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Coronakrise Pharmaindustrie sucht intensiv nach Covid-19-Therapien – Doch es gibt ein großes Problem

Hunderte Studien belegen, dass die Branche ihren Kampf gegen das Virus stark ausgeweitet hat. Welches Medikament hat die besten Aussichten?
09.04.2020 - 03:51 Uhr Kommentieren
Das Blut wird  auf Antikörper gegen das Coronavirus getestet. Quelle: dpa
Bluttest

Das Blut wird auf Antikörper gegen das Coronavirus getestet.

(Foto: dpa)

Frankfurt, Düsseldorf Wohl noch nie in ihrer Geschichte hat sich die Pharmabranche so schnell und intensiv auf eine neue Krankheit fokussiert wie nun im Fall der Coronavirus-Pandemie. Allein seit Ende Februar hat sich die Zahl der gelisteten Covid-19-Studien auf einer der weltgrößten Datenbanken, clinicaltrials.gov, auf etwa 340 versechsfacht.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO listet in ihrer Datenbank sogar mehr als 600 Studien, darunter alleine gut fünf Dutzend Impfstoff-Projekte. Alles in allem werden nach Schätzung der Pharma Intelligence Sparte des britischen Informations-Konzerns Informa rund 140 verschiedene Wirkstoffe auf ihr Potenzial im Kampf gegen Covid-19 untersucht.

Praktisch alle etablierten Pharmahersteller und zahllose Biotechfirmen sowie akademische Forschungsinstitute arbeiten inzwischen in der ein oder anderen Form an Therapien gegen die durch Covid-19 ausgelöste Lungenkrankheit.

Doch ungeachtet der Menge an Studien und Projekten gilt weiterhin: Eine wirksames Mittel gegen Covid-19 muss noch gefunden werden.

Durchschlagende Erfolge und harte klinische Daten sind nach wie vor Mangelware. Und das gilt auch für jene Medikamente, die zuletzt bereits für Furore sorgten und Hoffnungen weckten – darunter vor allem der einst von Bayer entwickelte Malariawirkstoff Chloroquin (Markenname Resochin) und das davon abgeleitete Hydroxychloroquin, das japanische Grippemittel Favipiravir (Avigan), das Aidsmittel Kaletra von Abbvie und der vom US-Biotechkonzern Gilead entwickelte Wirkstoff Remdesivir.

Zu klein und zu schlecht strukturiert

Diese Substanzen zeigten bei Tests in chinesischen Kliniken zwar positive Signale. Die Studien gelten indessen fast durchweg als zu klein und zu schlecht strukturiert, um wirklich aussagefähige Resultate abzuleiten.

Das Interesse richtet sich daher nun vor allem auf mehrere, deutlich größere internationale Testreihen, die Ende März gestartet wurden und jeweils Tausende von Patienten einschließen sollen.

Dazu gehört insbesondere die von der WHO initierte Studie Solidarity und die vom französischen Forschungsinstitut Inserm koordinierte Studie Discovery. Beide Studienprogramme testen die Medikamente Chloroquin/Hydroxychloroquin, Remdesivir, Kaletra und das Multiple-Sklerosemittel Beta-Interferon untereinander und im Vergleich zur Standardbehandlung.

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Erste Resultate aus diesen Studien könnten nach Erwartung von Fachleuten immerhin gegen Ende April vorliegen und dann validere Aussagen im Hinblick auf erfolgversprechende Behandlungsstrategien liefern.

Vor allem zwei Herausforderungen deuten sich dabei für die antiviralen Therapien an: Zum einen sprechen die bisherigen Erfahrungen dafür, dass solche Wirkstoffe möglichst frühzeitig während der Erkrankung eingesetzt werden sollten, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. In dieser Phase jedoch zeigen fast alle Infizierte nur leichte Symptome und es ist kaum erkennbar, bei wem schwere Krankheitsverläufe zu erwarten sind.

Hinzu kommt das Problem, dass die antiviralen Mittel zum Teil mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind und damit gerade bei den besonders gefährdeten älteren Patienten letztlich nur beschränkt einsatzfähig sind.

Keines dieser bereits vorhandenen Medikamente wurde speziell gegen das Coronavirus entwickelt. Die Zulassungen beziehen sich vielmehr auf Krankheiten wie Aids, Influenza, Malaria, oder Ebola. Außerhalb von regulären Studien können sie daher nur im Rahmen einer „Off Label“-Verschreibung, also ohne offizielle Zulassung für dieses Therapiegebiet, bei Härtefällen eingesetzt werden.

Viele Ärzte zeigen sich angesichts der bisher noch schwachen Datenlage weiterhin skeptisch. „Es gibt insgesamt sehr wenig belastbare Evidenz hinsichtlich der Effektivität“, sagt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Ludwig warnt davor, eine dieser Arzneien schon als Wundermittel im Kampf gegen Corona zu bezeichnen. Grundsätzlich sollten sie nur in klinischen Studien eingesetzt werden oder ausnahmsweise bei Härtefällen.

Forcierung des Einsatzes

Solche Bedenken halten Patienten, Kliniken und Politiker nicht davon ab, den Einsatz der Mittel zu forcieren. US-Präsident Donald Trump etwa empfahl – mangels Alternativen – mehrfach den Einsatz von Chloroquin und Hydroxychloroquin bei schwerkranken Covid-19-Patienten. Rund 20 US-Bundesstaaten ordneten inzwischen die Bevorratung der beiden Wirkstoffe an.

In Deutschland hat das Bundesgesundheitsministerium die zentrale Beschaffung sowohl von chloroquinhaltigen Arzneimitteln, als auch der Wirkstoffe Kaletra, Avigan und Foipan (Camostat) eingeleitet. Diese Mittel sollen den Kliniken bei Bedarf für individuelle Heilversuche zur Verfügung gestellt werden.

Mehrere Hersteller haben inzwischen die Produktion von Chloroquin hochgefahren und umfangreiche Lieferungen angekündigt, so neben Bayer etwa Novartis sowie die Generikahersteller Teva und Mylan.

Gilead kündigte an, von seinem noch gar nicht zugelassenen Anti-Virus-Medikament Remdesivir bis Oktober genügend Wirkstoffe für 500.000 Behandlungen und bis Jahresende für eine Million Patienten zu produzieren, obwohl es bisher noch keine Zulassung gibt.

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