Berthold Huber Ein Gewerkschafter führt jetzt Volkswagen

Der spektakuläre Rücktritt von VW-Patriarch Ferdinand Piëch als Aufsichtsratschef des Autokonzerns rückt Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber ins Rampenlicht. Er wird jetzt die Hauptversammlung des Konzerns leiten.
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Der frühere IG-Metall-Chef übernimmt das Amt des Volkswagen-Aufsichtsratschef Piëch kommissarisch. Quelle: dpa
Berthold Huber

Der frühere IG-Metall-Chef übernimmt das Amt des Volkswagen-Aufsichtsratschef Piëch kommissarisch.

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DüsseldorfDas Verhältnis zwischen Volkswagen und Gewerkschaften ist traditionell gut - zuweilen zu gut. Die Vier-Tage-Woche schuf das Unternehmen gemeinsam mit der IG Metall, der Betrieb hat einen großzügigen Haustarifvertrag und das Miteinander war einst so gut, dass eine riesige Affäre rund um Lustreisen des Betriebsrats auf Firmenkosten die Schlagzeilen beherrschte.

Mit dem spektakulären Rücktritt von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch am Samstagabend erreicht die Kooperation einen neuen Höhepunkt. Berthold Huber, bis November 2013 Chef der größten Industriegewerkschaft IG Metall, wird kommissarisch den Aufsichtsrat führen. Das bedeutet unter anderem, dass der 65-Jährige die Hauptversammlung von Volkswagen am 5. Mai leiten wird.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil - selbst Aufsichtsratsmitglied, da Niedersachsen 20 Prozent der VW-Anteile hält - bauchpinselte Huber am Samstagabend. „Es war der Wunsch der Anteilseigner, dass Berthold Huber nun zunächst kommissarisch die Führung der Geschäfte des Aufsichtsratsvorsitzenden übernimmt. Er hat dabei die ausdrückliche Unterstützung der Anteilseigner“, so Weil in einer Stellungnahme zu dem Führungsumbau bei Volkswagen.

Huber ist stellvertretender Aufsichtsratschef und damit der natürliche Kandidat, um temporär das Gremium zu leiten. Aber nach der erfolglosen Attacke Piëchs auf VW-Vorstandschef Martin Winterkorn („Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“) und dem jetzigen abrupten Abgang Piëchs ist es dennoch ein wohl einmaliges Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Ein Gewerkschafter wird das Aktionärstreffen eines der größten Konzerne des Landes verantworten.

Piëchs Top- und Flop-Modelle
Porsche Typ 356 2 (Gmünd) Coupé 1948
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Im Wagen: Ferry Porsche; Kinder v.l.n.r.: Ferdinand Piëch, Sohn von Ghislaine Kaes (nicht sicher, ob Edwin oder Phillipp), und Michel Piëch. Über den gelernten Maschinenbau-Ingenieur und Enkel des legendären Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche hört man oft, er habe „Benzin im Blut“. Die Leidenschaft des Autonarren und Technikfreaks erschöpfte sich indes nicht nur in Fantasien. Piëch bewies immer wieder Stehvermögen, konnte seine Ideen trotz Gegenwinds langfristig durchboxen und den Spieß gegenüber Gegnern und Kritikern umdrehen ...

Benzin im Blut - VW-Patriarch Ferdinand Piëch
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Vorstandsmitglied (Technische Entwicklung) Ferdinand Piëch steht auf diesem Archivbild von 1982 neben einem Audi 100. Am 17. April 1937 wurde der VW-Aufsichtsratsvorsitzende in Wien geboren. Er gilt als leidenschaftlicher Auto- und Technikfreak. Neun Jahre lang - von 1993 bis 2002 - stand er an der Spitze des Wolfsburger Autobauers Volkswagen, danach wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrates. "Autos bauen", nannte er einmal als sein größtes Hobby. Das hat der Österreicher fast sein ganzes Leben lang getan: erst bei Porsche und Audi, dann bei VW ...

Ferdinand Piech
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Ferdinand Piech mit dem Porsche Bergspyder 909 aus dem Jahr 1968. „Burli“, wie er genannt wurde, wuchs mit Autos auf: Sein Vater leitete in der NS-Zeit das Werk in Wolfsburg, das von Käfer- auf Kriegsproduktion umgestellt wurde. Großvater und Onkel Ferry konstruierten nur wenige Jahre nach Kriegsende die ersten Sportwagen, auf VW-Basis. Mutter Louise übernahm den VW-Import nach Österreich. So war es kein Wunder, dass Autos auch das Berufsleben von Piech bestimmten ...

Gulf Porsche 917
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In Zürich studierte Piech Technik an der ETH, schloss mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren 1962 ab und ging zu Porsche in die Versuchsabteilung. Piech machte Blitzkarriere: nach vier Jahren Abteilungsleiter und weitere fünf Jahre danach technischer Geschäftsführer. Piech ist technikbesessen, er baute etwa die Rennmaschine Porsche 917 ...

Porsche 917
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Der Porsche 917, hier beim Einsatz im 24-Stunden-Klassiker von Le Mans im Jahr 1971, war ein riesiger Imageerfolg für die Sportwagenschmiede. Das extrem schwer beherrschbare und leichtgewichtige PS-Monster spielte praktisch mit der Konkurrenz in den Rennsaisons 1970 und 1971. 14 Rennnsiege wurden allein in diesen beiden Jahren verbucht.

Ferdinand Piech
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1972 musste Piech Porsche verlassen, weil die Familien Porsche und Piech nach Querelen beschlossen, kein Familienmitglied dürfe mehr bei dem Sportwagenbauer arbeiten. Der Techniker wechselte in den VW-Konzern, zu Audi. Der Aufsichtsrat der Audi NSU Auto Union AG ernennt ihn im Sommer 1975 zum Vorstandsmitglied für den Geschäftsbereich Technische Entwicklung.

Bei Audi in Ingolstadt
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Auch bei Audi setzt Piech seine Ideen durch: Allradantrieb, TDI-Motor, rostfreie Karosserie. Piech machte Audi zu einer Perle im VW-Konzern, 1988 wurde er Chef in Ingolstadt. Am 9. Januar 1990 präsentiert er im Werk Ingolstadt den Jubiläumswagen, einen Quattro. Seit Anlauf der Produktion im Jahr 1965 wurden in dem Werk sieben Millionen Autos der Marke Audi produziert ...

Mit Krisen kennt sich Huber aber aus. Seine sechsjährige Amtszeit als Gewerkschaftschef endete vor anderthalb Jahren. Er stand der IG Metall also vor, als die Finanzkrise 2009 in einen konjunkturellen Absturz mündete und IG-Metall-Betriebe im ganzen Land besonders heftig betroffen waren. Kurzarbeit sicherte im großen Maßstab Arbeitsplätze. Und Huber zog einen weiteren Trumpf aus dem Ärmel: die Abwrackprämie.

Der Bund zahlte 2009 bei der Verschrottung von Altfahrzeugen eine Prämie in Höhe von 2500 Euro, die Förderung gilt als Hubers Idee. So sollten der Autoabsatz im Inland gestützt und Arbeitsplätze gerettet werden. Der Absatz von 400.000 neuen VW-Fahrzeugen wurde damit gefördert. Huber gilt auch als einer der Väter des „Pforzheimer Abkommen“, das bereits seit 2004 die Flächentarifverträge flexibler macht, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten geraten ist.

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