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Bahntechnik Lokomotivbauer Bombardier fordert massiven Verzicht von der Belegschaft

Während Alstom die Übernahme des Wettbewerbers vorbereitet, plant Bombardier in Deutschland die dritte Sanierung in fünf Jahren. Tausend Jobs sind in Gefahr.
08.06.2020 - 13:22 Uhr Kommentieren
Mehr als 1000 Jobs könnten bei Bombardier Deutschland in Gefahr sein. Quelle: dpa
Bombardier-Werk in Görlitz

Mehr als 1000 Jobs könnten bei Bombardier Deutschland in Gefahr sein.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Diesen Job hatte sich Rüdiger Grube bestimmt angenehmer vorgestellt. Seit einem Jahr ist der ehemalige Bahn-Chef Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschlandtochter von Bombardier. Die ist mit knapp zwei Milliarden Euro Umsatz und derzeit 7300 Mitarbeitern eine der großen Landesgesellschaften des kanadischen Konzerns.

Die Branche boomt, Eisenbahnen gelten weltweit als essenziell bei der Bewältigung von Klima- und Verkehrskrise. Die Auftragsbücher der Bahnindustrie sind prall gefüllt. Auch die von Bombardier. Eigentlich gibt es keinen Grund zur Sorge.

Doch die Kanadier produzieren in Deutschland nicht nur Regionalzüge, Straßenbahnen und Lokomotiven, sondern seit Jahren auch Verluste. Ein Restrukturierungsprogramm jagt das nächste. 2015 und 2018 gab es schon schwere Einschnitte, auch für die Belegschaft.

Jetzt haben Grube und das Management unter Leitung von Michael Fohrer ein weiteres Sparprogramm auf den Tisch gelegt. Bombardier will nach Informationen des Handelsblatts aus Unternehmenskreisen die Personalkosten um 120 Millionen Euro senken. Mehr als 1000 Jobs könnten bei Bombardier Deutschland in Gefahr sein.

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Standort erkennen

    Deutschlandchef Fohrer nimmt auf Anfrage nicht Stellung zu Zahlen. Er bestätigt aber, dass er Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern aufgenommen hat. Es würden zurzeit „Ideen mit den Tarifpartnern“ ausgetauscht, sagte Fohrer dem Handelsblatt. „Ich bin mir bewusst, dass einige dieser Maßnahmen einschneidend sind. Sie fallen uns nicht leicht, sind nach unserer Bewertung jedoch unbedingt notwendig, um unser Unternehmen im internationalen Wettbewerb in eine starke Position zu bringen.“

    IG Metall schlägt Alarm

    Während Fohrer davon spricht, das Management wolle sich über die „Zukunft des Unternehmens über 2020 hinaus verständigen“, schlägt die Gewerkschaft Alarm. „Einschnitte auf dem Rücken der Belegschaft sind kein Zukunftsmodell für Bombardier“, sagte Jürgen Kerner, für die Bahnindustrie zuständiges IG Metall-Vorstandsmitglied, dem Handelsblatt. „Die IG Metall fordert eine langfristige Standort- und Beschäftigungssicherung für Bombardier, Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie Digitalisierung.“

    Die Forderungen des Managements haben es in sich, wenn man den Darstellungen der Gewerkschaft glauben darf: Unter anderem sollen die noch 6300 Mitarbeiter, etwa 1000 der 7300-köpfigen Belegschaft sind Leiharbeitskräfte, auf Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie Lohnerhöhungen verzichten, und die Arbeitszeit soll ohne Lohnausgleich angehoben werden. Offenbar eilt es. Die dritte Sparrunde seit 2015 und 2018 soll schon ab dem 1. Juli starten.

    Belegschaft schrumpft seit Jahren

    Die Unruhe in der Belegschaft ist groß. Seit Jahren schrumpft die Stammbelegschaft der neun deutschen Werke und Standorte. Von rund 9000 sind derzeit nur noch 6300 Beschäftigte geblieben. Dazu kommen die aktuell etwa 1000 Leiharbeitskräfte. Deren Zahl schwankt stark, je nach Auslastung der Werke. Jetzt ist in Arbeitnehmerkreisen die Rede davon, dass die Belegschaft auf 5000 Köpfe zusammengestrichen werden könnte.

    Erst vor wenigen Jahren war nur durch massiven Widerstand der Belegschaft und mit Unterstützung der sächsischen Landesregierung die Schließung des Standorts Görlitz verhindert worden. Dort werden beispielsweise Doppelstockzüge gebaut. Damals sollte auch das Siemens-Werk dichtmachen. Eine Katastrophe für die Stadt an der Neiße. Beide Werke bleiben nun bestehen.

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    Deutschlandchef Fohrer möchte den „laufenden Verhandlungen nicht vorgreifen“ und zum geplanten Personalabbau keine Aussagen treffen. Der Druck scheint aber wieder hoch zu sein, die Kosten erneut massiv zu drücken.

