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Izmir

Als Standort-Favorit gilt wohl die Stadt im Westen der Türkei.

(Foto: mauritius images / Cultura)

Automobilindustrie Volkswagen will neues Autowerk voraussichtlich in der Türkei bauen

Volkswagen will ein neues Werk in einem Billiglohnland bauen. Die Wahl fällt voraussichtlich auf einen Standort, an dem die politische Lage heikel ist: die Türkei.
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Istanbul, Düsseldorf, Frankfurt Was hatten sich die Strategen von Volkswagen nicht alles überlegt. Einen Standort für ein neues Werk sollten sie finden, in einem Land mit niedrigen Löhnen und guten Absatzchancen. Ungarn und Polen strichen sie schnell von der Liste, die Löhne waren dort schon zu hoch. Blieben noch Rumänien, Serbien, Bulgarien und die Türkei.

Inzwischen hat sich auch diese Wahl eingeengt: Volkswagen will sein neues Autowerk voraussichtlich in der Türkei bauen. Das Votum sei zwar noch nicht final gefallen, hieß es in Konzernkreisen. Allerdings gebe es eine Vorentscheidung, die neue Fabrik in der Türkei zu errichten. Ausschlaggebend bei der Wahl ist demnach eine Reihe von Faktoren.

Der allererste Aspekt ist Geld. Die Regierung in Ankara sei bereit, einen dreistelligen Millionenbetrag an Unterstützung für den Aufbau einer neuen Autofabrik zur Verfügung zu stellen, erfuhr das Handelsblatt aus informierten Kreisen. Als Favorit wird in Wolfsburg ein möglicher Standort in der Westtürkei bei Izmir gehandelt. Ein erheblicher Anteil der geplanten Investitionskosten in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro wäre damit gedeckt.

Mit solch einem finanziellen Entgegenkommen kann die Türkei leicht Offerten aus Bulgarien kontern. Die Regierung in Sofia wirbt massiv für die Ansiedlung einer neuen VW-Fabrik in ihrem Land. Zwei mögliche Standorte sind in der finalen Auswahl. „Für Bulgarien spricht, dass der Staat Teil der Europäischen Union ist und damit eine gewisse Rechtssicherheit garantiert“, sagte ein Volkswagen-Manager.

Abgeschlossen sind die Gespräche mit den jeweiligen Regierungen allerdings noch nicht. „Aktuell laufen die Verhandlungen mit Standorten in Bulgarien und der Türkei“, hatte Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess erst vor wenigen Tagen auf einer internen Managementveranstaltung gesagt. Da allerdings war eine gewisse Vorentscheidung zugunsten der Türkei bereits gefallen.

Diess will sich die Optionen zunächst offenhalten. In den kommenden Wochen soll die finale Entscheidung getroffen werden. Dabei wird auch der Aufsichtsrat eingebunden. Vor der Sommerpause im Hauptwerk Wolfsburg, die Mitte Juli beginnt, dürfte dies geschehen, sagte ein Insider dem Handelsblatt. Diess hatte sich in der vergangenen Woche zu Gesprächen in der Türkei aufgehalten, wurde aus Unternehmenskreisen bestätigt.

Volkswagen hat in den vergangenen Jahren viele neue Fabriken errichtet. Darunter zählten auch Standorte in China, dessen Regierung regelmäßig gegen demokratische Grundregeln verstößt. Die Führung von Volkswagen ist heikle Entscheidungen also gewohnt. Bei der Türkei ist dennoch vielen Managern im Unternehmen nicht wohl in ihrer Haut. „Wir wissen nicht, wen wir vorschicken wollen, wenn der türkische Präsident zur Eröffnung kommen will“, sagte ein hochrangiger Manager.

Kritik versus Subventionen

Da sich viele europäische Konzerne wegen des umstrittenen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit Investitionen in der Türkei zurückgehalten hätten, könnte das Votum für das Land populistisch ausgeschlachtet werden, sagte ein Manager dem Handelsblatt. Über das Risiko eines Imageverlusts sei im Volkswagen-Konzern intensiv gesprochen worden. Es werde wohl Kritik geben, aber letztlich sprächen die Rahmenbedingungen für die Türkei.

Wie groß das Dilemma ist, zeigt sich an Stephan Weil. Der Ministerpräsident von Niedersachsen und Aufsichtsrat von VW musste die Türkei als Standort verteidigen. Von Journalisten angesprochen sagte er kürzlich, dass eine weitere wirtschaftliche Verflechtung zwischen Deutschland und der Türkei positiv sei.

Zu möglichen Entscheidungen könne er nichts sagen. Aber: „Generell gesprochen ist es positiv, wenn die zwischenstaatlichen Beziehungen auch in schwierigen Zeiten gestärkt würden“, erklärte der SPD-Politiker am Rande der Hauptversammlung im Mai. „Freunde der Demokratie in der Türkei bitten uns in dieser zugespitzten Zeit, sich nicht von der Türkei abzuwenden.“

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Auch wenn Ministerpräsident Weil eine klare Aussage zu den VW-Plänen ablehnt, so dürfte er doch dahinterstehen. Wenn also der Vorschlag für den Bau eines neuen Werks in der Türkei im Aufsichtsrat zur Abstimmung ansteht, dann dürfte Niedersachsen zustimmen. VW-Chef Diess hätte damit nicht nur den zweitgrößten Aktionär hinter sich, er hätte auch einen wichtigen Akteur aus der Politik an seiner Seite.

Ergänzend verlautete dazu aus Wolfsburg, dass eine mögliche Investitionsentscheidung für die Türkei auch mit der Bundesregierung in Berlin abgestimmt werde. Grundsätzlich gebe es von dort keine Einwände gegen den Bau einer neuen Autofabrik durch Volkswagen. Eine solche Investition könne auch positiv auf die politischen Entscheidungsträger in der Türkei einwirken.

