Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Bayer US-Richter hat weiter Zweifel am Glyphosat-Vergleich und will Warnhinweis für Roundup

Bayer kann den Richter Chhabria nicht überzeugen. Ihm reicht das Abkommen noch nicht. Der Konzern will weitere Klagewellen verhindern. 
19.05.2021 Update: 20.05.2021 - 02:13 Uhr 2 Kommentare
Der Richter im Glyphosat-Verfahren schlägt einen Warnhinweis für die Verpackungen vor. Quelle: Reuters
Roundup im Supermarktregal in den USA

Der Richter im Glyphosat-Verfahren schlägt einen Warnhinweis für die Verpackungen vor.

(Foto: Reuters)

San Francisco / New York Am Mittwoch hatten viele Bayer-Aktionäre auf einen Befreiungsschlag bei den Glyphosat-Klagen in den USA gehofft. In einer wichtigen Anhörung vor einem kalifornischen Gericht geht es um den entscheidenden letzten Teil eines milliardenschweren Vergleichs, mit dem der Leverkusener Konzern die künftigen Rechtsrisiken durch den Unkrautvernichter aus dem Weg schaffen will.

Doch schon vor der Anhörung zeichnet sich ab: Eine definitive Entscheidung des Richters Vince Chhabria wird es so schnell nicht geben. Er zeigte sich weiterhin skeptisch gegenüber mehreren Punkten in dem von Bayer vorgeschlagenen Plan und hat weiteren Gesprächsbedarf angemeldet, weil er so komplex ist. 

Am Ende der Anhörung am Mittwoch sagte Chhabria, dass es noch einige Zeit dauern könne, bis er eine Entscheidung fällt. Der Richter machte klar, dass er verschiedene Zweifel an dem Deal hat, den Bayer vorschlägt. Außerdem schlug er einen Warnhinweis für die Roundup-Verpackungen vor. 

Für Bayer bedeutet das, dass der Chemiekonzern auch nach den nun vorlegten Verbesserungen bei dem Vergleich weitere Überzeugungsarbeit leisten muss. Dazu wollen die Anwälte die heutige Anhörung nutzen. Nach Angaben des Gerichts soll es aber wahrscheinlich noch eine weitere geben – und das könnte wiederum mehrere Monate dauern.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die erhoffte zügige Freigabe, mit der Bayer einen Schlussstrich unter die Glyphosat-Klagen ziehen will, ist damit nicht in Sicht. Das ist für die Aktionäre und Investoren enttäuschend. Sie sehen ein positives Gerichtsvotum als Zündfunken für eine kräftige Kurssteigerung. Bisher lasten die Rechtsrisiken weiterhin stark auf der Aktie. Am Vormittag sank der Kurs in einem schwachen Marktumfeld um zwei Prozent auf rund 55 Euro.

    Bayer will weitere massenhafte Klagen verhindern

    Ohne Zustimmung des Gerichts wird Bayer seinen aktuellen Plan, eine neue Klagewelle in den USA zu verhindern, nicht umsetzen können. Für die bisher vorliegenden Klagen von mehr als 100.000 Amerikanern, die Glyphosat für ihre Krebserkrankung verantwortlich machen, gibt es hingegen eine feste Lösung. Der Chemiekonzern zahlt mehr als zehn Milliarden Dollar, um die Klagen außergerichtlich beizulegen.

    Die Kläger sind fast ausschließlich Privatnutzer, die das Glyphosat unter der Marke Roundup zur Unkrautbeseitigung in ihren Gärten einsetzten. Da Roundup weiterhin frei verkauft wird, ist es wahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren weiter gegen Bayer geklagt wird, wenn bei Nutzern Krebserkrankungen auftreten.

    Der Unkrautvernichter wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Quelle: dpa
    Herbizide in der Landwirtschaft

    Der Unkrautvernichter wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt.

    (Foto: dpa)

    Eine weitere große Klagewelle will Bayer vermeiden. Dazu hat sich der Konzern vor rund einem Jahr mit den gegnerischen Anwälten auf ein Konstrukt geeinigt, um das es jetzt vor Gericht geht. Es sieht bestimmte Entschädigungshöhen für künftige Kläger vor. Vor allem geht es dabei darum zu bewerten, wie gefährlich Glyphosat für die Gesundheit ist.

    Denn an der grundsätzlichen Meinung über Glyphosat hat sich bei Bayer nichts geändert. Der Konzern sieht das Mittel als sicher an und beruft sich auf die Urteile der Zulassungsbehörden in den USA, Kanada und Europa. In den bisherigen Gerichtsprozessen haben die Geschworenen das anders gesehen. Die Jurys gaben dem Roundup-Einsatz eine Mitschuld für die Krebserkrankung der Kläger und verurteilten Bayer zu hohem Schadensersatz.

    US-Richter: Auch Kompensationszahlungen sind fraglich

    Die Bayer-Anwälte sehen in den Jury-Urteilen eine eher emotionale und nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußende Entscheidung. Bayer gibt an, eine streng wissenschaftliche Bewertung von Glyphosat anzustreben, die ein Expertengremium in den kommenden Jahren erarbeiten soll. Das Urteil dieses Gremiums soll in Prozessen mit künftigen Klägern als Beweismittel einfließen. Sehen die Wissenschaftler keinen erwiesenen Zusammenhang von Lymphdrüsenkrebs und Glyphosat, hätte das aus Bayer-Sicht eine gewünschte, abschreckende Wirkung.

    Richter Vince Chhabria ist von der Sinnhaftigkeit des Wissenschaftsgremiums allerdings nicht überzeugt. Vor der heutigen Anhörung warf er erneut die Frage auf, warum die im Interesse der Kläger sein sollte. Sein Argument: Alle bisherigen Glyphosat-Prozesse in den USA gingen – ohne ein solches Gremium – zu ihren Gunsten aus.

    Unter anderem stellte Chhabria am Mittwoch den Zeitraum von nur vier Jahren in Frage. Innerhalb dieses Zeitraum sollen sich Kunden melden können, die Roundup benutzt haben und später an dem Lymphdrüsenkrebs erkranken. Chhabria gab zu bedenken, dass die Krankheit auch erst zehn Jahre nach dem Gebrauch auftauchen könnte. Vier Jahre wären damit viel zu kurz.

    Auch das Experten-Gremium, das innerhalb von vier Jahren entscheiden soll, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht, überzeugt den Richter noch nicht: „Ich habe ernsthafte Zweifel, ein Abkommen zu erlauben, dass de facto Bundesrichter und Richter auf der Ebene der Bundesstaaten dazu verpflichtet, eine Meinung ohne Kreuzverhör anzunehmen“, sagte er.

    Der Richter sprach sich am Mittwoch auch für einen Warnhinweis auf der Verpackung aus. Dabei ließ Chhabria die Argumentation von Bayer nicht gelten, dass das Unternehmen keine Warnung auf die Packung schreiben könne, weil die EPA Glyphosat nicht als krebserregend einstufe. Er sagte, er erwäge, die EPA direkt zu fragen, zu einer solchen Warnung Stellung zu nehmen.

    Wie der Einsatz von Glyphosat sich auf die menschliche Gesundheit auswirkt, ist nicht abschließend geklärt. Studien haben bisher unterschiedliche Ergebnisse gezeigt. Bei Tierversuchen lassen sich die Forschungsergebnisse nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Studien, die den Menschen beobachten, werden unterschiedlich interpretiert.

    Auch die von Bayer und den gegnerischen Anwälten vorgeschlagenen Kompensationszahlungen für künftige Kläger sind für den Richter weiterhin fraglich. Bayer hat sie zuletzt erhöht: Der Konzern geht davon aus, dass er für den Umgang mit neuen Klagen weitere zwei Milliarden Dollar aufwenden muss.

    Er muss eine Lösung für die Glyphosat-Rechtslast finden. Quelle: AP
    Bayer-CEO Werner Baumann

    Er muss eine Lösung für die Glyphosat-Rechtslast finden.

    (Foto: AP)

    Lehnt das US-Gericht den Vorschlag ab, muss Bayer einen neuen Weg suchen, um eine neue Klagewelle zu vermeiden. Vorstandschef Werner Baumann sagte, man habe Alternativen im Kopf, nannte auf der Hauptversammlung aber keine Details dazu.

    Möglich wäre, den Verkauf von Roundup an Privatnutzer zu stoppen und ausschließlich an professionelle Nutzer in der Landwirtschaft zu liefern. Das macht ohnehin den überwiegenden Umsatz mit dem Unkrautvernichter aus. Bayer soll den Plan laut Unternehmenskreisen bereits im vergangenen Jahr geprüft haben. Er wurde aber verworfen.

