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Autozulieferer Wie Webasto die Coronakrise in den Griff bekommen hat

Den Autozulieferer hat der Virus-Ernstfall unvorbereitet getroffen. Doch Webasto hat vorgemacht, wie auch mit Krisen unerfahrene Unternehmen eine solche meistern können.
05.03.2020 - 18:57 Uhr Kommentieren
Coronavirus: Wie Webasto die Krise in den Griff bekommen hat Quelle: Reuters
Firmenzentrale in Stockdorf

Kamerateams belagerten wochenlang das Gebäude von Webasto.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Ein Unternehmen im Ausnahmezustand. Webasto, Zulieferer für Autoteile, hat seinen Firmensitz im bayerischen Stockdorf, einem beschaulichen Ort zwischen München und Starnberg, wohin sich nur wenige Menschen verirren. Seit Ende Januar ist das anders. Kamerateams und Journalisten aus allen Ecken der Republik pilgern dorthin.

Denn Webasto ist das Unternehmen null, mit dem Patienten null – das erste Unternehmen in Deutschland, das einen mit dem Coronavirus angesteckten Mitarbeiter hatte.

Der Befund schockte Unternehmen wie Öffentlichkeit. Immer mehr Mitarbeiter zeigten Symptome und wurden positiv auf Covid-19 getestet, wie die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit heißt. Insgesamt neun Webasto-Mitarbeiter und fünf der Angehörigen erkrankten. Für das familiengeführte Unternehmen, das bisher kaum Erfahrung mit Krisenkommunikation hatte, glichen die turbulenten Wochen im Februar einem fortwährenden Sprung ins kalte Wasser. Jeden Tag aufs Neue.

„Wir hatten von Anfang an die Bereitschaft in unserem Unternehmen, offen und transparent zu kommunizieren – intern wie extern“, erzählt Pressesprecherin Antje Zientek. Eine Haltung, die der Krisenkommunikation das nötige Maß an Glaubwürdigkeit verlieh, wie Beobachter heute meinen.

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Standort erkennen

    Weitgehend ohne Unterstützung externer Kommunikationsspezialisten schaffte es das Unternehmen, nicht nur die rund 14.000 Mitarbeiter fortwährend zu informieren, sondern auch das Interesse der Medien, die am liebsten die Infizierten im Krankenhaus direkt gesprochen hätten, zu befriedigen.

    Webasto hat vorgemacht, wie auch mit Krisen unerfahrene Unternehmen eine solche meistern können. Denn längst nicht alle Unternehmen sind auf einen solchen Fall vorbereitet. Vor allem Mittelständler trifft es oft unvorbereitet. Dax-Konzerne und andere Großunternehmen haben dagegen in der Regel Krisenrichtlinien ausgearbeitet und Krisenstäbe benannt, auch ohne akuten Fall.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Beispiel Bertelsmann: Martin Kewitsch ist Leiter des Krisenstabs des Medienkonzerns. Bertelsmann hat zwar bislang keinen Krankheitsfall, die Vorbereitungen laufen aber auch ohne akuten Ernstfall. „Mit der Ausbreitung des Coronavirus kommen immer neue Fragen auf“, sagt Kewitsch. „Viele betreffen die Auswirkungen der Epidemie auf den Arbeitsalltag und das Arbeitsumfeld.“

    Ereignisse überschlugen sich

    Antworten auf diese Fragen zu geben ist eine der Hauptaufgaben seines Krisenstabs in Gütersloh. Seit dem Ausbruch der Erkrankungen in China, wo Bertelsmann allein mehr als 3500 Menschen beschäftigt, tagt das Gremium regelmäßig unter Kewitschs Leitung.

    Anders beispielsweise beim Pharmakonzern Bayer in Leverkusen. Er definiert das Thema Coronavirus unternehmensintern derzeit nicht als Krisenfall für das Unternehmen. Entsprechend ist auch nicht der Konzernkrisenstab für die aktuelle Koordination des Themas zuständig.

    Stattdessen verfolgt eine Kernarbeitsgruppe mit Vertretern aus den Bereichen Sicherheit, Risikomanagement, Personalwesen, Kommunikation und anderen wichtigen Funktionen die Situation. Die Arbeitsgruppe hält Kontakt zu den Organisationen und erstellt Richtlinien zu Hygiene und Reisen.

    Maßnahmen, die auch bei Webasto eilig unternommen werden mussten. Denn die Ereignisse überschlugen sich seit Ende Januar.

    Nachdem eine chinesische Mitarbeiterin drei Tage in verschiedenen Meetings in der Stockdorfer Zentrale verbracht hatte, dann nach China zurückflog, die Symptome spürte, Ärzte aufsuchte und am Sonntag die Diagnose des Virus erhielt, brach bei Webasto am Montagmorgen der Sturm los. Das Management unter Führung des Vorstandsvorsitzenden Holger Engelmann richtete eine Taskforce ein, der zwei Dutzend Mitarbeiter angehörten, die aus diversen Abteilungen entsandt wurden.

    Man muss ehrlich und wahrhaftig kommunizieren, man darf nichts verschweigen, das erwarten die Menschen einfach. Bodo Kirf, DJM Communication

    „Wir haben sofort Listen erstellt mit den Kontaktpersonen der Gruppe eins, so wie das Robert Koch-Institut sie definiert hat“, erzählt Pressesprecherin Zientek. Danach müssen die Kontaktpersonen beispielsweise mindestens 15 Minuten im selben Raum wie die infizierte Person gewesen sein.

    In einem Nebengebäude schlugen Ärzte ihr Lager auf und testeten alle Verdachtsfälle auf das Virus: Mit jedem weiteren Fall wurden neue Listen erstellt und wieder alle Mitarbeiter informiert.

    Das war in einem Betrieb, der über zahlreiche Produktionsstätten verfügt und dessen Mitarbeiter mitunter keine Arbeitsrechner haben, nicht immer einfach. Die jeweiligen Standortleiter von Webasto druckten die neuen Meldungen, die an manchen Tagen mehrfach am Tag erschienen, aus und hängten sie ans schwarze Brett.

    Die Taskforce bezog eine ganze Etage in Stockdorf, der Rest des Gebäudes war verwaist, denn das Management hatte den Standort für zwei Wochen geschlossen. Eine Vorsichtsmaßnahme, um das Virus einzudämmen.

    „Wir haben uns sehr schnell eine Struktur erarbeitet“, sagt Zientek. Zügig wurden immer neue Pressemitteilungen und Mitarbeiterinformationen getextet. In den Hochzeiten kamen Dutzende Medienanfragen innerhalb weniger Stunden.

    Webasto machte kontinuierlich einen Abgleich mit den Kommunikationsstrategien der anderen Akteure, wie etwa den involvierten Krankenhäusern oder dem Robert Koch-Institut. Wann muss man wieder etwas sagen, und wie muss man es sagen?

    Das Motto muss sein: „We care“

    Die Beantwortung von Fragen wie diesen sind auch das Geschäft von spezialisierten Krisenkommunikatoren. „Man muss solche Prozesse in guten Zeiten institutionalisieren“, meint Bodo Kirf, CEO der Beratung DJM Communication.

    Ist der Krisenfall erst einmal eingetreten, dann gilt: „Man muss ehrlich und wahrhaftig kommunizieren, man darf nichts verschweigen, das erwarten die Menschen einfach“, sagt Kirf. Orientierung bieten, Vertrauen herstellen und Spezialisten wie Ärzte im Fall Corona hinzuziehen. Alles unter dem Motto „We care“.

    Krisenkommunikation ist zu einem wichtigen Bestandteil der Unternehmenskommunikation geworden. „Deutsche Unternehmen sind in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren deutlich professioneller geworden“, findet Kirf. „Sie haben den Wert von Kommunikation erkannt“, ergänzt DJM-Geschäftsführer Kai-Nils Eicke.

    Im Krisenfall gilt es, eine hitzige Diskussion zu versachlichen und die Menschen aufzuklären. Bilder von leer geräumten Supermarktregalen, die die Hamsterkäufe der Menschen symbolisieren, stehen dann im Widerspruch zu der Beruhigungskommunikation der Behörden.

    Der Vorstandsvorsitzende von Webasto ist ein gefragter Interviewpartner. Quelle: dpa
    Holger Engelmann

    Der Vorstandsvorsitzende von Webasto ist ein gefragter Interviewpartner.

    (Foto: dpa)

    Zudem gibt es Verunsicherung durch widersprüchliche Aussagen von Experten und Gegenexperten. „Über die sozialen Medien findet oft eine Skandalisierung statt“, meint Kirf. „Die Medien bestimmen die Wahrnehmung der Krise“, fügt Eicke hinzu. Unternehmen, die selbst von der Krise betroffen sind, können schnell Schaden nehmen – müssen rasch reagieren.

    So wie Webasto. In der Taskforce habe es keine Hierarchien gegeben, jede Stimme sei gleichbedeutend gewesen, berichtet Zientek. Eine externe Agentur machte das Monitoring und gab Ratschläge.

    „Nach Bekanntwerden der ersten Fälle bei Webasto haben wir unmittelbar verschiedene Maßnahmen, wie die 14-tägige Schließung unserer Firmenzentrale in Stockdorf, eingeleitet. Das hat sehr gut funktioniert, und wir konnten so eine weitere Verbreitung des Virus im Unternehmen verhindern“, resümiert CEO Engelmann. Er ist derzeit ein gefragter Interviewpartner; am Donnerstagabend tritt er in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ auf.

    Bis heute ist bei Webasto keine Normalität eingekehrt. Vor wenigen Tagen wurden die Erkrankten aus dem Krankenhaus entlassen. Aber die Sorge ihrer Mitmenschen ist groß.

    Übergroß mitunter. So wurde die Steuerberaterin einer Mutter einer Webasto-Mitarbeiterin von ihrem Arbeitgeber vorsorglich nach Hause geschickt. „Man kann nur für Aufklärung sorgen“, meint Zientek.

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