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Chemiekonzern Bayer und Monsanto zoffen sich um Spitzel-Listen

Die Aufklärung der Affäre um Kritiker-Listen sorgt intern für Ärger: Manager des von Bayer gekauften Monsanto-Konzerns drohen mit Rücktritt.
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Die Kritik am Verhalten der Amerikaner wird immer lauter. Quelle: dpa
Bayer-Kreuz in Leverkusen

Die Kritik am Verhalten der Amerikaner wird immer lauter.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDie Affäre um die sogenannten Kritiker-Listen der zum Bayer-Konzern gehörenden US-Firma Monsanto schlägt bei dem Dax-Unternehmen hohe Wellen. Laut Unternehmenskreisen kommt es über den Umgang mit dem Thema zu Verwerfungen zwischen der Bayer-Führung und der oberen Managementebene des 2018 übernommenen Saatgutherstellers.

Dabei geht es um Bayers Vorgehensweise, die Aufklärung der Affäre voranzutreiben. Der Konzern hatte sich Anfang vergangener Woche öffentlich für das PR-Gebaren von Monsanto entschuldigt und Konsequenzen angekündigt. Wenige Tage später hätten Monsanto-Manager auf einem Führungskräftetreffen der Agrardivision Crop Science Unverständnis über dieses Vorgehen gezeigt und teils mit Rücktritt gedroht. Darunter seien Manager aus der Geschäftsleitung von Crop Science gewesen, denen wichtige Rollen bei der Integration des Saatgutherstellers zukommen.

Auf Nachfrage dazu kommentierte ein Bayer-Sprecher: „Selbstverständlich gab es zu den Stakeholder-Listen von Monsanto intern Diskussionen und auch unterschiedliche Positionen. Alles andere wäre bei einem solchen Vorgang ungewöhnlich.“

Vor gut zwei Wochen war bekannt geworden, dass Monsanto in Frankreich im Jahr 2016 Listen mit Persönlichkeitsdetails von Journalisten, Politikern und Umweltaktivisten hatte erstellen lassen – mit dem Ziel, Gegner zu beeinflussen. Es ging dabei insbesondere um ihre Meinung zum umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat, der damals in der EU eine Neuzulassung brauchte.

Inzwischen ist klar, dass Monsanto und die beauftragte PR-Agentur Fleishman Hillard ein solches Stakeholder-Mapping auch in anderen europäischen Ländern angelegt haben – und zwar in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien und Großbritannien.

In Deutschland sollen nach Informationen aus Branchenkreisen rund 300 Personen auf Monsanto-Listen stehen. Wer genau dort vermerkt ist und welche Informationen gesammelt wurden, lässt Bayer von der US-Kanzlei Sidley Austin ermitteln. Die Betroffenen sollen spätestens Ende nächster Woche informiert werden.

Bayer hatte direkt nach Bekanntwerden der Liste in Frankreich verlauten lassen, dass man ein solches Vorgehen strikt ablehne und den Vorfall umfassend aufarbeiten werde. Dabei war der neue Cheflobbyist von Bayer, Matthias Berninger, mit ungewöhnlich klaren Worten an die Öffentlichkeit getreten.

„Was wir bisher gesehen haben, halten wir für komplett unangemessen und nicht mit dem vereinbar, für das das Unternehmen Bayer steht“, sagte der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete. Er ist seit Jahresbeginn bei Bayer und leitet die neu geschaffenen Abteilung Public Affairs und Nachhaltigkeit. Seit Amtsantritt hat er nach eigenem Bekunden mehrere Fälle entdeckt, in denen Monsanto im Umgang mit der Öffentlichkeit „nicht mit dem Ball, sondern gegen den Mann und die Frau gespielt hat“. Er forderte, dass die Monsanto-Mitarbeiter vollumfänglich zur Aufklärung in der Listen-Affäre beitragen müssen, und drohte – wenn nötig – mit personellen Konsequenzen.

Berningers Auftritt kam bei einigen Managern von Monsanto nicht gut an, heißt es in Unternehmenskreisen. Ihnen sei dieser Kurs zu offensiv und die Bewertung des Vorgangs zu hoch gehängt. Das hätten sie bei dem Führungskräftetreffen in New York deutlich gemacht. Sie spielten offenbar darauf an, dass Stakeholder-Mapping ein in der PR von Firmen übliches Instrument ist.

