Chemiekonzern Bayer Keine Angst vor dem Sanierer

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Die DNA von Bayer entschlüsselt

Doch es kam anders. Der polyglotte Manager, der mit seiner Familie in Düsseldorf-Kaiserswerth lebt, mutet den über 30.000 deutschen Bayer-Beschäftigten viel zu, doch die Mitarbeiter ziehen mit. Die anfängliche Unruhe hat sich gelegt, die Furcht vor dem Brutalo-Sanierer ist gewichen. Zwar krachte es anfangs gewaltig zwischen Dekkers und den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat, inzwischen ist aber wieder von vertrauensvollen Gesprächen die Rede. „Dekkers hat dazugelernt“, sagt Reiner Hoffmann, Bayer-Aufsichtsratsmitglied und Landesbezirksleiter der Chemie-Gewerkschaft IG BCE.

Lernen, hart entscheiden, aber die Geschundenen tätscheln und beim Nehmen auch etwas geben – so pflügt sich der amerikanisch geprägte Niederländer durch ein Urgestein der deutschen Industrielandschaft, ohne den Aufstand der Alteingesessenen zu provozieren. Léo Apotheker, der vor zwei Jahren gescheiterte Chef des deutschen Softwareriesen SAP, hätte davon etwas lernen können.

Dekkers nahm sich genug Zeit, um die DNA von Bayer zu entschlüsseln, ohne deren Kenntnis er keinen Erfolg gehabt hätte. Er lernte die Geschäftsbereiche – Gesundheit, Pflanzenschutz und hochwertige Kunststoffe – von innen kennen. Als einfaches Vorstandsmitglied reiste er 2010 neun Monate lang durch die Bayer-Welt, besuchte Standorte und redete viel mit den Beschäftigten. „Er hat gut zugehört und ist keiner Frage aus dem Weg gegangen“, erinnert sich ein Mitarbeiter des Forschungszentrums Wuppertal an den Besuch des designierten Chefs. Wurde Dekkers im Aufsichtsrat nach seiner Meinung gefragt, antwortete für ihn schon mal der damalige Bayer-Chef Werner Wenning. „Das sehen Sie doch auch so, Herr Dekkers?“, fragte Wenning dann. Dekkers ließ ihn gewähren.

Der Neue hielt sich zunächst zurück, zog für sich aber klare Schlüsse: Der Bayer-Betrieb laufe zu bürokratisch, es werde zu langsam entschieden. Insbesondere in der Medikamenten-Sparte sah er Risiken: stärkere Konkurrenz durch Nachahmerprodukte, höhere Entwicklungskosten, zunehmenden Preisdruck durch allerlei staatliche Gesundheitsreformen.

Die Schnupperphase war kaum vorbei, da sorgte der neue Ober-Bayer jedoch sogleich für einen Eklat. Gerade hatte er im Oktober 2010 die Konzernspitze erklommen, verkündete er den Abbau von weltweit 4.500 Arbeitsplätzen – davon 1.700 in Deutschland. Die Arbeitnehmervertreter schäumten und fühlten sich übergangen, weil Dekkers sie nicht wie seine Vorgänger frühzeitig in die brisanten Umbaupläne eingeweiht hatte. Damit nicht genug, ließ Dekkers auch noch den 140 Jahre alten Namen seiner Anti-Baby-Pillen-Tochter Schering streichen und stieß so Tausende Mitarbeiter am Standort Berlin vor den Kopf. Die Leverkusener hatten den Pharma-Konkurrenten 2006 übernommen. Künftig, so der neue Chef, soll nur noch die Marke Bayer im Vordergrund stehen.

„Heute würde Dekkers so ein Desaster wie bei der Ankündigung des Stellenabbaus nicht mehr passieren“, sagt Gewerkschafter und Bayer-Aufsichtsrat Hoffmann. Der US-geprägte Manager, heißt es im Konzern, musste den Umgang mit Betriebsräten und Mitarbeitern erst lernen.

Rotstift und kleinere Grausamkeiten
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