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Biotechunternehmen Biogen treibt die Alzheimer-Forschung voran – und stellt sich gegen den Trend

Im Kampf gegen neurologische Krankheiten gab es viele Rückschläge. Anders als Konkurrenten investiert die US-Firma Biogen Milliarden in die Forschung.
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Einen großen Teil seines Umsatzes erzielt Biogen mit Forschung zu Medikamenten gegen Multiple Sklerose (MS). Quelle: Passage/Getty Images
Neuronen in der Petrischale

Einen großen Teil seines Umsatzes erzielt Biogen mit Forschung zu Medikamenten gegen Multiple Sklerose (MS).

(Foto: Passage/Getty Images)

FrankfurtOnkologie lautete in den vergangenen Jahren das Zauberwort der Pharmabranche. Das Geschäft mit Krebsmitteln entwickelte sich für viele Unternehmen zum wichtigsten Umsatzträger und zum neuen Schwerpunkt der Forschungsstrategien.

Die Arbeit an Medikamenten gegen neurologische Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Schizophrenie rückte darüber zusehends in den Hintergrund. Doch dieser Trend könnte sich nun wieder ändern, glauben Branchenexperten und Pharmamanager.

An vorderster Front agiert dabei das amerikanische Pharma- und Biotechunternehmen Biogen. „Unsere Mission ist klar: Wir sehen uns als Pionier und führendes Unternehmen in der Neurologie“, so beschreibt Firmenchef Michel Vounatsos im Gespräch mit dem Handelsblatt das Selbstverständnis des Unternehmens.

Der US-Konzern – mit 13 Milliarden Dollar Gesamtumsatz die Nummer vier der US-Biotechindustrie und in etwa auf Position 21 im globalen Pharmageschäft – befindet sich mit dieser Strategie in einer Außenseiterrolle in der Pharmabranche.

Während für die meisten großen Konkurrenten das Geschäft und die Forschung im Bereich zentrales Nervensystem (ZNS) eher zum Randbereich verkümmert sind, erzielt Biogen mehr als 80 Prozent seines Umsatzes auf dem Gebiet – insbesondere mit Medikamenten gegen Multiple Sklerose (MS).

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Und vor allem was die Forschung angeht, ist der US-Konzern im Gegensatz zur Konkurrenz „all in“. Praktisch 100 Prozent seiner F+E-Ausgaben von rund 2,5 Milliarden Dollar fließen in die Entwicklung von Medikamenten gegen neurologische Störungen.

Alles in allem umfasst das Portfolio inzwischen zwei Dutzend klinische Projekte, darunter sechs potenzielle Wirkstoffe gegen Alzheimer sowie eine Reihe von Produkten gegen MS, Parkinson, Schlaganfall, Schmerz und neurologische Muskelerkrankungen wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) spinale Muskelatrophie (SMA).

Top-Produkt in der Pipeline ist dabei der Wirkstoff Aducanumab, den Biogen in einer großen zulassungsrelevanten Studie gegen Alzheimer testet. Weit vorangeschritten sind ferner die Arbeiten an einem neuen Mittel zur Behandlung von Schlaganfall-Patienten.

Ungewöhnliche Strategie

Mit dem bewussten Fokus auf Neurologie bewegt sich Biogen auch strategisch weitab vom Mainstream der Pharmabranche. Dort gilt heute eher die Devise, keine Geschäftsschwerpunkte mehr zu definieren, sondern eher opportunistisch den Möglichkeiten zu folgen, die sich aus der Wissenschaft heraus ergeben.

Aus Sicht des Biogen-Chefs indessen ist der Gegensatz kleiner, als er scheint. „Wenn wir uns auf die Neurowissenschaften konzentrieren, betrifft das letztlich viele unterschiedliche Therapiebereiche“, sagt Vounatsos. „Wir können also trotz des Fokus ein diversifiziertes Geschäft aufbauen. Das Interessante dabei ist, dass es viele Synergien zwischen den einzelnen Bereichen gibt.“

Hinter der Strategie steht die Überzeugung, dass auch die Wissenschaft inzwischen das Tor für Innovationen weit öffnet. „Die neurologische Forschung steht heute etwa da, wo die Onkologie vor zwanzig Jahren stand. Wir erleben hier eine Revolution in der Wissenschaft und Medizin. Es gibt kaum einen Bereich, der schneller vorankommt“, sagt Biogen-Forschungschef Michael Ehlers.

Mehrere Faktoren tragen aus seiner Sicht dazu bei: Man verstehe zum einen die biologischen und genetischen Ursachen vieler Krankheiten heute wesentlich besser und könne die einzelnen Krankheiten genauer und differenzierter diagnostizieren. Zum anderen verfüge man über neue Technologien, um Wirkstoffe direkt ins Gehirn zu bringen.

