CEO Klaus Deller im Interview Knorr-Bremse will bald an die Börse – „Wir sind voll im Plan“

Knorr-Bremse will bald den Sprung aufs Parkett wagen. Im Interview spricht CEO Deller über den Börsengang und mögliche Zusammenschlüsse.
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Mit den Vorbereitungen des Börsengangs ist Knorr-Bremse laut dem Vorstandsvorsitzenden voll im Plan. Quelle: Thomas Dashuber für Handelsblatt
Klaus Deller

Mit den Vorbereitungen des Börsengangs ist Knorr-Bremse laut dem Vorstandsvorsitzenden voll im Plan.

(Foto: Thomas Dashuber für Handelsblatt)

Immer mehr Lastwagen transportieren immer mehr Güter – die Gefahren steigen. Erst kürzlich verunglückte in München wieder ein Kind tödlich, weil es von einem Lastwagen beim Abbiegen übersehen wurde. Der Unfallort ist nur wenige Hundert Meter von der Unternehmenszentrale der Knorr-Bremse entfernt.

Herr Deller, warum bremsen viele Lastwagen zu spät oder gar nicht?
Lastwagen mit Anhänger können – von Stoßstange zu Stoßstange – bis zu 18,75 Metern lang sein. Wenn so ein Gespann in eine Kreuzung einbiegt, muss der Fahrer alles gleichzeitig im Blick behalten. Er sieht nicht, was unmittelbar vor seiner Kabine oder auch direkt neben der Beifahrertür passiert. Er braucht eine Vielzahl von Spiegeln, durch die er permanent kontrolliert, was sich um sein Fahrzeug herum tut. Mit der heutigen Verkehrsdichte ist das schier nicht zu bewältigen.

Was könnte man ändern?
Die zeitgemäße Lösung sind Umfeldsensoren, die den Fahrer warnen oder das Signal an die Bremse geben, das Fahrzeug zu stoppen, bevor es zu Kollisionen kommt. Die Technik dafür ist seit Jahren bei Knorr-Bremse vorhanden.

Warum wird sie dann nicht eingesetzt?
Weil aufgrund des Kostendrucks im Nutzfahrzeugbereich nur dann flächendeckend etwas eingebaut wird, wenn es der Gesetzgeber vorgibt. Nur deshalb gibt es heute Antiblockiersysteme oder elektronische Stabilitätsprogramme als Standard in den Fahrzeugen. Sie könnten die Lkw auch mit Abbiege-Assistenten ausstatten, die jeden Winkel mit Radar überwachen und warnen, wenn sich ein Mensch in diesem Gefahrenbereich aufhält. Dieses warnende System wäre für uns schon ab 300 Euro für die Technik darstellbar.

Das würde Menschenleben retten...

Das stimmt, aber das Speditionsgeschäft ist sehr kostengetrieben. Das Nutzfahrzeug ist ein Investitionsgut und wird in aller Regel nach Kostengesichtspunkten angeschafft. Wenn Sicherheitstechnologie flächendeckend eingebaut werden soll, bei der es um den Schutz von Menschenleben geht, darf das keine betriebswirtschaftliche Entscheidung von Unternehmen sein – dann ist der Gesetzgeber gefordert. Alleine in Deutschland sind in diesem Jahr wohl an die 20 Menschen, darunter viele Kinder, bei Abbiegeunfällen ums Leben kommen. Ich hoffe, dass hier schnell gehandelt wird; nicht nur für Neufahrzeuge, auch per Nachrüstung für den bestehenden Fahrzeugpark.

Dabei arbeitet die Industrie bereits am selbstfahrenden Truck. Wie wollen Sie angesichts solcher Unfälle eine Akzeptanz für einen Roboterlaster erzeugen?
Der autonom fahrende Lkw entwickelt sich ja Schritt für Schritt, Funktion für Funktion. Erst kam der abstandsabhängige Tempomat, dann wurde das erweitert um Funktionen wie den Spurassistenten, der bei ungewolltem Verlassen der Fahrspur den Fahrer aufmerksam macht oder jetzt sogar per Bremseingriff das Fahrzeug wieder in die korrekte Spur führt.

Wie sieht denn Ihr Weg zum autonomen Fahren aus?
Das führerlose Fahren kennt Knorr-Bremse schon aus dem Schienenverkehr. Da sind wir Pioniere. Bei Schienenfahrzeugen, die naturgemäß spurgeführt sind, liegt die Herausforderung im stets exakt wiederholbaren Anhaltevorgang, da der Reibkoeffizient zwischen Stahlrad und Schiene nur ein Bruchteil von dem eines Gummireifens auf Asphalt ist; auch die zu bremsenden Gewichte sind ein Vielfaches gegenüber der Straße. Bei den Nutzfahrzeugen haben wir einen sehr detaillierten Entwicklungspfad, vom teilautomatisierten bis hin zum vollautonomen Fahren. Ich denke aber, vor 2030 werden wir vollautonome Fahrzeuge nicht auf der Straße sehen. Vorher wird das Platooning kommen: Ein Fahrzeug fährt fahrergesteuert auf der Autobahn voraus, eine Reihe weiterer Lkw teilautonom hinterher. Das werden wir vermutlich in den nächsten drei bis vier Jahren sehen. Die Technik dafür ist da.

Und was bringt das?

