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Chemiekonzern Mit Halbleiter-Materialien will Merck auf den Wachstumskurs zurückkehren

Im Chemiegeschäft soll es für die Darmstädter ab 2020 wieder aufwärts gehen. Von der Versum-Übernahme verspricht sich der Konzern zusätzlichen Schub.
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Aktuell dürften Flüssigkristalle noch knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz der PM-Sparte von 2,4 Milliarden Euro beitragen. Quelle: Merck
Merck-Produktion von Flüssigkristall in Shanghai

Aktuell dürften Flüssigkristalle noch knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz der PM-Sparte von 2,4 Milliarden Euro beitragen.

(Foto: Merck)

Frankfurt Der Erfolg ist nach Ansicht von Kai Beckmann oft die größte Hürde für Veränderungen. Der gelernte Informatiker ist bei Merck Chef des Unternehmensbereichs Performance Materials (PM) und er weiß, wovon er spricht.

Das Geschäft mit Pigmenten, Flüssigkristallen, und Elektronik-Chemikalien, das er seit zwei Jahren leitet, ist der kleinste und zugleich renditestärkste Teilbereich des Darmstädter Konzerns. Mit zuletzt 32 Prozent Marge gemessen am Betriebsergebnis vor Abschreibungen (Ebitda) arbeitet die Sparte rentabler als die größeren Konzernbereiche Pharma und Life Science und ist damit in etwa doppelt so rentabel wie das Gros der europäischen Chemieindustrie.

Trotzdem ist auch in der Sparte der Veränderungsdruck hoch. Denn der Trend bei Margen und Erträgen zeigt klar nach unten seit das eigentlich besonders lukrative Geschäft mit Flüssigkristallen seinen Zenit überschritten hat. Der Betriebsgewinn sank seit 2015 um mehr als 40 Prozent, das bereinigte Ebitda um knapp ein Drittel und dürfte 2019 um weitere zehn Prozent zurückgehen.

Manche Analysten stuften die Sparte bereits als Auslaufmodell oder Verkaufskandidaten ein. Merck dagegen setzt auf Umbau und Offensive. „Bright Future“ betitelt der Konzern seine Mitte 2018 gestartete Neuausrichtung. Sie zielt zum einen darauf, die Kostenstruktur an die neuen Marktverhältnisse anzupassen, wodurch in Darmstadt 400 Stellen wegfielen.

Zum anderen legte die Sparte ihren Wachstumsfokus auf das Geschäft mit Halbleiter-Materialien. Der offensive Teil der Strategie folgte ein halbes Jahr später mit der knapp sechs Milliarden Euro teuren Offerte für den US-Chemiespezialisten Versum Materials und das kleinere Serviceunternehmen Intermolecular.

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Beckmann ist zuversichtlich, dass die Strategie aufgehen wird – im Zweifelsfall auch ohne Übernahmen. „Wir kommen aus einer Situation, wo uns der freie Fall prognostiziert wurde. Aber wir haben jetzt sechs Quartale die Markterwartungen übertroffen. Im kommenden Jahr werden wir wieder wachsen, unabhängig von Versum“, sagt der Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Plan von Merck sieht vor, dass der Konzern ab 2020 im Bereich PM wieder um zwei bis drei Prozent jährlich bei rund 30 Prozent Ebitda-Marge zulegen wird.

Diese Strategie, betont Beckmann, funktioniere auch ohne die beiden US-Akquisitionen. Aber mit Versum und Intermolecular biete sie deutlich größeres Potenzial. Beide Zukäufe stärken aus Sicht des Spartenchefs das Geschäft und die Innovationskraft in den wachstumsintensiveren Segmenten des Elektronik-Chemie-Marktes. „Mit Versum wird Performance Materials stärker wachsen können als bisher geplant“, sagt Beckmann.

Marktführer bei Flüssigkristallen

Bislang haben Flüssigkristalle für die Merck-Chemie noch eine überragende Bedeutung. Der Darmstädter Konzern ist in dem Bereich klarer Marktführer und fuhr in der Vergangenheit Margen von zum Teil mehr als 50 Prozent ein.