In Reihen von Bayer sorgt die Reaktion der Monsanto-Seite für Unverständnis. „Viele Mitarbeiter sehen durch Monsantos Vorgehen die Unternehmenswerte Bayers in den Dreck gezogen“, sagt einer, der mit den Vorgängen vertraut ist. „Anstelle einer Entschuldigung fühlt man sich bei Monsanto nun noch beleidigt.“

Welcher Monsanto-Manager auf der Tagung mit Rücktritt gedroht hat, ist nicht bekannt. So ein Schritt kann als Druckmittel gesehen werden, dahinter steckt Kalkül: Für die laufende Integration des US-Konzerns ist es wichtig, dass führende Köpfe von Monsanto an Bord bleiben, die vergangenes Jahr zu den Leverkusenern gewechselt sind. Eine Demission ganzer Teams könnte die Integration möglicherweise gefährden.

Ehemaliger Monsanto-Manager dürfte mit PR-Affäre befasst sein

Bayer will bei der Zusammenführung die besten Führungskräfte aus beiden Organisationen für die um Monsanto erweiterte Division Crop Science gewinnen. Dies zeigt sich schon bei der Besetzung des obersten Führungsteam. Es wird von Bayer-Vorstand Liam Condon geleitet, dazu kommen neben sechs Bayer-Leuten fünf Monsanto-Manager.

Tatsächlich sind darunter Topleute von Monsanto, die für den Erfolg des Projekts mitentscheidend sind: Brett Begemann ist als Chief Operating Officer dafür verantwortlich, dass das Tagesgeschäft läuft und Monsanto eine Gewinnmaschine bleibt. Forschungschef Bob Reiter soll die Innovationen schaffen, die sich Bayer vom Kauf verspricht. Michael Stern leitet als Chef der Sparte Digitale Landwirtschaft einen Bereich mit großen Zukunftschancen.

Am ehesten dürfte aber Jesus Madrazo mit der aktuellen PR-Affäre befasst sein. Er leitet im Führungsgremium von Crop Science den Dialog mit Interessengruppen und Kritikern und verantwortet die Nachhaltigkeit. In ähnlicher Funktion war er einst bei Monsanto als Vice President Corporate Engagement tätig – und zwar bis ins Jahr 2016 hinein, als die Spitzellisten über Freund und Feind in Sachen Glyphosat erstellt wurden.

Ob Madrazo diese Listen zu verantworten hat, ist unklar. Möglicherweise hat Fleishman Hillard als zuständige PR-Agentur die Daten über Politiker, Journalisten und NGO-Vertreter auch eigenmächtig gesammelt. Der direkte Verantwortliche für die PR-Arbeit von Monsanto in Europa ist bereits im vorigen Jahr im Zuge der Integration ausgeschieden, als über die Spitzellisten noch nichts bekannt war. Er hatte bei der Besetzung der Posten den Kürzeren gezogen.

Für Bayers Cheflobbyist Berninger ist dieser Mitarbeiter ohnehin ein kleiner Fisch: Er will nach eigenem Bekunden die Verantwortlichen in der Listen-Affäre ausfindig machen. Dafür hat er den Rückhalt vom Vorstand und vor allem von CEO Werner Baumann, der Berninger genau dafür eingestellt hat, dass bei Bayer alles nach Bayer-Regeln läuft.

Für viele Bayer-Mitarbeiter sind die Affäre und der Umgang damit ein Beispiel, wie verschieden die Kulturen beider Firmen zumindest beim Umgang mit der Öffentlichkeit sind. Berninger weiß, dass Kulturen bei Fusionen nicht von heute auf morgen verändert werden können. „Ich kann aber versprechen, dass dies meine Priorität 1, 2 und 3 ist“, sagt er. Von der Agentur Fleishman Hillard hat sich Bayer bereits getrennt.

Mehr: Corporate Governance-Anwalt Jan Bauer glaubt, dass Bayer die Debatte um Monsanto unterschätzt haben könnte. Das Interview mit ihm lesen Sie hier.

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