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Biomedizin Europa verschenkt Chancen in der Covid-Forschung

Forschungszentren in Europa können ihre Stärken gegenüber der Konkurrenz in den USA und China nicht voll ausspielen. Das bestätigt sich nun auch in der Covid-19-Forschung.
11.09.2020 - 03:56 Uhr Kommentieren
Ein Mann schaut sich in einem Labor von Curevac einen Träger mit Bakterien an, aus denen DNA und anschließend RNA gewonnen wird. Deutsche Unternehmen sind bei der Suche nach einem Impfstoff vorn dabei, insgesamt hinkt die Forschung in Europa aber hinterher. Quelle: dpa
Laborarbeiten bei Curevac

Ein Mann schaut sich in einem Labor von Curevac einen Träger mit Bakterien an, aus denen DNA und anschließend RNA gewonnen wird. Deutsche Unternehmen sind bei der Suche nach einem Impfstoff vorn dabei, insgesamt hinkt die Forschung in Europa aber hinterher.

(Foto: dpa)

Frankfurt Im Kampf gegen die Corona-Pandemie sind europäische Wissenschaftler und Unternehmen durchaus prominent vertreten. Die deutschen Biotechfirmen Biontech und Curevac sowie die britische Oxford University und ihr Partner Astra-Zeneca etwa zählen zu den führenden Impfstoffentwicklern.

Dennoch offenbart die Forschung im Bereich Sars-CoV-2 auch strukturelle Schwächen in der europäischen Forschungslandschaft. Sie ist vergleichsweise stark fragmentiert und innerhalb Europas nur schwach vernetzt. Das gilt insbesondere für die Wissenschaftszentren auf dem Kontinent.

Darauf jedenfalls deutet eine Analyse, die das Wiener FAS Institut im Auftrag des amerikanischen Pharmakonzerns Pfizer erarbeitet hat. Experten des auf Netzwerk-Analysen spezialisierten Instituts haben dazu mehr als 11.000 wissenschaftliche Artikel von fast 65.000 Autoren ausgewertet, die sich mit Covid-19 beschäftigen und bis Anfang August publiziert wurden.

Die Analyse zeigt ein zwiespältiges Bild: Europäische Forscher und Institute sind in dem Forschungsfeld durchaus stark vertreten. Was die Zahl der Publikationen angeht, liegen amerikanische und chinesische Autoren zwar klar vorn. Aber auf Platz drei und vier folgen bereits Beiträge aus Italien und Großbritannien. Unter den führenden zehn Forschungsnationen im Bereich Covid sind ferner Spanien, Frankreich sowie auf Position neun auch Deutschland vertreten.

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    Zugleich spielen auch europäische und deutsche Forscher zum Teil prominente Rollen in der öffentlichen Debatte. Den Berliner Virologen Christian Drosten etwa sehen die Autoren der Studie weltweit als zweitstärksten Wissenschaftler im Bereich Covid-19.


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    Zugleich zeigt die Analyse der Kooperationsnetzwerke aber auch, dass die Forscher jeweils relativ einseitig auf die Zusammenarbeit mit den USA und mit britischen Institutionen ausgerichtet sind. Das FAS-Institut leitet das aus der Analyse von Publikationen ab, an denen Autoren aus verschiedenen Ländern beteiligt sind. Die mit Abstand größte Zahl von gemeinsamen Forschungspublikationen haben amerikanische und chinesische Forscher veröffentlicht, gefolgt von Co-Publikationen von amerikanischen und britischen Autoren. Die erste innereuropäische Kombination, zwischen Italien und Großbritannien, folgt erst auf Position fünf. Und kontinentaleuropäische Forschungsallianzen, etwa zwischen französischen und italienischen Wissenschaftlern, sind noch wesentlich seltener.

    Europa könnte eine wesentlich stärkere Rolle spielen

    Großbritannien nimmt dabei aus Sicht der FAS-Analysten eine relativ starke Rolle als Mittler oder „Broker“ in den Forschungsbeziehungen ein. Die innereuropäische Zusammenarbeit dagegen, etwa zwischen deutschen und italienischen Zentren, ist nur schwach ausgeprägt. Gleiches gilt auch für die Kooperation der Europäer mit China.

    Diese Konstellation schwächt die Forschungslandschaft indirekt und trägt aus Sicht von FAS-Chef Harald Katzmair mit zu einem gewissen Rückstand Europas in der Medizinforschung bei, und vor allem auch bei deren Umsetzung in Produkte. „Wissen und Ressourcen fließen ab, Abhängigkeiten entstehen, Resilienz geht verloren“, urteilt Katzmair. Die USA haben nach seiner Einschätzung auch deshalb eine führende Rolle in der Covid-Forschung eingenommen, weil sie in robuste und besonders vielfältige Wissenschaftsnetzwerke eingebunden sind.

