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Beschaffungsstrategien Wie die Krise die globale Arbeitsteilung verändert

Nach den Corona-Erfahrungen wollen Unternehmen ihre Lieferketten robuster machen. Die Geschäfte werden stärker ins Lokale verlagert, auch zulasten der Rentabilität.
06.07.2020 - 04:29 Uhr Kommentieren
Corona hat gezeigt, dass globale Vernetzung riskant sein kann. Quelle: Lanxess
Chemikerin von Lanxess in China

Corona hat gezeigt, dass globale Vernetzung riskant sein kann.

(Foto: Lanxess)

Düsseldorf, Stuttgart Die Coronakrise wird die alte Welt der global vernetzten Wertschöpfung verändern, davon ist Oliver Hermes überzeugt. Der CEO der Dortmunder Wilo SE zieht Lehren aus der Pandemie: Er will den Weltmarktführer für Pumpensysteme robuster machen für derartige Schocks, damit der Konzern seine Unabhängigkeit sichern kann.

Das betrifft vor allem die Produktions- und Lieferketten des in 50 Ländern tätigen Unternehmens. Wilo möchte wichtige Teile wieder selbst produzieren, statt sie einzukaufen. Höhere Lagerbestände sollen vorgehalten werden, eine Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten solle es nicht mehr geben.

CEO Hermes will die wichtigen Lieferketten und Produktionsprozesse künftig stärker regional organisieren, in den drei Zentren Europa, Asien und USA. „Dies wird zu mehr Resilienz führen, die sicherlich aber auch zulasten der Profitabilität und Rentabilität gehen wird“, erläutert er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

So wie Hermes stehen viele Manager vor der Frage, wie das Netz der in aller Welt verteilten Standorte und Zulieferer für ihr Unternehmen künftig aussehen soll. Der Lockdown wegen Corona hat ihnen deutlich gemacht, dass das Beschaffungssystem anfällig ist. Sie sehen die Risiken, die sich aus dem komplexen Zusammenspiel von Lieferanten, Sublieferanten und Fertigungsstandorten ergeben.

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Standort erkennen

    Mit den Corona-Erfahrungen wollen viele Unternehmen ihre Lieferketten neu aufstellen und enger beaufsichtigen. Rund 40 Prozent der börsennotierten deutschen Firmen haben dies auf ihrer Agenda, wie eine dem Handelsblatt vorliegende Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC unter Finanzvorständen zeigt.

    Das Thema ist nicht nur in den Unternehmen akut, sondern auch in der Politik. US-Präsident Donald Trump ist erklärter Gegner einer auf der ganzen Welt verteilten Produktion von Waren, er hält das System der globalen Arbeitsteilung für „dumm“. Seine Vorstellung ist klar: Alle Wertschöpfungsketten sollten komplett in die USA verlagert werden.

    Dass die Globalisierung aber tatsächlich zurückgedreht wird und die Firmen ihre gesamten Lieferketten wieder in ihre Heimat verlagern werden, ist allerdings kaum zu erwarten. In vielen Märkten wie etwa Gesundheit und Elektronik ist eine solche Verlagerung von Asien zurück nach Europa und in die USA kaum möglich – zu sehr sind die Firmen auf die Belieferung aus Asien angewiesen.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt bereits vor einer wirtschaftlichen Abschottung in der Coronakrise. „Die Antwort auf die Pandemie kann mit Sicherheit nicht sein, alle internationalen Lieferketten jetzt zu renationalisieren“, sagte sie. „Dann würden alle einen sehr hohen Preis zahlen.“

    Das sehen die Manager genauso. Das Rückholen ganzer Produktions- und Lieferketten nach Deutschland ist schon aus Kostengründen nicht möglich oder erwünscht. Doch es wird Veränderungen geben. Nicht nur Wilo-Chef Hermes erwartet eine stärkere Regionalisierung in Form von lokal aufgestellten Produktions- und Einkaufsverbünden. Das Interesse daran zeigt sich in vielen Branchen.

    Fokus auf Robustheit und Transparenz

    Während der Corona-Pandemie beobachtete etwa der Spezialchemiekonzern Lanxess, dass europäische Firmen, die bisher bei chinesischen oder indischen Anbietern gekauft haben, nach Lieferanten in Europa Ausschau halten. In der PwC-Umfrage zeigte sich, dass fast 60 Prozent der Unternehmen nach alternativen Beschaffungsquellen suchen.

