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Corona-Pandemie Warum wir auch in Zukunft billig fliegen werden

Vollgestopfte Flugzeuge und Gedränge bei der Abfertigung passen nicht zum Infektionsschutz. Laut Experten wird das Billigflugsegment bleiben - aber sich stark verändern.
07.09.2020 - 09:59 Uhr 4 Kommentare
Corona: Warum wir auch nach der Coronakrise billig fliegen werden Quelle: Reuters
Jet von Wizz Air in Luton bei London

Die ungarische Billig-Fluggesellschaft expandiert auch in der Coronakrise stark.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Jens Bischof ist sich sicher: „Ultra-Low-Cost ist vorbei“, sagt der Chef des Lufthansa-Ablegers Eurowings. „Die Gäste wollen mehr Freiraum in der Kabine. Es ist der Wunsch nach Komfort, der aber bezahlbar sein muss.“

Die Corona-Pandemie und die heftigen Folgen für die weltweite Luftfahrt haben in der Branche eine Diskussion über die Zukunft der Billiganbieter entfacht. Die Meinungen gehen auseinander. Einige Experten glauben, dass auch Airlines wie Ryanair bei einer langen Krise ernste Probleme bekommen werden. Das Geschäftsmodell der prall gefüllten Jets passe nicht mehr in die Zeit, argumentieren sie.

Andere gehen davon aus, dass gerade die Billigheimer mit ihrer niedrigen Kostenstruktur deutliche Vorteile gegenüber den etablierten Anbietern haben. Vor allem aber hätten sie das größte Potenzial, im Wettstreit um die rar gewordenen Passagiere zu gewinnen.

In einem sind sich die meisten Experten aber einig: Das Coronavirus bedeutet nicht das Ende des Billigfluges. „Das Low-Cost-Segment wird bleiben. Der Privatreiseverkehr wird sich wahrscheinlich als erstes wieder normalisieren. Hier werden die Billiganbieter mit niedrigen Preisen um den Markt kämpfen“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg.

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    Ryanair jedenfalls schafft schon mal Fakten. In der vergangenen Woche bot die irische Airline Schnäppchenjägern eine Million Tickets für fünf Euro an. Die Kunden wollten weiterhin günstige Preise, glaubt Ryanair-Marketingchef Dara Brady. Und sagt auch für die Zukunft „unglaublich sinkende“ Ticketpreise voraus.

    Grafik

    Wie viele dieser Schnäppchen die irische Fluggesellschaft tatsächlich verkaufen konnte, behält das Management allerdings traditionell für sich. So fällt es schwer zu beurteilen, inwiefern Preissenkungen in Corona-Zeiten tatsächlich funktionieren.

    Fest steht: Kampfpreise werden eine zentrale Strategie der Billiganbieter sein, ihren Markt und damit ihr Geschäftsmodell zu verteidigen. Das lautet: Die Flugzeuge müssen möglichst vollgestopft werden, dann stimmt auch der Gewinn. Dabei helfen zeitlich befristete Lockangebote, die die Kunden zu frühzeitigen Buchungen bewegen. Und das Flugzeug muss schnell wieder in der Luft sein. Die Abwicklung am Boden muss also zügig geschehen.

    Allerdings will beides nicht so recht zu den Schutzmaßnahmen passen, die wegen Corona in der Luftfahrt gelten und die uns wohl noch länger erhalten bleiben werden. Hier heißt es Abstand halten bei der Abfertigung am Boden und auch beim Einsteigen in den Jet - was die Zeit bis zum nächsten Start verlängert.

    Gleichwohl stehen die Chancen der Billiganbieter nicht schlecht, gut durch die Krise zu kommen. Zwar leiden sie wie alle Airlines auf der Welt unter den Reiseverboten und Reisebeschränkungen. Die britische Easyjet etwa ist in der Zeit zwischen Mitte März und Mitte Juni überhaupt nicht mehr geflogen. Die Folge: Im zweiten Quartal brach die Zahl der Passagiere gegenüber dem Vorjahr um 99,6 Prozent ein.

    Auch Ryanair und Wizz Air mussten im zweiten Quartal heftige Rückgänge bei den Fluggastzahlen verkraften. Bei Ryanair betrug das Minus 98,2 Prozent, bei Wizz Air 93,2 Prozent. Dagegen sieht das Minus einer Lufthansa mit 92,3 Prozent sogar noch relativ moderat aus.