Aktuell dürften Flüssigkristalle noch knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz der PM-Sparte von 2,4 Milliarden Euro beitragen. Ein Fünftel der Erlöse entfällt auf Pigmente für Kosmetik und Autolacke, etwa ein Viertel auf das Geschäft mit Halbleitermaterialien, in das Merck 2014 mit Übernahme von AZ Electronics eingestiegen war.

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Mit dem Kauf von Versum schickt sich der Konzern nun an, seinen Umsatz im Halbleiter-Bereich auf etwa 1,8 Milliarden Euro zu verdreifachen und damit zu einem der führenden Chemielieferanten für die Digitalisierung der Welt aufzusteigen.

Inklusive Versum würden Halbleiter-Materialien künftig rund die Hälfte des Spartenumsatzes von etwa 3,6 Milliarden Euro ausmachen und damit die Sparte Performance-Materials, wie es Beckmann formuliert, „zu einem starken dritten Sektor des Merck-Konzerns in einem spannenden Wachstumsfeld Elektronik“ machen.

Noch allerdings ist diese Transformation nicht perfekt. Die Versum-Aktionäre haben die Transaktion zwar abgesegnet, unter anderem stehen aber noch die Kartellfreigabe in China und die Genehmigung durch Cifus aus. Merck geht aber weiter davon aus, dass man die Transaktion bis Jahresende abschließen kann.

Die geplante Übernahme fügt sich in einen Industrietrend, der von einer Mischung aus Spezialisierung und Konsolidierung geprägt wird. Etliche Akteure in dem Bereich, so etwa AZ Electronics, Versum und Cabot Microelectronics, sind ursprünglich durch Ausgliederung aus größeren Konzernen entstanden. Versum zum Beispiel war ursprünglich Teil von Air Products, AZ Electronics gehörte einst zu Hoechst, wurde dann aber zunächst von Finanzinvestoren und später von Merck übernommen.

Die ausgegliederten Spezialisten mischen ihrerseits aktiv auf dem Fusionsmarkt mit. Die Fusion der US-Konzerne Dow und Dupont brachte vor drei Jahren deren Elektronik-Chemie unter ein Dach. Sie ist nun Teil des neuformierten Spezialchemiekonzerns Dupont.

Cabot etwa erwarb jüngst den nahezu gleichgroßen Chemiespezialisten KMG Chemicals. Entegris übernahm 2018 den kleineren Gasehersteller SPG und einigte sich mit dem US-Konkurrenten Versum bereits auf eine Fusion unter Gleichen, bevor Merck mit einem attraktiveren Gegenangebot für Versum dazwischenfunkte.

Macht der Chiphersteller wächst

Motor der Übernahmewelle sind unter anderem die steigenden technologischen Anforderungen in dem Geschäft sowie die wachsende Marktmacht der großen Chiphersteller. Zwar gibt es nach Schätzung von Merck weltweit etwa 300 Hersteller von Halbleitern. Die größten Anteile halten die Top Ten der Branche, darunter Konzerne wie Intel, Samsung, Taiwan Semiconductor (TSMC) und Micron.

Ein weiterer Grund für die Übernahmen sind die relativ attraktiven Langfristperspektiven der Elektronik-Industrien. Zwar gelten Einsatzbereiche wie PCs und Smartphones inzwischen als relativ gesättigt. In anderen Bereichen wie dem Automobilbau und der Fabrikautomatisierung sowie durch die Vielzahl an KI-Anwendungen steigt der Bedarf an elektronischer Rechen- und Speicherleistung dagegen weiter rapide an.

Der aktuellen Schwäche in der Halbleiter-Industrie misst man in Darmstadt daher keine übermäßige Bedeutung zu. Sie sei maßgeblich geprägt durch die momentanen Überkapazitäten bei Speicherchips, schätzt Beckmann. Eine Situation, die sich erfahrungsgemäß relativ schnell wieder normalisieren könne.

