Getty Images
BMW-Händler

Der Hersteller hatte im untersuchten Zeitraum eine Rückrufquote von 231 Prozent.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Düsseldorf Ein typischer Rückruf aus der „Rückrufdatenbank“ des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) liest sich so: „Eindringendes Wasser führt zu Brandgefahr“. So ist der Rückruf von VW-Transportern unter der Nummer 8781 vom 19. Juni überschrieben. Weltweit sind fast 34.000 Exemplare des Modells T6 davon betroffen, in Deutschland allein 11.000.

Manchmal dauert es auch ein paar Jahre, bis ein solcher Fehler überhaupt erst auffällt. In diesem Fall des VW-Transporters hat es ziemlich lange gedauert, betroffen sind die Baujahre 2015 bis 2019. Bedenkliche Vorfälle haben zum Einschreiten der Kraftfahrzeugaufsicht geführt: „Mehrere Funktionsausfälle der elektrischen Rückwandklappe, vereinzelt Schmorgeruch und ein Brandschaden“, listet das KBA auf. Die betroffenen Fahrzeuge werden unter Aufsicht der Behörde in die Werkstätten gerufen. Volkswagen muss die Seitenwand abdichten, damit kein Wasser mehr eindringen kann.

In der gesamten Automobilbranche sind solche Vorfälle zur Alltagsroutine geworden. Die Zahl der amtlich verordneten Rückrufe hat auch in diesem Jahr weiter zugenommen. In Deutschland und in den USA, zwei der weltweit wichtigsten Automärkte, hat es in den ersten sechs Monaten des Jahres deutlich mehr Rückrufe gegeben. Auch die deutschen Hersteller sind immer wieder in vorderster Reihe mit dabei, wenn die Aufsichtsbehörden aus Sicherheitsgründen eingreifen müssen.

Schon das vergangene Jahr war gerade aus deutscher Sicht ziemlich bedenklich gewesen. Das KBA zählte für 2018 insgesamt 572 Rückrufe in Deutschland, was gegenüber dem vorangegangenen Jahr 2017 einem Zuwachs von gut elf Prozent entspricht. „Das Jahr 2018 bildet den vorläufigen Höhepunkt in der Statistik der Rückrufe seit Aufzeichnungsbeginn“, schrieb die deutsche Kraftfahrzeugaufsicht in ihrem Abschlussbericht. Die meisten Rückrufe wurden bei Mercedes gezählt.

2019 ist es sowohl in Deutschland als auch in den USA nicht besser geworden. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind in der Bundesrepublik gut 1,6 Millionen Pkw in die Werkstätten gerufen worden, was im Vergleich mit dem ersten Halbjahr von 2018 einem Zuwachs von knapp 40 Prozent entspricht.

Das geht aus einer Analyse der Münchener Gesellschaft für Prozessautomation (Gepa mbh) hervor, die die Daten des Kraftfahrt-Bundeamtes im Detail ausgewertet hat. Danach sind bis zur Jahresmitte 182 Pkw-Rückrufe zusammengekommen, 2017 waren es im selben Zeitraum 171 Werkstatt-Rückrufe.

In diesem Jahr liegt bislang BMW bei der Zahl der zurückgerufenen Fahrzeuge vorn. Weil es Probleme mit der Batterieleitung gegeben hatte, mussten in zwei Wellen im Mai und im Juni mehr als 550.000 Fahrzeuge in die Werkstätten gerufen werden. Auf den nächsten Plätzen folgen Volkswagen mit gut 280.000 Autos und Mitsubishi mit rund 110.000 Fahrzeugen.

Bei der Anzahl der Rückrufe liegt Mercedes wie im gesamten Jahr 2018 wieder vorn, in den ersten sechs Monaten von 2019 sind insgesamt 21 Fälle gezählt worden. Außer der Elektronik bereiten bei allen Herstellern die Airbags und die anderen Sicherheitssysteme im Fahrzeuginneren die meisten Probleme.

