Biontech & Co.: Deutsche Biotech-Firmen sammeln deutlich weniger Kapital ein
Die deutsche Biotech-Branche hat im vergangenen Jahr deutlich weniger Risikokapital eingesammelt.
Foto: imago images/Westend61Frankfurt. Nach Rekordwerten in den ersten beiden Jahren der Coronapandemie haben die deutschen Biotech-Unternehmen 2022 deutlich weniger Kapital eingesammelt. Insgesamt flossen 921 Millionen Euro frisches Geld in die Branche, rund 60 Prozent weniger als im Jahr zuvor, wie der Branchenverband Bio Deutschland am Mittwoch mitteilte.
Das liegt zum einen an einem Sondereffekt der Coronapandemie. Die beiden deutschen Impfstoffentwickler Biontech und Curevac haben 2020 und 2021 mit zusammen mehr als zwei Milliarden Euro einen Großteil des Kapitals erhalten. Zum anderen haben die Impfstofferfolge Investitionen in Biotech-Unternehmen 2021 noch kräftig Aufwind gegeben.
Doch die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, Energiekrise, Inflation und wirtschaftliche Unsicherheiten haben auch der Branche einen kräftigen Dämpfer verpasst: Die Bewertungen der wichtigsten deutschen Biotech-Unternehmen gingen am Aktienmarkt deutlich zurück: Der Börsenwert von Biontech ist seit Jahresende 2021 um rund 37 Prozent gesunken, der von Curevac um knapp 71 und von Evotec knapp 58 Prozent.
Ausblick der Biotech-Branche auf 2023 fällt düster aus
„Die Stimmung in der Branche ist deutlich pessimistischer als in den Vorjahren“, sagt Bio-Deutschland-Geschäftsführerin Viola Bronsema. In der jährlich durchgeführten Trendumfrage bezeichneten nur 40 Prozent der befragten Führungskräfte der Biotech-Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als gut, 2021 waren es noch 64 Prozent. Mehr als die Hälfte gab an, die Energiekrise habe negative Auswirkungen auf ihre Geschäftslage.
Auch der Ausblick auf das laufende Jahr fällt düster aus, sogar schlechter als während der Finanzkrise 2008. Nur 26 Prozent der Unternehmen erwarten eine Verbesserung.
Während die Unternehmenslenker das politische Klima für die Branche in den letzten zwei Jahren noch als ausgesprochen positiv einschätzten, sank dieser Indexwert nun wieder auf ein Niveau wie vor der Pandemie. „Es besteht der Eindruck, dass bei Politikerinnen und Politikern die Rolle der innovativen Biotech-Firmen allzu schnell wieder in Vergessenheit gerät“, sagt Bronsema. „Das ist fahrlässig, auch und gerade im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen.“
Die Branche hatte 2021 in Deutschland rund 26 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Die mehr als 770 Unternehmen beschäftigen knapp 45.000 Mitarbeiter. Um die Branche zu stärken, habe die Bundesregierung einige vielversprechende Maßnahmen wie Start-up-Strategie, Zukunftsstrategie oder Zukunftsfonds auf den Weg gebracht, sagt Oliver Schacht, Vorstandschef des Verbandes. „Hier kommt es jetzt aufs Tempo und die tatsächliche Umsetzung an.“
Mit dem Rückgang der Kapitalzuflüsse steht Deutschland nicht alleine da. 2022 hat auch bei US-Firmen deutliche Spuren hinterlassen. Allerdings wird hier immer noch in weitaus größerem Maße investiert. Das Wagniskapital für Biotech-Unternehmen, die Medikamente entwickeln, reduzierte sich 2022 um mehr als die Hälfte auf 11,4 Milliarden Dollar, zeigen Zahlen des US-Branchenverbandes.
Börsengänge in dieser Kategorie gingen von 80 auf 14 zurück. Dabei sammelten die Firmen mit insgesamt 1,2 Milliarden Dollar nur etwa ein Zehntel des Wertes von 2021 ein.
Deutsche Firmen wagten sich 2022 nicht an die Börse
Aus Deutschland hat im vergangenen Jahr kein Biotech-Unternehmen den Gang an die Börse gewagt. 2021 waren es immerhin noch drei Firmen gewesen. Bevorzugter Platz für die Erstnotierung ist dabei längst die US-Technologiebörse Nasdaq. In den USA sitzen die Experten der Biotech-Szene, und die Firmen können dort in der Regel eine höhere Bewertung erzielen.
