Biotechnologie: Die Kapitalsuche für Biotech-Unternehmen bleibt schwierig
Deutsche Biotechfirmen haben derzeit viele Medikamente in der klinischen Erprobung.
Foto: IMAGO / ShotshopFrankfurt. Deutsche Biotechfirmen sammeln seit dem Boom während der Coronapandemie deutlich weniger Kapital ein. Allerdings scheint sich die Lage zumindest zu stabilisieren: Das Finanzierungsvolumen liegt im bisherigen Jahresverlauf wieder leicht über dem Wert des Vorjahres. Das zeigen Zahlen des Branchenverbands Bio Deutschland, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen.
Danach flossen deutschen Biotech-Unternehmen von Januar bis Mai rund 420 Millionen Euro zu, etwas mehr als im gleichen Zeitraum 2022. Eine Trendwende macht das aber noch nicht, denn Biotechfinanzierung ist volatil, und bereits einzelne größere Runden können das Bild stark verzerren. So steuerte allein eine Kapitalerhöhung von Curevac in diesem Jahr mit umgerechnet rund 234 Millionen Euro den Löwenanteil zu den Kapitaleinnahmen der Branche bei.
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Auf dem aktuellen Niveau bleibt die Finanzierungssituation schwierig, urteilen die Experten der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY in ihrem neuen Biotechreport. „Durch die Wirtschaftskrise gibt es momentan eine enorme Zurückhaltung bei Investoren und den Pharmakonzernen“, sagt EY-Experte Manuel Bauer.
Die Branche brauche aber große Kapitalmengen für die Weiterentwicklung von Biotechprodukten, die kurz vor der Marktreife stehen. Aktuell laufen in der deutsche Biotechindustrie insgesamt 145 klinische Studien zur Erforschung neuer Therapien, davon 17 in der letzten klinischen Phase vor dem Zulassungsantrag.
Rekordjahr für Pharmaallianzen
In den ersten beiden Coronajahren hatten hohe Kapitalzuflüsse – insbesondere bei den Impfstoffentwicklern Biontech und Curevac – das Finanzierungsvolumen der Branche auf Rekordhöhen von drei beziehungsweise 2,4 Milliarden Euro steigen lassen. Im vergangenen Jahr brach der Zufluss dann um mehr als zwei Drittel auf 812 Millionen Euro ein, wie der Biotechnologie-Report zeigt.
Allerdings ist Deutschland mit dieser Entwicklung nicht allein. Auch in den USA und Europa insgesamt hatte sich der Finanzierungmarkt nach der Überhitzung wieder abgekühlt. Europaweit ähnelte die Entwicklung der in Deutschland: Die Kapitalaufnahme sank um 65 Prozent von 22 auf 7,8 Milliarden Euro.
Trotz Zurückhaltung vieler Investoren - es gibt auch positive Signale für die Branche. Bei den Allianzen mit Pharmaunternehmen war das vergangene Jahr ein Rekordjahr. Das potenzielle Volumen der abgeschlossenen Deals hat sich im Vergleich zu 2021 auf mehr als 14,2 Milliarden Euro vervierfacht. Verbunden mit diesen Allianzen waren sogenannte Upfront-Zahlungen in Höhe von 702 Millionen Euro – nach 183 Millionen Euro im Vorjahr.
Die größte Allianz, die im Erfolgsfall ein Volumen von mehr als fünf Milliarden Euro erreichen könnte, schloss dabei das Hamburger Unternehmen Evotec mit dem Pharmakonzern Bristol Myers Squibb ab. Das US-Unternehmen vereinbarte auch gleich die zweitgrößte Allianz mit einem potenziellen Wert in Höhe von mehr als vier Milliarden Euro.
Wie es ohne den Biontech-Effekt aussieht
Partner war in diesem Fall Immatics. Das Tübinger Unternehmen entwickelt zielgerichtete Immuntherapien gegen Krebs und konnte in den vergangenen fünf Jahren Partnerschaften mit Pharmaunternehmen mit einem potenziellen Deal-Volumen von 8,7 Milliarden Euro abschließen.
Evotec aus Hamburg konnte in den vergangenen fünf Jahren ein potenzielles Allianzvolumen von mehr als acht Milliarden Euro realisieren. Das Unternehmen zählt zu den weltweit führenden Wirkstoffforschungs- und Entwicklungsunternehmen. Die Firma ist auf neurale Erkrankungen, Schmerz, Stoffwechsel- und Entzündungskrankheiten sowie Onkologie spezialisiert.
In diesem Jahr hat Evotec eine weitere lukrative Partnerschaft geschlossen. Die Hamburger tun sich bei der Entwicklung und Produktion von Biosimilars – Nachahmerprodukten von Biotechmedikamenten – mit der Novartis Tochter Sandoz zusammen. Die US-Tochter von Evotec, Just-Evotec Biologics, erhält einen zweistelligen Millionenbetrag vorab, wie das Unternehmen am Dienstagabend mitteilte. Abhängig von den Fortschritten in der Entwicklung kommen bis zu 640 Millionen Dollar dazu.
Alles in allem ist die Branche einigermaßen robust durch das Krisenjahr 2022 gekommen, bilanzieren die EY-Experten. So blieb die Zahl der Unternehmen trotz Ukrainekrieg, Inflation und schwieriger Konjunktur mit 749 Firmen nahezu stabil. Der Umsatz der Branche schrumpfte um drei Prozent auf 25 Milliarden Euro, wobei das Gros des Umsatzes der Branche in den beiden vergangenen Jahren auf Biontech und seinen Covid-19-Impfstoff Comirnaty zurückzuführen ist.
Die Mainzer erzielten 2021 rund 19 Milliarden Euro und 2022 noch etwas mehr als 17 Milliarden Euro Umsatz. Diesen Biontech-Effekt herausgerechnet konnte die deutsche Biotechbranche ihren Umsatz um fast elf Prozent auf 7,8 Milliarden Euro steigern.