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CO₂-Ausstoß Zehn-Billionen-Markt: Wie Maschinenbauer vom Klimaschutz profitieren

Die Maschinenbaubranche steckt tief in der Coronakrise. Doch die gesamte Wirtschaft muss CO₂ senken – das birgt gewaltiges Potenzial, etwa im Anlagenbau.
14.07.2020 - 03:53 Uhr 3 Kommentare
Mit Investitionen in neue Technologien können produzierende Unternehmen ihren CO2-Ausstoß senken. Davon profitieren die Hersteller im Maschinen- und Anlagenbau. Quelle: dpa
Windrad im Sonnenaufgang

Mit Investitionen in neue Technologien können produzierende Unternehmen ihren CO2-Ausstoß senken. Davon profitieren die Hersteller im Maschinen- und Anlagenbau.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Es sind schwindelerregend hohe Zahlen: Jedes Jahr stößt die Menschheit mehr als 50 Milliarden Tonnen CO₂ und vergleichbare Klimagase aus. Das setzt viele Industriezweige unter Druck, ihre Emissionen zügig zu senken.

Für den Maschinen- und Anlagenbau ist das indes auch eine Chance: Bis 2050 könnte die Branche weltweit rund zehn Billionen Euro zusätzlichen Umsatz mit klimaschonenden Technologien erwirtschaften. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Die Studie, die am Mittwoch im Rahmen der „Digital Days“ der Hannover Messe vorstellt wird, sieht großes Potenzial bei Technologien wie effizienteren Elektromotoren, Recycling-Anlagen, Windrädern und Elektrolyseuren zur Herstellung von Wasserstoff.

Die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman kommt in einer noch unveröffentlichten Studie zu ähnlichen Ergebnissen: Demnach müssen die Unternehmen bis 2050 jährlich 120 Milliarden Euro in neue Technologien investieren, um die Pariser Klimaziele noch zu erreichen.

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    Vor allem deutsche Hersteller dürften von der steigenden Nachfrage nach grünen Technologien profitieren. Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Bundesrepublik weltweit der mit Abstand stärkste Anbieter von Maschinen und Anlagen. In absoluten Werten belegt Deutschland beim Maschinenabsatz den dritten Platz hinter China und den USA.

    Aber nicht nur Technologien, auch ihr Klimaschutz-Know-how wollen die Maschinen- und Anlagenbauer ihren Kunden zur Verfügung stellen. So gab der Industriekonzern Bosch am Montag die Gründung einer neuen Unternehmenseinheit bekannt, die produzierende Firmen bei der Reduktion ihrer CO₂-Emissionen beraten soll.

    „Den Klimawandel einzudämmen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte Bosch-Chef Volkmar Denner. „Wir wollen Klimaschutz technisch möglich und wirtschaftlich nützlich machen.“

    Konzerne wittern Chancen

    Schon heute sind deutsche Unternehmen vielfach vorn mit dabei, wenn es um den Klimaschutz geht. Experten sehen einen Grund dafür in den Bemühungen der Regierungen in Deutschland und Europa, die mit dem Handelssystem für CO₂-Zertifikate früh den Grundstein für die Dekarbonisierung gelegt haben. Durch den Green Deal der EU-Kommission gewinne das Thema noch einmal zusätzlich an Fahrt, so das Urteil der Studien von BCG und Oliver Wyman.

    Vor allem für den deutschen Maschinenbau entstehe eine besondere Chance, ist Markus Lorenz überzeugt. Er ist Senior-Partner bei BCG und hat die Studie mitverantwortet. „Es gibt hier das Ökosystem mit der weltweit wahrscheinlich höchsten Leistungsfähigkeit.“

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    Deutsche Hersteller seien führend, wenn es um vernetzte Produktionstechnologien geht, die häufig auch auf Nachhaltigkeitsziele einzahlen. „Der Green Deal eröffnet nun die Chance, dass Europa auch zum Leitmarkt für grüne Innovationen wird.“

    Vor allem Wasserstofftechnologien haben in den vergangenen Monaten, insbesondere für die Energiewirtschaft, rasant an Bedeutung gewonnen. Die Bundesregierung hatte im Juni die Nationale Wasserstoffstrategie bekannt gegeben. Seither überschlägt sich die Industrie regelrecht mit Kooperationsprojekten: sei es der Stromkonzern Eon, der Elektrolyse-Anlagen von Thyssen-Krupp an das deutsche Stromnetz anschließen will, oder der Konkurrent RWE, der unter anderem mit Siemens über den Bau eines 100-Megawatt-Elektrolyseurs in Lingen verhandelt.

    „Das Potenzial für Wasserstoff ist riesig – und RWE rechnet sich in dem Geschäft große Chancen aus“, sagte RWE-Chef Rolf Martin Schmitz kürzlich.

