Chemiekonzern Saudis greifen beim Chemieriesen Clariant durch

Um schneller zu wachsen, kombiniert der Spezialchemiekonzern Geschäftsteile und trennt sich von einigen. Zudem bekommt Clariant einen neuen Chef.
Update: 18.09.2018 - 17:40 Uhr Kommentieren
Clariant wird nach dem Einstieg von Sabic kräftig umgebaut Quelle: Reuters
Umbau

Bis 2020 soll außerdem das Plastics & Coatings-Geschäft des Konzerns veräußert werden.

(Foto: Reuters)

ZürichZwischen der Schweiz und Saudi-Arabien liegen Welten. Doch die Bande zwischen beiden Ländern werden enger – zumindest im Geschäft mit Spezialchemie. Am Dienstag gab der Schweizer Spezialchemieanbieter Clariant eine umfassende Neuausrichtung bekannt, und es wurde deutlich, wer dabei Regie führt: der neue Großaktionär Sabic aus Saudi-Arabien.

Die Araber hatten im Januar ein Viertel der Anteile an Clariant übernommen. Sie wollen sich damit Zugang zu neuen Technologien und Geschäften sichern, die mehr Gewinn abwerfen als die Basischemie, die bei Sabic dominiert. In der Branche war daher erwartet worden, dass Sabic es nicht bei einer reinen Finanzbeteiligung an Clariant belässt.

Nun zeigt sich, dass die Araber ihren Einfluss sogar systematisch ausbauen: Sie stellen den neuen CEO des Schweizer Unternehmens und mischen beim Umbau kräftig mit. Geplant sind ein Joint Venture für Hochleistungskunststoffe und der Verkauf mehrerer Geschäfte.

Clariant-Chef Hariolf Kottmann nimmt es gelassen: „Wenn Sie nach Riad fahren, ist das eine andere Welt“, sagte er, als er auf die kulturellen Unterschiede angesprochen wurde. Aber beim Geschäft gebe es viele Gemeinsamkeiten. Ein persönliches Ziel hat Kottmann ohnehin so gut wie erreicht. Er wollte sich schon seit Längerem auf den Posten des Verwaltungsratschefs zurückziehen, den er nun bekommt. Damit behält er Einfluss auf die Strategie der Firma, ohne im operativen Geschäft an erster Stelle stehen zu müssen.

Voriges Jahr bereits hatte Kottmann diesen Posten angestrebt, als er Clariant mit dem US-Konkurrenten Huntsman fusionieren wollte. Doch der Deal war am Widerstand des Investors White Tale gescheitert. Der US-Fonds hatte nach und nach Anteile an Clariant erworben und verlangte die Aufspaltung. Dieses Schicksal blieb den Schweizern erspart. Stattdessen übernahm Sabic den 25-prozentigen Anteil der Amerikaner.

Nach der Freigabe des Deals schaffen die Saudis nun Fakten. Den CEO-Posten bei Clariant übernimmt der Sabic-Mann Ernesto Occhiello. Der Italiener leitet bisher die Spezialchemiesparte der Saudis, bei denen er seit 2011 beschäftigt ist. Vorher war er unter anderem für den US-Konzern Dow Chemical tätig.

Occhiello steuert künftig einen der größten europäischen Spezialchemieanbieter. Clariants Produkte gehen unter anderem in die Kosmetik und die Erdölförderung. Außerdem stellt die Firma Katalysatoren und Zusätze für Kunststoffe her. Der neue CEO wird zuerst den Aufbau des neuen Joint Ventures vorantreiben. Das Geschäft mit Additiven und hochwertigen Masterbatches – das sind Konzentrate, die Kunststoffmischungen beigefügt werden – wird mit Teilen von Sabic zusammengelegt.

Der neue Geschäftsbereich wird „High Performance Materials“ heißen. Daran soll Clariant die Mehrheit halten. Wie viele Mitarbeiter die Schweizer einbringen, steht noch nicht fest. Sabic steuert rund 2800 Mitarbeiter und Geschäfte über rund zwei Milliarden Franken bei.

Auf der neuen Sparte ruhen große Hoffnungen: Clariant verspricht sich etwa eine starke Nachfrage aus dem Gesundheitssektor, der Robotik und der Automobilbranche. Aktionären stellen die Schweizer „erhebliche Synergien“ durch das Joint Venture in Aussicht. Die Zusammenlegung soll schon im ersten Jahr ein höheres Ergebnis je Aktie bringen. Drei Jahre nach Abschluss des Deals sollen die jährlichen Synergien bei rund 100 Millionen Franken liegen.

