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Coronakrise Notruf im Autoland: „Die schlimmste Krise der Automobilindustrie“

Die deutschen Autohersteller ächzen unter den Folgen des Corona-Shutdowns. Erste große Zulieferer wie Leoni kämpfen in der Krise ums Überleben.
23.03.2020 - 16:42 Uhr Kommentieren
Automobilzulieferer Leoni will wegen Corona-Krise Staatshilfe beantragen Quelle: Henrik Spohler/laif
BMW-Produktion in Leipzig

Die Hersteller müssen sich auf ein schwieriges Jahr einstellen.

(Foto: Henrik Spohler/laif)

München, Frankfurt, Düsseldorf Die deutsche Autoindustrie und ihre Zulieferer sind krisenerprobt. Weder der Absturz der Ölpreise in den 70er Jahren, die zunehmende Konkurrenz aus Japan und China noch der Kollaps der Finanzindustrie 2008 oder der Dieselskandal in den vergangenen Jahren brachten Konzerne wie Volkswagen, Daimler oder BMW zu Fall. Doch die Corona-Pandemie stellt die heimische Vorzeigeindustrie nun vor eine nie dagewesene Belastungsprobe.

Einerseits müssen die Unternehmen die Produktion rund um den Globus schnell stoppen, um Mitarbeiter zu schützen und die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Andererseits ist völlig unklar, wann sie die Fabriken wieder hochfahren können, denn es bricht auch zunehmend die Nachfrage weg. Die Deutschen horten Mehl und Toilettenpapier, aber sie kaufen keine Autos.

Die Händler haben zudem ihre Filialen schließen müssen; erwerben können Kunden ihre Neuwagen nur über das Internet. Auch im Rest der Welt haben die Menschen im Moment andere Sorgen, als sich eine teure Limousine oder ein neues SUV zuzulegen.

Die Folge: 2020 droht der Weltautomarkt um fast 15 Prozent zu schrumpfen. Konkret gehen beispielsweise die Analysten der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) in einer aktuellen Studie davon aus, dass der globale Absatz an Autos dieses Jahr auf unter 80 Millionen Einheiten einbrechen wird. Zum Vergleich: 2019 wurden rund um den Globus noch mehr als 90 Millionen Autos verkauft. Die Zahlen sind ob der dynamischen Lage zwar mit Vorsicht zu genießen, sie geben aber eine Indikation wie schlimm die Krise ausfallen könnte.

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    Kaum besser schaut es für den Markt für Nutzfahrzeuge aus, in dem Daimler und Volkswagen mit seiner Tochter Traton führend in der Welt vertreten sind. Die Branche stand schon vor der Coronakrise unter Druck, seit Mitte 2019 gehen die Aufträge zurück. Nun könnten in Europa und Nordamerika könnten die Verkaufszahlen im zweistelligen Prozentbereich wegbrechen, heißt es in Industriekreisen.

    Existenzkampf bei Leoni

    Während Großkaliber wie Daimler mit ihren milliardenschweren Finanzpolstern noch hoffen, den Coronaschock ohne Finanzhilfen vom Bund verdauen zu können, ringen andere längst ums Überleben. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt beispielsweise der Fall Leoni.

    Der angeschlagene Autozulieferer aus Nürnberg sieht in Folge der Coronakrise seine Existenz gefährdet und will deshalb Staatshilfe beantragen. In einer Pflichtmitteilung informierte das Management des Herstellers von Kabeln und Bordnetzen am Montag Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter über einschneidende Maßnahmen, „um den Fortbestand des Geschäftsbetriebs zu sichern“.

    Die Einschnitte sind gewaltig: Genauso wie viele Fahrzeughersteller werde auch Leoni die Produktion in mehreren Werken in Europa, Nordafrika und Amerika stoppen und in Deutschland Kurzarbeit beantragen. Das Unternehmen werde darüber hinaus das Angebot der deutschen Bundesregierung wahrnehmen und Finanzhilfen beantragen. Das Unternehmen ist das erste aus dem Automobilsektor, das sich zu diesem drastischen Schritt gezwungen sah.

