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Autozulieferer Continental verabschiedet sich vom Verbrennungsmotor

Der Autozulieferer investiert verstärkt in die E-Mobilität. Für den sonst so zurückhaltenden Dax-Konzern ist das eine bemerkenswerte Wende.
Update: 07.08.2019 - 17:54 Uhr 2 Kommentare
Der Zulieferer investiert verstärkt in E-Mobilität. Quelle: Bloomberg
Continental-Mitarbeiter

Der Zulieferer investiert verstärkt in E-Mobilität.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf Weniger Umsatz, weniger Gewinn und steigende SchuldenContinental hat schon bessere Zeiten erlebt. Der weltweite Rückgang der Automobilproduktion verhagelt dem Dax-Konzern die Bilanz.

Der Umsatz sinkt im zweiten Quartal um ein Prozent auf 11,3 Milliarden Euro, das bereinigte Ebit um fast 25 Prozent auf 868 Millionen Euro, was einen Margenrückgang von 10,2 auf 7,8 Prozent zur Folge hat. Die Verschuldung stieg zum 30. Juni 2019 um 1,4 auf rund 5,7 Milliarden Euro.

Doch so ernüchternd die Zahlen auch sind, überraschend kommen sie nicht. Am 22. Juli hatte Continental bereits eine Gewinnwarnung herausgegeben und seine Geschäftsprognosen angepasst. Die Überraschung steckt in der Verkündung einer „Portfolioanpassung“. Hinter diesem technischen Wort versteckt sich Continentals langfristiger Abschied vom Verbrennungsmotor, der mit der Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal beim Hannoveraner Zulieferer nun Realität wird.

Um den Wandel in der Automobilindustrie und die daraus resultierende sinkende Nachfrage nach Verbrennungsmotoren zu stemmen, plant Continental, das Geschäft mit hydraulischen Komponenten nicht mehr weiter auszubauen. Das umfasse die Produktion von Injektoren von Benzin- und Dieselmotoren.

Außerdem überprüft Continental das Geschäft mit Komponenten für Abgasnachbehandlung und Kraftstoffförderung. Dagegen will sich die Antriebssparte des Konzerns, die künftig unter dem Namen Vitesco Technologies firmiert, künftig noch stärker auf die Elektromobilität konzentrieren.

Lange Zeit hatte Continental sich der neuen Antriebstechnologie nur zögerlich zugewandt. Der Konzern wies zwar immer wieder auf die wichtiger werdende Elektromobilität und Digitalisierung hin und investierte auch etwas in diese Bereiche. Das Geschäft mit Komponenten für Verbrennungsmotoren war aber weiterhin der zentrale Baustein des Konzerns. Das ändert sich nun deutlich.

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Für reine Verbrennungskomponenten würden sich künftig nur noch selektive Wachstumschancen eröffnen, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns. Continental lenkt deswegen seine Investitionen jetzt in den Bereich der E-Mobilität. Große Hoffnungen ruhen auf Continentals neu entwickeltem 48-Volt-Mild-Hybrid-Antrieb, der sich im Zeitalter des Antriebswandels in der Autoindustrie als Erfolgsgarant erweisen kann.

Beobachter kritisieren jedoch, dass Continental den Wandel viel zu lange verschlafen habe. Seit Jahren sei bekannt, dass die Elektromobilität eine immer größere Rolle spielen wird. Allein der politische Druck aus Europa hinsichtlich der strengeren Abgasvorgaben wäre Grund genug gewesen, viel früher mit der Elektrifizierung des Produktportfolios zu beginnen. In der Zwischenzeit haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtert.

Der von US-Präsident Donald Trump angezettelte Handelskrieg mit China sorgt für große Unsicherheiten, genauso wie die weltweit schwächelnde Automobilkonjunktur. „Die Autoproduktion geht bereits das vierte Quartal in Folge zurück. Deswegen können wir schon von einer weltweiten Rezession der Automobilbranche sprechen“, sagt Continental-Finanzchef Wolfgang Schäfer. Und eine Erholung des Automobilmarkts ist nicht in Sicht.

Genau in dieser Zeit treibt der Zulieferer einen kostenintensiven Umbau der Konzernstruktur hin zu einer Holding voran und muss zeitgleich in die drei Megatrends der Automobilbranche – das autonome, das vernetzte und das elektrische Fahren – investieren.

Ohne Einsparungen ist das ein unmögliches Unterfangen. „Auf den rückläufigen Markt reagieren wir mit strenger Kostendisziplin und Erhöhung unserer Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Continental-Chef Elmar Degenhart. Die Unternehmensleitung habe bereits mit dem Aufsichtsrat die Strategie besprochen, wie das gelingen solle. Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern würden einem Sprecher zufolge umgehend beginnen.

Im Gegensatz zum Conti-Großaktionär Schaeffler oder Konkurrent Bosch spricht der Konzern nicht von Stellenstreichungen. „Der Großteil unserer Kunden sitzt in Europa, Nordamerika und China. Wenn wir in irgendeiner Form Maßnahmen ergreifen müssen, dann betrifft das in der Regel alle drei Regionen“, sagt Finanzchef Schäfer. Nach dieser Lesart wären auch deutsche Standorte betroffen.

Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Konzernbetriebsrat Hasan Allak hingegen rechnet nicht mit einem Arbeitsplatzabbau in Deutschland. „Continental hat sich im Gegensatz zur Konkurrenz noch nicht klar zum Stellenabbau bekannt“, sagt Allak. „Ich gehe nicht davon aus, dass im Falle von Stellenstreichungen Arbeitsplätze an deutschen Standorten betroffen sein werden.“

Laut Allak habe der Betriebsrat die Konzernführung bereits sehr früh auf die personellen Herausforderungen aufmerksam gemacht, die im Zuge des Wandels in der Automobilindustrie nun auftauchen. „Betriebsrat und Konzernleitung hätten schon jetzt stabile Strukturen gebraucht, um die Mitarbeiter durch diesen disruptiven Wandel mittels Fortbildungen und Schulungen mitzunehmen“, sagt Allak.

In der Übergangszeit kann Continental aber auf eine gut gefüllte Kasse zurückgreifen. Dem Konzern stehen liquide Mittel in Höhe von 4,8 Milliarden Euro zur Verfügung. Frank Schwope von der NordLB sieht daher das Unternehmen auch für Krisenzeiten solide aufgestellt.

Und auch das weiterhin stabile Reifengeschäft nimmt Continental ein bisschen den Druck. Im Gegensatz zum Automotive-Bereich, wo der Umsatz im zweiten Quartal um 3,1 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro zurückgegangen ist, stiegen die Einnahmen in der Rubber-Group um 2,5 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Dennoch muss Continental aufs Tempo drücken, um den Anschluss an die elektrifizierte Konkurrenz nicht zu verlieren.

Für den künftigen Vitesco-Chef Andreas Wolf ist „die Zukunft zweifellos elektrisch.“ Die Transformationsphase werde zunächst von einem Antriebsmix geprägt sein. Hier wird der 48-Volt-Hybrid-Antrieb eine zentrale Rolle spielen. Marktforscher von IHS Markit rechnen damit, dass weltweit die Anzahl dieser Antriebe zwischen 2020 und 2030 um fast 530 Prozent zunehmen wird.

Mit VW hat Conti auch bereits einen Großkunden gefunden. Die Hannoveraner sind im Bereich des 48-Volt-Antriebs Systemlieferant von VW. Die Wolfsburger greifen im neuen Golf, der Ende des Jahres auf den Markt kommen wird, auf Continentals 48-Volt-Antrieb zurück.

