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Corona-Diagnostik Preiskampf und PR-Offensive: Der Wettbewerb um Antikörpertests wird schärfer

Diagnostikunternehmen weltweit bauen ihre Kapazitäten aus. Marktführer Roche sorgt mit seiner Preispolitik und Öffentlichkeitsarbeit für Unmut.
27.05.2020 - 15:15 Uhr Kommentieren
Der Antikörpertest wird bei Roche im bayrischen Penzberg hergestellt. Die Präsenz der Politik und ihre lobenden Worte zum Start der Testproduktion sorgten in der Branche für Befremden. Quelle: obs
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zeigt Corona-Antikörpertest von Roche

Der Antikörpertest wird bei Roche im bayrischen Penzberg hergestellt. Die Präsenz der Politik und ihre lobenden Worte zum Start der Testproduktion sorgten in der Branche für Befremden.

(Foto: obs)

Frankfurt Die Diagnostikanbieter weltweit investieren kräftig in den Ausbau der Testkapazitäten zum Nachweis einer Covid-19-Infektion. Am Dienstag gab der Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers bekannt, mit der Auslieferung seines neuen Antikörpertests begonnen zu haben. Der Test hat die CE-Zertifizierung für Europa erhalten.

In den USA strebt der Konzern die Notfallzulassung durch die Zulassungsbehörde FDA an. Siemens gibt an, die Produktion je nach Verlauf der Pandemie auf mehr als 50 Millionen Tests pro Monat hochfahren zu können.

Siemens ist damit der nächste globale Diagnostikkonzern, der mit einem eigenen Antikörpertest an den Start geht. Marktführer Roche und auch der US-Konzern Abbott haben in den vergangenen Wochen ebenfalls eigene Tests auf den Markt gebracht, die in Millionenauflage vertrieben werden.

Abbott will nach eigenen Angaben im Juni eine Testkapazität von 60 Millionen Antikörpertests erreichen. Auch Roche plant eine Produktionszahl im hohen zweistelligen Millionenbereich pro Monat. „Wir beabsichtigen, die Produktion unseres neuen Coronavirus-Antikörpertests bis Ende des Jahres auf mehr als 100 Millionen Tests pro Monat zu steigern“, heißt es bei Roche.

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    Ein Antikörpertest kann Auskunft über eine zurückliegende Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus geben - im Gegensatz zu den sogenannten PCR-Tests, mit denen die akute Infektion anhand genetischer Bausteine des Virus nachgewiesen wird. Im Laufe einer Infektion produziert das Immunsystem Antikörper gegen den Erreger, die sich je nach Typ fünf bis 14 Tage nach der Infektion im Blut nachweisen lassen.

    Die Antikörpertests geben Hoffnung, Hinweise auf das tatsächliche Ausmaß der Pandemie zu bekommen. Mit Blick auf die weltweite Verbreitung des Virus tut sich für die Diagnostikbranche ein riesiges Potenzial auf. Allerdings gibt es derzeit unter anderem in Deutschland Diskussionen darüber, ob ein breiterer Einsatz der Antikörpertests angesichts der vergleichsweise geringen Infektionsrate überhaupt sinnvoll ist.

    Inzwischen sind mehrere Dutzend Anbieter aus vielen Ländern mit eigenen Sars-CoV-2-Antikörpertests auf dem Markt. Laut Auflistung des Branchenportals „360dx“ besitzen mehr als 20 davon eine CE-Zertifizierung. Eine Notfallzulassung der amerikanischen FDA, wie sie auch Siemens Healthineers anstrebt, haben aktuell 13 Anbieter.

    Globaler Einheitspreis bei Roche

    Im wachsenden Wettbewerb positioniert sich Marktführer Roche derzeit mit einem besonders günstigen Preis für seinen Antikörpertest. Nach Informationen aus Branchenkreisen gibt der Konzern den Test für 1,50 Schweizer Franken an die Labore ab, umgerechnet rund 1,43 Euro.

    Im Schnitt der Branche bewegen sich die übrigen Anbieter in Deutschland bei einem Abgabepreis zwischen vier und sechs Euro. Auch Siemens spricht bei seinem neuen Test von einem niedrigen einstelligen Euro-Betrag, zu dem Tests an die Labore verkauft würden.

    Roche will die Informationen über den Preis weder bestätigen noch dementieren, gibt aber an, seinen Antikörpertest global zu einem Einheitspreis abzugeben. Das Unternehmen mit zuletzt knapp 13 Milliarden Schweizer Franken Umsatz im Diagnostikgeschäft führt den Markt für In-vitro-Diagnostik laut Firmenpräsentation mit einem Anteil von rund 19 Prozent an, vor den US-Konzernen Abbott und Danaher sowie Siemens Healthineers, die zuletzt auf 4,1 Milliarden Euro Jahresumsatz in dem Bereich kamen.

    Die großen Konzerne stellen zumeist Tests für ihre eigenen Analyseplattformen her, die weltweit in Laboren aufgestellt sind und auf denen sie mit hohen Durchsatzraten Größenvorteile erzielen können.

    Der günstige Roche-Preis setzt daher vor allem kleinere Anbieter unter Druck, die ihre Testsysteme für verschiedene offene Analysesysteme konzipiert haben. Sie fürchten jetzt, im Wettbewerb das Nachsehen zu haben. „Der Preis von Roche ist eine Kampfansage“, sagt Erwin Soutschek, Geschäftsführer der Diagnostikfirma Mikrogen aus Neuried bei München.

