BMW-Produktion in Leipzig

Dieselkrise, Handelskrieg und immer aufwendigere Vorgaben bei der Zulassung neuer Fahrzeuge drücken auf das Ergebnis der deutschen Autobauer.

(Foto: dpa)

BMW, Daimler, VW und Co. Die „fetten Jahre“ in der Autoindustrie sind „erst einmal vorbei“

Der Autoboom endet. Daimler, BMW und VW stehen vor einem mageren Quartal. Und das Schlimmste kommt laut einer Studie erst noch.
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DüsseldorfDas Geschäft war ein Selbstläufer. Seit 2011 eilten die globalen Autohersteller von Rekord zu Rekord. Noch nie zuvor in der Geschichte der Fahrzeugindustrie waren die Zeiten für die Autokonzerne wirtschaftlich gesehen so gut wie in den vergangenen sieben Jahren.

Die ganze Branche – von Massenherstellern wie Volkwagen und Toyota bis hin zu Premiumanbietern wie Daimler und BMW – steigerte unentwegt Absatz, Umsatz und Gewinn. Bis jetzt.

Die „fetten Jahren“ in der Autoindustrie sind „erst einmal vorbei“, heißt es in einer Studie des Center of Automotive Management (CAM), die dem Handelsblatt vorliegt. Die Wissenschaftler an der Universität Bergisch Gladbach prognostizieren für das Gesamtjahr 2018 bei allen großen deutschen Fahrzeugherstellern sinkende Gewinne im Vergleich zum Vorjahr. Die Margen brechen ein.

Demnach dürfte BMW in diesem Jahr nur noch eine Gewinnspanne vor Zinsen und Steuern von deutlich weniger als zehn Prozent erzielen, bei Erzrivale Daimler fällt die Ebit-Marge voraussichtlich auf unter acht Prozent und Volkswagen schafft nicht einmal mehr sechs Prozent.

„Die Autoindustrie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt"

Sonderbelastungen wie die Dieselkrise und der Handelskrieg drücken ebenso auf das Ergebnis wie die immer aufwendigeren Vorgaben bei der Zulassung neuer Fahrzeuge. In der Folge bricht der Absatz ein. Das Ziel von Volkswagen, Daimler und BMW, ihre Rekordverkäufe aus dem vergangenen Jahr in diesem Jahr noch einmal zu übertrumpfen, können die deutschen Hersteller „nicht erreichen“, heißt es in der CAM-Studie.

Das Institut um den Autoprofessor Stefan Bratzel geht davon aus, dass beispielsweise Volkswagen dieses Jahr nur noch knapp zehn Millionen Fahrzeuge verkaufen wird. Das wäre ein Minus von fast sieben Prozent im Vergleich zu 2017

Das größte Risiko geht vom weiter eskalierenden Handelsstreit aus

Oder anders ausgedrückt: Die Wolfsburger dürften dieses Jahr grob 700.000 Autos weniger verkaufen als noch im Vorjahr. Nach den CAM-Berechnungen wird Toyota 2018 folglich mehr Fahrzeuge absetzen als Volkswagen und Deutschlands größten Industriekonzern damit von der Spitze der globalen Autoindustrie verdrängen.

Die ersten Erschütterungen dieser Entwicklung sind bereits sichtbar. Daimler schockte die Industrie im Juni mit einer Gewinnwarnung. Continental, der Haus- und Hofzulieferer von Volkswagen, musste in diesem Jahr gleich zwei Mal in Folge seine Prognose kassieren und zuletzt stellte auch BMW wegen des anhaltenden Preisdrucks schmälere Ergebnisse in Aussicht als ursprünglich angedacht.

Wenn Daimler Ende nächster Woche (25.10) die Ergebnissaison der Autobauer zum dritten Quartal eröffnet, geht das Zittern unter den Anlegern erst richtig los.

Analysten kalkulieren mit einem äußerst mageren Quartal. „Das wird nicht toll“, sagt Frank Schwope. „Ich rechne eher mit negativen als positiven Überraschungen. Es ist ein Hoffen und Bangen“, erklärt der Autoexperte von der Nord LB. Der Grund: Weder der Dieselskandal noch die Probleme im Zuge der Umstellung auf den neuen Prüfzyklus WLTP seien ausgestanden. „Es gibt zu viele Probleme auf einmal“, konstatiert Schwope.

Noch sorgenvoller als auf das Geschäft der Autobauer in diesem Jahr blickt der Kapitalmarktexperte aber auf das kommende Jahr. „Der Ausblick der Konzerne für 2019 wird sehr vorsichtig ausfallen“, so Schwope.

Das größte Risiko mit Blick in die Zukunft sieht der Analyst in einem weiter eskalierenden Handelsstreit. „Wenn sich US-Präsident Donald Trump nach China auch noch die EU mit neuen Autozöllen vorknöpft, wird es für die deutschen Autohersteller haarig“.

