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Chemiekonzern Bayer sucht nach neuen Technologien für die Landwirtschaft der Zukunft

Bayer ist der größte Hersteller von Chemikalien für die Landwirtschaft – und steht in der Kritik. Nun sucht der Konzern nach neuen Mitteln und Wegen.
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In Deutschland ist der Streit über Pflanzenschutzmittel noch vergleichsweise sachlich und ruhig. Quelle: Bloomberg
Bayer-Mitarbeiter überwacht Pflanzen

In Deutschland ist der Streit über Pflanzenschutzmittel noch vergleichsweise sachlich und ruhig.

(Foto: Bloomberg)

Monheim, Paris Wenn Landwirt Konstantin Kockerols auf den Feldern des elterlichen Betriebs Pflanzenschutzmittel spritzt, muss er sich bisweilen kritischen Fragen stellen. Spaziergänger am Rand der Äcker bleiben stehen und monieren, ob das Auftragen der Chemikalien wirklich sein müsse. Dann erklärt der Bauer aus Baesweiler bei Aachen, dass die Mittel seiner Meinung nach sicher seien und sehr wichtig für die Sicherung des Ernteertrags.

Dass die Leute ihm glauben, könne er nur hoffen, sagt Kockerols. Der Landwirt war am Dienstag einer von rund 300 Teilnehmern beim „Future Farming Dialogue“ in der Zentrale von Bayers Agrardivision in Monheim bei Leverkusen. Agrarexperten aus aller Welt diskutierten dort über die Zukunft der Landwirtschaft und die Kritik an Pflanzenschutzmitteln – und damit auch über das Geschäftsmodell des Gastgebers, der Bayer AG.

Die Leverkusener sind seit der Übernahme von Monsanto weltgrößter Anbieter von Chemikalien, die Bauern gegen Unkraut, Pilz- und Insektenbefall einsetzen. Rund 19 Milliarden Euro Umsatz hat Bayer Crop Science voriges Jahr inklusive Monsanto gemacht, rund die Hälfte entfällt auf Pflanzenschutzmittel.

Das zeigt: Bayer ist auf den Verkauf der sogenannten Pestizide angewiesen, wenn der Gewinn stimmen soll. Doch dem Konzern ist klar, dass Alternativen zur chemischen Erntesicherung nötig sind. „Landwirte werden ihre Pflanzen immer schützen müssen. Die Frage ist, welcher Weg dafür am besten ist“, sagt Bayers Agrarvorstand Liam Condon im Gespräch mit dem Handelsblatt.

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Bayer sei nicht auf eine Technologie festgelegt, unterstreicht er. „Sie muss aber effektiv, sicher und wirksam sein.“ Die Leverkusener wollen dafür stärker auch in alternativen Pflanzenschutz auf biologischer Basis investieren und die Bauern mit Digitaltechnik versorgen, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich verringern soll. Rund 30 Prozent weniger Umweltbelastung solle das bis 2030 bringen, sagt Condon.

Debatte zu politisiert

Agrarchemiekonzerne wie Bayer stehen unter Druck, denn in Gesellschaft und Politik wächst der Widerstand gegen Chemie auf Äckern. Bauern wie Konstantin Kockerols werben für Verständnis, dass Pflanzenschutzmittel für das Überleben der Betriebe unverzichtbar seien. Umweltschützer sehen im massenweisen Einsatz eine Gesundheitsgefahr und den Hauptgrund fürs Insektensterben.

Die Politik reagiert und schränkt den Verkauf immer mehr ein. Der Unkrautvernichter Glyphosat wird in Deutschland und möglicherweise in der gesamten EU ab 2023 voraussichtlich verboten. Drei Insektizid-Wirkstoffe mussten bereits vom Markt genommen werden, weil sie für das Bienensterben verantwortlich gemacht werden.

Im kommenden Jahr will sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) dafür einsetzen, dass ein vierter Wirkstoff keine neue Zulassung bekommt.

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Viele dieser Mittel hat Bayer Crop Science im Portfolio. Auch wenn sie dort nur für wenig Umsatz in Deutschland und Europa stehen: Der Konzern weiß, dass die Diskussion um die Sicherheit eine fürs Geschäft gefährliche Dynamik entfalten kann. Bayer-Vorstand Condon kritisiert, dass die Debatte zu sehr politisiert sei.

„Wir sollten in der Bewertung der Produkte viel mehr auf die Wissenschaft hören“, sagt er – und auf die Zulassungsbehörden, die die Sicherheit als gegeben sehen.

Konflikt in Frankreich

In Deutschland ist der Streit über Pflanzenschutzmittel noch vergleichsweise sachlich und ruhig – anders ist es in Frankreich. Dort baut sich ein gewaltiger Konflikt zwischen Kommunen, Landwirten und der Regierung in Paris auf. Mindestens 60 Bürgermeister des Landes wollen den Einsatz der Agrarchemie einschränken, weil sie die Mittel für Erkrankungen in der örtlichen Bevölkerung verantwortlich machen.

Die Bürgermeister wollen die Landwirte verpflichten, keine Pestizide mehr in der unmittelbaren Nähe von Wohngebäuden auszubringen. Meist wird verlangt, dass ein Mindestabstand von 100 Metern eingehalten wird. Die Regierung ist in dieser Frage zerstritten, die Umweltministerin unterstützt die Kommunen, der Agrarminister will in Sachen Sprühabstand nur symbolische Werte.

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Der Konflikt um den Pflanzenschutz ist nach Ansicht von Experten nur zu lösen, wenn sich die Landwirtschaft grundlegend verändert. „Wir werden eine große Transformation erleben: Konventionelle und biologische Landwirtschaft werden zusammenwachsen“, sagt Landwirt Kockerols.

Dies erwartet auch Miguel Altieri, Agrarökonom an der University of California: Er machte auf dem „Future Farming Dialogue“ von Bayer die hochindustrielle Landwirtschaft und ihren massenweisen Einsatz chemischer Pflanzenschutzmitteln für den Verlust von Biodiversität verantwortlich.

Bayer selbst sieht sich in diesem Wandel als Technologietreiber. Es gehe darum, den Landwirten personalisierte Lösungen an die Hand zu geben, mit denen sie ressourcenschonender arbeiten können, sagt Condon. Bayer gilt als führend in IT-Systemen für die digitale Steuerung eines Landwirtschaftsbetriebs, durch die auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert werden soll.

Dazu kommen neue Projekte der Leverkusener: So züchten Wissenschaftler Mikroorganismen, die den Schutz der Pflanzen biologisch verbessern sollen. In eine andere Richtung zielt ein neues Joint Venture zwischen Bayer und dem Biopharmaziespezialisten Arvina: Es soll eine Technologie zum Abbau krankheitsverursachender Proteine in Pflanzen marktreif machen.

Mehr: Gemeinsam mit US-Kliniken hat Bayer ein Labor eröffnet, um neue Arzneien zu erforschen. Mit ihnen sollen chronische Lungenerkrankungen behandelt werden.

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1 Kommentar zu "Chemiekonzern: Bayer sucht nach neuen Technologien für die Landwirtschaft der Zukunft"

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  • Eine rein natürliche Landwirtschaft wie im 19.Jahrhundert üblich hat zur Ernährung der Bevölkerung nicht ausgereicht. Erst durch die "Industrialisierung der Landwirtschaft" konnte eine ausreichende Grundlage für die Ernährung der Bevölkerung gelegt werden. Wollen wir wieder die Gefahr von Hungersnöten aufflammen lassen ?