Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Morphosys

2020 soll das erste Krebsmittel des Unternehmens in den USA auf den Markt kommen.

(Foto: PR)

Biotech-Unternehmen Beim Biotech-Pionier Morphosys steht eine Zeitenwende an

Jean-Paul Kress übernimmt die Führung bei Morphosys in einer entscheidenden Phase: 2020 will das Unternehmen mit seinem ersten Krebsmittel auf dem US-Markt punkten.
Kommentieren

Frankfurt Ein neuer Vorstandschef bedeutet für viele Firmen einen gewissen Einschnitt. Im Falle der Biotechfirma Morphosys, wo am Montag ein neuer CEO angetreten ist, kann man schon jetzt von einer neuen Ära sprechen. Das ergibt sich nicht nur daraus, dass es hier um den ersten Führungswechsel überhaupt geht: Nach 27 Jahren an der Spitze übergab Mitgründer Simon Moroney gestern das Ruder an den neuen CEO Jean-Paul Kress.

Der Wachwechsel bei dem Münchener Unternehmen, das zu den ältesten Vertretern der deutschen Biotechszene gehört, fällt auch in eine besonders wichtige Umbruchphase. Denn aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr wird Morphosys sein erstes selbst entwickeltes Medikament, das Blutkrebsmittel Tafasitamab, bei der US-Arzneimittelbehörde FDA zur Zulassung einreichen.

Im kommenden Jahr könnte, wenn alles gut geht, die Vermarktung in den USA starten und für die Münchener damit der Wandel vom Forschungsunternehmen zum durchintegrierten Pharmaunternehmen Realität werden.

Die zentrale Herausforderung für den neuen Chef wird daher darin bestehen, diese Transformation erfolgreich zu managen. Und zumindest nach Einschätzung des Aufsichtsrats und des Firmengründers ist Kress dafür genau der richtige Mann. Moroney, der selbst noch rund 1,5 Prozent des Morphosys-Kapitals hält, beschrieb seinen Nachfolger als „perfekt geeigneten Kandidaten“, der bei Morphosys einen herausragenden Job machen werde, „vor allem mit Blick auf die Markteinführung und Kommerzialisierung unseres wichtigsten Entwicklungsprodukts“.

Der neue CEO ist ebenso wie der Aufsichtsratsvorsitzende Marc Cluzel ein gebürtiger Franzose. Managementerfahrung bringt Kress indessen vor allem aus der amerikanischen Biotech- und Pharmaindustrie mit. Zuletzt leitete der gelernte Mediziner und Pharmakologe die US-Biotechfirma Syntimmune.

Zuvor war er unter anderem in Führungsfunktionen bei Biogen, Sanofi und Gilead tätig. Bei Biogen war er für das internationale Geschäft verantwortlich. Als Chef der Nordamerika-Aktivitäten von Sanofi Genzyme managte Kress unter anderem die Markteinführung des erfolgreichen Neurodermitis-Medikaments Dupilumab.

Kursplus an der Börse

Die Börse reagierte zunächst skeptisch, als Morphosys im Juni Kress’ Berufung bekanntgab. Doch inzwischen ist die Zuversicht gewachsen, dass der Franzose angesichts seiner umfangreichen Marketingerfahrung eine gute Wahl für das Unternehmen sein könnte. Auch Analysten äußern sich positiv. „Von seiner Vita her ist er eigentlich eine gute Besetzung für Morphosys im jetzigen Stadium der Unternehmensentwicklung“, sagt Commerzbank-Analyst Daniel Wendorff, der eine „Halten“-Empfehlung auf der Aktie hat.
Seit Ende Juni hat die Morphosys-Aktie wieder rund 30 Prozent zugelegt. Und mit inzwischen knapp 3,5 Milliarden Euro Marktkapitalisierung ist das Unternehmen wieder zweitschwerster Wert der deutschen Biotechbranche – nach Qiagen und vor Evotec.

Kress übernimmt in München die Führung bei einem Unternehmen, das zwar noch keine eigene Erfahrung im Pharmageschäft gesammelt hat und das laufende Jahr angesichts hoher Kosten für Forschung und Entwicklung mit etwa 100 Millionen Euro Betriebsverlust abschließen wird. Andererseits hat Morphosys mit dem Aufbau erster Vertriebsstrukturen in den USA bereits erste Vorarbeiten für eine Markteinführung geleistet und erscheint mit gut 400 Millionen Euro Cash-Reserven auch für weitere Investitionen gerüstet.

Zudem verfügt das Unternehmen inzwischen über eine Pipeline an Medikamentenkandidaten, die zumindest die Chance bieten, tatsächlich ein langfristiges Pharmageschäft aufzubauen. Spitzenprodukt ist dabei der Antikörper Tafasitamab (ehemals Mor208), ein komplizierter Eiweißwirkstoff gegen B-Zell-Lymphome, eine häufige und aggressive Art von Blutkrebs, bei der sich entartete B-Zellen des Immunsystems in den Lymphknoten anreichern.

Morphosys testete das potenzielle Mittel in Kombination mit dem Krebsmedikament Revlimid an Patienten, bei denen etablierte Therapien nicht mehr ansprechen und für die wegen ihres Alters oder ihrer Konstitution andere Therapieformen, etwa die klassische Hochdosis-Chemotherapie und Stammzelltransplantationen, nicht infrage kommen. Für sie stehen bislang kaum Behandlungsoptionen zur Verfügung. Der medizinische Bedarf für neue Medikamente ist entsprechend hoch.

Die FDA hat den Wirkstoffkandidaten bereits 2017 als potenziellen Therapiedurchbruch eingestuft – eine Klassifizierung für Produktkandidaten, die aus Sicht der US-Behörde eine deutliche Verbesserung des Therapiestandards versprechen. Solche Mittel werden in einem beschleunigten Verfahren bewertet.