Von weniger profitablen Geschäften aus der Sparte für Plastik und Beschichtungen („Plastics and Coatings“) will sich Clariant dagegen bis zum Jahr 2020 trennen. Der Verkaufsprozess steht aber noch am Anfang – schließlich habe man die Entscheidung zum Verkauf gerade erst getroffen. „Wir haben noch keinen Anruf erhalten“, sagte Kottmann.

Applaus von der Börse

Durch die Umbauten will Clariant kräftig wachsen: Lag der Umsatz 2017 noch bei 6,4 Milliarden Franken, soll er ab dem Jahr 2021 bei rund neun Milliarden Franken liegen. Die Ebitda-Marge nach Sondereffekten soll von 12,7 auf rund 20 Prozent steigen. Für die eingebrachten Geschäftsteile soll Sabic eine Ausgleichszahlung von Clariant erhalten. Trotzdem wollen die Schweizer ihr Investmentgrade-Rating behalten.

An der Börse kamen die Ziele gut an: Der Aktienkurs von Clariant legte zeitweise um acht Prozent zu. Von Analysten kam viel Lob. „Mit den heute angekündigten Schritten wird sich Clariant in eine ungleich stärkere Marktposition bringen“, sagt ZKB-Analyst Philipp Gamper.

Ähnlich äußert sich Vontobel-Experte Daniel Buchta. Die Anhebung des Margenziels nennt er einen „ehrgeizigen Schritt“. Vor allem aber beende Clariant mit der Ankündigung die Unsicherheit um Clariant, die seit dem Einstieg von White Tale bestand. „Wir schaffen Stabilität“, versprach Clariant-Chef Kottmann.

Grafik

Der Konzern aus der Schweiz hatte jahrelang als Gejagter gegolten. Konkurrenten wie die deutsche Evonik sollen sich für Clariant interessiert haben, blitzten aber ab. Der Zusammenschluss mit Huntsman hätte Clariant die nötige Masse verleihen sollen. Als Zielgröße für den Umsatz hatte Kottmann damals rund 15 Milliarden Franken ausgegeben. Er gab sich am Dienstag zuversichtlich, dass Clariant in den kommenden Jahren weitere Gelegenheiten zur Expansion haben werde.

Doch die neu gewonnene Stabilität hat ihren Preis: Der saudische Großaktionär Sabic wird neben der Übernahme des CEO-Postens auch den Einfluss im Verwaltungsrat deutlich ausbauen. Auf der kommenden Generalversammlung sollen vier der insgesamt zwölf Verwaltungsräte von Sabic besetzt werden.

Sabic kann aufstocken

Der Zugriff der Saudis könnte noch zunehmen. Beide Seiten haben ein sogenanntes „Governance Agreement“ unterzeichnet. Demzufolge soll Clariant ein unabhängiges Unternehmen mit Börsennotierung bleiben. Eine Übernahme des Schweizer Konzerns sei nicht vorgesehen. Auch der Hauptsitz werde weiterhin in der Schweiz bleiben. Aber der neue Großaktionär kann seine Beteiligung weiter ausbauen. „Wir haben kein Arrangement, wonach Sabic seinen Anteil nicht erhöhen könnte“, erklärte Kottmann auf Nachfrage.

Mit der Machtübernahme bei Clariant folgt Sabic der Strategie, die maßgeblich von den Plänen des saudi-arabischen Staates als Mehrheitseigner geprägt ist. Das Land will von der Ölförderung unabhängiger werden und seine Wirtschaft auf ein höheres Niveau heben. Die Chemie ist dafür die ideale Speerspitze: Sabic ist ebenso wie der Staatskonzern Saudi-Aramco in der Produktion von Massenchemikalien stark. Beide haben den dafür nötigen Zugang zu billigem Öl.

Dennoch wirft das Massengeschäft vergleichsweise wenig Ertrag ab. Die Araber suchen seit Längerem nach Möglichkeiten, ihre Produkte weiter zu veredeln und höhere Margen einzufahren. Europäische Spezialchemiefirmen bieten ihnen dafür die idealen Technologien und Marktzugänge. Saudi-Aramco etwa wird das Kautschukgeschäft der Kölner Lanxess AG komplett übernehmen, das beide Firmen bisher in einem Joint Venture betrieben.

Die Bande von Clariant zu Saudi-Arabien könnten bald noch stärker werden. In dem Königreich wird über einen Zusammenschluss von Sabic und Saudi-Aramco spekuliert.

Startseite

Mehr zu: Chemiekonzern - Saudis greifen beim Chemieriesen Clariant durch

0 Kommentare zu "Chemiekonzern: Saudis greifen beim Chemieriesen Clariant durch "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%