    2018 gelang es Bombardier Deutschland laut Angaben im Bundesanzeiger, den Jahresverlust auf 54 Millionen Euro zu reduzieren. Ein Jahr zuvor waren es noch 325 Millionen Euro. Für 2019 sind bislang keine Zahlen verfügbar, aber Insider berichten von einem Wiederanstieg auf einen „dreistelligen Millionenverlust“.

    Experte: Bombardier hat strukturelle Probleme

    Das Unternehmen kommt einfach nicht zur Ruhe. Und das hat seine Gründe. „Bombardier hat strukturelle Probleme, die das Management offensichtlich seit Jahren nicht in den Griff bekommt“, sagte Ronald Pörner, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Pörner beobachtet die Branche schon sehr lange, acht Jahre war er auch Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bahnindustrie.

    „Die Folge sind massive Qualitäts- und Lieferprobleme. Das Vertrauen der Kunden in die Zuverlässigkeit des Herstellers ist schwer beschädigt“, sagt Pörner. Spektakuläres Beispiel: Die Schweizer Bundesbahn SBB wartet seit 2013 auf die Lieferung von Doppelstock-Fernreisezügen von Bombardier, die erst jetzt und offenbar immer noch nicht zur Zufriedenheit des Auftraggebers geliefert werden. Auch Verzögerungen bei der Auslieferung des neuen ICE 4 in Deutschland gingen auf Produktionsmängel bei Bombardier zurück. Die Kanadier liefern den Rohbau an Siemens.

    Bombardier hat nicht nur hausgemachte Probleme in der deutschen Landesgesellschaft. Der gesamte Konzern mit Sitz in Montreal hat seit Jahren ernsthafte Probleme. Bombardier baut neben Zügen auch Flugzeuge, die Geschäftsbereiche waren einmal etwa gleich groß mit jeweils neun Milliarden Dollar Umsatz. Ein neu entwickeltes Mittelstreckenflugzeug (C-Class) erwies sich jedoch als finanzielles Desaster. Inzwischen fliegt die Modellreihe unter Airbus-Regie als A220.

    Bombardier Transportation mit Zentrale in Berlin ist Teil des Konzern-Cashpoolings. Um den Flugzeugbau über Wasser zu halten, wurde die Eisenbahntechnik (Bombardier Transportation) in finanzieller Hinsicht entsprechend knappgehalten, heißt es in Kreisen des Unternehmens.

    Ruf als unzuverlässiger Lieferant

    Die Kanadier sind in der Branche bekannt für ihre aggressive Preispolitik. Ziel ist es, mehr Aufträge reinzuholen als abzuwickeln. Das ist Bombardier extrem wichtig. Eine sogenannte Book-to-Bill-Ratio, also das Verhältnis von Auftragseingängen zu Umsätzen für einen bestimmten Zeitraum, von über eins gilt als einer der wichtigsten Bilanzierungsposten. Im Orderbuch stehen derzeit Aufträge im Wert von 33 Milliarden Dollar – bei einem Umsatz zwischen acht und neun Milliarden Dollar.

    Doch der hohe Auftragsbestand „ist Fluch und Segen“, sagt Experte Pörner. „Er garantiert Beschäftigung, überfordert aber das Unternehmen, weil die Aufträge nicht alle parallel und reibungslos abgewickelt werden können.“ Bombardiers Ruf als unzuverlässiger Lieferant führte in diesem Februar sogar dazu, dass sich mehrere deutsche Verkehrs- und Bahnverbände gemeinsam in einem Brandbrief an Bombardier wandten und dringend mahnten, die Probleme abzustellen.

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    Der Brief kam zur Unzeit, denn er wirft ein schlechtes Licht auf Bombardier in Deutschland, klagt ein Insider. Wenige Tage zuvor hatte der französische Zughersteller Alstom ein Kaufangebot über bis zu 6,2 Milliarden Euro für Bombardier Transportation unterbreitet.

    Die Verhandlungen dazu mit der EU-Wettbewerbskommission werden sich bis zum nächsten Sommer hinziehen, hatte Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge vor wenigen Wochen dem Handelsblatt gesagt. Der Franzose will erst mit Brüssel die Fusionsbedingungen aushandeln und dann die Übernahme anmelden.

    Klar ist schon jetzt: Die Dominanz eines Alstom-Bombardier-Konzerns in Europa bei elektrischen Regionalbahnen ist gewaltig. Laut der Unternehmensberatung SCI-Verkehr lieferten die beiden Unternehmen zwischen 2015 und 2019 jeden zweiten Zug. Für die Bombardier-Beschäftigten in Deutschland ein weiterer Grund, sich Sorgen zu machen.

    Mehr: Peter Altmaier hält sich bei Übernahme von Bombardier durch Alstom raus

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