    Wizz Air fällt mit aggressivem Marktauftritt auf

    Daten des Informationsdienstleisters und Beratungsunternehmens Cirium zeigen allerdings, dass die „Low-Cost-Airlines“ nach dem Ende der Lockdowns in vielen Ländern Europas sehr schnell ihren Betrieb wieder hochgefahren haben.

    So hätten die Billiganbieter in Europa zwischen dem 17. und dem 22. Juli rund 5000 Flüge angeboten, während es im Monat davor weniger als tausend gewesen seien, schreibt Jonathan Robins von Cirium in einem Fachbeitrag für das Magazin „Flight Global“. Damit läge die Zahl der Flüge zwar immer noch deutlich unter den rund 14.000 in Normalzeiten. Aber die etablierten Netzwerk-Airlines hätten im gleichen Zeitraum nur 4000 Flüge absolviert, also weniger.

    Neben Ryanair ist es vor allem die ungarische Wizz Air, die auch in Corona-Zeiten mit einem aggressiven Marktauftritt auffällt. Die Airline hat bereits wieder etwa 80 Prozent ihres Angebots vor Beginn der Pandemie erreicht. Unternehmenschef Jozsef Varadi hat zuletzt mehrfach betont, dass die Low-Cost-Airlines eine großartige Zukunft hätten.

    Zur Wahrheit gehört auch, dass gerade die Billigfluggesellschaften groß darin sind, mit steilen Aussagen Werbung für ihr eigenes Unternehmen zu machen. Nicht alles, was angekündigt wird, kommt am Ende auch so.

    So musste Ryanair das im Frühsommer stark ausgeweitete Flugangebot mittlerweile schon wieder eindampfen. Neue Reisewarnungen für wichtige Ziele wie etwa Spanien machten die Planungen zunichte. Wizz Air wiederum spürt neue Einreisebeschränkungen der ungarischen Regierung und hat deshalb die Zahl der Flüge deutlich reduziert.

    Wiederhochfahren des Flugbetriebs kostet Geld

    Hinzu kommt: Das frühe und ambitionierte Wiederhochfahren des Angebots, um Marktanteile zu verteidigen oder gar zu gewinnen, kostet viel Geld. Der Aufwand für die Crew, das Kerosin und die Gebühren ist für einen kaum gefüllten Jet derselbe wie für einen prall gefüllten. Aber es fehlen die entsprechenden Erlöse bei schlechter Auslastung.

    Der US-Billiganbieter Southwest – für viele Low-Coster in Europa und anderswo auf der Welt das Vorbild – hat die Investoren kürzlich bereits vorgewarnt, dass es angesichts des erwarteten harten Preiswettbewerbs und der schwer zu kalkulierenden Nachfrage schwer werden wird, die Gewinnversprechungen zu halten.

    Zwar sind Airlines wie etwa Ryanair oder Wizz Air mit einem üppigen finanziellen Polster in die Krise gestartet. Doch dauert die noch länger an, sind auch diese Reserven irgendwann aufgebraucht. Dann dürfte es für die Billigheimer schwierig werden, Unterstützung etwa vom Staat zu bekommen.

    Die Klimadebatte ist trotz Corona noch da. Ticketpreise von nur fünf Euro kommen in der Politik nicht so gut an. Vor allem dann nicht, wenn der Eindruck entstehen könnte, dass die zuvor gesammelten Geldreserven für Kampfpreise verwendet wurden, statt das Unternehmen langfristig zu sichern.

    Sollte es allerdings so weit kommen, dass auch eine Ryanair nur noch durch den Staat gerettet werden könnte, hätten längst schon ganz andere Airlines hochgradig existenzielle Probleme.

    Vorerst können Ryanair und Co. mit ihren Reserven also an der Preisschraube drehen – mit guten Chancen auf Erfolg. „Das Thema Infektionsschutz und Sicherheit spielt natürlich aktuell eine große Rolle“, sagt Berater Wissel: „Aber viele Kunden haben wegen der Coronakrise weniger Einkommen. Der Ticketpreis bleibt nach meiner Meinung deshalb ein wichtiger Faktor beim Buchen.“

    Die Low-Cost-Gesellschaften sind darauf geeicht, ihre Kosten, wo immer es geht, weiter und vor allem schnell zu drücken. Und sie haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie rasch auf eine sich ändernde Marktsituation reagieren können.