Zudem endet gerade der Autoboom. Der globale Automarkt dürfte 2019 erstmals seit der Lehman-Pleite schrumpfen. Werden dieses Jahr weltweit wohl noch mehr als 86 Millionen Pkw verkauft, dürften es im kommenden Jahr nur noch 85 Millionen Stück sein.

Deutsche Hersteller müssen neue Mentalität entwickeln

Die heftigsten Einbrüche drohen ausgerechnet dort, wo die Deutschen am meisten Autos absetzen: China und die USA dürften jeweils vier Prozent verlieren, Großbritannien droht ein Rückgang von sieben Prozent, Deutschland ein Minus von drei Prozent. Diese Einbrüche sind aber nichts im Vergleich zu den Erschütterungen, denen die Autoindustrie mittel- bis langfristig ausgesetzt sein wird.

„Die Branche steht angesichts der Trends von CO2-Zielen, Elektromobilität, autonomem Fahren und Mobilitätsdienstleistungen vor den größten Umbrüchen ihrer Geschichte“, analysiert Autoprofessor Bratzel. Er sieht einen Kampf zweier Welten heranbrechen. Die etablierten Autohersteller müssen sich gegen Angriffe von Tech-Konzernen aus dem Silicon Valley und Fernost wehren.

Die Ausgangslage für Daimler, VW und BMW ist schwierig. Weder der enge Kontakt zu den Endkunden noch das Entwickeln von cleverer Software zählten bislang zu ihren Stärken. Klar ist aber: Die Fahrzeughersteller müssen sich bewegen.

Steht der Verkauf von Autos, Komponenten und Ersatzteilen heute noch für 99 Prozent der Branchengewinne, werden es nach Berechnungen der Unternehmensberatung Boston Consulting 2035 wohl nur noch 60 Prozent sein. Die restlichen 40 Prozent des Ertrags werden die Autobauer demnach mit neuen Mobilitätsdiensten erwirtschaften.

Um neue Wettbewerber wie Apple, Google, Uber, Didi Chuxing oder Alibaba in die Schranken zu weisen, müsste die heimische Vorzeigeindustrie eine neue Mentalität entwickeln. „Die Automobilhersteller dürfen sich nicht mehr als dominanten Platzhirschen definieren, sondern müssen in die Rolle eines ambitionierten Herausforderers wechseln“, erklärt Bratzel.

Sowohl das Selbstverständnis der Manager in Wolfsburg, Stuttgart und München müsse sich dringend ändern, als auch die Unternehmenskultur der Konzerne, die sie repräsentieren. Ansonsten könnten die erfolgsverwöhnten heimischen Autobauer bald in die Rolle von Zulieferern für chinesische und amerikanische Tech-Konzerne abrutschen.

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3 Kommentare zu "BMW, Daimler, VW und Co.: Die „fetten Jahre“ in der Autoindustrie sind „erst einmal vorbei“"

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  • Was mich am meisten wundert ist die Tatsache, das sich die Kunden vom VW Konzern wieder für ein solches Produkt entscheiden. Es liegt ja auf der Hand das gerade dieser Konzern durch sein abwarten, ob die Sache doch noch politisch gelöst wird allen anderen großen Schaden zugefügt hat. Der einzige der da völlig unverschuldet mit einem blauen Auge davon kommen kann ist der BMW Konzern. Da dürfen die Mitarbeiter auch sagen, Ok wir können das nur mit technischen Lösungen erreichen und nicht mit irgendeiner Software.
    Was ist nur aus den deutschen Tugenden Fleiß und Ehrlichkeit geworden.

  • Sehr geehrter Herr Hubik,

    Sie kennen sicher die Geschichte mit dem halben Glas Wasser. Die einen sagen es sei halb voll, die anderen sehen es halb leer. Und die einen meinen, die Autoindustrie stehe vor Herausforderungen. Die anderen empfinden eine existentielle Bedrohung.

    Was fehlt, ist eine Besinnung auf die eigene Kraft. Die drei Premium-Hersteller Audi, BMW und Daimler haben 80 % des Weltmarktes für Premium-Fahrzeuge erobert. Und VW hat sich zum weltgrößten Hersteller entwickelt. Beides sind stolze Leistungen, die nicht von ungefähr kommen. Sie sollten Mut machen, dass die deutsche Autoindustrie auch die Herausforderungen der Zukunft meistert.

    Selbst ein eskalierender Handelskrieg ist längst nicht das Ende der deutschen Vorzeigebranche. Um ihm zu begegnen, sind Verlagerungen von Produktionsstandorten das geeignete Mittel. Das mag zwar Zeit und Geld kosten. Aber am Ende steht der Erfolg.

  • Nicht alle deutschen Autohersteller sind Dinosaurier. Schauen Sie sich e.Go in Aachen an.

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