Längerfristig dagegen dürften die Produktionsmengen in der Halbleiterfertigung weiter um mehr als sechs Prozent pro Jahr wachsen und der Materialverbrauch dabei noch stärker zulegen, erwartet Beckmann. „Deshalb gehen wir im Halbleiterbereich mittelfristig von einem Wachstum im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich aus.“ Branchenkenner sehen das globale Marktvolumen in der Halbleiter-Chemie, je nach Abgrenzung, bei Werten zwischen 30 und gut 40 Milliarden Dollar (rund 38 Milliarden Euro) und das langfristige Wachstum bei rund sieben Prozent.

Merck will sich in diesem Markt mit Versum und Intermolecular als Anbieter breiterer Produktpalette und Problemlöser-Fähigkeiten positionieren. „Versum ergänzt uns ideal, sowohl in der Produktpalette als auch regional“, sagt Beckmann.

Was die Produktpalette angeht, verstärkt sich der Darmstädter Konzern vor allem im Bereich der „Delivery-Tools“. Dabei geht es um Chemieprodukte und Gase, mit deren Hilfe die Leiterstrukturen auf die Prozessoren aufgebraucht werden. Regional verbessert der Konzern seine Position unter anderem auf den wichtigen Märkten Korea und USA.

Der zweite maßgebliche Vorteil aus den geplanten Übernahmen ergibt sich nach den Worten Beckmanns daraus, dass man künftig höhere Innovations-Vorleistungen für die Abnehmer aus der Halbleiterbranche offerieren kann. „Die Übernahme von Intermolecular wird es uns ermöglichen, unterschiedliche Materialien und ihr Zusammenwirken in der Halbleiterproduktion weitaus intensiver zu testen. Unseren Kunden können wir damit eine ganz neue Dimension von Service-Leistungen anbieten.“

Auch das Display-Geschäft wird nach Aussage des Managers weiterhin attraktiv für Merck bleiben und einen hohen Wertbeitrag liefern. „Das wird auch in den nächsten Jahren ein hochprofitables Geschäft mit einer Marge von mehr als 30 Prozent bleiben. Nur der absolute Betrag wird kleiner.“

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Die Umsatz- und Ertragsverluste bei Flüssigkristallen sind nach Beckmanns Aussage rein preisbedingt. Dieser Trend werde sich in den nächsten Jahren fortsetzen, auch wenn bis ins nächste Jahrzehnt hinein noch etwa 90 Prozent der Displayflächen auf Flüssigkristall-Technologie basieren werden.

Abgemildert werden die Einbußen durch wachsende Erlöse im Geschäft mit Materialien für organische Leuchtdioden (Oled), die im Display-Bereich auf dem Vormarsch sind und Flüssigkristalle teilweise ersetzen. Dieses Geschäft liefert für Merck inzwischen mehr als 100 Millionen Euro Umsatz.

Der Konzern sieht sich damit unter den drei führenden Anbietern von Oled-Materialien. „Wir wachsen in dem Bereich derzeit um mehr als 20 Prozent, und die Marge liegt über dem Durchschnitt von Performance Materials“, so Beckmann. Von der Idee, im Oled-Bereich einmal eine ähnlich dominierende Position einzunehmen wie bei Flüssigkristallen, hat sich der Konzern indessen längst verabschiedet.

Auch hier hatte sich der Erfolg lange Zeit als Hürde für strategische Veränderungen erwiesen. Die Forschung war, wie Beckmann erläutert, zu lange darauf ausgerichtet, den nächsten Blockbuster mit mehr als 40 Prozent Ebitda-Marge zu kreieren.

Für einen solchen Erfolg ist der Wettbewerb im Oled-Bereich zu intensiv. Aber trotzdem bietet er für Merck attraktive Perspektiven, betont Beckmann. „Das ist auf jeden Fall ein Geschäft, von dem wir uns erwarten, dass es in Zukunft mehr als 100 bis 200 Millionen Euro Umsatz machen wird.“

Mehr: Immer weniger Geldgeber investieren in deutsche Start-ups der Chemiebranche. Das liegt nicht nur an den langen Entwicklungszeiten dieser jungen Firmen.

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