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Autozulieferer 30.000 Jobs weltweit statt 20.000: Conti schockiert Mitarbeiter mit verschärftem Sparkurs

Der Zulieferer verdoppelt wegen den Folgen der Corona-Pandemie seine Sparziele. In Deutschland stehen nun rund 13.000 Arbeitsplätze auf der Kippe.
01.09.2020 Update: 01.09.2020 - 16:39 Uhr 1 Kommentar
Conti schockiert Mitarbeiter mit verschärftem Sparprogramm Quelle: dpa
Continental in Hannover

Der Autozulieferer verschärft seine Sparpläne.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Die Mitarbeiter von Continental waren schon seit Wochen auf schlechte Nachrichten gefasst. Seit der Hauptversammlung Mitte Juli war klar, dass der Autozulieferer wegen der Folgen der Corona-Pandemie die Kosten noch stärker senken muss als angenommen. Doch Konzernchef Elmar Degenhart blieb vage und erklärte lediglich, dass „mehrere Hundert Millionen Euro“ zusätzlich eingespart werden müssten. Seit Dienstagnachmittag haben die Mitarbeiter des Dax-Konzerns nun Klarheit. Und es kommt für die meisten viel schlimmer als befürchtet.

Statt 7000 Stellen, die in Deutschland im Zuge des im September 2019 vorgestellten Sparprogramms zur Disposition stehen, sind es nun 13.000 Arbeitsplätze. Weltweit steigt die Gesamtzahl sogar von 20.000 auf 30.000. Ziel ist es nun, rund eine Milliarde Euro jährlich einzusparen. Ursprünglich war geplant, ab 2023 die Kosten um 500 Millionen Euro pro Jahr zu senken. Damit verdoppelt das Management kurzerhand das Sparziel.

„Die gesamte Autoindustrie hat derzeit gewaltige Herausforderungen zu bewältigen. Keine ihrer Krisen der vergangenen 70 Jahre war größer und schärfer. Sie trifft die Zulieferer besonders hart“, wird Konzernchef Degenhart in einer Mitteilung des Konzerns zum erweiterten Strukturprogramm zitiert.

Der ganze Autozulieferersektor in Deutschland steht seit Corona unter einem massiven Spardruck. Weil die weltweite Fahrzeugproduktion jetzt langfristig unter dem bisherigen Rekordniveau von 2017 mit rund 98 Millionen Pkws bleiben wird, müssen die Unternehmen Überkapazitäten abbauen. So hatte vor Conti bereits Konkurrent ZF Friedrichshafen – die Nummer drei in Deutschland – den Abbau von 15.000 Arbeitsplätzen angekündigt. Branchenführer Bosch baut Tausende Stellen ab und verkürzt die Arbeitszeit in bestimmten Bereichen. Und der Scheinwerferspezialist Hella wird über 1100 Stellen streichen.

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    Der 61-jährige Conti-Chef sieht sogar eine neue Zeitrechnung auf die Autoindustrie zukommen. „Nach etwa einem Jahrzehnt des schnellen, profitablen Wachstums und Beschäftigungsaufbaus entlang des bisherigen Wachstumsmodells der Autoindustrie richten wir uns jetzt auf eine neue Art des Wachstums mit Zukunftstechnologien aus“, erklärte Degenhart.

    Grafik

    Der Conti-Chef geht im schlimmsten Fall sogar davon aus, dass die weltweiten Pkw-Absatzmärkte erst 2025 das Rekordniveau von 2017 erreichen werden. Einige Branchenbeobachter halten es sogar für möglich, dass nie wieder Absatzzahlen um die 100 Millionen Einheiten erreicht werden.

    Es sind allerdings auch interne Probleme, die dem Zulieferer aus Hannover zu schaffen machen. Denn nach wie vor hakt es im Kerngeschäft. So sackte im zweiten Quartal in der Sparte Automotive Technologies, in dem Conti das Geschäft mit Fahrzeugkomponenten und Softwareprodukten bündelt, das operative Ergebnis um mehr als 255 Prozent auf minus 462 Millionen Euro ab. Die Ebit-Marge lag bei minus 18 Prozent.

    Noch schlimmer sieht es in der seit dem 1. Januar eigenständigen Antriebssparte Powertrain Technologies aus, die in Zukunft als Vitesco Technologies ein eigenständiges börsennotiertes Unternehmen werden soll. Hier rauschte das operative Ergebnis um über 350 Prozent auf minus 184 Millionen Euro ab.

    Bei Conti müssen deswegen alle Zentral- und Geschäftsbereiche an allen Standorten im In- und Ausland zu der angepeilten Einsparsumme beitragen. Aber schon jetzt scheint klar zu sein, dass es vor allem Werke in Deutschland treffen wird. So teilt der Konzern mit, dass Teile der neuen Strategie dazu führen würden, Standorte mit dauerhaft zu hohen Kosten zu verlagern oder zu schließen. Es werden Aufgaben aus Produktion, Forschung und Entwicklung zusammengezogen und der Verkauf von dauerhaft unrentablen Geschäftsteilen überprüft. Bis 2025 sollen 90 Prozent der Anpassungen abgeschlossen werden.