    Die Spitzenforschungszentren innerhalb der Europäischen Union bildeten dagegen untereinander kein belastbares Netzwerk zum Austausch, sondern seien weit voneinander entfernt. Der bevorstehende Brexit, warnt Katzmair könnte diese Situation noch verschärfen.

    Die Analyse im Bereich Covid zeigt in dieser Hinsicht ein ähnliches Bild wie eine vergleichbare Studie, die FAS für Pfizer bereits mit Blick auf die Onkologieforschung erstellt hatte. Das überrascht insofern, als mehrere europäische Länder wie Italien, Frankreich und Großbritannien besonders stark und vergleichsweise früh von der Pandemie erfasst wurden.

    „Es braucht mehr Investitionen“

    Dass trotzdem die wissenschaftliche Kooperation untereinander und auch mit dem Ursprungsland China relativ schwach ausgeprägt ist, führt Katzmair vor allem darauf zurück, dass sich Forscher in erster Linie auf etablierte Forschungsstrukturen verlassen. „Um in Krisenzeiten schnell neue Verbindungen aufzubauen, dazu sind die Hürden zu hoch.“

    Der Blick auf die Schwächen in den Forschungsnetzwerken zeigt nach Einschätzung der Experten indessen auch das Potenzial zur Verbesserung. Europa könne eine wesentlich stärkere Rolle in der globalen Medizinforschung spielen, wenn es gelänge, die Investitionen in dem Bereich auszubauen und die Forschung sowie die Gesundheitsmärkte stärker zusammenzuführen, betonte Pfizer-Deutschlandchef Peter Albiez.

    Dies sei letztlich auch eine Chance und Aufgabe für die deutsche Ratspräsidentschaft in der EU. „Es braucht mehr Investitionen und eine systematische Integration hin zu einem einheitlicheren Gesundheitsmarkt, der robuste Strukturen und mehr Gesundheit für alle EU-Bürger bietet.“

    Deutsche Forschungszentren und Unternehmen verfügen aus seiner Sicht im Prinzip auch über die Grundlagen, künftig eine stärkere Rolle in Europa als Vermittler zu den Forschungsnetzwerken in anderen Regionen zu übernehmen – und damit die Lücke auszufüllen, die Großbritannien mit dem Brexit womöglich hinterlasse.

    Mit Biontech und Curevac gibt es führende Impfstoffentwickler

    Nicht zuletzt die Tatsache, dass mit den Biotechfirmen Biontech und Curevac gleich zwei der führenden Entwickler von mRNA-basierten Impfstoffen aus Deutschland kommen, zeige die Leistungsfähigkeit der deutschen Forschung. „Wenn wir das ausbauen und weiter vorantreiben, ergibt sich viel Potenzial für Deutschland und Europa, bei den führenden Technologien mit vorn dabei zu sein.“

    Pfizer ist Partner von Biontech bei der Entwicklung des Covid-Impfstoffs BNT162 und will das Produkt gemeinsam mit dem Mainzer Unternehmen produzieren und vertreiben.

    Auch mit Blick auf Europa insgesamt zeigt die Situation im Bereich der Covid-Impfstoff- und Medikamentenforschung, dass die Region im Prinzip über Potenzial verfügt. Gemessen an der Zahl und dem Entwicklungsstand der diversen Impfstoffprojekte bewegen sich die europäischen Länder in Summe in etwa auf dem Niveau von USA und China. Neben den Projekten von Curevac und Biontech gehören dazu etwa auch die Produktkandidaten von Astra-Zeneca, auch wenn es hier zuletzt einen Rückschlag gab, und Sanofi sowie eine Reihe weiterer kleinerer Projekte.

    Zudem lieferten europäische Studien eine Reihe wichtiger Resultate mit Blick auf mögliche Covid-19-Therapien. Dazu gehört etwa die von der Oxford University koordinierte Recovery-Studie. Sie zeigte zum Beispiel die vorteilhafte Wirkung des Cortisonwirkstoffs Dexamethason und lieferte damit einen der bisher wichtigsten Fortschritte für die Behandlung schwer kranker Covid-Patienten. Die Analyse von FAS und Pfizer legt indessen den Schluss nahe, dass die Unternehmen und Forschungsinstitutionen bei stärkerer Vernetzung womöglich noch mehr leisten könnten.

    Mehr: Dietmar Hopp will mit Curevac „Rennen um besten Impfstoff gewinnen“

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