Comeback in der Neurologie

Ehlers ist mit dieser Argumentation nicht allein. Auch Roche-Chef Severin Schwan sieht große Chancen auf dem Feld. „Vor 20 Jahren war das Hirn noch eine Blackbox. Heute verstehen wir neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer viel besser“, sagte Schwan jüngst im Interview mit dem Handelsblatt. „Damit erhöhen sich die Chancen, dass man eingreifen kann.“

Dem Schweizer Konzern, mit 45 Milliarden Dollar Pharmaumsatz aktuell die Nummer zwei der Branche, gelang im letzten Jahr vor allem mit seinem MS-Mittel Ocrevus eine Art Comeback in der Neurologie. Er arbeitet ferner an Mitteln gegen SMA und – trotz mehrerer Rückschläge – auch weiter an einem Alzheimer-Wirkstoff.

Auch bei der US-Firma Parexel, einem der weltweit führenden Serviceunternehmen für die klinische Forschung, sieht man Signale für eine Trendwende. „Wir haben in den vergangenen Jahren eine Verlangsamung der klinischen Forschung im Bereich ZNS beobachtet. Aber inzwischen sehen wir Zeichen, dass das Pendel zurückschlägt“, sagt Sy Pretorius, wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens.

Für die Pharmaindustrie ist die Neurologie dabei keineswegs Neuland. Schon im letzten Jahrhundert erzielte die Branche zum Teil üppige Umsätze auf dem Gebiet, damals vor allem mit Psychopharmaka wie Valium (von Roche) oder Anti-Depressions-Medikamenten wie Prozac (Eli Lilly) oder Zoloft.

Später verlagerte sich der Schwerpunkt in Richtung Multiple Sklerose, eine Krankheit, bei der die Umhüllungen von Nervenzellen durch das eigene Immunsystem angegriffen werden. Auch Biogen ist auf diesem Gebiet groß geworden und erzielt als Marktführer heute rund neun Milliarden Dollar mit MS-Medikamenten.

Biogen lässt sich von Fehschlägen nicht schrecken

Der Versuch, bessere Arzneien gegen andere neurodegenerative Krankheiten zu entwickeln, entpuppte sich dagegen als extrem harte Nuss für die Branche. Vor allem Alzheimer-Projekte sind durchweg gescheitert. Zuletzt stoppten Roche und die Schweizer Biotechfirma AC Immune eine Studie mit ihrem Produktkandidaten Crenezumab.

Bei Biogen lässt man sich von den vielen Fehlschlägen nicht abschrecken. Der Konzern hat seine Forschungsaktivitäten in den letzten beiden Jahren deutlich verbreitert, zuletzt etwa durch neue Allianzen mit den US-Firmen C4 und Skyhawk Therapeutics.

Strategisches Ziel ist es, neben MS weitere Geschäftsfelder in den Neurowissenschaften aufzubauen. Ein erster wichtiger Erfolg gelang mit dem Medikament Spinraza, einem Wirkstoff gegen SMA – eine erbliche Krankheit, bei der die Signalübertragung von den Nerven- auf die Muskelzellen gestört ist. Bereits im zweiten Jahr nach Markteinführung kam Spinraza auf rund 1,7 Milliarden Dollar Umsatz.

Ein weiterer neuer Pfeiler für das Geschäft, so die Hoffnung, könnte die Alzheimer-Therapie werden. Vounatsos lässt sich in seiner Zuversicht für das Hauptentwicklungsprodukt Aducanumab nicht beirren, obwohl es auf den gleichen Wirkmechanismus setzt, mit dem fast alle Konkurrenten gescheitert sind: die Beseitigung der sogenannten Amyloid-Plaques im Gehirn. Aducanumab, so die Überzeugung der Biogen-Forscher, hat größere Chancen, weil es anders als die Konkurrenzmoleküle die Amyloid dort angreift, wo es darauf ankommt – im Gehirn. Zudem habe man gezeigt, dass die Reduktion der Plaques mit verbesserten kognitiven Fähigkeiten einhergehe. Abschließende Resultate wird die Aducanumab-Studie aber erst 2020 liefern.

Im Erfolgsfall könnte sich ein Marktpotenzial im zweistelligen Milliardenbereich für den US-Biotechkonzern eröffnen. Aber auch wenn es schiefgeht, sieht Vounatsos sein Unternehmen dank des Booms in den Neurowissenschaften auf Kurs. „Wir haben viel mehr für den Fall, dass Aducanumab nicht funktioniert.“

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