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Wenig erfreulich sind auch die aktuellen Daten aus den USA, die das Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach in einer neuen Studie erhoben hat und die dem Handelsblatt vorliegt. Demnach ist die Entwicklung innerhalb der Branche schon beinahe dramatisch verlaufen.

Nach den neuen CAM-Berechnungen sind in den USA in den ersten sechs Monaten insgesamt 20,1 Millionen Pkw (inklusive SUV und Minivans) in die Werkstätten gerufen worden. Im gesamten Jahr 2018 waren es hingegen nur 27,8 Millionen. Besonders auffällig waren die japanischen Hersteller Subaru, Honda und Mazda, aus Deutschland Volkswagen und BMW sowie als heimischer amerikanischer Anbieter Fiat-Chrysler.

Die Rückrufquote liegt im ersten Halbjahr 2019 in den USA mit 233 Prozent weit über dem Durchschnitt der zurückliegenden 15 Jahre (157 Prozent). Diese durchschnittliche Rückrufquote drückt den Anteil aller zurückgerufenen Fahrzeuge an allen neu zugelassenen Fahrzeugen aus. Sie bezieht auch Rückrufe von bereits in den vergangenen Jahren zugelassen Wagen, nicht nur auf die Neuzulassungen – daher die hohen Prozentwerte.

Heißt: In den USA sind also etwa 2,3-mal so viele ältere Fahrzeuge in die Werkstätten gerufen worden wie neue Autos im ersten Halbjahr verkauft wurden. Die Hersteller hatten also durchweg zunehmend Probleme mit älteren Fahrzeugen aus vorangegangenen Baujahren.

In den fünf zurückliegenden Jahren von 2014 bis 2018 sind in den USA insgesamt fast 213 Millionen Fahrzeuge zurückbeordert worden, was einer Rückrufquote von gut 500 Prozent entspricht. Dieser zwischenzeitliche Höhepunkt bei den Rückrufen war besonders stark beeinflusst durch das Airbag-Desaster des japanischen Zulieferers Takata. Mehr als 50 Millionen Autos mussten damals in die Werkstatt.

Der Insassenschutz ist auch im ersten Halbjahr von 2019 mit Blick auf sicherheitsrelevante Rückrufe das größte Problem geblieben. Rund 50 Prozent der Rückrufe sind diesem Bereich zuzuordnen, so die Analyse der CAM-Automobilforscher. Der Fall Takata sorgte für einen Dominoeffekt, überall wurden die Airbags sehr genau untersucht.

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Aus Sicht amerikanischer Autofahrer liest sich die Mängelliste der verschiedenen Hersteller in diesem Jahr wenig vertrauenserweckend. Bei Subaru war ein Bremslichtschalter defekt, bei Volkswagen mussten 600.000 Autos in die US-Werkstätten, weil sich die Scheinwerfer nicht richtig einstellen ließen. Bei Ford-Modellen wiederum können Teil der Hinterradaufhängung brechen.

BMW kommt auf dem amerikanischen Markt mit fast 575.000 Rückrufen auf eine Rückrufquote von 330 Prozent. Die meisten Mängel gingen auf Probleme im Antriebsstrang, an den Airbags und an der Karosserie zurück.

Mercedes hat im ersten Halbjahr 2019 fast 500.000 Fahrzeuge in die Werkstätten holen lassen und kommt damit auf eine Rückrufquote von 300 Prozent. Beim Stuttgarter Hersteller verursachten Airbags die größten Probleme. „Alles bleibt auf einem hohen Niveau“, fasst CAM-Professor Stefan Bratzel die aktuelle Lage zusammen, „und die Deutschen sind voll mit dabei.“

Das CAM-Institut hat auch die Rückruf-Entwicklung zusammenfassend für die Zeit zwischen 2011 und 2018 untersucht. „Nur wenige Hersteller haben im Langfristvergleich eine gute Bilanz“, folgern die Automobilforscher. In dieser Zeit sind in den USA fast 260 Millionen Fahrzeuge zurückgerufen worden, im Mittel aller Hersteller lag die Rückrufquote bei 190 Prozent.