    An der Börse kam die Nachricht nicht gut an: Die Aktie von Leoni brach am Montag zwischenzeitlich um 9,6 Prozent ein.

    Schon vor dem Ausbruch des Coronavirus waren die Bilanzen vieler Fahrzeughersteller und Zulieferer angespannt. Die Branche muss schließlich gerade den größten Wandel ihrer Geschichte meistern. Aufgrund immer strengerer Klimavorgaben ist die Industrie gezwungen, zügig Elektromodelle auf die Straße zu bringen und reine Verbrennermodelle schrittweise aus den Portfolios zu streichen.

    „Corona wirkt nun als Katalysator und die schwächsten Unternehmen laufen Gefahr, durch Produktionsstilllegungen und Nachfrageschock unter die Räder zu kommen“, sagte Maxime Lemerle vom Kreditversicherer Euler Hermes.

    VDA pocht auf unbürokratische Hilfe

    „Wir werden lange mit drastischen wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen haben“, warnte jüngst Hildegard Müller, Präsidenten des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Gerade vielen kleineren Unternehmen aus dem mittelständischen Zulieferbereich müssten jetzt schnell liquide Mittel bereitgestellt werden. Reihenweise brechen die Aufträge ein, was in sehr kurzer Zeit zu massiven Liquiditätsproblemen führen kann und zu einer Überlebensfrage der Unternehmen wird. Zu allem Überfluss kommen die wenigen jetzt noch verkauften Fahrzeugen nicht auf die Straße, weil die Zulassungsstellen geschlossen haben.

    Bei bestehenden Lieferketten etwa für die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten kommt es zu Verzögerungen, weil die Infrastruktur für die Logistik nicht mehr überall reibungslos funktioniert. Zulassungsstellen und Werkstätten müssen offen bleiben“, lautet deshalb die Forderung von Verbandschefin Müller. „Andernfalls können für die Versorgung der Menschen wichtige Fahrzeuge nicht ausreichend gewartet werden.“

    Staatliche Stellen und Kreditinstitute sollten sich nun an ihre Zusagen halten und wirklich unbürokratisch helfen, mahnte VDA-Chefin Müller. Sie und ihre Mitgliedsunternehmen stellen sich auf eine lange Durststrecke ein. „Es ist klar, dass dies die schlimmste Krise ist, die jemals die Autoindustrie beeinträchtigt hat“, warnt auch Eric-Mark Huitema, Generaldirektor der Interessensvereinigung der europäischen Fahrzeughersteller (ACEA). „Nachdem die gesamte Produktion zum Stillstand kommt und das Händlernetzwerk faktisch schließt, stehen die Jobs von rund 14 Millionen Europäern auf dem Spiel“.

    Huitema fordert eine konzertierte Aktion der EU-Kommission, um die Autoindustrie auf dem Kontinent vor einem „irreversiblen und fundamentalen Schaden“ zu bewahren. Konkret empfiehlt der ACEA-Lobbyist den Politikern in Brüssel, umfassende Konjunkturmaßnahmen für seinen Sektors vorzubereiten.

    Denn wenn es gelänge, die Nachfrage nach Autos in Europa zügig wieder anzukurbeln, beschleunige dies auch die Erholung der gesamten Wirtschaft auf dem Kontinent. In Deutschland wirkte nach der Finanzkrise 2010 die Abwrackprämie als Anschubhilfe.

    Die Frage aber ist, wann denn die Nachfrage anziehen kann. Viele Kunden müssen selbst Gehaltseinbußen akzeptieren, weil eben weltweit viele Werke vorübergehend dicht gemacht wurden. Auch viele Spediteure haben ihre Bestellung zurückgestellt, um ihre Kasse zu schonen.

    Mehr: Wie Daimler ohne Staatshilfe durch die Krise kommen will, verrät Konzernchef Ola Källenius im Interview.

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