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Coronavirus Deutsche Wirtschaft rüstet sich für die Notfallbesetzung

Die Corona-Pandemie wirft die Produktion um Monate zurück. Für Arbeitnehmer und Unternehmen beginnt in den kommenden Tagen eine harte Belastungsprobe.
15.03.2020 - 15:32 Uhr Kommentieren
Menschen in  „systemkritischen Berufe“ arbeiten weiter. Quelle: DEEPOL by plainpicture/Monty Rakusen
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Menschen in „systemkritischen Berufe“ arbeiten weiter.

(Foto: DEEPOL by plainpicture/Monty Rakusen)

Düsseldorf Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) versuchte am Sonntag, die Gemüter zu beruhigen. In seinem Ministerium und bei ihm selbst hätten sich besorgte Eltern gemeldet, die wegen der Schließung von Schulen und Kitas ihre Kinder betreuen müssten und deshalb nicht arbeiten könnten. „Dazu stelle ich klar“, ließ Heil mitteilen: „Nach geltender Rechtslage können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Betreuung ihrer Kinder für einen kurzen Zeitraum ohne Lohneinbußen ihrem Arbeitsplatz fernbleiben.“

Das gilt aber nur für zwei bis drei Tage, und auch nur dann, wenn die Betreuung nicht etwa über Nachbarn oder Ehepartner organisiert werden kann. Heil richtete daher einen dringenden Appell an die Arbeitgeber: „Ich bitte Sie, angesichts der akuten Lage gemeinsam mit Ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu pragmatischen, unbürokratischen und einvernehmlichen Lösungen zu kommen, die nicht zu Lohneinbußen führen.

Fast überall sind von Montag an die Schulen geschlossen. Insgesamt elf Millionen Schüler gehen in die Zwangspause, davon rund 2,8 Millionen Grundschüler, hinzu kommen 3,6 Millionen Kita-Kinder. Bei mehr als 2,2 Millionen Kindern bis 16 Jahren sind beide Eltern oder der alleinerziehende Elternteil in Vollzeit beschäftigt.

Wer kann, schickt seine Mitarbeiter schon seit einiger Zeit lieber ins Homeoffice statt ins Büro. Doch bei vielen Industriebetrieben, bei der Polizei, in der Logistik und in der Altenpflege funktioniert das nicht. Erst recht nicht im Einzelhandel oder im Gesundheitswesen, die schon jetzt am Limit arbeiten – und durch die Schulschließungen vor neue Probleme gestellt werden.

Nur mit Mühe können etwa die deutschlandweit rund 35.000 Supermarktfilialen ihren Betrieb aufrechterhalten. „Wir arbeiten gerade mit Hochdruck daran, Lösungen zu finden und anzubieten, die der aktuellen Situation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerecht werden und zugleich geeignet sind, unseren Geschäftsbetrieb uneingeschränkt fortzuführen“, teilte etwa die Supermarktkette Rewe mit.

Neue Flexibilität nötig

Entscheidend sei, möglichst flexible Lösungen für die jeweilige Situation anzubieten. „Vom Homeoffice auf Zeit über Kinderbetreuungsmöglichkeiten bis hin zum Abbau von Zeitkonten und zum unbezahlten Urlaub bieten wir eine ganze Vielfalt von Möglichkeiten an, um die momentanen Herausforderungen zu bewältigen“, so das Unternehmen.

Alle Händler arbeiten mit veränderten Personalplänen und teilweise ausgedünnter Belegschaft. „Unser Ansatz ist es, gemeinsam mit den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern pragmatische und individuelle Lösungen zu finden“, heißt es bei Edeka. „Dank des Einsatzes unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie flexibler Arbeitszeitregelungen können wir unseren Versorgungsauftrag bislang weiterhin gut erfüllen.“

Zwar stockt der Nachschub nach Angaben von Insidern bei einzelnen Waren, wie etwa Nudeln aus Italien. Doch da die Läger in Deutschland gefüllt sind, ist vorerst nicht mit Engpässen in den Läden zu rechnen. „Eine ausreichende Warenversorgung unserer Märkte ist auch weiterhin sichergestellt“, betonte ein Unternehmenssprecher.

Ähnlich hektisch wie in den Supermärkten geht es auch beim Tiefkühlkostherstellers Frosta zu. Am Stammsitz in Bremerhaven sind die Schulen und Kitas von Montag an geschlossen. Rund 800 Frosta-Mitarbeiter hierzulande arbeiten in der Produktion von Tiefkühlgerichten wie Nasi Goreng, Fischstäbchen und Gemüsepfanne. Trotz Corona muss der Betrieb weiterlaufen.

„Wir überlegen aktuell, wie wir unseren Mitarbeitern helfen können, die Kinderversorgung individuell zu organisieren, zum Beispiel über Freunde oder Tagesmütter, damit sie weiterarbeiten können“, sagte Frosta-Chef Felix Ahlers dem Handelsblatt. In Zeiten von Corona ist die Nachfrage nach Tiefkühlprodukten von Frosta deutlich gestiegen. „Am stärksten interessanterweise bei unserem Onlineshop“, sagt Ahlers. „Dort wird derzeit 90 Prozent mehr bestellt als sonst.“

An der Belastungsgrenze

Nicht nur die Supermärkte, auch die Krankenhäuser arbeiten derzeit an der Belastungsgrenze. Mit den zunehmenden Erkrankungsfällen in vielen Bundesländern steigt das Arbeitsvolumen der Ärzte und Pflegekräfte – während gleichzeitig die Personaldecke wegen eigener Erkrankungen und der Schulschließungen dünner wird.

