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Biotechindustrie Die Coronakrise stellt die Qiagen-Übernahme infrage

Die Übernahme von Qiagen durch Thermo Fisher wankt. Angesichts des Diagnostikbooms durch Covid-19 drängen Qiagen-Aktionäre auf eine deutlich höhere Offerte des US-Konzerns.
11.07.2020 - 14:14 Uhr Kommentieren
Die steigende Nachfrage von Testlösungen in der Covid19-Pandemie lässt auch die Qiagen-Aktie steigen. Quelle: dpa
Biotechunternehmen Qiagen

Die steigende Nachfrage von Testlösungen in der Covid19-Pandemie lässt auch die Qiagen-Aktie steigen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Corona-Pandemie wirbelt viele Branchen durcheinander. Nun könnte sie indirekt auch den bisher größten Deal in der deutschen Biotechindustrie infrage stellen: die rund neun Milliarden Euro teure Übernahme des Gentechnikspezialisten und Diagnostikherstellers Qiagen durch den US-Konzern Thermo Fisher Scientific.

Hintergrund ist die starke Nachfrage nach Tests im Zusammenhang mit der Pandemie, von der Qiagen als einer der führenden Anbieter in der molekularen Diagnostik offenbar in besonderem Maße profitiert. Angesichts dieser Entwicklung ist der bisher angebotene Übernahmepreis von 39 Euro je Qiagen-Aktie aus Sicht etlicher Investoren und Analysten zu niedrig. Sie spekulieren auf eine deutliche Nachbesserung des US-Konzerns.

Der amerikanische Finanzinvestor und Hedgefonds-Betreiber Davidson Kempner sieht den „fairen Standalone-Wert“ von Qiagen in dem neuen Umfeld bei etwa 50 Euro je Aktie und bewertet die Offerte von Thermo Fisher daher als völlig „inadäquat“.

In einem Brief an die Qiagen-Verwaltung fordert das US-Unternehmen den Aufsichtsrat und Vorstand von Qiagen nun auf, die bisherige positive Empfehlung für den Deal zurückzunehmen. Davidson Kempner vertritt nach eigenen Angaben Fonds, die zusammen rund drei Prozent des Qiagen-Kapitals halten.

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    Auch Analysten sehen Qiagen in einem stark veränderten Marktumfeld. Hugo Solviet, Biotech-Experte von Exane BNP Paribas, geht davon aus, dass sich der Wert von Qiagen durch die neue Marktsituation um gut fünf Euro erhöht hat.

    Die Qiagen-Aktie beendete den Aktienhandel am Freitag auf einem Jahreshoch von knapp 40 Euro und notierte damit erstmals klar über der Offerte von Thermo Fisher. Auch dadurch wird es nach Einschätzung von Beobachtern unwahrscheinlicher, dass das Angebot von Thermo Fisher erfolgreich sein wird, zumal sich der US-Konzern eine Mindestannahme-Schwelle von 75 Prozent gesetzt hat. Die Angebotsfrist läuft noch bis 27. Juli.

    Kenner der Situation werten die Kursentwicklung als klares Signal dafür, dass Thermo Fisher einen höheren Preis bieten muss, um die Transaktion zu realisieren. Qiagen selbst wollte sich am Wochenende nicht zu den Vorgängen äußern.

    „Beispiellose Nachfrage nach Coronavirus-Testprodukten“

    Das Hildener Unternehmen hatte am späten Donnerstagabend bekannt gegeben, dass der Umsatz im zweiten Quartal um 18 bis 19 Prozent zulegte und damit deutlich stärker als die zuletzt erwarteten zwölf Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie dürfte danach im zweiten Quartal um gut zwei Drittel zulegen. Zu Jahresbeginn hatte das Unternehmen sogar nur drei bis vier Prozent Umsatzplus in Aussicht gestellt.

    Das unerwartet starke Wachstum führt das Unternehmen auf eine signifikante Nachfrage nach Testlösungen im Rahmen der Covid-19-Pandemie zurück. Qiagen profitiert davon nicht nur als Lieferant eigener Tests, sondern auch als Hersteller von diversen Vorprodukten für andere Diagnostikanbieter. Man verzeichne weiterhin „eine beispiellose Nachfrage nach Coronavirus-Testprodukten“, heißt es in der Mitteilung.

    Das Management von Qiagen unter CEO Thierry Bernard hatte sich Anfang März mit Thermo Fisher auf eine Übernahme zum Preis von 39 Euro je Aktie geeinigt und damals offenbar den Nachfrage-Schub aufgrund der Covid-19-Pandemie noch völlig unterschätzt.

    Die Offerte von Thermo Fisher entsprach zu diesem Zeitpunkt einem Aufschlag von 23 Prozent auf den letzten Aktienkurs. Inklusive der Nettoverschuldung von Qiagen errechnete sich ein Transaktionswert von 11,5 Milliarden Dollar (etwa zehn Milliarden Euro). Ende Juni segnete die Hauptversammlung den Deal ab.

