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Coronakrise Die Chemieindustrie gerät in den Abwärtssog der Automobilbranche

Im Gesundheitsbereich sind die Vorprodukte der Chemie stark gefragt. Doch die geringe Nachfrage anderer Industrien wird der Branche einen Umsatzeinbruch bescheren.
17.04.2020 - 14:38 Uhr Kommentieren
Anfang des Jahres gab der Chemiekonzern einen vorsichtigen Ausblick. Quelle: BASF
BASF-Mitarbeiterin

Anfang des Jahres gab der Chemiekonzern einen vorsichtigen Ausblick.

(Foto: BASF)

Frankfurt Für die Chemieindustrie brechen schwierige Zeiten an: Das Geschäft lief in den ersten beiden Monaten im Vergleich mit anderen Branchen zwar noch gut. Und als Vorlieferant für Medikamente, Diagnostika, Reinigungs- und Desinfektionsmittel können sich viele Chemiehersteller in diesen Tagen durchaus als systemrelevant betrachten.

Dennoch kann sich die Chemieindustrie den negativen Folgen der Coronakrise nicht entziehen. Denn die Nachfrage aus besonders gewichtigen Abnehmerbranchen wie der Automobilindustrie ist inzwischen drastisch gesunken.

Die Chemiebranche steuert daher nach Einschätzung von mehreren Analysten auf deutliche, womöglich sogar zweistellige Umsatzeinbußen im Gesamtjahr zu. Die negativen Folgen sollen stärker sein als während der Finanzkrise 2008.

Im Februar gaben die Unternehmen zwar noch zuversichtliche Prognosen ab. Diese dürften sich aber bei der Vorlage der nächsten Quartalszahlen ändern.

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    Der Branchenführer BASF etwa hatte Ende Februar für 2020 noch ein leichtes Umsatzwachstum und einen in etwa stabilen Betriebsgewinn in Aussicht gestellt. Dies allerdings unter der Bedingung, dass es nicht zu einer globalen Ausbreitung des Coronavirus kommt und die Weltwirtschaft um rund zwei Prozent wächst.

    Beide Annahmen sind inzwischen obsolet. Der IWF etwa erwartet inzwischen, dass die Weltwirtschaft um drei Prozent schrumpft.

    Bereits im März hat der Verband der Chemischen Industrie (VCI) seinen Ausblick für die Branche nach unten korrigiert. Er kalkuliert seither mit einem Rückgang von Produktion und Umsatz in der Chemiebranche (ohne Pharma) von 1,5 Prozent im laufenden Jahr.

    Analysten unterstellen in ihren aktuellen Schätzungen für die vier größten deutschen Chemiekonzerne – BASF, Evonik, Covestro und Lanxess – in der Summe rund fünf Prozent Umsatzrückgang. Die Betriebsgewinne vor Abschreibungen (Ebitda) dürften den aktuellen Konsensus-Schätzungen zufolge um 13 Prozent schrumpfen, die um Sonderfaktoren bereinigten Nettogewinne um gut ein Drittel.

    Zu optimistische korrigierte Ausblicke

    Aber selbst diese Prognosen sind vermutlich noch deutlich zu optimistisch, weil sie die globalen wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise und die Dauer des Lockdowns in vielen Ländern unterschätzen.

    Chemieexperte Markus Mayer von Baader Helvea etwa geht in einer jüngst publizierten Branchenanalyse davon aus, dass der europäische Chemiesektor 2020 rund sieben Prozent weniger absetzen wird und zudem knapp drei Prozent Preisrückgang verkraften muss.

    Alles in allem dürfte daraus ein organischer Umsatzrückgang von fast zehn Prozent resultieren. „Auf Basis unserer aktuellen Annahmen gehen wir von einer Rezession in Europa im gesamten Jahr 2021 aus und von einer technischen Rezession in den USA und China in den kommenden beiden Quartalen“, heißt es in der Studie.

    Unter diesen Bedingungen werden nach Mayers Erwartung die bisherigen Gewinnschätzungen der Banken für die Chemie im Schnitt noch einmal um 25 Prozent nach unten korrigiert werden müssen.