Die klinische Studie namens L-Mind, mit der die Münchener nun gegen Ende des Jahres in das US-Zulassungsverfahren gehen wollen, war zwar relativ klein, erzielte indessen günstige Resultate. So zeigte das Medikament nach Angaben von Morphosys bei insgesamt 60 Prozent der 80 behandelten Patienten Wirkung.

Bei 43 Prozent der Patienten bildete sich dabei die Krebserkrankung komplett zurück, bei weiteren 17 Prozent teilweise. Zudem war die durchschnittliche Wirkungsdauer mit knapp 22 Monaten überraschend lang. Für eine relativ schwierig zu behandelnde Patientengruppe gelten solche Daten als ausgesprochen gut. Nach Einschätzung von Morphosys sind sie auch im Vergleich zu Neuentwicklungen von Konkurrenten vorteilhaft.

Die Chancen auf eine Zulassung werden daher von vielen Beobachtern als relativ hoch eingeschätzt. Entsprechende Zuversicht reflektiert letztlich auch die ansehnliche Börsenbewertung des Unternehmens.

Mitte des kommenden Jahres will Morphosys auf Basis der Daten aus der L-Mind-Studie auch eine Zulassung in Europa beantragen. Hier könnte im Erfolgsfall ein Vertrieb des Medikaments im Jahr 2021 starten. Darüber hinaus testet Morphosys das Mittel auch in Kombination mit anderen Krebsmedikamenten sowie bei anderen Blutkrebsarten, so etwa in der Behandlung der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL). Das Biotechunternehmen schickt sich damit an, zu einem neuen Player auf dem mehr als 20 Milliarden Dollar großen Markt für Blutkrebsmedikamente zu werden.

Das Spitzenumsatz-Potenzial für Tafasitamab im Bereich B-Zell-Lymphome schätzen Analysten auf 500 bis 800 Millionen Dollar. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich bei weltweit etwa 130.000 Menschen B-Zell-Lymphome diagnostiziert werden, bei etwa 40 Prozent davon können die Standardtherapien nicht oder nicht mehr eingesetzt werden.

In Deutschland dürfte sich die Zahl der betroffenen Patienten auf etwa 1 500 bis 2 000 pro Jahr belaufen. In den USA, schätzt Morphosys, dürften auf Basis der angestrebten Zulassung etwa 8 500 Patienten jährlich für eine Behandlung mit dem Wirkstoff in Betracht kommen.

Breite Pipeline

Neben dem Top-Entwicklungsprodukt Tafasitamab testet Morphosys vier weitere Wirkstoffe aus eigener Forschung in klinischen Studien, darunter zwei weitere potenzielle Krebsmittel sowie zwei Produktkandidaten gegen Autoimmunkrankheiten. Für Letztere hat das Unternehmen die Pharmakonzerne Novartis und Glaxo-Smithkline als gewichtige Partner gewonnen. Die beiden Krebswirkstoffe dagegen wird Morphosys wohl eher in Eigenregie entwickeln.

Neben den eigenen Produktkandidaten zeichnet sich Morphosys durch ein Netzwerk an Partnerschaften mit etablierten Pharmaherstellern aus, die die Technologie des Unternehmens für ihre eigene Produktentwicklung nutzen, darunter Konzerne wie Novartis, Roche, Bayer und Johnson & Johnson.

Insgesamt mehr als 100 Projekte werden im Rahmen dieser Allianzen bearbeitet, darunter zwei Dutzend Produktkandidaten, die sich in klinischen Tests befinden. Morphosys hat für diese Produkte Anspruch auf Erfolgsprämien bei bestimmten Entwicklungs- und Zulassungserfolgen sowie auf Lizenzerträge im einstelligen Prozentbereich im Falle einer Vermarktung von Wirkstoffen. Die klinische Entwicklung und die Vertriebsrechte liegen ansonsten komplett in den Händen der Pharmapartner.

Diese Deals sind ein Erbe aus der Anfangsstrategie des Münchener Unternehmens, das 1992 als „Gesellschaft für Proteinoptimierung“ an den Start ging und sich zunächst als reiner Technologiespezialist für Antikörper positionierte, eine Substanzklasse, die sich durch besonders präzise Bindungseigenschaften auszeichnet und im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte große Bedeutung im Pharmabereich erlangte. Erst gegen Ende der 2000er-Jahre konnte Morphosys damit beginnen, Antikörper aus der eigenen Forschung auch selbst als Medikament zu entwickeln und sich damit in Richtung Pharmageschäft zu bewegen.

Die Technologiedeals mit Novartis, Roche und Co. bieten eine wichtige und womöglich wachsende Finanzierungsquelle, um die eigene Forschung voranzutreiben. Das erste Produkt aus diesen Allianzen, das von Johnson & Johnson entwickelte Schuppenflechte-Medikament Tremfya, ist seit 2017 auf dem Markt und dürfte Morphosys im laufenden Jahr bis zu 30 Millionen Euro an Lizenz‧erträgen bringen.

Und diese Erträge dürften mittelfristig weiter ansteigen, wenn weitere Wirkstoffe aus den Allianzen auf den Markt kommen.

Mehr: Krebsarzneien sind teuer. Doch die Pharmabranche wehrt sich gegen Hochpreisvorwürfe: Der Erfolg der Therapien entlaste die deutschen Sozialkassen.

Startseite

Mehr zu: Biotech-Unternehmen - Beim Biotech-Pionier Morphosys steht eine Zeitenwende an

0 Kommentare zu "Biotech-Unternehmen: Beim Biotech-Pionier Morphosys steht eine Zeitenwende an"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote