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Biotech-Unternehmen Mologen steht erstmals vor Produktzulassung – doch das Geld wird knapp

Seit 20 Jahren verbucht Mologen keinen Umsatz. Jetzt ist eine Produktzulassung nahe. Doch hinter den Kulissen tobt ein Kampf mit harten Bandagen.
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Das Unternehmen kann bisher weder Gewinn noch Umsatz vorweisen. Quelle: LAIF
Im Labor von Mologen

Das Unternehmen kann bisher weder Gewinn noch Umsatz vorweisen.

(Foto: LAIF)

DüsseldorfEs gab Zeiten, da hielten sich in den Labors der Mologen AG mehr Kameraleute als Forscher auf. Der Biologe Burghardt Wittig gründete die Berliner Biotech-Firma 1998 und brachte sie noch im selben Jahr an die Börse. Die Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Unternehmer zeichnete ihn ein Jahr später als „Unternehmer des Jahres“ aus – für seinen Mut zur Innovation.

Mologen entwickelte genetische Impfstoffe und galt als Star des Neuen Marktes. Wittig erklärte beim Börsengang, seine Biotech-Firma solle ein Unternehmen der „kurzen Wege zwischen Forschung und Anwendung“ sein. Das Ziel: Spätestens 2000 ein marktfähiges Produkt präsentieren und ein Jahr später die Gewinnschwelle erreichen.

Mehr als 20 Jahre später hat Mologen weder ein Produkt noch Umsatz, von Gewinn ganz zu schweigen. Das erste Projekt, an dem jahrelang geforscht wurde, liegt auf Eis – aus „strategischen Gründen“, wie es heißt. Für das zweite fand Mologen in der zweiten klinischen Phase nicht genug Testpatienten. Trotz abgebrochener Studie entschied sich die Führung für den Start von Phase drei. Ein gewagtes Vorgehen.

Und ein teures. Das Unternehmen, das den Aktionären schon 2001 Gewinne vorweisen wollte, musste sie stattdessen immer wieder anbetteln. Eine Kapitalerhöhung folgte der nächsten. Der Aktienkurs, der im Oktober 2000 auf fast 300 Euro kletterte, lag Ende 2018 bei 1,60 Euro.

Gründer Wittig hat sich längst aus dem Vorstand verabschiedet, der Unternehmer des Jahres 1998 arbeitet nur noch als Berater für Mologen. Kamerateams waren schon lange nicht mehr in den Labors.

Mologen am Scheideweg

Das könnte sich bald ändern. Mologen steht erstmals vor der Zulassung eines Produktes. Der Wirkstoff Lefitolimod soll Darmkrebspatienten helfen. Erobert das Unternehmen auf dem Milliardenmarkt der Onkologie eine Nische, könnte sich sein Wert in Kürze verzehnfachen. Analysten vom Frankfurter Recherchehaus Mainfirst haben die Mologen-Aktie in einer aktuellen Studie zum Kauf empfohlen. Kursziel: 16,60 Euro.´

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Auch Dirk Arnold ist zuversichtlich, die Euphorie der Analysten teilt er aber nicht. Der Professor ist medizinischer Vorstand im Tumorzentrum der Hamburger Asklepios Klinik und begleitet Mologens Phase-3-Studie als wissenschaftlicher Leiter für die deutsche Krebsgesellschaft.

„Was den Aufbau und die Durchführung angeht, ist die Studie gut gelaufen“, sagt Arnold. Er betont aber auch, dass den Forschern noch Daten fehlen: „Ohne die können wir nur spekulieren, was das Ergebnis sein wird. Wir befinden uns in einer Blackbox, in der alles möglich ist.“

Endlich Profite und Dividenden – das ist die eine mögliche Zukunft für die Mologen AG. Die andere: Das Unternehmen trocknet aus. Auch jetzt, vor dem erhofften Durchbruch, braucht es dringend Geld. Nicht einmal die Testierung des jüngsten Geschäftsberichts scheint sicher, wenn Mologen nicht in kurzer Zeit neue Kapitalzusagen sichert.

In der Vergangenheit war hierfür die Großaktionärin Global Derivative Trading (GDT) Garant. 50 Millionen Euro hat der Fonds von Thorsten Wagner schon in Mologen gesteckt. Nun zögert er. Und obendrein tobt ein Streit mit harten Bandagen.

Mehrere Minderheitsaktionäre um die Beteiligungsgesellschaft Deutsche Balaton ließen eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Das Ziel: Aufsichtsratsmitglied Oliver Krautscheid zu stürzen und Finanzvorstand Walter Miller das Vertrauen zu entziehen. Zudem verlangten die Aktionäre, dass ein Sonderprüfer die Arbeit von Aufsichtsrat und Vorstand durchleuchtet.

Mologen hatte für den 26. Februar bereits einen Raum im Berliner Maritim Hotel reserviert, Aktionäre schon Flüge und Hotels gebucht. Doch drei Tage vor dem Showdown sagte der Vorstand die Versammlung ab. Neue Ereignisse seien eingetreten. Die Großaktionärin GDT habe beantragt, einen zusätzlichen Posten im Mologen-Aufsichtsrat zu schaffen und mit einem Balaton-Vertreter zu besetzen.

„Mir geht es um eine positive Entwicklung des Unternehmens. Wenn es Balaton auch darum geht, hat ein Balaton-Kandidat für den Aufsichtsrat meine Stimmen“, heißt es von GDT-Chef Wagner. Doch die Beteiligungsgesellschaft sieht in seinem Antrag eher einen Affront als ein Friedensangebot. Sie teilte mit, dass sie der kurzfristigen Absage der Hauptversammlung nicht zustimme und sie für rechtlich fragwürdig halte.

Wagner und die Balaton-Verantwortlichen sprechen schon seit Monaten kein Wort mehr miteinander. Die Frankfurter werfen ihm vor, sich mithilfe zweier Wandelanleihen, die Mologen 2016 und 2017 ausgab, Vorteile erschlichen zu haben. Die Anleihen umfassen neben dem Recht auf Rückzahlung auch die Möglichkeit, sie in Aktien umzutauschen.

Management sieht keine Anhaltspunkte für Pflichtwidriges Verhalten

Die Geschäftsführung habe dem Investor „vermutlich mithilfe pflichtwidriger Entscheidungen“ ermöglicht, sich zu einem zukünftigen Zeitpunkt besonders billige Mologen-Aktien besorgen zu können.

Wagner will davon nichts wissen: „Es gab und gibt für GDT keine Sondervorteile. Bei der heutigen Marktkapitalisierung ist meine Beteiligung noch einen Bruchteil wert. Da ist es schon ein Treppenwitz, wenn mich eine Schmutzkampagne als Firmenräuber bezeichnet.“

Auch das Mologen-Management sieht keine Anhaltspunkte für ein pflichtwidriges Verhalten. Vorstand und Aufsichtsrat vermuten hinter den Anträgen eine „die Gesellschaft schädigende Motivation“, wie es in einer Stellungnahme heißt. Dafür spreche auch, dass Finanzvorstand Miller zur Vorbereitung einer Abberufung das Vertrauen entzogen werden sollte, obwohl sein Vertrag Ende März ausläuft. Das Vorhaben von Balaton könne „nur noch der Reputationsschädigung Millers dienen“.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Deutsche Balaton ein Management unter Druck setzt. Die Beteiligungsgesellschaft initiierte 2018 eine Schlacht um das auf Dermatologie spezialisierte Pharmaunternehmen Biofrontera. Balaton wollte sich mit einem Angebot an die Aktionäre eine Sperrminorität erkaufen, um ihren Einfluss auszuweiten. Die Beteiligungsgesellschaft plante personelle Veränderungen in Vorstand und Aufsichtsrat. Der Plan scheiterte.

Nun erhöht Balaton den Druck bei Mologen – und bekommt dabei Unterstützung von Kampagnenprofi Marcus Johst. Der Berater nennt sich selbst „PR-Drecksau“. Seine Spezialität: Fälle, „in denen herkömmliche PR nicht mehr hilft“. Auf seiner Website erzählt er, wie ihn einst ein Hersteller von Babynahrung wegen eines „gefährlichen Gerüchts“ engagierte. Problem: Das Gerücht stimmte. „Trotzdem habe ich es weggemacht“, schreibt Johst.

Er wettert schon seit Jahren gegen Krautscheid, fühlt sich betrogen: Der Berater investierte Geld in die Schweizer Beteiligungsgesellschaft The Fantastic Company, wo Krautscheid Verwaltungsratspräsident war. 2016 zog sich die Firma von der Börse zurück, Johst blieben nur wertlose Papiere. Seitdem überzieht er Krautscheid mit Negativ-PR, bezeichnet ihn auf Blogs als „Börsenhallodri“, „Kursvernichter“ und „Ruinator“.

Arbeitet Johst im Auftrag von Balaton? Nein, sagen der PR-Berater und die Beteiligungsgesellschaft. Balaton dürfte Johsts Kampagne aber zumindest gelegen kommen.

Die Fronten sind verhärtet

Von Mologen heißt es nun, Balaton wolle die aktuelle Geldknappheit des Unternehmens schamlos ausnutzen. Die Frankfurter haben eine Kapitalerhöhung zu einem Bezugspreis von 1,10 Euro beantragt. Die sei notwendig, um der Mehrheitsaktionärin GDT „das Druckpotenzial auf die Gesellschaft zu nehmen“ , begründet Balaton den Antrag.

Doch die Mologen-Seite hält dagegen: Der Vorschlag, Mologen-Aktien zu einem Bruchteil des aktuellen Börsenwertes zu kaufen, sei unsittlich. Balaton schwinge sich nur zum Aktionärsschützer auf, um Kapital aus der Notlage des Unternehmens zu schlagen.

Die Deutsche Balaton und PR-Mann Johst wiederum sehen eine ungesunde Nähe zwischen Wagner und Krautscheid. Der Manager wurde 2014 in den Mologen-Aufsichtsrat gewählt – mithilfe der Stimmen von GDT. Weil mehrere Aktionäre sich erst nach einer in der Einberufung der Hauptversammlung genannten Frist anmeldeten oder den Nachweis ihres Anteilbesitzes vorlegten, liefen andere Anteilseigner Sturm.

Auch der Bundesgerichtshof befasste sich mit der Wahl und stellte „einen Verstoß gegen das Gleichbehandlungsgebot“ fest. Weil Krautscheid 2015 erneut in den Aufsichtsrat gewählt wurde, ist die Entscheidung inzwischen nur rechtstheoretischer Natur.

Seine Beziehung zu GDT wirkt freilich eng. Bis 2015 saß Krautscheid im Aufsichtsrat des Brennstoffzellenentwicklers Heliocentris, der 2016 pleiteging. Die schweizerische Beteiligungsgesellschaft Fantastic Company, in die Johst investiert hatte, war ebenfalls ein GDT-Investment. „Ich habe nie einen Vertrag mit Wagner geschlossen, nie einen Euro von ihm bekommen. Ich genieße nur sein Vertrauen“, sagt Krautscheid.

Wagner betont, dass sich der Manager trotz „wiederholter Schmutzkampagnen“ in den Dienst Mologens gestellt habe. „Er hätte es sich einfach machen können und zurücktreten“, teilte Wagner mit. „Das hat er nicht getan. Und dafür hat er Respekt verdient.“

Der Mologen-Vorstand will bald einen neuen Termin für die außerordentliche Hauptversammlung ansetzen. Balaton hat angekündigt, eine weitere Sonderprüfung auf die Tagesordnung setzen zu lassen, in der es um die „rechtswidrige Verschiebung“ der Hauptversammlung und die „tatsächlichen Hintergründe“ gehen soll.

Kleinaktionäre können dem Theater nur hilflos zuschauen. Möglicherweise erleben sie dabei die Rückkehr eines alten Bekannten. Insidern zufolge steht Mologen-Gründer Wittig für einen Posten im Aufsichtsrat bereit, sollte Krautscheid abgewählt werden. Wittig wollte das zwar nicht kommentieren. Doch als Aufsichtsrat könnte er ein Versprechen einlösen, das er als Vorstand brach: den Sprung in die Gewinnzone.

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