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Chemiebranche Glyphosat ist nicht das einzige Problem – Agrochemie steckt in der Krise

Die Geschäfte mit Saatgut und Pflanzenschutzmittel entwickeln sich enttäuschend. Die Hoffnungen auf nachhaltiges Wachstum schwinden.
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Weltweit steckt die Agrochemie-Branche in der Krise. Quelle: E+/Getty Images
Schädlingsbekämpfungsmittel

Weltweit steckt die Agrochemie-Branche in der Krise.

(Foto: E+/Getty Images)

Frankfurt „Das ist eine hochattraktive, profitable Industrie, die gekennzeichnet ist durch langfristige und intakte Wachstumstrends“, versicherte Bayer-Chef Werner Baumann Analysten im Herbst 2016 kurz nach Abschluss der Verträge für die Übernahme des US-Konzerns Monsanto.

Der Bayer-Chef war damals keineswegs allein mit seinem Faible für die Agrochemie. Das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut wird von den Akteuren in der Chemiebranche schon seit Langem als ebenso renditestarkes wie wachstumssicheres Segment geschätzt. Der Drang nach Größe im Agrosektor war der maßgebliche Treiber hinter einer breiten Konsolidierung und Neuordnung in der Branche.

Ende 2015 gaben die amerikanischen Chemieriesen Dow und Dupont den Startschuss mit ihren Plänen für eine Fusion und nachfolgende Aufspaltung in drei eigenständige Firmen, darunter der neue Agrochemiekonzern Corteva. Die Schweizer Syngenta ist inzwischen Tochter von Chemchina. BASF kaufte Saatgutaktivitäten, die Bayer aus Kartellgründen abgeben musste. Der kleinere US-Chemiespezialist FMC Corp erwarb Teile des Dupont-Pflanzenschutzgeschäfts.

Doch nachdem die große Mergerwelle der Agrochemie abgeschlossen ist, macht sich zusehends Ernüchterung breit. Und Anlass dazu geben nicht nur die riesigen Probleme und Risiken, die sich der Bayer-Konzern mit den Prozessen um den Unkrautvernichter Glyphosat eingehandelt hat. Auch das operative Geschäft entpuppt sich im Grunde für alle Akteure als Enttäuschung, wie ein näherer Blick auf die aktuellen Zahlen und den längerfristigen Trend zeigt. Denn von einer Wachstumsindustrie kann derzeit keine Rede sein.

Im ersten Halbjahr 2019 verbuchten die fünf führenden Hersteller im Schnitt rund sechs Prozent Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahr. Die aggregierten Betriebsgewinne lagen mit zusammen rund sechs Milliarden Dollar um rund ein Drittel unter Vorjahresniveau. Und dabei geht es durchweg um die sogenannten bereinigten operativen Erträge, bei denen erzielte Synergieeffekte aus den Fusionen und Übernahmen zwar mit einfließen, einmalige Kosten, etwa für Restrukturierung und Rechtsstreitigkeiten, dagegen außen vor bleiben.

Diesen Rückstand aufzuholen dürfte schwierig werden, zumal die Saatgut- und Pflanzenschutzhersteller den Löwenanteil ihrer Erträge im ersten Halbjahr einfahren.

Schwaches US-Geschäft

Als Hauptursache für den starken Einbruch gelten dabei vor allem einmalige Effekte, so insbesondere die schwierigen Witterungsverhältnisse auf dem US-Markt, wo große Überschwemmungen im mittleren Westen zu stark reduzierten Anbauflächen führten. Hinzu kamen Negativeinflüsse wie trockene Witterung in Teilen Europas und Australiens sowie der Handelskrieg zwischen den USA und China und die Schweinegrippe in Asien, die beide das Sojageschäft belasten.

Die starken Einbußen werden begleitet von wachsendem Preisdruck im US-Saatgutbereich wie auch bei Pflanzenschutzmitteln. Denn es haben sich offenbar höhere Vorratsbestände aufgebaut. Dieser Preisdruck, schätzt Syngenta-Finanzchef Mark Patrick, werde wohl „über die gesamte Saison 2019 und auch in das Jahr 2020 hinein anhalten“.

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Zum Teil werden die Schwächen dabei durch die Akquisitionseffekte überdeckt. Der Bayer-Konzern etwa, der Monsanto seit Juni 2018 konsolidiert, konnte dadurch für das erste Halbjahr 2019 einen kräftigen Umsatz- und Ertragssprung für sein Agrogeschäft ausweisen. Auf Proforma-Basis, das heißt unter der Annahme, Monsanto habe schon seit Januar 2018 zum Konzern gehört, sanken die Erlöse im ersten Halbjahr dagegen währungsbereinigt um knapp fünf Prozent auf elf Milliarden Euro.

Die BASF meldete für ihr Agrochemiegeschäft einen Umsatzsprung um mehr als ein Drittel. Doch der resultierte allein aus der Integration der Saatgut- und Pflanzenschutzaktivitäten, die man von Bayer erwarb. Das angestammte Pflanzenschutzgeschäft des Konzerns dürfte um gut neun Prozent geschrumpft sein.

