Chemiekonzern Management unter Druck – Bayer prüft Verkauf seiner Sparte für Tiergesundheit

Der Druck der Investoren lässt trotz eines Punktsiegs im Rechtsstreit um Glyphosat nicht nach. Der Konzern plant einen weiteren Umbau.
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Bayer prüft Verkauf seiner Sparte für Tiergesundheit Quelle: hannah lim on Unsplash
Pflege für Tiere

Die Bayer-Sparte stellt unter anderem Floh-, Zecken- und Entwurmungsmittel sowie Antibiotika für Tiere her.

(Foto: hannah lim on Unsplash)

Als Bayer-Chef Werner Baumann jüngst der „Bild“ ein Interview gab, erntete er wüste Beschimpfungen in den sozialen Netzwerken. Baumann hatte sich in dem Blatt mit dem Satz zitieren lassen, dass „Glyphosat die Menschen satt macht“. Er wollte damit die Bedeutung des Unkrautvernichters für einen hohen Ernteertrag der Bauern herausstellen.

Die Gegner der industriellen Landwirtschaft reagierten prompt: Blamage, Schwachsinn, falsches Weltbild – das waren noch die gemäßigten Begriffe, die dem Bayer-Chef auf Facebook und Twitter entgegenschlugen. Dabei versuchte Baumann nur, für Bayers neue Strategie zu werben. Saatgut und Pflanzenschutzmittel spielen nach der Übernahme von Monsanto neben der Medizin die dominierende Rolle bei den Leverkusenern.

Die Übernahme wird noch immer kritisch gesehen, nicht nur in der Öffentlichkeit. Auch viele Investoren sind skeptisch. Sie befürchten, dass Bayer sich mit Monsanto überhebt und unkalkulierbare Rechtsrisiken hereinholt. Sie kritisieren ebenso die operative Performance. Seit Wochen muss das Bayer-Management bedeutenden Anteilseignern intensiv Rede und Antwort stehen, wie in Finanzkreisen zu hören ist.

Baumann wirbt auch hier um Vertrauen – und könnte nun zu einem Befreiungsschlag ausholen. Im dem aufsehenerregenden ersten Verfahren um Glyphosat hat Bayer am Mittwoch in den USA einen wichtigen Etappensieg erzielt, was die Rechtsrisiken durch den Monsanto-Unkrautvernichter wohl senken dürfte (siehe „Etappensieg für Bayer“).

Wichtiger noch: Der Vorstand will einen weiteren Konzernumbau angehen, um neue Finanzkraft zu gewinnen. Dazu könnte schon bald die Tierarznei-Sparte zum Verkauf gestellt werden. Nach Informationen aus Finanz- und Industriekreisen prüft Bayer diese Option, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Der Konzern wollte diese Informationen nicht kommentieren.

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Die Bayer-Sparte stellt unter anderem Floh-, Zecken- und Entwurmungsmittel sowie Antibiotika für Tiere her. Sie kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro und eine Gewinnspanne von 24 Prozent. Der Verkauf könnte Bayer sechs bis sieben Milliarden Euro bringen, heißt es in den Kreisen.

Ein logischer Schritt für die Bayer-Strategie

Die Preisvorstellung ist realistisch: Boehringer zahlte 2016 beim Kauf der Tiermedizin von Sanofi das 4,5-Fache des Umsatzes. Der Verkauf wäre ein logischer Schritt in der Bayer-Strategie: Animal Health wird seit dem Konzernumbau 2016 außerhalb der drei Divisionen Pharma, Consumer Health und Crop Science geführt.

Die kleine Sparte läuft gut, erfüllt aber nicht Bayers Anspruch, in allen Geschäftsfeldern möglichst eine Führungsposition zu haben. Sie liegt deutlich hinter dem Führungs-Quartett Zoetis, Boehringer, Merck & Co. und Lilly zurück. Ein Verkauf der Tiergesundheit an einen direkten Konkurrenten wird für Bayer nicht einfach werden, denn der Markt ist bereits stark konzentriert.

Als einzige noch mögliche Kombination sehen Brancheninsider einen Zusammenschluss mit der Tiermedizin des US-Pharmakonzerns Merck & Co. Neben dem Verkauf prüfe Bayer auch einen Börsengang, heißt es, der aber in Finanzkreisen als eher unrealistisch eingestuft wird.

Weiter fortgeschritten ist der Verkauf einer anderen Einheit: Bayer will aus dem Joint Venture Currenta aussteigen, an dem der Konzern 60 Prozent der Anteile hält. Der Rest gehört dem Spezialchemiekonzern Lanxess. Currenta managt und betreibt eines der größten Chemie-Areale in Europa, die Chemieparks in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen.