    Bayer könnte vor den Supreme Court ziehen

    Eine weitere Idee ist, einen Warnhinweis auf die Roundup-Flaschen zu drucken. Derzeit gibt es keine. Die Klagen sind nur deshalb möglich, weil sich die Nutzer darauf berufen, dass im „Beipackzettel“ von Roundup nicht vor möglichen Krebserkrankungen gewarnt wurde.

    Bayer argumentiert, dass ein Warnhinweis nicht möglich sei, und verweist dazu auf die amerikanische Umweltbehörde EPA. Sie sieht Glyphosat als sicher an und stimmt als zuständige Behörde einer solchen Änderung am Produktlabel nicht zu.

    Der Konzern wird vermutlich vor das höchste US-Gericht ziehen, den Supreme Court. Dort soll die Frage nach den Warnhinweisen nach amerikanischem Bundesrecht bewertet werden. Auf einer Zwischenstation hat Bayer nun einen Rückschlag erlitten: Das oberste kalifornische Berufungsgericht hat ein früheres Urteil gegen Bayer aus dem sogenannten Hardeman-Prozess bestätigt.

    2019 war der Chemiekonzern zu einem Schadensersatz in Höhe von 80 Millionen Dollar an den Kläger Edwin Hardeman verurteilt worden. Die Summe wurde später auf 25 Millionen Dollar gesenkt. Das Berufungsgericht hielt das Urteil in jeder Hinsicht mit kalifornischem Recht vereinbar. Die Rechtsexperten von Bloomberg Intelligence schätzen, dass Bayer vor dem höchsten US-Gericht mit seiner Argumentation erfolgreich sein kann.

    Mehr: Der Manager, der Bayers Monsanto-Deal ins Rollen brachte

    Startseite
    Mehr zu: Bayer - US-Richter hat weiter Zweifel am Glyphosat-Vergleich und will Warnhinweis für Roundup
    2 Kommentare zu "Bayer: US-Richter hat weiter Zweifel am Glyphosat-Vergleich und will Warnhinweis für Roundup"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Und Baumann klebt immer noch an seinem Stuhl! Für den Standort Deutschland, für die Corporate Governance in Deutschland, die Mitarbeiter und die Allgemeinheit eine Katastrophe. Ein einmaliger Vorgang: Eine Hauptversammlung verweigert dem Vorstand die Entlastung, d.h. die Eigentümer (=Aktionäre) machen deutlich, dass sie dem Vorstand nicht mehr vertrauen. Aufgrund einer merkwürdigen Bestimmung im AktG stützt der Aufsichtsrat, der ebenfalls bis zur Halskrause in der schon vor der Übernahme absehbaren Katastrophe steckt, den Vorstand!!! Soviel zum Thema Eigentümerinteressen und Ausstrahlungswirkung demokratischer Beschlüsse - die Mehrheit wollte Baumann nicht mehr und der klebt immer weiter an seinem gut dotierten Chefsessel. Die Bilanz der Ära Baumann fällt vernichtend aus: das einstmals wertvollste Unternehmen Deutschlands (gemessen an der Marktkapitalisierung) ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Risiken, die mit der Übernahme von Monsanto eingekauft wurden, potenzieren sich immer weiter und Bayer ist ein Übernahmekandidat. Es war die teuerste, erfolgloseste und desaströse Übernahme in der deutschen Finanzgeschichte. Alles dies war absehbar, es gab Mahner, vielfach Kritik, Hinweise, usw. Aber: Unverdrossen lies sich Baumann mit Schützenhilfe des anderen Werners im Aufsichtsrat (der Monsanto für ein hoch ethisches Unternehmen hält) immer neue PowerPoint Folien malen und sich alles schön rechnen. Warum auch eine anständige Due Diligence machen? Ein einziger Skandal und dies wäre dann tatsächlich mal ein geeignetes Spielfeld für unseren sog. Wirtschaftsminister und die sich stets empörende Politikerkaste. Baumann muss endlich Verantwortung übernehmen oder mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt werden.

    • Marktkapitalisierung nahezu gedrittelt, Cash-Flow wird durch in der Höhe immer noch nicht feststehende Entschädigungsleistungen verbraten, Zahlen werden nach wie vor durch Herausrechnen hoher Sonderfaktoren geschönt und der Aufsichtsrat steht hinter Baumann. Was für eine Bude, welch Versagen von Aufsichtsrat und Vorstand.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%