    Großes Einsparvolumen in der Stahlindustrie

    Das Potenzial sehen auch die Lieferanten der produzierenden Unternehmen. „Auch wenn der Maschinenbau selbst nur für einen Bruchteil der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich ist: Mit ihren Produkten verfügt die Branche über einen immensen Hebel, wenn es um die Dekarbonisierung anderer Sektoren geht“, sagt Hartmut Rauen, Vize-Geschäftsführer des VDMA und Mitautor der BCG-Studie. „Wir schätzen, dass 86 Prozent der Emissionen der 36 größten Länder der Welt mithilfe von Technologien aus dem Maschinenbau eingespart werden können.“ Das sind rund 30 Gigatonnen CO₂ pro Jahr.

    Für die Untersuchung haben die Forscher die globalen CO₂-Emissionen, die sich im Jahr 2017 auf insgesamt 51 Gigatonnen beliefen, verschiedenen Sektoren zugeordnet. Nicht berücksichtigt wurden dabei rund 16 Gigatonnen, die sich auf Länder verteilen, die weder Mitglied in der OECD noch der Gemeinschaft der BRICS-Staaten sind und deshalb keine zuverlässigen Emissionsdaten liefern.

    Von den übrig bleibenden Emissionen, rund 35 Gigatonnen, entfallen dabei rund 0,2 Gigatonnen auf den Maschinen- und Anlagenbau selbst. Der Rest verteilt sich unter anderem auf die Sektoren des produzierenden Gewerbes (16,7 Gigatonnen), Wohnen (6,7 Gigatonnen), Transport (5,7 Gigatonnen), Land- und Abfallwirtschaft (4,3 Gigatonnen) sowie die Produktion von Energie (0,9 Gigatonnen).

    In fast all diesen Sektoren spielen die Produkte der Maschinen- und Anlagenbauer eine wichtige Rolle für die Erreichung der Reduktionsziele – auch wenn sich die Technologien teilweise stark voneinander unterscheiden. So könnten etwa die Chemiehersteller rund 0,02 Gigatonnen CO₂ einsparen, wenn sie in den nächsten Jahren in effizientere Anlagen investieren.

    Mit Wärmepumpen ließen sich die Emissionen von Wohn- und Geschäftsgebäuden sogar um rund 0,5 Gigatonnen senken. Am größten ist das Einsparpotenzial in der Stahlindustrie: Von den rund 3,9 Gigatonnen, die die Branche ausstößt, ließen sich durch technologische Innovationen rund 3,1 Gigatonnen einsparen. Ein Großteil davon entfällt auf Anlagen zur wasserstoffbasierten Stahlerzeugung, die allein das Potenzial haben, die Emissionen der Branche um bis zu 1,3 Gigatonnen zu senken.

    Infrastruktur muss noch geschaffen werden

    Schon heute experimentieren viele Stahlkocher wie Thyssen-Krupp deshalb mit dem Einsatz kleiner Mengen Wasserstoffs in ihren Hochöfen. Doch angesichts der hohen Kosten, die bei der klimaneutralen Erzeugung des Energieträgers entstehen, scheuen viele die hohen Investitionen, die für eine komplette Umrüstung des Anlagenparks nötig wären.

    So rechnet allein der Ruhrkonzern mit einem Investitionsvolumen von zehn Milliarden Euro. Dabei könnte sich der Stahl, der auf diese Weise produziert wird, Schätzungen zufolge bei der heutigen Kostenstruktur von grünem Wasserstoff um rund 30 Prozent verteuern.

    Das Gleiche gilt bislang auch für sogenannte CCS-Technologien („Carbon Capture and Storage“), bei denen CO₂ aus dem Produktionsprozess abgefangen und unterirdisch gespeichert oder für die Produktion anderer Materialien weiterverwendet wird („Carbon Capture and Usage“, kurz CCU). Hier sehen die Studienautoren zwar mit rund 7,3 Gigatonnen das größte Einsparpotenzial. Allerdings hat die Technologie zumindest in Deutschland derzeit kaum Perspektiven.

    Nach Bürgerprotesten liegt die Erschließung geeigneter Lagerstätten, in denen CO₂ in mehr als 1000 Meter Tiefe verpresst werden kann, seit Jahren auf Eis. Anders sieht es dagegen zum Beispiel in den Niederlanden aus: So soll vor dem Hafen in Rotterdam bis zum Jahr 2026 eine CO₂-Lagerstätte entstehen, in die Unternehmen ihre Emissionen über ein Pipelinesystem einspeisen können.