Staatschef Erdogan soll aus den Verhandlungen bewusst herausgehalten worden sein. Der Grund: Der Präsident steckt praktisch seit Anfang des Jahres im Wahlkampf. Am Sonntag wurde die wichtige Bürgermeisterwahl in Istanbul wiederholt. Verhandlungsteilnehmer berichteten, dass die Standortentscheidung von VW nicht politisiert werden solle.

Stattdessen wird zwei bis drei Ebenen unter Erdogan über die größte Einzelinvestition aus Deutschland in der Türkei seit Jahrzehnten verhandelt – allen voran mit Arda Ermut, Chef der türkischen Investitionsagentur. Im Gespräch mit dem Handelsblatt räumte er ein, die Türkei habe zuletzt nicht gerade das beste Bild abgegeben. „Wir haben die Bedenken der deutschen Investoren nicht genügend berücksichtigt“, sagte er.

Erdogan hätte eine Entscheidung von Volkswagen für oder gegen die Türkei im Wahlkampf ausschlachten können, befürchteten Eingeweihte. Das habe man unbedingt verhindern wollen. Mit Erfolg: Erdogan erwähnte VW im Wahlkampf mit keinem einzigen Wort. Eine Beteiligung Erdogans an den VW-Verhandlungen hat das Präsidialamt nicht kommentiert.

Betriebsrat eingebunden

Die Politik ist sicherlich das heikelste Thema bei dieser Standortentscheidung. Für das Gefüge im Unternehmen ist das aber nicht allein ausschlaggebend. Da geht es um Investitionen, die Auslastung der bestehenden Fabriken und um Arbeitsplätze. Der Betriebsrat hatte sich daher zunächst gegen den Bau eines neuen Werks in Osteuropa gesperrt. „Wir haben allein in Deutschland ausreichend Kapazitäten, um einen höheren Bedarf zu decken“, sagte ein Vertreter der Arbeitnehmer.

Machbar wäre dies, allerdings schwebte Diess ein Abbau der Kosten vor. In Deutschland, so hatte er im kleinen Kreis gesagt, seien die Löhne schlicht zu hoch.

Außer den Arbeitskosten und einer Anschubfinanzierung für den Werksbau spricht ein weiterer Aspekt für das Land am Bosporus: Die Türkei ist ein wichtiger Absatzmarkt für das Passat-Modell von Volkswagen. „Die türkische Regierung könnte auch damit locken, dass der Passat von vielen staatlichen Stellen als Dienstwagen eingesetzt wird“, hieß es dazu ergänzend in Wolfsburg.

Das sei ein wichtiges Argument für einen türkischen Standort. Der Konzern wollte sich nicht dazu äußern, ob bereits eine Vorentscheidung gefallen ist. Die Optionen würden weiter geprüft, sagte ein Konzernsprecher in Wolfsburg.

Über die Bedeutung der Türkei als Absatzmarkt hatte sich kürzlich auch Porsche-Chef Oliver Blume geäußert. Generell gesprochen sei die Türkei ein sehr großer Markt mit 80 Millionen Einwohnern und wichtig für Volkswagen in Europa. Der Manager ist zugleich im VW-Vorstand für den Bereich Produktion und damit auch für die neue Fabrik zuständig. „Unabhängig davon, wo wir ein neues Werk bauen: Das ist immer eine Langfristentscheidung für 30 bis 40 Jahre“, ergänzte er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

In dem neuen Werk könnten vor allem Limousinen der Konzernmarken VW und Skoda gefertigt werden. Die Führung um Vorstandschef Diess hätte dort zwar lieber sportliche Geländewagen gebaut, was Betriebsratschef Bernd Osterloh aber abgelehnt haben soll. Er befürchtete, dass die SUV-Modelle dann zu günstigen Konditionen nach Zentraleuropa exportiert würden. Das Stammwerk in Wolfsburg und andere deutsche Standorte hätten das Nachsehen.

Ein erstes Modell dürfte der VW Passat werden. Der aktuelle Produktionsstandort Emden soll bis zum Jahr 2022 komplett auf Elektrofahrzeuge umgerüstet werden. Damit zeichnet sich zugleich ab, dass der Skoda Superb ebenfalls in der Türkei produziert würde. Beide Fahrzeuge basieren auf derselben Plattform und können gemeinsam kostengünstiger gefertigt werden, hieß es in Konzernkreisen.

Skoda tut sich jedoch schwer mit einer solchen Entscheidung. Der Superb, das größte Modell der Konzerntochter, ist auf dem tschechischen Heimatmarkt so etwas wie eine nationale Ikone für die Marke. Allerdings muss auch Skoda wachsen – und braucht dazu neue Kapazitäten. Der jährliche Absatz von zuletzt 1,2 Millionen soll mittelfristig auf zwei Millionen steigen.

Die Verantwortung für die neue Fabrik soll bei der Marke Volkswagen liegen. Einen entsprechenden Beschluss hatte der Konzernaufsichtsrat bereits im Mai getroffen, verlautete aus Unternehmenskreisen. Der ursprüngliche Plan, Skoda die Leitung zu übertragen, wurde damit kassiert.

Damit besänftigte der Vorstand Betriebsratschef Osterloh, der mit einer Blockade gedroht hatte. Er hatte eine Verlagerung von Modellen aus den deutschen Werken nach Osteuropa befürchtet. Dieses Risiko sei vom Tisch, hieß es.

Mehr: Volkswagen und der US-Autokonzern Ford haben sich auf eine Kooperation bei leichten Nutzfahrzeugen geeinigt – und starten hierfür eine kleine Offensive in der Türkei.

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