    Das ist nach Ansicht von Wissel in der Pandemie wichtiger denn je: „Die Airlines müssen flexibler bei kurzfristiger Aufnahme und der Anpassung von Strecken und Kapazitäten sein.“ Eine mittel- oder gar langfristige Planung werde in Zukunft schwieriger werden, so der Experte: „Hier haben meines Erachtens die Low-Coster einen Vorteil, da sie schneller auf Nachfrageentwicklungen reagieren können.“

    Abstand als Differenzierungsmerkmal

    Das entbindet die Billiganbieter allerdings nicht davon, wegen Corona ihr Geschäftsmodell zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. In diesem Punkt geben Experten der Einschätzung von Eurowings-Chef Bischof durchaus recht, der sagt: „Die Kunden wollen Flexibilität. Man will nicht finanziell gefangen sein in seiner Buchung. Die Kunden wollen eine Art Corona-Versicherung.“

    Flexibilität bedeutet unter anderem die Möglichkeit, kurzfristig, aber dennoch preisgünstig zu buchen und bei Bedarf auch wieder kostenfrei stornieren zu können. „Hier müssen alle Airlines, ob die Etablierten oder die Low-Coster diese Flexibilität den Kunden auch bieten, ohne zusätzliche Kosten“, sagt Wissel.

    Die auch bei Billiganbietern beliebte Strategie, den Ticketpreis anzuheben, je kurzfristiger der Kunde bucht, dürfte künftig nicht mehr so gut funktionieren. Das glaubt auch Ryanair-Marketingchef Brady, der künftig auch mehr Niedrigpreise bei erst kurz vor dem Flug gebuchten Tickets prognostiziert.

    Und das in Corona-Zeiten zentrale Thema Abstand halten? Für Eurowings-Chef Bischof ist das künftig ein wichtiges Differenzierungsmerkmal gegenüber den Billig-Rivalen. Deshalb bietet die Airline den Kunden seit Kurzem an, den Mittelsitz für überschaubares Geld mitzubuchen, um diesen freizuhalten. Die Billig-Anbieter halten davon gar nichts.

    Es bleibt abzuwarten, wer recht behält. Berater Wissel beobachtet jedenfalls schon jetzt: „Auch die etablierten Netzwerk-Airlines verkaufen und besetzen im Zweifel den Mittelsitz, wenn die Nachfrage da ist. Ich sehe da keinen großen Unterschied.“

    Mehr: Die Coronakrise verschärft die Not der Regionalflughäfen

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    4 Kommentare zu "Corona-Pandemie: Warum wir auch in Zukunft billig fliegen werden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • ... und da hab ich doch glatt die 709 Bundestagsabgeordneten vergessen - eigentlich sollten es 598 sein, die aus meiner Sicht sich nicht wirklich dem deutschen Wohle verpflichtet fühlen, wie es das Grundgesetz fordert ....

    • @Herr J.-Fr. Pella:
      Das mit den Löhnen ist so ein Ding.... Wenn Sie noch die amerikanischen Löhne gerade von Tech-Unternehmen einbeziehen - dann wird es schwindelig.
      Übrigens haben Sie unsere Fußballer und TV Moderatoren vergessen....

      Piloten bringen eine gute Leistung und verdienen auch nicht mehr als Ärzte - haben aber eine ähnliche Verantwortung was Menschenleben betrifft.

    • Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.
      Billig fliegen und Urlauben muss keinesfalls sein.
      Preiswertes Fliegen ist angesagt. Um dies zu erreichen müssen Spitzenlöhne überprüft werden.
      Muß ein Pilot ca 150.000,00 Euro jährlich + Zuschläge erhalten?

      Allerdings gibt es viele weitere Berufe, die solche Fragen zu lassen müssen.
      Krankenkassenleiter, AWO-Leiter. DRK,ASB, Kassenärztliche Leiter, Leiter in Krankenhäuser ,usw. müssen auch beleuchtet werden.

    • Lufthansa wird es mit den staatlichen Fesseln deutlich schwerer haben aus der Krise zu kommen als die Billigflieger und viele der hoch qualifizierten Mitarbeiter entlassen müssen.

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