Arbeit im Labor

Allein im US-Bundesstaat Massachussetts sollen mehr als 63.000 Menschen bei mehr als 1000 Biotech-Unternehmen angestellt sein.

(Foto: LabCentral)

Biotech-Branche Raus aus Deutschland – Biotech-Start-ups zieht es nach Boston

Deutsche Biotech-Unternehmen zieht es ins Ausland – vor allem nach Boston. Was macht den Osten der USA so attraktiv? Eine Spurensuche.
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Cambridge, BostonStolz betrachtet Michael Köris den gläsernen Quader in seinen Händen. „2018 Immigrant Entrepreneur Award“ steht darauf. Erst am Abend zuvor hat der hoch gewachsene Deutsche mit dem blonden Kurzhaarschnitt die Auszeichnung bekommen. Das Immigrant Learning Center (ILC) ernannte ihn zum Ausländischen Unternehmer des Jahres von Massachusetts im Bereich Life Science.

Im Jahr 2003 kam Köris nach Boston, gründete aus der Uni heraus sein Unternehmen. 15 Jahre später nun dieser Erfolg, diese Auszeichnung. Seit zehn Jahren gibt es sein Unternehmen Sample6. Dank dessen Technologie können Bauern oder auch Lebensmittelkonzerne wie Unilever gefährliche Bakterien auf Gemüse und Obst finden, bevor sie zum Kunden kommen.

Der promovierte Bio-Ingenieur ist einer von vielen Deutschen dort. Laut der Branchen-Organisation von Massachusetts MassBio arbeiten mehr als 63.000 Menschen bei mehr als 1000 Biotech-Unternehmen allein im Bundesstaat Massachusetts. Das ist mehr als in der gesamten Branche in Deutschland mit 647 Unternehmen und rund 25.000 Mitarbeitern.

„Boston hat mir Chancen geboten, die es in Deutschland nicht gab.“ Quelle: PR
Michael Körris, Biotech-Unternehmer

„Boston hat mir Chancen geboten, die es in Deutschland nicht gab.“

(Foto: PR)

Wer im Bereich Biotech etwas werden will, erst recht ein Unternehmen gründen will, geht raus aus Deutschland, geht – bevorzugt – nach Boston oder seine Zwillingsstadt Cambridge auf der anderen Seite des Charles River. Die beiden Städte an der Ostküste der USA haben sich zum weltweit wichtigsten Knotenpunkt für Biotechnologie entwickelt, noch vor dem Silicon Valley – und ziehen entsprechend auch viele Deutsche an. Wie wichtig US-amerikanisches Biotech-Know-how ist, zeigt zuletzt die Übernahme von Monsanto durch Bayer.

Doch was bietet die Region, was Deutschland Biotech-Unternehmer nicht geben kann?

„Boston hat mir Chancen geboten, die es in Deutschland nicht gab“, sagt Michael Köris. Am Tag nach der Preisverleihung sitzt er in seinem Büro. Den prestige-trächtigen Quader platziert er auf seinem Schreibtisch. Daneben türmen sich die „Nature“-Magazine, auch der Harvard Business Manager. Der Blick aus dem Fenster geht auf ein historisches Hochhaus mit hohen Bogenfenstern in der Innenstadt von Boston.

Nicht weit entfernt liegen gleich mehrere herausragende Universitäten – Massachusetts Institute of Technology (MIT), Harvard, Universität Boston und Tufts. Dazu kommen in den beiden Städten sieben der zehn größten US-Forschungskrankenhäuser und viele große Wagniskapital-Gesellschaften, die zuletzt zwischen 2,5 und 3,2 Milliarden Dollar jährlich in Start-Ups steckten. Ideale Voraussetzungen für potenzielle Gründer.

Namhafte Biotech-Unternehmen wie Biogen und Vertex Pharmaceuticals haben ihren Sitz hier. Und auch die großen Pharmakonzerne wie Sanofi-Aventis, Novartis, Pfizer und Merck haben wichtige Forschungszentren in der Region.

„In Boston kann man dreimal den Job wechseln und immer noch den gleichen Parkplatz benutzen“ lautet ein beliebter Spruch in der örtlichen Biotech-Szene. Es gibt kaum ein Café oder Restaurant, in dem nicht jemand über die neuesten Forschungsergebnisse, neue Medizintechnologie oder neue Investoren berichtet.

