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Bilanzakrobatik Wie Unternehmen tricksen, um ihren Gewinn aufzublähen

Immer mehr Unternehmen frisieren mit Sondereffekten ihre Gewinne. Dadurch steigt manch ein Jahresgewinn um 3,9 Milliarden Euro.
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Wie Unternehmen tricksen, um ihren Gewinn aufzublähen Quelle: imago/Ikon Images
Die Bilanz-Akrobaten

Im Schnitt erhöhte jedes Unternehmen pro Geschäftsjahr seinen Nettogewinn um 483 Millionen Euro.

(Foto: imago/Ikon Images)

Düsseldorf Als der Markenriese Beiersdorf seine Halbjahresergebnisse präsentierte, blickten Aktionäre und Analysten in der Kurzpräsentation auf viele Sterne. Abgesehen vom Umsatz, der im ersten Halbjahr um sechs Prozent stieg, sind in den „Key Figures“ alle übrigen Kennziffern mit einem hochgestellten Sternchen versehen.

Die Auflösung im Kleingedruckten lautet: bereinigt und angepasst. Das gilt für den Gewinn nach Steuern und vier weitere Schlüsselkennzahlen. Der Hamburger Dax-Konzern liegt im Trend: Für ihre Erträge, Gewinne und die Profitabilität präsentieren die Unternehmen gerne Kennzahlen, die sie um Sonderfaktoren bereinigen.

„Bereinigt“ heißt, dass die Unternehmen Kosten herausrechnen: Sondereffekte, denen die Finanz- und Konzernchefs eine Einmaligkeit oder Unvorhersehbarkeit unterstellen.

Ein Blick in die Geschäftsberichte offenbart allerdings, dass die von Beiersdorf bemühten Sondereffekte nicht die Ausnahme sind, sondern häufig, oft sogar regelmäßig und auffällig üppig ausfallen. Zwischen 2008 und 2018 haben 17 der 30 Dax-Konzerne 104-mal ihr Ergebnis je Aktie angepasst.

Im Schnitt erhöhte damit jedes Unternehmen pro Geschäftsjahr seinen Nettogewinn um 483 Millionen Euro. Entsprechende Berechnungen des Vermögensverwalters Flossbach von Storch liegen dem Handelsblatt exklusiv vor.

In vier von fünf Fällen (82 Prozent) fiel das angepasste Ergebnis höher als das offizielle aus – im Schnitt betrug das Plus ein Drittel. „Das legt den Verdacht nahe, dass es darum geht, den Gewinn höher aussehen zu lassen“, urteilt Studienautor Philipp Immenkötter.

Grafik

Und dieser Trend wird immer stärker: Zwischen 2008 und 2018 hat sich die jährliche Anzahl der Anpassungen mehr als verdoppelt. Während 2008 nur fünf Unternehmen ihr Ergebnis bereinigten, waren es 2012 bereits zehn, 2015 zwölf und im vergangenen Geschäftsjahr sogar 13.

Beim Pharmakonzern Bayer fällt die Anpassung nach oben 2018 mit 3,9 Milliarden Euro am höchsten aus. Im ersten Halbjahr 2019 kamen weitere 2,5 Milliarden Euro hinzu.

Jedes Jahr Restrukturierungskosten

Es geht dabei nicht um Betrügereien und Bilanzfälschungen, sondern ums Schönrechnen und Irreführen. Alle Unternehmen bilanzieren nach der international gültigen Rechnungslegung IFRS.

Aber oftmals fassen die Unternehmen in herausgehobenen Kurzmitteilungen, Tabellen und Zusammenfassungen ihre Kernergebnisse zusammen – und heben dort die bereinigten Gewinne hervor.

„Bayer operativ auf Kurs“, betitelte der Pharmakonzern seinen Bericht zum zweiten Quartal 2019. Bayer stellt dabei seinen währungs- und portfoliobereinigten Konzernumsatz vor Sondereinflüssen ebenso in den Vordergrund wie das bereinigte Ergebnis je Aktie.

Erst fast am Ende der Präsentation taucht mit dem Ergebnis die erste nicht bereinigte Kennzahl auf. Weitere, nicht um Sondereffekte bereinigte Zahlen finden sich erst in der detaillierteren Aufstellung – nicht im mehrseitigen Überblick.

Was für die Quartalsberichte gilt, setzt sich bei den Jahresabschlüssen fort. Am häufigsten bemühen die Konzerne Restrukturierungsmaßnahmen als Sondereffekte. Das sind Umstrukturierungen innerhalb des Konzerns.

So fallen bei Bayer seit 2008 in jedem Jahr Restrukturierungskosten an, die das Unternehmen stets als Sonderfall betrachtet. In seinen Geschäftsberichten schreibt Bayer von „Sondereinflüssen“. Auf diese Weise fällt am Ende das bereinigte Ergebnis je Aktie Jahr für Jahr höher aus als das tatsächliche (siehe Grafik).

Tatsächlich sind Restrukturierungen regelmäßig notwendig, weil Unternehmen wachsen und sich technisch verändern. Die daraus entstehenden Kosten sind also keinesfalls einmalig. Ohne Restrukturierung wäre es gar nicht möglich, ein Unternehmen fortzuentwickeln und die Profitabilität zu halten.

Damit konfrontiert, verweist Bayer auf eine bessere Vergleichbarkeit im Zeitablauf. Die Bereinigung des Ergebnisses, sagt ein Konzernsprecher, „orientiert sich auch an Kriterien, die in der Branche üblich oder von externen Analysten vorgegeben sind“.

Immerhin, in seinen Investorenpräsentationen zu den Quartalszahlen veröffentlicht Bayer stets beide Kennzahlen: das Ergebnis je Aktie und das bereinigte Ergebnis je Aktie.

Im Übrigen verweist der Pharmakonzern auf seine testierte Bilanz: „Die kritische Auseinandersetzung mit der Ermittlung von um Sondereinflüsse bereinigten Kennzahlen ist auch ein relevanter Prüfungssachverhalt und wurde daher von unserem Abschlussprüfer als besonders wichtig herausgestellt und entsprechend geprüft.“

Verzerrte Darstellung der Profitabilität
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