Autonomes Fahren: Mercedes nennt erstmals Preise für autonomes Fahrsystem
Mercedes' hochautomatisiertes Fahrsystem ist bald als Sonderausstattung erhältlich.
Foto: Daimler AGMünchen, Santa Monica. Die Sonne strahlt, der Verkehr am Highway 10 stockt. Im kalifornischen Santa Monica findet Mercedes-Benz ideale Bedingungen zur Demonstration seines hochautomatisierte Fahrsystems. „Der Drive-Pilot funktioniert bis 40 Meilen pro Stunde und nur auf dem Highway“, erklärt der Testpilot. Das sind etwa 64 Kilometer pro Stunde.
In diesem beschränkten Rahmen darf und kann das Level-3-System deutlich mehr als Teslas „Autopilot“ genanntes Assistenzsysteme oder die Fahrhilfen von BMW und Audi. „Sie können auf dem Weg zur Arbeit Ihre E-Mails erledigen“, erläutert ein Mercedes-Entwickler. „Und auf der Heimfahrt schauen Sie Youtube oder Lesen. Alles erlaubt. Und das Auto fährt von selbst.“
Die Zulassung für den Drive Pilot in den US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada will Mercedes bis Ende des Jahres erlangen. In Deutschland ist das System bereits ab 17. Mai als Sonderausstattung bei zwei Luxuslimousinen legal erhältlich. Der Aufpreis dafür liegt, ohne Mehrwertsteuer, bei 5.000 Euro für die S-Klasse und bei 7.430 Euro für den vollelektrischen EQS, wie Mercedes nun mitteilte.
Die Preisdifferenz ergibt sich dadurch, dass die S-Klasse im Gegensatz zum EQS serienmäßig bereits mit einem umfassenden Fahrassistenzpaket ausgestattet ist. Wer als Neukunde Mercedes' Spitzenmodell bestellt, kann das Level-3-System entsprechend einfacher aufrüsten. Doch selbst die Gesamtsumme beim EQS, die inklusive Mehrwertsteuer 8.842 Euro beträgt, ist noch eine Kampfansage an den Konkurrenten Tesla.
Der Elektroautobauer verlangt für sein „Full Self-Driving“-System in Deutschland 7.500 Euro und damit nicht viel weniger als Mercedes. Doch die Technik des Deutschen Herstellers ist der des Musk-Konzerns überlegen. Ein Tesla fährt nie gänzlich autonom, der Lenker muss das Verkehrsgeschehen stets aktiv überwachen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen, es handelt sich um ein Level-2-plus-System bei dem fünfstufigen Weg zum Roboterauto. Das ist aktuell bei vielen Anbietern der Status quo.
S-Klasse und EQS können dagegen auf deutschen Autobahnen bei Stau oder stockendendem Verkehr, guten Witterungsbedingungen und einer maximalen Geschwindigkeit von maximal 60 Kilometern pro Stunde phasenweise komplett selbstständig fahren. Die Haftung geht dabei erstmals auf den Autobauer über. „Das ist ein Quantensprung“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule in Bergisch-Gladbach. „Das darf man nicht zu niedrig hängen. Mercedes geht hier als Erster voran. Tesla und andere haben das noch nicht.“
Nicht mit einem Software-Update getan
Der technische Aufwand, den Mercedes für den Service betreibt, ist allerdings immens. „Wir integrieren in die Level-3-Fahrzeuge deutlich mehr Hardware, wir haben hier das Sensorset ausgeweitet“, sagte Gregor Kugelmann, Leiter Fahrerassistenzsysteme bei Mercedes-Benz, dem Handelsblatt.
Beim Kühlergrill ist beispielsweise ein Lidar untergebracht, hinten eine zusätzliche Kamera und auf dem Dach ein Antennenmodul, über das Mercedes die drei großen Navigationssatellitensysteme Galileo, Glonass und GPS anzapft, um die Fahrzeuge zentimetergenau lokalisieren zu können. „Hinzu kommen doppelte Sicherungssysteme – wir sprechen von Redundanzen – bei Bremse, Lenkung und Bordnetz“, erklärt Kugelmann.
Die zusätzlichen Komponenten machen deutlich: Über ein Software-Update lässt sich Level-3 bei Fahrzeugen von Bestandskunden nicht freischalten. Nur wer sich eine S-Klasse oder einen EQS ab Mitte Mai neu mit dem Drive-Pilot bestellt, kann den Service nutzen. Zudem ist das Angebot zunächst auf die beiden Luxuslimousinen limitiert. Beim GLS oder dem EQS SUV bietet Mercedes das hochautomatisierte Fahren nicht an.