    Der trübe Ausblick für die Chemie reflektiert die schwierige Situation in wichtigen Abnehmerbranchen, allen voran die stark gebeutelte Automobilindustrie. Mayer geht davon aus, dass die Chemienachfrage der Autohersteller im laufenden Jahr um rund ein Fünftel schrumpfen wird und die Verkäufe an die Öl- und Gasindustrie um rund ein Viertel. Der Automobilbereich steht für etwa 15 Prozent des Chemieabsatzes, inklusive der Zulieferer dürfte der Anteil sogar noch höher sein.

    Zweistellige Einbußen wird die Chemie nach Mayers Erwartung auch im Geschäft mit Abnehmern aus dem Maschinenbau, der Elektronik- und der Textilindustrie verbuchen.

    Zu den wenigen Lichtblicken für die Branche gehört dagegen das Chemiegeschäft mit Abnehmern im Ernährungs-, Körperpflege-, Pharma- und Kosmetikbereich. Die Umsätze mit Agrochemikalien und Tierernährungsprodukten zum Beispiel werden nach Schätzung der Chemieexperten von Baader Helvea um fünf Prozent zulegen. Auch bei Vorprodukten für Wasch- und Reinigungsmittel dürfte die Branche im laufenden Jahr profitieren.

    Unternehmen, die stark auf diese Segmente ausgerichtet sind, dürften die Krise damit besser bewältigen als der Rest der Chemie. Dazu gehören etwa Firmen wie die niederländische DSM, der Schweizer Pharmazulieferer Lonza oder Aromenhersteller wie Givaudan und Symrise. Auch Firmen wie Evonik und Lanxess haben ihre Produkt-Portfolios in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren verbessert.

    Industriegasehersteller gut aufgestellt

    In einer vergleichsweise robusten Situation sehen Analysten auch die Industriegashersteller, vor allem dank ihrer langfristigen Lieferverträge mit den Abnehmern und eines wachsenden Geschäfts im Bereich Gesundheit. Zumindest auf Sicht von ein bis zwei Jahren verfügten sie damit über das widerstandsfähigste Geschäftsmodell in der Chemie, heißt es etwa in einem Kommentar von HSBC.

    Bei der Mehrzahl der Chemiefirmen, so auch bei BASF, dürften dagegen die starken Absatzeinbußen im Automobil-Bereich und weitere Margenrückgänge im Kunststoff-Geschäft im Vordergrund stehen.

    Diese Entwicklung spiegelt sich inzwischen auch in der Beschäftigungssituation deutlich wider. Nach einer Umfrage des Arbeitgeberverbandes der Chemie (BAVC) von Anfang April befinden sich inzwischen 85.000 Mitarbeiter, und damit 14 Prozent von insgesamt 580.000 Beschäftigten in der Branche in Kurzarbeit. Während der Finanzkrise waren 50.000 Arbeitnehmer der Branche in Kurzarbeit.

    Auch der durchschnittliche Arbeitsausfall der betroffenen Beschäftigten ist mit 65 Prozent deutlich höher als während der Krise im Jahr 2009. Am stärksten betroffen von Kurzarbeit sind dabei laut BAVC „Unternehmen und Beschäftigte entlang der Zulieferketten für die Automobilindustrie, also die Hersteller von Lacken, Kunststoffen, Reifen und Fasern“. Der Anteil der Kurzarbeiter dürfte nach Einschätzung des BAVC dabei im April noch weiter steigen, wenn auch nicht mehr dramatisch.

    Immerhin dürften sich Liquidität und Cashflow – gegenläufig zu den Gewinnen – vergleichsweise solide entwickeln. Hintergrund ist die Erfahrung, dass Chemiefirmen in Abschwungphasen meist ihr Umlaufvermögen sehr stark herunterfahren können. Das wiederum stärkt die operativen Mittelzuflüsse, wie etwa auch die Erfahrungen aus der Finanzkrise vor zehn Jahren zeigen.

    So steigerte BASF im Krisenjahr 2009 den Free-Cashflow um 50 Prozent, während sich der Betriebsgewinn fast halbierte. Bei Lanxess verdoppelte sich der Free-Cashflow damals sogar. Evonik machte einen Sprung von einem negativem Free-Cashflow im Vorjahr auf fast 1,3 Milliarden Euro Netto-Cash-Zufluss im Jahr 2009.

    Mehr: Ein Spray gegen Corona – Biotech-Firmen bilden neue Allianzen.

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