Auf den Straßen lassen sich in diesen Tagen junge Männer und Frauen in schwarzen Umhängen und eckigen Hüten mit ihren Familien vor ihrer Alma Mater ablichten, den Abschluss frisch in der Tasche. Viele von ihnen sind neue Forscher für die hungrige Biotech-Welt.

Volle Konzentration auf das Projekt

Auch Michael Köris ging als Doktorand nach Massachusetts. Noch während er am MIT forschte, gründete er Sample6. Mittlerweile ist seine Expertise im ganzen Land gefragt. Erst zwei Tage vor der Preisverleihung kehrte Köris nach Boston zurück. Er war in Kalifornien und Washington, wo seine Technologie bei dem jüngsten Ausbruch von Kolibakterien aufklären sollte.

Seine Diagnostik-Sparte hat Köris jüngst für einen zweistelligen Millionenbetrag verkauft. Die Mittel fließen in den Ausbau der Softwaresparte, die verschiedenste Daten aggregiert, um gefährliche Keime zu finden.

Zu den ersten Gratulanten bei der Preisverleihung gehörte Johannes Frühauf. Auch er ein deutscher Forscher, auf der anderen Flussseite in Cambridge – und letztjähriger Preisträger als bester eingewanderter Unternehmer. Kennengelernt haben sich Köris und Frühauf schon vor vielen Jahren, als Köris sein Unternehmen aufbaute. Man kennt sich in der Szene in der 600.000-Einwohner-Stadt Boston; zumal, wenn man aus dem gleichen Land kommt.

Eigentlich wollte Frühauf Arzt in Heidelberg werden, wie so viele in seiner Familie. Doch als seine Frau kurz nach der Hochzeit eine Forschungsstelle an der Tufts-Universität bekam, zog er mit. Er machte einen Post-Doc in Harvard – und erlag dem Flair der Branche.

Das gründerfreundliche Umfeld war auch in der akademischen Welt zu spüren. „Als ich hier ankam, hatte ich das Wort Venture Capital noch nie gehört“, erinnert sich der Forscher. Ein Unternehmen ohne Umsatz aufzubauen, das klang komisch für ihn. Doch sein Harvard-Mentor hatte die entsprechende Erfahrung und half ihm dabei. So entstand Cequent Pharmaceuticals, dessen Mittel Entzündungskrankheiten und bestimmte Krebsarten bekämpfen. 2010 verkaufte er das Unternehmen für 50 Millionen Dollar an das börsennotierte Marina Biotech.

„Als ich in Boston ankam, hatte ich das Wort Venture Capital noch nie gehört.“ Quelle: PR
Johannes Frühauf, Wagniskapitalgeber

„Als ich in Boston ankam, hatte ich das Wort Venture Capital noch nie gehört.“

(Foto: PR)

Trotz des späteren Erfolgs – Frühauf hält mehrere Patente und hat verschiedene Unternehmen gegründet – waren die Anfänge nicht einfach. Denn ein Unternehmen zu gründen, heißt mehr zu sein als nur Experte auf einem Gebiet.

„Selbst wenn Sie wissenschaftliche Artikel in ‚Nature‘ veröffentlicht haben und Experte in Ihrem Feld sind: Das heißt nicht, dass Sie wissen, wie man Telefonanlagen besorgt, sich von Maklern bei Büro-Mieten nicht über den Tisch ziehen lässt oder wie man die Sicherheits-Zertifikate für Feuerschutz oder die Müllentsorgung bekommt“, sagt er. Sich in all das einzuarbeiten, dauerte für Frühauf Monate. Monate, in denen dem Wissenschaftler keine Zeit zum Forschen blieb.

So kam ihm die Idee zu LabCentral, seinem heutigen Unternehmen. Der schlanke 50-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht schreitet im lockeren Anzug durch die Gänge des länglichen Backsteingebäudes aus dem Jahr 1832. Früher wurden hier Eisenbahnwaggons gewartet. Heute ist es eine Art Co-Working Space für Biotech-Gründer, den der Deutsche geschaffen hat. In dessen lichtdurchfluteten Räumen mit Loft-Atmosphäre können sich junge Biotech-Unternehmen einmieten oder auch Wissenschaftler, die gründen wollen.

Anders als bei klassischen Co-Working-Büros können die angehenden Unternehmer hier auch einen Tisch im Labor mieten, um ihre Experimente durchzuführen – Kühlschrank inklusive. LabCentral kümmert sich genauso um die Entsorgung der biologischen oder chemischen Abfälle wie um die Telefonleitungen. So können sich die angehenden Unternehmer ganz auf ihre Projekte konzentrieren.

