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Bergbaugigant Norilsk Nickel Der Riese aus der Taiga

Wladimir Potanin gehört der Bergkaukonzern Norilsk Nickel. Dazu besitzt er noch eine Bank, ein Medienhaus und eine Agrarfirma. Beim Abbau von Metallen der Platin-Gruppe ist seine Firma Weltmarktführer. Hinter dem Polarkreis beschäftigt das Unternehmen 60 000 Männer – jeder von ihnen „härter als Stahl“.
Hat mit seinem Konzern US-Größen wie Alcoa abgehängt: Wladimir Potanin. Foto: ap Quelle: ap

Hat mit seinem Konzern US-Größen wie Alcoa abgehängt: Wladimir Potanin. Foto: ap

(Foto: ap)

NORILSK. Am Anfang vom Ende stand die Orgie. Callgirls im mondänen französischen Alpen-Ski-Kurort Courchevel, Festnahme durch die Lyoner Gendarmerie mit Vorwürfen der Zuhälterei, Häme und Schlagzeilen daheim. Der Milliardär Michail Prochorow gab gleich Anfang dieses Jahres auf. Nun verkauft er seinen Anteil am größten russischen Bergbaukonzern, Norilsk Nickel, an seinen Dauerpartner Wladimir Potanin und teilt mit diesem die gemeinsame Moskauer Milliarden-Holding Interros auf. „Ich bin nicht Michails Vater“, kommentierte Oligarch Potanin die Vorgänge und führt nun den Metallgiganten allein.

Weit hinter dem Polarkreis hat sich die Welt durch den Skandal in der Ferne nicht geändert. Schwarze Schwefelschwaden schlucken die rote Sonne, die die Polarnacht der Taiga für wenige Stunden vertreibt. Die nördlichste Großstadt der Welt, Norilsk, der Kessel aus Smog und schwarzem Schnee, versinkt dann hinter langen Nebelwänden um die Schlote und Bergbauhütten. 27 Grad minus zeigt das Thermometer am Morgen, nachts lässt das Quecksilber auch die Grenze von 40 Minusgraden hinter sich.

Nadeschda, Hoffnung, heißt hier nur der Nachbarort. Hier werden bei rot glühenden 1150 Grad Rohmetalle geschmolzen, die dann auf gewaltigen Atom-Eisbrechern zur Verarbeitung auf die Kola-Halbinsel geschafft werden. Beim Gießen der so genannten „Feinstein“-Blöcke werden Staubwolken freigesetzt, die Hustenanfälle auslösen. Norilsk ist mit einem Schwefeldioxid-Ausstoß von zwei Mill. Tonnen pro Jahr eine der schmutzigsten Städte der Erde.

Und erst im Februar 2006 durfte der Bergbauriese GMK Norilsk Nickel (NN) erstmals in seiner Geschichte das lange gehütete sowjetische Staatsgeheimnis lüften: Seine Vorkommen an den zur Waffenherstellung ebenso wie bei der Produktion von Katalysatoren in der Automobilindustrie benötigten Edelmetallen Platin und Palladium. Mit den Mengen der nachgewiesenen und wahrscheinlichen Platin-Reserven (16 Mill. Feinunzen sowie 40 Mill. Feinunzen festgestellter Reserven) und Palladium-Mengen (62 Mill. und 141 Mill. Feinunzen) kann NN nicht nur über 60 Jahre seine heutige Produktion aufrechterhalten. Das Unternehmen ist damit auch der weltgrößte Produzent dieser wichtigen Industrie- und Edelmetalle.

Norilsk Nickel. Kerndaten, Geschäftsjahr zum 31.12.2005 (Quelle: Unternehmensangaben, Bloomberg, Datastream)

Norilsk Nickel. Kerndaten, Geschäftsjahr zum 31.12.2005 (Quelle: Unternehmensangaben, Bloomberg, Datastream)

Doch die Geschichte des Nickel, Kupfer, Platin, Palladium, Gold, Silber, Kobalt, Rhodium und andere seltene Metalle gewinnenden Konzerns kennt nicht nur solche Feiertage. Sondern vor allem Tage so schwarz wie die 370 Kilometer langen Schächte in der Untertage-Grube „Oktober“. 1935 beschloss der Rat der Volkskommissare der UdSSR einen Erlass zur Ausbeutung der seit dem 17. Jahrhundert bekannten Metallvorkommen. Zehntausende Gulag-Häftlinge stampften Gruben und Hütten aus dem Eisboden. Schon vier Jahre später wurden das erste Kupfer und Nickel gefördert. 1989 wurde der „Staatskonzern zur Produktion von Buntmetallen Norilsk Nickel“ daraus. Fünf weitere Jahre später wurde er bei einer zweifelhaften Auktion privatisiert.