CAM-Direktor Bratzel geht davon aus, dass 30 bis 50 Prozent der Kunden von S-Klasse und EQS in Deutschland den Drive-Pilot hinzubuchen werden: „Das ist ein neues Feature, das kann man stolz seinem Nachbarn zeigen.“ Ein wirklich lukratives Geschäft für Mercedes werde das hochautomatisierte Fahren aber erst bei einem Tempo von mehr als 100 Kilometern pro Stunde, glaubt er.
Genau daran arbeitet der Stuttgarter Autobauer gerade. „Wir wollen die Geschwindigkeit kontinuierlich erhöhen“, erklärt Mercedes-Entwickler Kugelmann. „Sobald man aber den geschützten Staubereich verlässt und auf freier Fahrbahn unterwegs ist, muss das System auch einen sicheren Spurwechsel durchführen können. Das wird nicht ohne zusätzliche Sensorik im hinteren Teil des Fahrzeugs möglich sein.“ Höhere Geschwindigkeiten lassen sich später also ebenfalls nicht einfach via Softwareupdate freischalten.
Grafikkartenhersteller Nvidia arbeitet mit
Der Drive-Pilot unterliegt absehbar erheblichen Einschränkungen. Auch bei Schnee, Starkregen und niedrigen Temperaturen kann das System derzeit nicht genutzt werden. „Mit einer zusätzlichen Sensorik könnte man jedoch ermöglichen, in Zukunft beispielsweise Fahrten bei dämmerndem Licht oder in der Nacht, nasser Fahrbahn und Temperaturen unter vier Grad zu ermöglichen“, bekundet Kugelmann.
Die nächste Generation des Drive-Pilot entwickelt Mercedes gemeinsam mit dem US-Grafikkartenhersteller Nvidia. Es dürfte Mitte des Jahrzehnts auch in Massenmodellen wie der A-Klasse zum Einsatz kommen. Dabei diskutiert Mercedes intensiv, ob die Limousinen und SUVs, die der Konzern ab 2024 auf den Markt bringt, vorsorglich bereits mit Lidaren und zusätzlichen Heckkameras ausgestattet werden, verlautet aus Unternehmenskreisen.
- Der Vorteil: Alle Neuwagen hätten dann die nötige Technik für Level-3 als Grundausstattung an Bord. Die Kunden der Marke mit dem Stern könnten den Service somit auch noch Monate oder Jahre nach dem Fahrzeugkauf gegen eine entsprechende Gebühr aktivieren.
- Der Nachteil: Die hohen Kosten für das massenhafte Verbauen von opulenten Sensorsets würden sich wohl erst bei sehr hohen Aktivierungsraten des Drive-Pilot wieder einspielen. Mercedes wägt daher noch ab. Eine finale Entscheidung könnte im Laufe des Jahres fallen.
„Autonomes Fahren ist eine zentrale Funktion der Zukunft, man muss das irgendwann in die Basisausstattung der Fahrzeuge packen“, empfiehlt Branchenkenner Bratzel. Nicht zuletzt, um im Wettbewerb gegen Tesla und chinesische Newcomer wie Nio oder Xpeng bestehen zu können.
Tesla-Chef Elon Musk sieht in der Software für autonomes Fahren in Zukunft die „größte Profitquelle“ für sein Unternehmen. Seiner Meinung nach werde in der Industrie vielfach noch unterschätzt, welche Dimensionen das Ganze annehmen werde. „Jedes Fahrzeug wird es künftig haben“, erklärte er Anfang 2022.
Musk will sich dabei erst gar nicht mit einem Stau-Piloten aufhalten, wie ihn Mercedes anbietet. Er glaubt, noch im Laufe dieses Jahres ein Level-4-System fertigstellen zu können. Das hieße: Der Fahrer würde endgültig zum Passagier und könnte sogar schlafen, während die Maschine auf definierten Routen zum Chauffeur wird.
Die meisten Experten halten diesen Plan für illusorisch. Zumal Tesla schon bei seinem aktuellen „Autopilot“ zunehmend unter Druck gerät. In den vergangenen Monaten hatte die US-Verkehrsaufsicht NHTSA immer wieder Untersuchungen infolge von Sicherheitsbedenken eingeleitet und Verbesserungen angemahnt.