    Der Hildener Konzern hatte stets eine Strategie als eigenständiger Player im Labor- und Diagnostikgeschäft verfolgt. Er war jedoch im letzten Jahr angreifbar geworden, nachdem man mehrfach die eigenen Wachstumsprognosen verfehlt hatte und sich im Oktober zudem überraschend auch der langjährige Firmenchef Peer Schatz verabschiedete.

    Ideales Übernahme-Objekt

    Das 1984 gegründete Unternehmen ist einer der Pioniere und gemessen am Umsatz auch das größte Unternehmen der deutschen Biotechbranche. Es wuchs zunächst als Spezialist für Reagenzien und Technologien zur Aufbereitung von Nukleinsäuren, den Trägermolekülen für Erbinformationen, heran und beliefert in dieser Rolle Gentechniklabore weltweit.

    Parallel dazu baute der Konzern unter Führung von Schatz im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte ein umfangreiches Diagnostikgeschäft auf. Es lieferte 2019 rund die Hälfte von 1,5 Milliarden Dollar Gesamtumsatz.

    Für Thermo Fisher ist Qiagen daher in mehrfacher Hinsicht ein ideales Übernahme-Objekt. Denn der US-Konzern mit zuletzt rund 25 Milliarden Dollar Umsatz ist stark daran interessiert, seine Diagnostiksparte auszubauen, und beliefert als einer der führenden Hersteller von Laborgeräten und Materialien für die Pharma- und Biotechforschung im Prinzip den gleichen Kundenkreis wie Qiagen. Ein Zusammenschluss könnte daher hohe Synergien ermöglichen, insbesondere im Vertrieb.

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    Dass die Kombination der beiden Firmen strategisch sehr interessant sein könnte, wird daher auch von den Kritikern des Deals nicht bestritten, wie aus dem Schreiben von Davidson Kempner hervorgeht. Sie kritisieren jedoch, dass die Qiagen-Aktionäre nach der bisherigen Abmachung zu wenig Gegenleistung für das Potenzial erhalten, das in dem Zusammenschluss steckt.

    Grundlage der Argumentation ist die Erwartung, dass der aktuelle Boom bei Diagnostika das Geschäft des Konzerns längerfristig beflügeln dürfte. „Wir glauben, dass Covid-19 einen substanziellen langfristigen Einfluss auf die Diagnostika-Industrie haben wird“, heißt es in dem Schreiben von Davidson Kempner.

    Vorteil: Hoher Diagnostik-Anteil

    Der US-Finanzinvestor geht davon aus, dass Regierungen und Gesundheitssysteme unter dem Eindruck der Pandemie dauerhaft mehr für Diagnostika ausgeben werden. Qiagen mit seinem relativ hohen Diagnostika-Anteil am Umsatz dürfte von dem Trend relativ stärker profitieren als viele der größeren, breiter diversifizierten Konkurrenten wie Thermo Fisher oder Danaher.

    Nach Schätzungen von Davidson Kempner könnte der Hildener Konzern daher im laufenden Jahr seinen Umsatz um ein Drittel auf fast 2,1 Milliarden Dollar und den bereinigten Gewinn je Aktie um 67 Prozent auf 2,54 Dollar steigern.

    Das US-Unternehmen verweist zudem auf die starke Kursperformance von mehreren europäischen Diagnostik-Spezialisten. Die italienische Diasporin etwa verbuchte seit Anfang März, als Thermo Fisher und Qiagen die Übernahme vereinbarten, einen Kursgewinn von 68 Prozent.

    Die französische Biomerieux legte um 54 Prozent zu. Mit Kurs-Gewinn-Relationen von mehr als 40 werden beide Unternehmen deutlich höher bewertet als Qiagen, für die sich auf Basis der Thermo-Fisher-Offerte und der neuen Gewinnschätzung von Davidson Kempner nur ein KGV von 15 errechnet.

    Würde Qiagen auf vergleichbarem Niveau wie die europäischen Konkurrenten bewertet, wäre der Hildener Konzern als weiter eigenständige Firma sogar ein Kandidat für den Aufstieg in den Dax-30.

    Ebenfalls positiv, wenn auch nicht ganz so euphorisch, bewertet Solvet von Exane BNP Paribas die Situation und Perspektiven von Qiagen. Für 2020 kalkuliert er vor dem Hintergrund mit knapp 500 Millionen Dollar Zusatzumsatz aufgrund von Covid-19 und einem Gewinnanstieg auf 2,15 Dollar je Aktie. Auf dieser Basis entspricht der Angebotspreis von Thermo Fisher dem 18-fachen des Gewinns.

    Auch die Experten von Exane BNP Paribas gehen davon aus, dass sich der positive Trend für Qiagen im kommenden Jahr weiter fortsetzen wird. Denn der Rückenwind durch Covid-19, heißt es in ihrer Analyse, „wird überwiegend dauerhaft sein.“

    Mehr: Qiagen-Großaktionär rät von Übernahmeofferte durch Thermo Fisher ab.

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