215 000 Menschen leben noch hier hinter dem Polarkreis. 60 000 von ihnen finden noch Arbeit beim Nickelriesen; „früher waren es 130 000“, erzählt Bürgermeister Walerij Melnikow. Er war damals Gewerkschaftsboss und konnte sich gegen Druck des Werks als Politiker durchsetzen. Die eisigen und langen Polarwinter und Myriaden von Mücken der sommerlichen Sümpfe haben die Mannschaft gehärtet, „härter als Stahl“, wie der Bürgermeister es nennt. „Unser Schicksal hängt vollständig vom Nickel-Kombinat ab, denn die paar Gasvorkommen hier reichen nicht zur Ansiedlung anderer Industrien“, sagt Melnikow, der dennoch – wie viele – nicht wegwill.

Weg hingegen will die gebürtige Polin Olga Petriga. Weil ihre Familie als Russisch-Orthodoxe den Katholizismus nicht annehmen wollte, musste sie in die sowjetische Ukraine fliehen. Dort aber galten sie als unzuverlässig und wurden in den Ural verbannt. Als Olga später einen Brief an die Freundin schrieb, in dem sie ihr riet, wegen der verheerenden Zustände „nicht zu weinen“, wurde sie wegen antisowjetischer Propaganda in den Norillag-Gulag in Norilsk geschickt.

„Wir gruben zwölf Stunden lang mit Spitzhacken Gräben in den Permafrostboden“, erinnert sich die Frau, die 43 Jahre lang Buchhalterin bei NN war. „Was soll ich noch in Sibirien? Da können Lenin und Stalin hin, die uns Kinder hierher zum Schuften entführt haben“, macht die alte Dame mit den wachen Augen ihrem Ärger Luft: „Warum gibt uns NN nicht einmal Geld für eine Wohnung auf dem Festland? Wir sind doch nur noch so wenige“ – 25 Norillag-Häftlinge sowie 220 weitere frühere Gulag-Überlebende wohnen noch in Norilsk.

Materik, das heimische Festland, nennen die Sibirer die wärmeren Weiten südlich der Taiga. In der Kälte hingegen erfolgte nach der Übernahme des Metallriesen durch Moskauer Magnaten ein Weltenwandel: Zwar ist Norilsk noch immer eine der größten Dreckschleudern der Welt. Aber die rasant wachsenden Gewinne – auch infolge stark gestiegener Preise der Industriemetalle – ermöglichen nicht nur die weitere Expansion des Unternehmens, sondern auch Investitionen in Modernisierungs- und Umweltschutz-Programme.

Vor allem aber gibt es jetzt Milliarden für den schnellen Sprung von NN ins Ausland: In den USA wurden bereits Stillwater Mining, der größte US-Nickelproduzent, übernommen und Anteile am Wasserstoff-Energiekonzern Plug Power gekauft. Ein Fünftel der Aktien des südafrikanischen Edelmetallriesen Goldfields kam 2004 hinzu. Diese wurden inzwischen zusammen mit den russischen Goldgruben von NN als Polyus Zoloto an die Börse gebracht.

Dass Wladimir Potanin bei der Trennung von Geschäftspartner Michail Prochorow nach dessen Alpen-Skandal aus dem gemeinsamen Firmenimperium Interros ausgerechnet NN für sich gesichert hat, bejubeln Analysten: Sie sehen noch mehr Wachstum für den Rohstoff-Riesen in der kalten Heimat und im Westen. NN hat bereits weitere „strategische Zukäufe“, „strategische Allianzen“ und „die Suche nach neuen Vorkommen von Weltklasse in Russland und im Ausland“ angekündigt.

Denn NN hat als seine Mission die „führende Rolle bei Bergbau und Metallurgie in der Welt“ auserkoren. Und in anderen Bereichen, wie etwa der Aluminium-Industrie, hat Russland mit dem RusAl-Konzern des Oligarchen Oleg Deripaska längst die Weltmarktführerschaft übernommen und US-Größen wie Alcoa abgehängt.

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