Die eingeworbenen Mittel in Deutschland entfallen etwa jeweils zur Hälfte auf private und börsennotierte Unternehmen. Trotz des Rückgangs der Kapitalzuflüsse blickt Olivier Litzka, Partner der Life-Science-Fondsgesellschaft Andera Partners, aber weiterhin zuversichtlich auf die Branche. Diese stehe zwar nicht mehr im Rampenlicht wie während der Pandemie. „Aber es gibt weiterhin viele vielversprechende Unternehmen und Produktentwicklungen in Deutschland“, sagt Litzka dem Handelsblatt.
Die Finanzierung sei zwar wieder auf der Höhe vor der Pandemie angekommen. „Das war aber kein schlechtes Niveau. Und der Trend insgesamt zeigt über die Jahre noch oben“, erklärt der Branchenexperte.
Andera Partners hatte sich im vergangenen Jahr an einer der drei größten Biotech-Finanzierungsrunden in Deutschland beteiligt: Der Krebsspezialist Tubulis sammelte im Mai 60 Millionen Euro ein. Die Firma entwickelt sogenannte Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC), mit denen gezielt Tumore angegriffen werden sollen. Dabei sorgen die Antikörper dafür, dass das Chemotherapeutikum, also das Zellgift, direkt zum Tumor gebracht wird.
Tubulis, Catalym, Resolve: Die größten Biotech-Finanzierungen 2022
Das geht idealerweise mit weniger Nebenwirkungen einher als eine im ganzen Körper wirkende Chemotherapie. Tubulis startete 2019 als Ausgründung des Leibniz-Forschungsinstituts Berlin und der LMU München.
Der Bekämpfung von Krebs hat sich auch das Biotech-Unternehmen Catalym aus Martinsried bei München verschrieben. Es erhielt im November in einer Finanzierungsrunde insgesamt 50 Millionen Euro. Das Geld soll in die weitere klinische Erprobung des Medikamentenkandidaten Visugromab fließen. Dieser soll ein bestimmtes Protein neutralisieren, welches Tumore nutzen, um sich vor dem körpereigenen Immunsystem zu schützen. Deswegen wirken derzeit verfügbare Krebstherapien oft nicht wie gewünscht.
Am meisten Geld sammelte das Unternehmen Resolve Biosciences aus Monheim bei Düsseldorf ein. Insgesamt umgerechnet 72 Millionen Euro flossen dem Spezialisten im Forschungsgebiet räumliche Biologie von Investoren zu.
Resolve treibt die sogenannte molekulare Kartographie voran. Diese Technologie liefert Einblicke in die Biologie von Einzelmolekülen und Zellstrukturen, die Wissenschaftlern weltweit neue Erkenntnisse von den Ursachen und Vorgängen bei Infektionskrankheiten wie Covid-19, der Neurobiologie, Onkologie und Entwicklungsbiologie ermöglicht. Seit Einführung wurde das System erfolgreich in mehreren führenden Laboren in Europa und Nordamerika platziert.
Kapital ist vorhanden
Der Einbruch der Börsen in den USA dürfte in der Biotech-Branche aber noch nachwirken. Litzka erwartet, dass es privat finanzierte Firmen dort künftig etwas schwerer haben werden, frisches Geld einzusammeln. „Viele große, vor allem amerikanische Fonds haben bei ihren börsennotierten Investments in den vergangenen Monaten starke Wertverluste hinnehmen müssen. Jetzt steigen sie wieder bei niedrig bewerteten börsennotierten Unternehmen ein. Deswegen fließt derzeit in den USA weniger Geld in private Firmen“, sagt er.
Für Europa gilt das seiner Ansicht nach nicht. Denn einige europäische Wagniskapitalfonds haben in den vergangenen zwei Jahren viel Geld eingesammelt, das bisher nur zum Teil investiert wurde. Das gelte auch für Andera Partners, sagt Litzka. „Nach der großen, von uns geführten Finanzierungsrunde in Tubulis im letzten Jahr werden wir auch dieses Jahr wieder in Deutschland investieren.“