    Das sei für das Unternehmen auch ein finanzielles Ärgernis. Man habe sehr viel investiert: Allein die Entwicklungskosten für den Antikörpertest beliefen sich auf etwa 300.000 Euro. Hinzu kamen noch einmal etwa 1,5 Millionen Euro für Reagenzien und Rohstoffe. „Das ist für eine kleine Firma wie unsere mit 18 Millionen Euro Jahresumsatz eine echte Größenordnung“, sagt Soutschek.

    Mikrogen hatte Mitte Mai die CE-Kennzeichnung für seinen Antikörpertest bekommen. Das Unternehmen verwendet für seinen Test ein Antigen, das es in großen Mengen gentechnisch in Bakterien selbst herstellt.

    Der Unmut gegen Roche hat auch mit der PR-Strategie des Schweizern Konzerns zu tun. Anfang Mai hatte das Unternehmen in einer virtuell breit übertragenen Pressekonferenz den Marktstart seines Antikörpertests bekannt gegeben. Unterstützt wurde der Konzern dabei von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Während Söder den Roche-Test für die Fotografen hochhielt, lobte Spahn das Produkt damals als den „soweit uns bekannt besten Test“ hinsichtlich der in der Branche üblichen Qualitätskriterien.

    „Der geballte Auftritt der Politik bei Roche hat in der Branche für große Irritationen gesorgt“, sagt Thorsten Hilbich, Geschäftsführer des Diagnostikkonzerns Diasorin in Deutschland. „Es ist mehr als befremdlich, wenn sich ein Gesundheitsminister so deutlich für den Test eines einzelnen Anbieters ausspricht.“

    Auch Erwin Soutschek von Mikrogen findet klare Worte: „Der mediale Auftritt von Roche ist in der Branche ganz schlecht angekommen. Es kann nicht sein, dass die Politik quasi für einen Test wirbt – unter Missachtung, dass es auch andere Tests gibt, die ebenbürtig sind.“

    E-Mail sorgt für Aufregung

    Da der Auftritt der Politiker breit in allen Medien zu sehen war, wird der Roche-Test mittlerweile aktiv auch von Patienten angefordert. „Von unseren Kunden kommt die Rückmeldung, dass Patienten anrufen und fragen, ob sie auch den neuen Roche-Test haben, für den der Gesundheitsminister wirbt“, sagt Thorsten Hilbich von Diasorin. Laborkunden von Mikrogen geben laut Geschäftsführer Soutschek an, die Tests des Unternehmens nicht mehr so einsetzen zu können wie vorher, weil die Einsender den Roche-Test verlangen.

    Für besondere Aufregung in der Branche hatte noch eine E-Mail gesorgt, die das bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege Mitte Mai an Labore im Freistaat versandt hatte. Die E-Mail liegt dem Handelsblatt vor.

    „Sehr geehrte Damen und Herren, wir bitten um kurze Mitteilung, ob Ihr Labor den neu entwickelten serologischen Test der Fa. Roche zum Nachweis von SARS-CoV-2-Antikörpern (Elecsys® Anti-SARS-CoV-2) bereits durchführt bzw. ab wann beabsichtigt durchzuführen“, heißt es in dem Schreiben aus dem Referat 34.

    Auf Nachfrage des Handelsblatts teilte ein Ministeriumssprecher mit, dass der Hintergrund der Abfrage die Beantwortung einer Nachfrage aus dem bayerischen Landtag war. „Das entspricht gängiger Verwaltungspraxis“, so der Sprecher.

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    Roche ist für Bayern ein wichtiges Unternehmen, das im bayerischen Penzberg einen großen Standort hat, wo auch die Antikörpertests produziert werden. Das Unternehmen will dort in den nächsten Jahren insgesamt rund 420 Millionen Euro investieren, davon 170 Millionen Euro für den Ausbau biochemischer Produktionsanlagen. Wie Markus Söder auf der Pressekonferenz bei Roche verkündete, unterstützt der Freistaat das Vorhaben mit 40 Millionen Euro.

    Die Sorge mancher Diagnostikhersteller, dass künftig der Preis und der Einsender über die Verwendung der Tests in den Laboren entscheiden, teilt Laborarzt Michael Müller, Geschäftsführer der MVZ Labor 28 GmbH aus Berlin, allerdings nicht. „Es war zu erwarten, dass es kompetitiver im Markt wird, je mehr Tests entwickelt werden. Aber die Labore sollten nicht nur nach dem Preis, sondern zuerst nach der diagnostischen Qualität der Tests schauen. Es ist ihre Aufgabe, diese Tests zu verifizieren“, so Müller.

    Auch in dem von ihm geführten Labor hätten Einsender angerufen, ob der Roche-Test eingesetzt werde. „Aber sie haben auch in den Wochen vorher angerufen, wenn etwa im Fernsehen von Virologen ein anderer Test genannt wurde.“

    Die Vorstellung des Roche-Tests sei sicherlich so stark in den Medien präsent gewesen, dass der Test in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. „Die Entscheidung, welche Tests eingesetzt werden, fällt aber der Laborarzt oder Mikrobiologe im Labor“, betont Müller und ergänzt: „Wir haben den Anrufern dann erklärt, welche Tests wir einsetzen und warum.“

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