    Zwar bleibt auch weiterhin unklar, wie viele Arbeitsplätze konkret wegfallen werden. Doch große Hoffnungen dürfen sich die Mitarbeiter nicht machen. Denn von den ursprünglich 20.000 Arbeitsplätzen sind bereits 3000 „verändert“ worden, wie Konzernchef Degenhart auf der Hauptversammlung im Juli erklärte. Davon wiederum hätten rund zwei Drittel, also etwa 2000 Mitarbeiter, das Unternehmen verlassen.

    Arbeitnehmer zeigen sich schockiert

    Für die Mitarbeiter sind die neuen Dimensionen des Sparprogramms ein Schock. „Das ist ein schwerer Schlag. Der Vorstand greift zum bekannten Strickmuster: Umsatz runter, Kosten runter, Werke dichtmachen, Arbeitsplätze streichen“, erklärten der Betriebsratsvorsitzende Hasan Allak und sein Stellvertreter Lorenz Pfau am Dienstag in Hannover.

    „Werden die Einschnitte umgesetzt, zerstört der Vorstand Lebenspläne, vernichtet Wissen und Kompetenz in großem Maßstab und beschädigt die Attraktivität von Continental als Arbeitgeber“, sagten die Betriebsräte weiter. In Kombination mit den Management-Fehlern der vergangenen Jahre ergebe sich „ein fatales Bild“. Brisant ist zudem, dass Conti trotz des massiven Kostendrucks an der Ausschüttung einer Dividende festgehalten hat. Demnach werden rund 600 Millionen Euro an die Aktionäre fließen.

    Bereits beschlossen ist ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen in Werken im hessischen Babenhausen, in dem Conti Fahrzeugarmaturen fertigt. Hier werden über 2200 der 3600 Stellen wegfallen. Im sächsischen Limbach-Oberfrohna werden rund 860 Stellen gestrichen. Im bayrischen Roding wird ein ganzes Antriebswerk geschlossen. Zuletzt beschloss das Management zudem die Schließung eines Werkes im spanischen Rubí bis 2021. Das Werk in Nogales (Mexiko) wird bis 2024 geschlossen. Zusammengerechnet fallen so knapp 3000 Arbeitsplätze weg.

    Neben den Personalmaßnahmen hatte Conti bereits Investitionskürzungen angekündigt. Um mindestens 20 Prozent sinken die Ausgaben. Davon betroffen sind alle Bereiche. „Wir verschieben nicht unbedingt notwendige Ausgaben oder auch einzelne, weit in der Zukunft liegende Entwicklungsstufen, wie zum Beispiel das hochautomatisierte Fahren“, hatte Finanzchef Wolfgang Schäfer dem Handelsblatt im Mai gesagt.

    Über die erweiterten Sparmaßnahmen wird der Aufsichtsrat noch abstimmen müssen. Ende September wird das Gremium zu einer strategischen Sitzung zusammenkommen. Bis dahin werden Verhandlungen zwischen dem Management, den Arbeitnehmervertretern und den Standortbetriebsräten stattfinden. Personalvorständin Ariane Reinhart hofft auf kooperative Gespräche mit der Arbeitnehmerseite.

    „Unsere seit einiger Zeit in Deutschland laufenden Sondierungsgespräche treten jetzt in eine entscheidende Phase. Je mehr wir zusammen intelligent und dauerhaft an Kosten einsparen, desto mehr Beschäftigung werden wir mittel- und langfristig gemeinsam sichern“, teilte Reinhart im Konzernschreiben mit. Doch es deuten sich schwierige Verhandlungen an.

    Denn die Arbeitnehmervertreter kritisieren das Management vor allem wegen der fehlenden Perspektiven für die Mitarbeiter. Nachdem zuvor Personalvorständin Ariane Reinhart über eine „Corona-Brücke“ und Arbeitszeitverkürzungen kombiniert mit Weiterbildungsmöglichkeiten sprach, wirkt das erweiterte Sparprogramm nun für die Gewerkschaftsvertreter wenig innovativ.

    Der Konzernbetriebsrat sei bereit, mit den Gewerkschaften IG BCE sowie IG Metall und mit dem Vorstand ein „ausgewogenes Paket für Transformation und Krisenbewältigung zu schnüren“, heißt es von Betriebsratsseite. Doch er macht auch klar, dass die heute verkündeten Maßnahmen nachverhandelt werden müssten. Er fordert eine faire Lastenverteilung. „Alles andere würde einen folgenschweren Konflikt mit uns auslösen“, teilten Allak und Pfau mit.

    Mehr: Studie zeigt: Continental war ein Stützpfeiler der NS-Wirtschaft

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    1 Kommentar zu "Autozulieferer: 30.000 Jobs weltweit statt 20.000: Conti schockiert Mitarbeiter mit verschärftem Sparkurs"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Und alle die heute noch meinen, dass wir unseren "Industriezenit" noch nicht überschritten haben, werden eines besserern belehrt werden. Arbeitsplätze die wegfallen, werden nicht durch neue ersetzt werden können - und schon gar nicht die gut bezahlten.
      Aber Hauptsache wir retten 2 % des CO-2-Ausstosses und damit die Welt.
      Herr Xi wird es uns danken!!!!!!

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