Cannabis-Medizin Immer mehr Schmerzpatienten bekommen Marihuana auf Rezept

Rund 40.000 Patienten in Deutschland nehmen Cannabis-Medikamente gegen ihre Schmerzen. Die Kosten dafür steigen bei den gesetzlichen Krankenkassen – dennoch profitieren sie.
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Immer mehr Patienten bekommen in Deutschland Cannabis als Medizin. Quelle: dpa
Marihuana-Pflanze

Immer mehr Patienten bekommen in Deutschland Cannabis als Medizin.

(Foto: dpa)

FrankfurtSeit vor eineinhalb Jahren Marihuana für den therapeutischen Einsatz von Schwerkranken freigegeben wurde, steigt die Zahl der Verordnungen in Deutschland stetig an. Auf mehr als 50 Millionen Euro belaufen sich bereits die Bruttokosten der gesetzlichen Krankenkassen in den zwölf Monaten von Juli 2017 bis Juni dieses Jahres. Das ergeben Handelsblatt-Berechnungen auf Basis der Zahlen des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen.

Während im zweiten Halbjahr 2017 Cannabis-Medikamente mit einem Bruttoumsatz von etwa 19,2 Millionen Euro verordnet wurden, waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres bereits 30,8 Millionen Euro.

Nach einer Erhebung des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens IQvia, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, wurden im Juli mehr als 12.700 Rezepte mit den Gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet. Das ist ein Plus von 39 Prozent gegenüber Januar dieses Jahres und eine Verdoppelung gegenüber dem Juli des Vorjahres. Allerdings war nach der Freigabe von Cannabis auf Rezept im März 2017 die Verordnung erst sukzessive angelaufen.

Über die Zahl der Patienten in Deutschland, die Cannabis als Medizin nehmen, wird keine nationale Statistik geführt. Die Zahl der Rezepte, die IQvia auflistet, ist nicht mit der Zahl der Patienten gleichzusetzen, weil nicht jeder Patient monatlich eine Verordnung erhält. Schätzungen aus dem Markt gehen mittlerweile von mehr als 40.000 Patienten aus.

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Vor der gesetzlichen Freigabe von Cannabis als Medizin am 10. März 2017 hatten nur etwas mehr als 1.000 Patienten eine Sondergenehmigung der Bundesopiumstelle, Cannabis legal in der Apotheke zu beziehen.

Bei den drei größten Gesetzlichen Krankenkassen, AOK, Barmer und Techniker Krankenkasse, die für mehr als die Hälfte des Marktes stehen, gingen seit Inkrafttreten des Gesetzes mehr als 22.000 Anträge ein. Allerdings werden nicht alle Anträge genehmigt: Bei der AOK liegt die Genehmigungsquote nach den Angaben einer Sprecherin stabil bei 63 Prozent, Techniker und Barmer kommen aktuell auf 65 beziehungsweise 68 Prozent.

Die Anträge auf Kostenübernahme werden sozialmedizinisch von den unabhängigen Ärzten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen geprüft. Die Gutachter untersuchen, ob aus medizinischer Sicht die gesetzlichen Vorgaben erfüllt sind, also eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt und ob eine Cannabis-Therapie in absehbarer Zeit den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann.

„Kostenübernahme ist nach wie vor schwierig“

Schmerzmediziner wie Joachim Nadstawek kritisieren die Genehmigungsquote der Kassen als nicht ausreichend. „Cannabis ist für viele Schmerzpatienten eine echte Option geworden, doch die Kostenübernahme ist nach wie vor schwierig“, sagt er. Die Gründe für die Ablehnung seien für Arzt und Patienten oft nicht nachvollziehbar, so der Medizinprofessor, der zugleich Präsident des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin ist.

Cannabis helfe nicht im jeden Fall, sagt Nadstawek. „Dann sollte es auch nicht weiter verschrieben werden.“ Aber aus seiner täglichen Arbeit als Schmerzmediziner könne er berichten, dass mehr als die Hälfte seiner Patienten profitiere, weile viele dann weniger oder keine Opioide gegen Schmerzen mehr nehmen müssten.

Eine Auswertung der Daten von Versicherten der Barmer bestätigt, dass ein Großteil der Patienten, die Cannabis verordnet bekommen, vorher Opioide genommen haben. Die Kosten in Millionenhöhe, die bei den gesetzlichen Krankenkassen für Cannabis anfallen, könnten sich vor diesem Hintergrund relativieren: Wie die Barmer-Daten zeigen, fielen bei der Kasse im vergangenen Jahr 4,4 Millionen Euro Kosten für Cannabis-Verordnungen an, auf Opioide entfielen 174 Millionen Euro.

Übrigens variieren die Kosten für die Cannabis-Therapie je nach Art der Versorgung erheblich, wie eine Auswertung von Routinedaten der Barmer zeigt. Während die durchschnittlichen monatlichen Kosten bei der Verordnung des Fertigarzneimittels Sativex pro Patient bei knapp 340 Euro liegen, belaufen sie sich bei der Versorgung mit Cannabisblüten auf knapp 1200 Euro. Cannabishaltige Zubereitungen wie das Mittel Dronabinol liegen bei durchschnittlich 560 Euro pro Monat pro Patient.

Nach den Zahlen von Marktforscher IQvia für das erste Halbjahr dieses Jahres entfällt das Gros der Verordnungen mit jeweils knapp 40 Prozent auf Fertigarzneimittel sowie cannabishaltige Zubereitungen. Fertigarzneimittel sind neben dem Spray Sativex von der Pharmafirma Almirall, das seit Jahren zum Einsatz bei Patienten mit Multipler Sklerose zugelassen ist, auch die Canemes-Kapseln von AOP Orphan Pharmaceuticals AG.

Das Medikament wird bei Krebspatienten gegen Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen nach einer Chemotherapie eingesetzt. Zu den cannabishaltigen Zubereitungen zählt vor allem Dronabinol von der Firma Bionorica, das nach Angaben des Unternehmens binnen eines Jahres mehr als 16.000 Patienten erhielten, sowie die Cannabis-Extrakte der kanadischen Firma Tilray.

Auf Cannabisblüten entfielen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres knapp 23 Prozent der Verordnungen. Dafür steigt die Zahl der Rezepte für die Blüten besonders schnell: Von Januar bis Juli um mehr als 73 Prozent, während die gesamten Verordnungen um 39 Prozent zulegten

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