Einig sind sich die meisten Beobachter darin, dass die Einbußen im ersten Halbjahr stark von einmaligen Effekten geprägt sind und die Branche für 2020 auf eine gewisse Normalisierung hoffen kann. Dessen ungeachtet unterstreicht der Einbruch, dass der längerfristige Wachstumstrend in der Agrochemie mit erheblichen Unsicherheiten behaftet ist.

Erträge unter Druck

Die fünf führenden Akteure und ihre Vorgängerfirmen verbuchten zwar in der Dekade bis 2014 eine lange Aufschwungphase, in der sich die Umsätze in der Summe verdoppelten und die operativen Erträge auf zusammen rund 13 Milliarden Dollar verdreifachten. Seither jedoch sind die Umsätze auf Dollar-Basis um etwa 13 Prozent und die operativen Erträge im Schnitt um gut ein Viertel geschrumpft.

Die operativen Margen können sich im Vergleich mit vielen anderen Chemiesegmenten zwar immer noch sehen lassen, haben sich seit 2014 aber von 18 auf 15 Prozent verschlechtert. Und im laufenden Jahr dürfte es mit Erträgen und Renditen weiter abwärts gehen. Das heißt: Was zunächst noch als kurze Delle erschien, entpuppt sich inzwischen bereits als fünf Jahre lang anhaltende Schwächephase.

Wie stark sich die Performance seit Beginn der Mergerwelle verschlechtert hat, macht auch folgender Vergleich deutlich: Für das erste Halbjahr 2015, also die letzte Phase vor Beginn der Fusionswelle, wiesen die damals sieben führenden Firmen im Agrochemiegeschäft zusammen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Dollar und gut zehn Milliarden Dollar Ebit aus. Das verbliebene Führungs-Quintett dagegen verbuchte im ersten Halbjahr 2019 nur noch rund 36 Milliarden Dollar Umsatz und sechs Milliarden Dollar Betriebsgewinn.

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Für den US-Konzern Corteva errechnet sich über diesen Zeitraum ein Gewinnrückgang von rund 45 Prozent gegenüber den Werten, die Dow und Dupont im ersten Halbjahr 2015 für ihr Agrogeschäft auswiesen. Die BASF hat im ersten Halbjahr 2019 operativ rund ein Zehntel weniger verdient als vor vier Jahren, obwohl man inzwischen die Saatgutgeschäfte von Bayer eingliederte, die mehr als 200 Millionen Euro Ertrag im Halbjahr liefern dürften.

Bei Bayer steht ein Ebit von zwei Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2019 den etwa 4,8 Milliarden Euro Betriebsgewinn gegenüber, die Bayer und Monsanto zusammen im ersten Halbjahr 2015 verbuchten. Zwar sind die Einbußen teilweise auch durch negative Währungseffekte und im Falle Bayer und Corteva zudem durch Desinvestitionen beeinflusst. Insgesamt jedoch machen die Zahlen deutlich, dass die Branche im Agrogeschäft keineswegs vor längeren Schwächephasen gefeit ist. Sie dürfte 2019 nochmals deutlich zurückfallen und benötigt inzwischen eine erhebliche Ertragssteigerung, um auf das frühere Ertrags- und Renditeniveau zurückzukehren.

Bayer-Chef Baumann hat jüngst zwar sowohl die Guidance des Konzerns für 2019 als auch die längerfristigen Prognosen bekräftigt, dabei aber eingeräumt, dass das Ziel ambitionierter geworden sei. BASF und Corteva dagegen mussten ihre Gewinnprognosen wegen der Agroschwächen deutlich reduzieren. Corteva zum Beispiel rechnet nur noch mit zwei Milliarden Dollar Ebitda, statt 2,8 Milliarden Dollar.

Was die mittelfristigen Perspektiven angeht, bleiben die Akteure dabei zuversichtlich. Bayer und Corteva etwa kalkulieren mit einem längerfristigen Marktwachstum von um die drei Prozent pro Jahr, das man jeweils übertreffen will. Und etliche Analysten trauen den Großkonzernen zu, dass sie Marktanteile gewinnen können. Die Bewertungen am Kapitalmarkt dagegen signalisieren inzwischen größere Skepsis. Corteva zum Beispiel wird aktuell nur noch mit rund dem Zwölffachen des erwarteten Betriebsgewinns vor Abschreibungen (Ebitda) bewertet.

Als vor vier Jahren die Neuordnung des Agrochemiesektors begann, wurden noch weitaus höhere Bewertungen aufgerufen. Bayer zum Beispiel zahlte für die Übernahme von Monsanto damals mehr als das 18-Fache des Ebitdas, Chemchina für Syngenta rund 17-mal Ebitda, und BASF legte für die von Bayer zugekauften Sparten immerhin noch fast das 14-Fache des Ebitdas auf den Tisch. Gemessen am heutigen Bewertungsniveau in dem Sektor waren alle diese Deals deutlich zu teuer – selbst unabhängig von Sonderproblemen wie nun im Falle von Glyphosat.

Mehr: DowDupont bringt seine Agrarchemiesparte Corteva an die Börse. Firmenchef Jim Collins macht im Interview deutlich: Er ist Bayers härtester Konkurrent.

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