Die größten Probleme hatten in dieser Zeit die japanischen Hersteller Honda, Mitsubishi und Mazda mit einer Rückrufquote von jeweils etwa 300 Prozent. Auf den nächsten Plätzen folgen Fiat-Chrysler (261 Prozent), BMW (231 Prozent) und Toyota (198 Prozent).

„Bedenkliches Qualitätsniveau“

CAM-Professor Bratzel hält auch die jüngsten Ergebnisse für wenig vertrauenserweckend für die gesamte Autobranche. „Wenn zehn von 16 untersuchten Herstellern wegen sicherheitstechnischer Mängel mehr Fahrzeuge zurückrufen müssen als sie im gleichen Zeitraum verkauft haben, ist das insgesamt ein bedenkliches Qualitätsniveau der Branche“, warnt der Autoprofessor.

Das Risiko großer Rückrufaktionen sei durch Plattform- und Gleichteilestrategien sowie globale Produktionsnetzwerke erheblich gestiegen, so Bratzel weiter. Außerdem habe die technische Komplexität der Fahrzeuge deutlich zugenommen. Zugleich würden sicherheitsrelevante Mängel in den wichtigsten Absatzmärkten nicht mehr toleriert. Kunden seien über das Internet immer besser informiert, die Hersteller müssten bei drohendem Imageverlust schneller reagieren.

Manche Hersteller und Zulieferer betrieben zur kurzfristigen Gewinnmaximierung eher reaktive Systeme beim Qualitätsmanagement – die erst dann richtig funktionierten, wenn etwas passiert sei. Außerdem seien die Entwicklungszyklen bei so manchem Hersteller um einiges reduziert worden, was sich sofort in der Qualität niederschlage. Die Hersteller übten starken Druck auf ihre Zulieferer aus, was am Ende ebenfalls zu mehr Rückrufen führe.

Autoprofessor Bratzel rät der Branche zu mehr Qualität, gerade auch wegen der zu erwartenden höheren Anforderungen in der Zukunft. Durch Elektrifizierung, Digitalisierung und autonomes Fahren werde die Komplexität sogar noch zunehmen. „Die Cyber-Security von Fahrzeugen wird insgesamt zum großen Sicherheits- und Qualitätsthema der Branche aufsteigen, das wesentlich über die Akzeptanz von neuen Wachstumsfeldern der Automobilindustrie entscheidet“, folgert der Hochschullehrer.

Offizielle Branchenvertreter sehen die aktuelle Lage nicht ganz so dramatisch. „Rückrufaktionen spiegeln die hohe Verantwortlichkeit der Automobilindustrie für ihre Kunden auch bei komplexer werdenden Fahrzeugen wider“, heißt es beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

Die deutschen Fahrzeughersteller würden ihre Qualitätssysteme laufend optimieren, die Sensibilität sei gerade bei sicherheitsrelevanten Teilen oder Funktionen hoch. „Insgesamt sind Autos deutscher Marken sehr zuverlässig und haben eine hohe langfristige Produktqualität“, erklärt der VDA.

Beim Zulieferkonzern Continental war die vom Verband verkündete Sensibilität offenbar nicht groß genug. Das Unternehmen hat über Jahre hinweg Bauteile mit zu hohem Bleigehalt an seine Kunden unter den Automobilherstellern geliefert.

Die genaue Menge der betroffenen Fahrzeuge ist noch nicht ermittelt, eine zweistellige Millionenzahl dürfte es allerdings werden. Angesichts möglicher Belastungen in Milliardenhöhe kann Continental nur hoffen, dass die Aufsichtsbehörden keinen umfassenden weltweiten Rückruf verlangen werden.

Mehr: VW ist zwar auf die bevorstehende Verschärfung der Abgas- und Zulassungsnorm besser vorbereitet als im Vorjahr. Doch BMW und Mercedes kommen besser voran.

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