Vor allem Sprit- und CO2-Ersparnis. Aber es entlastet auch die Fahrer in den geführten Lkw, denn diese müssen die Fahrt nur noch überwachen. Damit könnte man zum Beispiel auch darüber nachdenken, deren Lenkzeiten zu verlängern; die Einführung solcher Systeme wäre dann auch viel schneller wirtschaftlich darzustellen. Und schließlich schafft es Sicherheit, denn der Mensch ist und bleibt auf Sicht die größte Fehlerquelle im Straßenverkehr.

Das autonome Fahren ist für Ihr Unternehmen ein Megatrend. Im vergangenen Jahr haben Sie vergeblich versucht, den Konkurrenten Haldex zu übernehmen. Sind Sie richtig aufgestellt?
Wir sind sehr gut aufgestellt! Wir haben Brems- und Lenksysteme unter einem Dach – alles, was die Richtung des Fahrzeugs bestimmt. Bei der Sensorik, die ganz anderen Entwicklungszyklen unterliegt und bei der Skaleneffekte weit über die Nutzfahrzeug-Bauzahlen generiert werden, schließen wir Entwicklungspartnerschaften und kaufen sie zu, um ein voll funktionsfähiges System anbieten zu können.

Damit überlassen Sie einen Teil der Wertschöpfung jemand anderem.
Die Wertschöpfung ist immer dort am besten aufgehoben, wo sie am wirtschaftlichsten dargestellt werden kann. Aber unsere Wertschöpfung wird in Zukunft eher weiter steigen, weil die Lkw-Hersteller verstärkt Aktivitäten auslagern werden, um ihre Kostenposition zu verbessern. Im Lastwagengeschäft sind die Stückzahlen gering, gleichzeitig ist die Variantenzahl sehr groß. Nur große Systemzulieferer bekommen die entsprechende Wertschöpfung auf Dauer zu wettbewerbsfähigen Stückkosten hin. Dies schafft Wachstum und versetzt Systemzulieferer in die Lage, mehr Mittel für Innovationen zu generieren, von denen wiederum die Fahrzeugbauer profitieren – ein echtes Win-win!

Auch Knorr-Bremse strebt nach Größe, Ihr Eigentümer hat bereits im vergangenen Jahr einen Börsengang in Aussicht gestellt. Wie weit sind Sie denn?

Wir sind mit den Vorbereitungen voll im Plan. Das betrifft vor allem die Umstellung der Rechnungslegung, vom deutschen HGB zum internationalen IFRS, aber auch Maßnahmen zur Sicherstellung einer marktkonformen Corporate Governance. Wir werden nach der Sommerpause eine Entscheidung treffen, ob und wann es einen Börsengang geben wird. Wir betrachten einen Börsengang nach wie vor als die bevorzugte Lösung.

Was spricht für den Börsengang?
Für Knorr-Bremse geht es nicht darum, in einem Börsengang Mittel für die Geschäftsentwicklung einzusammeln. Es geht vielmehr um die längerfristige Governance des Unternehmens. Herr Thiele ist dieses Jahr 77 geworden. Er hat vor 33 Jahren das Unternehmen übernommen und aus einem kranken, wenig wettbewerbsfähigen Betrieb einen Weltmarktführer für Bremssysteme in Zügen und Nutzfahrzeugen gemacht.

Es ist sein Interesse, Knorr-Bremse eigenständig zu halten und auch von der Gesellschafterseite so solide aufzustellen, dass sich das Unternehmen möglichst kraftvoll weiterentwickeln kann. Ein Teil dieser Eigentümerstruktur könnte durch professionelle und industrieerfahrene Investoren am Kapitalmarkt ersetzt werden.

Gleichzeitig halten sich Gerüchte, dass über ein Zusammengehen mit einem anderen großen Zulieferer verhandelt wird.
Ich betrachte das zuerst mal als großes Kompliment. Aber diese Gerüchte gibt es seit mehr als 20 Jahren – mal ist es Bosch, dann ist es ZF Friedrichshafen, dann wieder Continental. Das sind ja alles hochkompetente Häuser. Knorr-Bremse ist Weltmarktführer für Lkw- und Zugbremsen und führend bei weiteren Subsystemen, wie Einstiegs- und Klimasysteme bei Schienenfahrzeugen. Das macht attraktiv. Heißt aber nicht umgekehrt, dass man heiraten muss.

Was spräche denn für eine Hochzeit?
Die Frage stellt sich nicht, und ich sehe in unserer Position gar keinen Bedarf für einen solchen Schritt. Aber wir sind für eine Zusammenarbeit grundsätzlich immer bereit, wo dies Sinn macht, und dann kommt es darauf an, was man anzubieten hat. Es liegt doch auf der Hand, dass Knorr-Bremse ein attraktiver Partner ist. Denn alle Megatrends sprechen für uns: Die Urbanisierung in den asiatischen Ländern beginnt gerade erst, das geht nur mit öffentlichen Verkehrssystemen.

Wir sind da mit unseren Bremssystemen, unserer Kompetenz in der Elektrifizierung oder beim automatisierten Fahren hervorragend positioniert. Die Kunst ist doch nicht, mit der Kamera Objekte zu erfassen. Die Kunst liegt darin, diese Systeme in Fahrzeuge und ihre Bremssysteme zu integrieren, und das können wir. Auch das Ende des Verbrennungsmotors täte uns nicht weh. Ein elektrischer Lkw wird auch mit Druckluft gebremst.

Vielen Dank für das Gespräch.

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