Frühauf ist oft präsent, will nicht nur Vermieter, sondern Mentor sein. Durch die großen Fensterscheiben schaut er prüfend in die Labors, wo Frauen und Männer in weißen Kitteln und mit Schutzbrillen winzige Reagenzgläser füllen, runde Scheiben mit gel-artigem Material bestreichen und Testergebnisse am Monitor verfolgen. Bei einer Toxologie-Expertin, die sich in der offenen Küche gerade einen Kaffee holt, erkundigt Frühauf sich über ihre Fortschritte bei der neuen Technologie, die per Bluttest die Krebsart diagnostizieren soll.

60 Firmen mit insgesamt 300 Forschern arbeiten gerade an den Schreibtischen und Laborplätzen des LabCentral. Sie forschen an neuen Impfmethoden, Krebsmitteln oder der genetischen Manipulation von Gewebe für Patienten von Organtransplantationen.

LabCentral bietet den Platz, aber auch Rat und Kontakte zu Investoren. Zu den Sponsoren gehören die Großen der Pharma- und Biotech-Branche: Amgen, Biogen, Boehringer Ingelheim, Roche, Johnson & Johnson, GSK oder Novartis. Auch der Bundesstaat Massachusetts hat LabCentral schon zweimal mit je fünf Millionen Dollar unterstützt. Manager all der Sponsoren kommen regelmäßig zu Vorträgen oder Gesprächen mit den jungen Forschern und Gründern. Sie wollen schließlich nah dran sein an den neusten Entwicklungen der Unternehmen.

Es lockt der lukrativste Medizinmarkt der Welt

Das Gleiche gilt für die Wagniskapitalgeber. Seit der Eröffnung von LabCentral 2015 haben die dort eingemieteten Unternehmen jedes Jahr mehr Wagniskapital eingesammelt als die gesamte deutsche Biotech-Szene. 2015 sicherten sich die LabCentral-Gründer knapp 300 Millionen Dollar, 2017 waren es insgesamt 267 Millionen. Auch Frühauf selbst ist mit seinem einstigen Förderer Peter Parker mit Bioinnovation Capital heute als Wagniskapitalgeber unterwegs.

„Ich bin froh, dass ich in Boston gelandet bin“, sagt Frühauf. Nirgends seien die Voraussetzungen so gut. Das Wagniskapital, die Forschung und das unternehmerische Umfeld – all das zieht Gründer an. Außerdem haben sie vor Ort Zugang zum lukrativsten Medizinmarkt der Welt – den USA. Private Krankenversicherer übernehmen hier oft teure, neue Behandlungsmethoden, die deutsche Pauschalen nicht abdecken.

In Deutschland ist es für Biotech-Unternehmer zwar oft leichter als in den USA, an das sogenannte Seed-Kapital zu kommen – also an jene sechsstelligen Beträge, um loszulegen. Aber in der Biotechnologie kommt man damit nicht weit. Forschung und Geräte kosten viel Geld, und anders als bei einem E-Commerce oder einer Software dauert es oft Jahre, bis klinische Tests und Genehmigungen vorliegen, um überhaupt erste Umsätze einzufahren. Da braucht man schnell mal bis zu 100 Millionen Dollar, um erste Dursttrecken zu überbrücken.

Forschung, Geräte und Software sind teuer: Um in der Biotech-Branche Fuß zu fassen, braucht man schnell mal bis zu 100 Millionen Dollar. Quelle: LabCentral
Biotech-Labor

Forschung, Geräte und Software sind teuer: Um in der Biotech-Branche Fuß zu fassen, braucht man schnell mal bis zu 100 Millionen Dollar.

(Foto: LabCentral)

In den USA sind die Investoren stärker als in Deutschland bereit, ins Risiko zu gehen. Darum können die Universitäten in Deutschland noch so gut sein – doch wenn es darum geht, die Forschung in die Produktreife und auf den Markt zu führen, liegen die Vorteile in den USA.

„Die Venture-Capital-Firmen legen hier oft erst bei zehn Millionen Dollar los. Die wollen große Projekte“, sagt der Berater Odilo Müller, Präsident der CYTO Consulting, die ausländische Gründer in der Region berät. Doch an das Geld kommen sie nur, wenn sie in Boston oder Cambridge sind und sich kräftig ins Zeug legen.