Große Hoffnungen setzt Continental auch auf einen neu entwickelten 48-Volt-Mild-Hybrid-Antrieb, den der Zulieferer auf seiner Techshow in Laatzen Anfang Juli präsentiert hat. Mit ihm können Fahrzeuge mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde elektrisch bewegt werden. Bislang war es nicht möglich, tonnenschwere Hybrid-Fahrzeuge mit so niedrigen Spannungen elektrisch zu bewegen.

Der Vorteil von Mild-Hybrid-Antrieben gegenüber Vollhybriden sind die geringen Kosten. Diese sind entscheidend, wenn Zulieferer wie Continental mit der Elektromobilität Geld verdienen wollen. Denn bislang ist die E-Mobilität für den Dax-Konzern ein Verlustgeschäft. „Der Bereich der E-Mobilität leistet noch keinen Gewinnbeitrag“, sagt Schäfer.

Aber der 60-Jährige sieht eine Trendwende: „Wir hatten viele Jahre auf ein nennenswertes Wachstum im Bereich der E-Mobilität gehofft, das dann doch nicht kam“, sagt er. „Jetzt aber sehen wir, dass die Kunden immer mehr Komponenten und Systeme für Elektroantriebe nachfragen und dass die Wachstumsdynamik zunimmt.“

Zeitgleich aber entscheidet Conti-Chef Elmar Degenhart, wie im Falle der Zellfertigung für Lithium-Ionen-Batterien, auch auf die Produktion von Festkörperbatteriezellen – der nächsten Batteriegeneration – zu verzichten. „Mit der voraussichtlich erst nach 2030 verfügbaren Festkörpertechnologie lässt sich von Continental kein attraktives Geschäftsmodell mehr aufbauen“, sagt Conti-Chef Degenhart.

Ein weiterer Grund könnte der hohe Investitionsbedarf sein. Volkswagen investiert derzeit zweistellige Milliardenbeträge, um eine eigene Zellfertigung auf die Beine zu stellen. Continental kann vor dem Hintergrund der geplanten Kosteneinsparungen solche Summen nicht aufbringen.

Im Gegenteil: „Geplante Investitionen kommen auf den Prüfstand. An bereits begonnenen Bauprojekten wie neuen Werken halten wir jedoch fest“, sagt Schäfer. „Insgesamt werden wir unsere Investitionsquote jedoch anpassen. Bislang sollte diese über acht Prozent liegen. Jetzt planen wir mit einer Quote leicht unter acht Prozent.“

Mehr: Stellen werden gestrichen, Werke geschlossen: Zulieferer wie Schaeffler, Mahle oder Eisenmann reagieren mit harten Maßnahmen auf die Flaute in der Autoindustrie.

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2 Kommentare zu "Autozulieferer: Continental verabschiedet sich vom Verbrennungsmotor"

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  • Ich bin Fahrer eines Diesels mit Euro 6b. Vorteil ist für mich die enorme Reichweite von mindestens 900 km. Mit 350 km bei E-Mobilität habe ich nichts am Hut. Wir fahren in Kurze für eine Woche nach Südpolen; da werden wir uns umschauen, ob man Diesel kaufen kann oder E-Mobilität. Dies ist nach Angaben von Regierung, Instituten und so nur eine Zwischenstufe - was kommt danach?

  • Mein Auto ist jetzt drei Jahre alt. Ich muss damit nicht die Städte mit Fahrverbotszonen fahren und werde dieses Auto so lange fahren, bis es auseinanderfällt. Ob ich mir jemals ein E-Auto leisten werden kann oder es in der mittelgroßen Stadt, in der ich wohne, überhaupt noch ein eigenes Auto brauchen werde, wird sich zeigen. Fakt ist, dass ich die nächsten Jahre als potientieller Käufer eines Autos mit Verbrennungsmotor ausscheide. Und wenn ich mich so umhöre, werde ich nicht der einzige Autobesitzer bleiben, der so denkt.

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