    Damit wollen sie Problemen in den globalen Lieferketten vorbeugen. Für den Kölner Managementforscher und Supply-Chain-Experten Robert Fieten kehrt die alte Einkäuferregel zurück, nach der man zu einem Lieferanten stets zwei Alternativen in petto haben sollte. Er geht davon aus, dass die Corona-Erfahrungen zu einem Paradigmenwechsel führen: „Die Geiz-ist-geil-Mentalität in der Beschaffung nimmt ein abruptes Ende.“

    In den vergangenen Jahren haben viele Firmen ihre Lieferketten vor allem aus Kostensicht optimiert: egal woher – Hauptsache, billig. Fieten nennt dies eine „typische Schönwetterstrategie“ in einer Boomphase.

    Jetzt gehe es darum, die Lieferkette robuster und transparenter zu machen: Die Firmen brauchen aus seiner Sicht ein stärkeres Risikomanagement, mit dem sie Probleme bei Zulieferern und in Logistikketten frühzeitig erkennen.

    An das Ende der Globalisierung glaubt kein Manager, allerdings erwarten viele eine Neudefinition der globalen Arbeitsteilung. Und daran ist nicht nur Corona schuld. „Die weltumspannenden Lieferketten in der chemischen Industrie sind in den letzten Jahren anfälliger geworden, etwa durch den steigenden Protektionismus oder durch Handelskonflikte“, sagt Lanxess-Chef Matthias Zachert.

    Der Vorstandsvorsitzende erwartet, dass die Pandemie Firmen zwingt, innerhalb der Supply Chain eine Balance zwischen Kostenoptimierung, Sicherheit und auch Ökologie zu erreichen. Lanxess hat früh damit begonnen, die Lieferketten krisenfester zu machen, etwa durch die Beschaffung strategisch wichtiger Rohstoffe von unterschiedlichen Lieferanten. Das hat sich in der Krise ausgezahlt.

    Mit Multi-Sourcing alternative Lieferanten vorhalten

    Ähnlich sieht es beim Bosch-Konzern aus, der in Normalzeiten auf eine Belieferung mit mehr als 300 Millionen Teilen kommt. Die Produktion konnte zwar aufrechterhalten werden, dennoch wird die Stuttgarter Technologiegruppe Konsequenzen aus den Corona-Erfahrungen ziehen.

    Absehbar ist, dass Bosch seine grundsätzliche Strategie im Produktions- und Liefernetzwerk noch verstärken wird. Ein Erfolgsfaktor sei das „Local-for-local“-Prinzip, heißt es bei dem Konzern. Es wird dort gefertigt, wo die Kunden sind. Damit greift Bosch auch überwiegend auf regionale Lieferquellen zurück.

    Derart verkürzte Lieferketten sollen das gesamte System weniger anfällig machen. Dafür soll auch eine verstärkte Mehrlieferantenstrategie sorgen, mit der Bosch frühzeitig auf alternative Lieferquellen ausweichen kann. Auch der Autozulieferer ZF setzt auf das sogenannte Multi-Sourcing. „Wir werden zukünftig noch intensiver daran arbeiten, alternative Lieferanten vorzuhalten und auch selbst nicht nur aus einer Region zu liefern“, sagt ZF-Vorstand Wilhelm Rehm.

    So wie ZF setzt auch der Antriebsspezialist Mahle auf lokale Lieferketten. „Wir haben bereits heute eine hohe Lokalisierungsquote: Wir sind dort, wo unsere Kunden und Märkte sind“, erläutert Vorstandschef Jörg Stratmann. „Sicherlich werden wir aber regionale Aspekte bei der Lieferantensuche und -auswahl künftig noch stärker in Betracht ziehen, um unsere Lieferketten weiter zu optimieren.“

    Erkennbar ist, dass die Unternehmen in das Monitoring und in das Risikomanagement ihrer Lieferketten investieren werden. 55 Prozent der Finanzchefs in der PwC-Umfrage gaben an, die finanzielle und operative Situation der Lieferanten künftig engmaschig zu überwachen.

    Dafür wird neue Digitaltechnik nötig sein. „Wir werden einen Technologieschub im Lieferketten-Management sehen“, erwartet PwC-Deutschlandchef Ulrich Störk. Anbieter wie IBM und Siemens rüsten sich bereits für dieses Geschäft.

    Mehr: Wilo-Chef Oliver Hermes: „Corona zeigt schmerzhaft die Schwächen der Lieferketten“.

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