So wie Christoph Lengauer. Er ist der Phase, in der er einen Platz wie das LabCentral gebraucht hätte, längst entwachsen. Lengauer, ehemaliger Sanofi- und Novartis-Manager, hat bereits mehrere Unternehmen gegründet und ist Entdecker verschiedener Krebsmittel.

Lengauer versucht, sich den Weg zu bahnen zwischen Kartons und Schreibtischen mit losen Kabeln. Der Chef packt selbst mit an, denn gerade zieht sein jüngstes Start-Up in ein neues Büro – natürlich an eine der Top-Forscher-Adressen in der First Street in Cambridge, unweit des MIT. Schon bald sollen hier die 50 Mitarbeiter von Celsius Therapeutics Platz finden. Lengauer beugt sich über den Plan mit dem Grundriss, damit auch kein Arbeitsplatz vergessen wird.

Wie so viele hier in Cambridge und Boston hat Lengauer mehrere Funktionen: heute Umzugshelfer, sonst Gründer, Wagniskapitalgeber, Mentor. In seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des „German Accelerator Life Sciences“ (GALS) hilft er außerdem deutschen Unternehmen, auf dem wichtigen US-Markt Fuß zu fassen.

Der German Accelerator wird vom deutschen Staat finanziert und hilft mit Trainings und Kontakten. Ziel ist es, die Start-Ups in den USA zu etablieren, ohne dass sie gleich das gesamte Unternehmen dorthin verlagern. Oft entstehen durch das US-Geschäft sogar noch mehr Jobs in Deutschland.

 „So schnell geht das in Boston“

Der größte Unterschied zwischen Deutschland und der Gegend um Boston, ist Lengauer überzeugt, ist die Geschwindigkeit. „Hier heißt es nicht nächste Woche, sondern heute Nachmittag.“ Die Konkurrenz sei groß, nur die besten fünf Prozent könnten es hier schaffen. Um dazuzugehören, müssten die Unternehmer vor allem wissen, wohin sie wollen.

Dazu wird das Unternehmen in einer mehrstündigen Katharsis auf den Prüfstand gestellt. Den meisten Gründern wird dann klar, dass sie sich grundsätzlich ändern müssen, wenn sie in den USA bestehen wollen. Sie müssen die Organisation nicht darauf ausrichten, an irgendwelche Fördertöpfe zu kommen, sondern darauf, Investoren und potenzielle Käufer zu überzeugen.

Etwa 30 deutschen Unternehmen hat der GALS bereits den Weg nach Massachusetts geebnet. Die Unternehmen, denen Lengauer über den GALS in Boston geholfen hat, haben in den vergangenen zwei Jahren 180 Millionen Dollar eingesammelt. Drei Firmen wurden bereits gekauft. „Wir wollen hier globale Player schaffen und Deutschland den Optimismus geben, dass das geht“, sagt Lengauer.

Bei Bartosz Kosmecki zeigt das Training des German Accelerator bereits Erfolg. Der Gründer von Scopis ist nach Boston gekommen, um seinem Medizintechnik-Unternehmen den US-Markt zu öffnen. Mit Scopis hat er vor acht Jahren eine Art chirurgisches Navigationssystem entwickelt, bei dem der MRT die Landkarte ersetzt. Das System zeigt dem operierenden Arzt während der OP an, wo er ist und wo sich der Tumor befindet. In der Charité wird diese Technologie unter anderem bei Hirnoperationen bei Kindern genutzt.

Das Auswahlverfahren im Herbst 2016 war hart, die Jury bohrte immer wieder nach, ob das Geschäftsmodell wirklich trägt. Kosmecki hielt stand und der GALS öffnete sein Portfolio an Kontakten. Eigentlich wollte der Deutsche nur einen Vertriebspartner in den USA finden. Aber es dauerte nicht lange, da lag ein Übernahmeangebot vor. Heute gehört Scopsis dem US-Medizintechnikhersteller Stryker.

Kosmecki arbeitet weiter als Managing Director für Scopsis – zwischen Berlin und den USA. Sein Ziel hat der Gründer damit voll erreicht. Und der GALS auch. Sowohl in den USA als auch in Deutschland hat das Unternehmen heute mehr Mitarbeiter. Und Kosmecki bekommt seine Geräte über die US-Mutter nun leicht in die amerikanischen Krankenhäuser. „Wir haben mit einem Schlag einen US-weiten Vertrieb bekommen“, sagt er. „So schnell geht das in Boston.“

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