    „Technologien wie CCS mögen in Deutschland nicht populär sein“, gibt auch Matthias Zelinger, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Power Systems, zu bedenken. Aber er ist überzeugt: „In einigen Industriebereichen wird es nicht ohne gehen.“ Er rechnet fest damit, dass es in Deutschland zumindest Rohrleitungen geben wird, die abgeschiedenes CO₂ in dafür vorgesehene Lagerstätten transportieren – „zum Beispiel vom Ruhrgebiet in die Niederlande“.

    Druck, Emissionen zu senken, wächst stetig

    „Die verfügbaren Technologien, mit denen der Maschinenbau den Klimaschutz voranbringen kann, lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen“, sagt BCG-Berater Lorenz. „Jene, die heute schon verfügbar sind und sich rechnen – und jene, die zwar grundsätzlich verfügbar, aber gleichzeitig so teuer sind, dass sie sich im Moment für die meisten Unternehmen nicht wirtschaftlich darstellen lassen.“

    Dazu zählen auch andere Technologien, bei denen fossile Kraftstoffe durch klimaneutrale Alternativen ersetzt werden – etwa Biotreibstoffe in der Luftfahrt oder grüner Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Auf alle derzeit noch unwirtschaftlichen Verfahren entfällt ein Einsparpotenzial von 17 Gigatonnen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: 12,8 Gigatonnen lassen sich mit Technologien einsparen, die schon heute einsatzfähig und bezahlbar sind.

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    „In vielen Industrien lässt sich eine Reduktion der Emissionen nur über technologische Innovationen erreichen, die sich heute noch nicht rechnen – beispielsweise in der Stahl- oder in der Zementindustrie, wo CO₂ als Prozessgas anfällt“, sagt Daniel Kronenwett. Er ist Partner für Industriegüter bei Oliver Wyman und Mitautor der zweiten Studie.

    Der Berater schätzt das potenzielle Umsatzvolumen für die Branche bis 2050 zwar deutlich niedriger ein als seine Kollegen von BCG, aber immerhin noch auf eine Billion Euro. „Der Druck auf die Unternehmen, ihre Emissionen zu senken, wächst stetig.“ Als Treiber fungierten dabei auch die globalen Vermögensverwalter, die immer häufiger die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen bei ihren Investments in den Blickpunkt rückten.

    Vor allem spielen aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine Rolle, heißt es einhellig in beiden Untersuchungen. „Um innovative Technologien, die sich jetzt vielleicht noch nicht rechnen, absetzen zu können, brauchen die Kunden der Maschinenbauer Planungssicherheit“, so VDMA-Vize Rauen. „Das betrifft insbesondere berechenbare Strompreise. Denn Investitionen in neue Anlagen haben häufig einen langen Horizont von 20 Jahren.“

    Mehr: Der Ausfall der physischen Hannover Messe werde die Industrie Aufträge kosten, fürchtet der designierte ZVEI-Präsident Gunther Kegel.

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    3 Kommentare zu "CO₂-Ausstoß: Zehn-Billionen-Markt: Wie Maschinenbauer vom Klimaschutz profitieren"

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    • Theoretisch wissen wir ja, wir die Klimaziele erreichen können. Nur eines vorweg gesagt, in der Zeit, die wir planten, geht das nie. Wie wollen die Regierungen die Wirtschaft dazu bringen, die Investitionen in erneuerbare Energien zu fördern. Das geht nur über steuern, also Lenkungseffekte, ich verweise auf die Ökologisierung des Steuersystems und dann bedarf es noch hohe Subventionen. Nur stellt sich da die Frage wer trägt die Finanzierung. Der Steuerzahler kann das nicht. Die Staaten werden nie mitspielen. Ich denke da an Asien und Amerika aber auch an Indien. Wie schrieb der Poster. "Let us run for our lives". Und wer versteht das schon. Haben Sie die Gletscher gesehen in den Alpen. Ich habe die meisten gesehen. Es ist ein Bild der Trauer. Wer blickt zur Antarktis, ein Bild des Schauerns. Was machen die Regierungen???? Trump ist ein Zufallsgenerator und der mächtigste Mann der USA. Was sagt der zum Klimawandel, es ist ein Bilde des Schauderns.

    • Der Investitionsbedarf zum Erreichen der Klimaziele kann nur durch staatliche Subventionen oder Steuergeschenke finanziert werden, da das Erreichen von Klimazielen kein originäres Geschäftsmodell ist. Man wird sehen, welche Staaten sich das auf Dauer leisten und die Lasten auf die Bevölkerung abwälzen können. Die > 50% Transferempfänger in Deutschland werden die Rechnung nicht übernehmen können. Die können sich nicht mal ein (umweltschädliches) Elektroauto leisten.

    • don't let's talk anymore about the story, let's run for our lives...climate change is running fast...check out what happens in Siberia.

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