Autozulieferer Auf die Übernahme durch die Chinesen folgt bei Grammer der Führungsexodus

Der komplette Vorstand des Autozulieferers verabschiedet sich mit einer Millionen-Abfindung. Der chinesische Investor Ningbo zeigt sich überrascht.
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Das Trio zieht eine Kontrollwechselklausel und verlässt den Autozulieferer mit einer Millionenabfindung. Quelle: Grammer
Gerard Cordonnier, Hartmut Mueller, Manfred Pretscher

Das Trio zieht eine Kontrollwechselklausel und verlässt den Autozulieferer mit einer Millionenabfindung.

(Foto: Grammer)

MünchenAls sich der chinesische Großaktionär Ningbo Jifeng 84 Prozent der Anteile gesichert hatte, wählte Grammer-Chef Hartmut Müller große Worte. Er freue sich „über die hohe Akzeptanz unserer Aktionäre für das Angebot und das damit verbundene Vertrauen“. Von der vertieften Partnerschaft mit den Chinesen könne man „einen positiven Einfluss auf die weitere Entwicklung von Grammer erwarten“.

So weit, so gut. Doch knapp einen Monat später ist die hohe Akzeptanz zum Problem geworden.

Vorstandschef Müller und die beiden Vorstände Gérard Cordonnier (Finanzen) sowie Manfred Pretscher (Technik) ziehen eine Kontrollwechselklausel und verlassen den Autozulieferer mit einer Millionenabfindung. „Durch die unerwartet hohe Annahmequote des Übernahmeangebots haben sich die künftigen Eigentumsverhältnisse in der Aktionärsstruktur deutlicher verschoben als erwartet“, hieß es in der Mitteilung.

Juniorchef Jimin Wang, der die Übernahme managte, wurde von dem Exodus nach Angaben aus seinem Umfeld überrascht. Die Strategie sei gemeinsam entwickelt worden und die Chinesen hätten sich darauf verlassen, dass die Führungsmannschaft steht. Ungewöhnlich sei zudem, dass der Schritt noch vor einer Aufsichtsratssitzung am Mittwoch verkündet worden sei. „Da ist schon auch Enttäuschung da.“

Ausstiegsklauseln im Fall des Eigentümerwechsels sind in den Verträgen vieler Top-Manager üblich. Sie sind zum Schutz vor feindlichen Übernahmen gedacht. Ein Vorstand muss dann nicht mit einem neuen Eigentümer zusammenarbeiten.
Allerdings hatten Müller und der Rest des Vorstands die Übernahme mit eingefädelt und begrüßt – schließlich waren die Chinesen eine Art weißer Ritter, weil man in Amberg eine Übernahme durch die umstrittene Investorenfamilie Hastor fürchtete.

Müller selbst hielt sich mit einer Begründung eher bedeckt. „Mit meinem Rücktritt gebe ich Aufsichtsrat und Großaktionär die Möglichkeit, grundsätzliche Entscheidungen über die künftige Ausrichtung des Unternehmens unabhängig von meiner Person zu diskutieren und damit notwendige Weichenstellungen einzuleiten“, erklärte er.

Und so blieben zunächst einmal Spekulationen. Natürlich sei man mit einem so deutlichen Mehrheitseigner abhängiger, sagt ein Unternehmenskenner. „Da muss man natürlich schon in China anrufen, wenn man was Größeres kaufen will.“ Womöglich habe manch einer da festgestellt, dass er doch lieber unabhängig sei.

Vor einigen Tagen war Unternehmensgründer Wang Yiping zu Besuch in Amberg und sprach laut Branchenkreisen auch mit Müller. Natürlich habe es Diskussionen über verschiedene Themen gegeben, doch keine schweren atmosphärischen Differenzen, heißt es.

„Marktübliche“ Abfindung

Die normale Abfindung bei den Vorständen von Grammer ist auf maximal zwei Jahresgesamtvergütungen beschränkt. Im Falle eines Kontrollwechsels hatte das Trio ein Sonderkündigungsrecht innerhalb von drei Monaten.

Dieses sieht Anspruch auf Zahlung einer Abfindung von 150 Prozent des im Dienstvertrags vereinbarten Abfindungs-Caps von zwei Jahresgesamtvergütungen vor. Müller hatte zuletzt etwa 1,4 Millionen Euro verdient. Auf dieser Basis ergäbe sich für ihn eine Abfindung von etwa gut vier Millionen Euro. Die beiden anderen Vorstände verdienten etwa die Hälfte. In Industriekreisen hieß es, die Abfindung sei in dieser Höhe „marktüblich“.

Der Einstieg von Ningbo war von vielen in der Branche begrüßt worden – auch, weil es sich um ein Familienunternehmen handelt, nicht um einen Staatskonzern.

Mit etwa 250 Millionen Euro Umsatz ist das Unternehmen deutlich kleiner als Grammer. Doch beteuerte Juniorchef Jimin Wang im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Wir haben eine sichere Finanzierung mit einem hohen Eigenkapitalanteil. Banken garantieren die Finanzierung.“ Die Arbeitnehmer wurden ins Boot geholt, indem die Chinesen Standorte und Arbeitsplätze für siebeneinhalb Jahre garantierten.

Nach der Abschiedsankündigung des Führungstrios beteuerte Grammer: „Unabhängig von den Veränderungen im Vorstand bleibt die im Zusammenhang mit dem Übernahmeangebot geschlossene Investorenvereinbarung unverändert gültig.“ Es sei weiterhin kein Beherrschungsvertrag geplant, der Großaktionär wolle gegenwärtig nicht mehr als zwei Sitze im Aufsichtsrat beanspruchen.

Nun muss das Kontrollgremium erst einmal einen neuen Vorstand finden. Das Trio geht voraussichtlich zum Jahreswechsel, will aber bei Bedarf für den Übergang beratend zur Verfügung stehen.

Die Neubesetzung solle zügig in die Wege geleitet werden, hieß es. Nach Informationen des Handelsblatts aus Branchenkreisen hat man einen Kandidaten schon im Blick.

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