Die Firma ist ein wichtiger Dienstleister für die dort ansässigen Hersteller und versorgt sie mit Energie, Einsatzstoffen und Sicherheitsdiensten. Bayer hatte zunächst den Verkauf des Anteils an die ehemalige Tochter Covestro geplant. Der Kunststoffhersteller betreibt in den Currenta-Parks mehrere Anlagen. Doch konnten sich beide Parteien nicht auf einen Kaufpreis einigen, heißt es. Nun hält Bayer nach Finanzinvestoren Ausschau.

Als Interessenten werden in Finanzkreisen Infrastrukturfonds wie EQT und Macquarie genannt. Currenta kommt auf einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro. Der Gewinn (Ebitda) soll bei 250 Millionen Euro liegen. Bei einer Bewertung von mehr als zwei Milliarden Euro könnte Bayer aus dem Verkauf über eine Milliarde Euro einnehmen. Beide Verkäufe könnten Bayer wieder mehr Luft verschaffen.

Die Nettoverschuldung durch die Monsanto-Übernahme wird Ende 2018 bei 37 Milliarden Euro liegen. Weitere größere Milliardeninvestitionen, etwa im Pharmageschäft, sind für Bayer vorerst kaum zu stemmen.

Investoren sind aufgeschreckt wegen der Risiken

Genau deswegen sorgen sich viele Investoren. Als die Bayer-Tochter Monsanto im August im ersten Glyphosat-Prozess zu einer Strafe von 289 Millionen Dollar verurteilt wurde, waren Aktionäre aufgeschreckt und verärgert. Schließlich standen plötzlich Belastungen aus Rechtsfällen im Raum, die von Analysten auf bis zu sieben Milliarden Euro geschätzt wurden.

Große Fonds wandten sich an den Bayer-Chef und wollten wissen, ob die Risiken vor der Übernahme ausreichend analysiert worden waren – und welchen Plan er habe, mit der Situation umzugehen. Nach dem erfolgreichen Widerspruch gegen das Urteil könnte sich die Lage für Bayer in der Glyphosat-Haftungsfrage entspannen.

Doch Bayer hat zahlreiche andere Baustellen im operativen Geschäft: „Wichtig ist, dass das Management dort jetzt liefert“, sagt Markus Mann, Fondsmanager bei Union Investment. Manns zählt dazu etwa die Probleme in der Sparte Consumer Health, die verschreibungsfreie Mittel verkauft. Bayer konnte den seit mehreren Quartalen anhaltenden Gewinnrückgang des Bereichs bisher nicht stoppen.

Die Führung hat Baumann bereits ausgetauscht: An einem neuen tragfähigen Geschäftsmodell arbeitet derzeit der neue Divisionschef, Bayer-Vorstand Heiko Schipper.

Der nächste Chefwechsel steht in der Pharmasparte an. Anfang November verabschiedet sich Vorstandsmitglied Dieter Weinand, der zu Sanofi wechselt. Für ihn rückt Stefan Oelrich an die Pharma-Spitze, der Bayer aus früheren Zeiten gut kennt. Er soll neuen Schwung in die bisher wichtigste Konzerndivision bringen.

Das Pharmageschäft von Bayer befindet sich alles in allem in solidem Zustand, hat jüngst aber einiges an Dynamik verloren. Das Wachstum schwächte sich in den vergangenen drei Jahren deutlich ab. Wichtige Produkte wie der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmittel Eylea legen zwar weiter zu. Doch Bayers Pharma-Sortiment besteht überwiegend aus älteren und patentfreien Arzneien, die an Umsatz verlieren.

Ab dem Jahr 2023 laufen die Patente auf den Bestseller Xarelto aus, 2025 folgt Eylea. Mitte des nächsten Jahrzehnts muss der Konzern also womöglich Umsatzverluste von mehr als sechs Milliarden Euro bei seinen Wachstumsträgern verkraften.

Um das zu kompensieren und das Geschäft zudem noch auf Wachstumskurs zu halten, braucht Bayer im Laufe des nächsten Jahrzehnts schätzungsweise zehn Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz aus Produkten, die heute noch nicht auf dem Markt sind. Das ist die Herausforderung für den neuen Divisionschef Oelrich. Analysten bezweifeln, dass Bayer dies allein mit Nachschub aus den eigenen Entwicklungslabors schaffen kann.

Viele Experten gehen davon aus, dass Bayer seine Pipeline durch zusätzliche Allianzen oder Übernahmen verstärken muss, um sich für den Xarelto-Schock im nächsten Jahrzehnt wirksam zu rüsten. Dafür aber brauche der Konzern finanziellen Freiraum.

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