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Monsanto-Mittel Roundup:

Der Unkrautvernichter Roundup der Firma Monsanto steht im Verdacht Krebserregend zu sein.

(Foto: Funke Foto Services)

Chemiekonzern Für Bayer und Monsanto wird 2019 zum Jahr der Glyphosat-Prozesse

Im Frühjahr starten die nächsten Verfahren um den Unkrautvernichter Glyphosat. Die Urteile werden richtungsweisend für den Chemiekonzern sein.
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DüsseldorfFür die Bayer AG und ihre Aktionäre war das bisherige rechtliche Verfahren um eine angebliche Krebsgefahr des Pflanzenschutzmittels Glyphosat ein einziger Schock. Mehr als 30 Milliarden Euro Börsenwert hat der Konzern seit August nach dem ersten verlorenen Prozess in Kalifornien eingebüßt.

Die Anleger fürchten, dass nach der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto hohe Rechtskosten und Schadenersatzzahlungen auf den Leverkusener Konzern zukommen. Von Beträgen bis zu zehn Milliarden Euro ist an der Börse die Rede.

Ob es so weit kommt ist derzeit völlig offen. Die kommenden Monate dürften in dieser Frage mehr Erkenntnisse bringen. Die nächsten drei Verfahren sind absehbar, sie könnten richtungsweisende Ergebnisse bringen. Ob Freisprüche oder teure Vergleiche – Rechtsexperten in den USA halten mehrere Ausgänge in der Causa Glyphosat für Bayer möglich.

Dass die Glyphosat-Verfahren kein Spaziergang für den Konzern werden, ist jetzt schon klar. Das Ergebnis aus dem ersten Prozess in San Francisco war für den Konzern überraschend. Nicht, weil die Jury Monsanto für schuldig sprach und zu einem Schadenersatz in Höhe von 289 Millionen Dollar verurteilte.

Solche harten Urteile von mit Laien besetzten Jurys sind in amerikanischen Produkthaftungs-Prozessen nicht selten – vor allem nicht, wenn sie in Kalifornien angesetzt sind. Der Bundesstaat sei der aus Sicht beklagter Unternehmen schlimmste Gerichtsstand, sagt Matt Thurlow, Partner bei der Kanzlei Baker & Hostetler. Die dortigen Jurys urteilen in der Regel sehr klägerfreundlich. Zudem hat Monsanto in Kalifornien – anders als in den restlichen USA – einen schlechten Ruf.

Überraschend für Bayer war eher, dass die zuständige Richterin das Urteil anschließend nicht komplett aufhob, sondern nur den Schadenersatz auf 79 Millionen Dollar senkte. Sie rüttelte damit nicht am Spruch der Jury: Die attestierte Monsanto das bewusste Verschweigen einer möglicherweise von Glyphosat ausgehenden Krebsgefahr und hält den Konzern deswegen für haftbar. Bayer ist in diesem Fall in Revision gegangen.

Ende Februar wird der nächste Prozess mit einem neuen Kläger starten – wieder in Kalifornien, diesmal aber vor einem Bundesgericht. Dort sind 620 Klagen in einer so genannten Multi-District-Litigation (MDL) zusammengefasst. Dabei werden stellvertretend von einem Gericht die Prozessvorbereitungen getroffen, um Doppelarbeit zu vermeiden.   

Aus den zusammengefassten Klagen werden einige Fälle herausgenommen, die als repräsentativ gelten. Dieser Weg wird im US-Produkthaftungsrecht oft gegangen, um mögliche Schadenersatzspannen oder Lösungen für Vergleiche zu bestimmen, bei denen kleinere Summen ohne Schuldanerkenntnis gezahlt werden.

Der im Februar startende Prozess ist der erste dieser so genannten „bellwether trials“. Kläger ist Edwin Hardemann, der Glyphosat seit den 80er-Jahren privat zur Unkrautvernichtung nutzte. 2015 wurde bei im Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert – die gleiche Erkrankung, wie sie der Kläger im ersten kalifornischen Verfahren hatte.

Doch die Fälle seien so nicht vergleichbar, sagt Gunter Zechmann, Analyst beim Investmenthaus Bernstein. Das im Februar beginnende MDL-Verfahren sei davon völlig unabhängig zu betrachten. Der Ausgang dieser „bellwether trials“ auf Bundesgerichtsebene sei allerdings für Bayer wichtiger und richtungsweisender als der in erster Instanz verlorene Prozess.

Der Großteil der vorliegenden Klagen, deren Zahl mittlerweile deutlich über den von Bayer zuletzt genannten 9300 liegen dürften, sind in solchen Bundesverfahren gebündelt. Der im Februar beginnende Prozess könnte wegen der intensiven Vorbereitung schnell zu einem Ergebnis kommen. Auch hier entscheidet in erster Instanz eine Jury.

Bayer will mit seiner Verteidigungsstrategie Freisprüche erreichen, da es keinen wissenschaftlich belastbaren Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Glyphosat und Krebserkrankungen gebe. Die Argumentation fußt auf den Untersuchungen mehrerer Behörden wie dem US-Umweltamt EPA, den Zulassungsbehörden in Europa und einer großangelegten gesundheitlichen Untersuchung von US-Farmern über mehrere Jahrzehnte.

Die Klägeranwälte wiederum stützen sich zum einen auf der Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC. Sie stuft Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Bedeutsamer in der Prozessführung sind für die Anwälte aber interne Dokumente von Monsanto, auf die sie zurückgreifen dürfen, beispielsweise den internen E-Mail-Verkehr.

Rund 15 Millionen DIN-A4-Seiten an Dokumenten haben die Klägeranwälte gesichtet. Sie behaupten, im ersten Prozess noch nicht sämtliches für Monsanto belastbares Material vorgelegt zu haben. Letztlich geht es ihnen um den Beweis, dass Monsanto wider besseres Wissen nicht vor einer möglichen Krebsgefahr durch Glyphosat gewarnt hat.

Rechtsexperten in den USA glauben, dass der Konzern in allen Verfahren auf die Entscheidung in höheren Instanzen setzt, wo professionelle Richter anstelle von Laien-Jurys urteilen und so die wissenschaftliche begründete Verteidigung besser fußen könnte.

„Bayer könnte auch eine zweigleisige Strategie fahren", erklärt ein US-Anwalt, der das Thema Monsanto gut kennt. So könnte das Unternehmen im ersten Fall weiter prozessieren, weil man dort in der Berufung gute Chancen sieht. Zugleich könnte man versuchen, so viele Klagen wie möglich zusammenzufassen und sich zu einigen, um die Kosten zu senken.

Von Vergleichen mit den Klägern will Bayer bisher aber nichts wissen. Unwahrscheinlich sind solche Vergleiche dennoch nicht. Das hängt vom Verlauf der nächsten Verfahren ab und davon, wie lange die Rechtssache noch dauern könnte. Faustregel: Wenn die Verteidigungskosten höher sind als im Raum stehende Vergleiche, wird dieser Weg zur Beendigung der Verfahren geprüft.

Ein weiteres Verfahren gegen Monsanto startet im März ebenfalls in Kalifornien, wo ein älteres, an Lymphdrüsenkrebs erkranktes Paar klagt. Später kommt ein Prozess in St. Louis im US Bundesstaat Missouri hinzu, wo ein Farmer klagt. Die gesamte Causa Glyphosat wird Bayer aber noch weit über das kommende Jahr hinaus begleiten – mit ungewissem Ausgang.

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