In den Kliniken der Schön-Gruppe setzt man etwa auf zusätzliche Betreuungsangebote für die Mitarbeiter, entweder in den eigenen Häusern oder angemieteten Räumlichkeiten. Wo möglich, kann das Personal auch auf staatlich organisierte Notfallbetreuung zurückgreifen – wie etwa im Freistaat Bayern, der eine solche Maßnahme für sogenannte „systemkritische Berufe“ bereithält. Welche das sind, regelt das jeweilige Bundesland.

„Wenn möglich, versuchen wir die Dienstpläne flexibel zu gestalten, um die Betreuungszeiten etwa von Teilzeitkräften besser zu berücksichtigen“, sagte eine Schön-Sprecherin. „Einige unserer Mitarbeiter organisieren sich auch untereinander, um die erschwerte Betreuungssituation zu lösen.“

Trotz der Belastungen äußerten die bayerischen Arbeitgeber Verständnis für die Schließungen. Gesundheitsschutz der Menschen stehe über allem, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW), dem Handelsblatt. Vor diesem Hintergrund sei konsequentes Handeln angesagt. Die VBW und ihre Mitglieder würden „im Rahmen des Möglichen ihr Bestes tun, dass Mitarbeiter ihre Kinder betreuen können“. Man sei sich bewusst, dass „in dieser noch nie da gewesenen Lage Flexibilität, Augenmaß und Gemeinsinn das Gebot der Stunde sind“.

Die bayerischen Versorger betonten, dass die Energie- und Wasserversorgung weiter gesichert sei. Als Betreiber kritischer Infrastrukturen seien die Unternehmen „mit ihrem Krisen- und Notfallmanagement professionell aufgestellt“, hieß es in der Branche. Es gebe Krisen- und Notfallpläne. „Die Unternehmen treffen weitreichende organisatorische Maßnahmen und überprüfen die für den Eintritt größerer Störungen ohnehin immer vorhandenen technischen Redundanzkonzepte, um die Versorgungssicherheit auch bei einer länger andauernden Pandemie zu gewährleisten“, sagte Geschäftsführer Detlef Fischer.

Auch im Saarland, das als erstes Bundesland Schulschließungen angekündigt hatte, stellt man sich auf die veränderte Lage ein. So heißt es beim saarländischen Stahlhersteller SHS, der Werke in Dillingen und Völklingen betreibt, man sei in engem Austausch mit den zuständigen Behörden. „Einerseits gilt es bei allen Entscheidungen, die betrieblichen Belange bestmöglich zu berücksichtigen. Andererseits sind wir heute in der Abstimmung von Lösungen für die Mitarbeiter, bei denen ein Betreuungsproblem entsteht“, sagte eine Sprecherin. „Dies sind beispielsweise Zeitkonten, Flexibilisierung der Arbeitszeiten oder auch Zusatzfreischichten und Urlaubsnahme.“

Große wirtschaftliche Schäden

Mit den zu erwartenden Arbeitsausfällen drohen sich die wirtschaftlichen Schäden für die deutsche Industrie auszuweiten. Schon jetzt rechnen sowohl die Chemieindustrie als auch der Maschinenbau mit milliardenschweren Produktionsausfällen, nachdem der Ausbruch des Coronavirus in China und Norditalien globale Lieferketten durcheinandergewirbelt hatte. Erst am Donnerstag hatten der Chemieverband VCI und der Maschinenbauverband VDMA ihre Prognosen für das laufende Jahr gesenkt. Sie rechnen nunmehr mit einem Rückgang der Produktion von zwei beziehungsweise fünf Prozent. Damit setzt sich die Rezession in beiden Branchen wohl um ein weiteres Jahr fort.

„Die Ausbreitung des Coronavirus wirft uns spürbar zurück“, sagte Carl Martin Welcker, VDMA-Präsident und Chef des Kölner Maschinenbauers Alfred Schütte. „Selbst unter der Annahme, dass sich die Lage im zweiten Halbjahr entspannt und die Geschäfte wieder besser laufen, werden wir die zusätzlichen Rückgänge in diesem Jahr nicht mehr wettmachen können.“

Zunächst geht es vor allem darum, die Herausforderung Schulschließung zu bewältigen. So hat der Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, davor gewarnt, die Betreuung der Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen zentral zu organisieren. Das sei „kontraproduktiv“, denn die Infektion werde „befeuert“, wenn Kinder in neuen Gruppen zusammengefasst würden.

Arbeitsminister Heil appellierte an die Arbeitgeber, die Möglichkeiten der Lohnfortzahlung im Betreuungsfall großzügig auszugestalten: „Zumindest in der ersten Woche sollte aufgrund der akut notwendigen zwingenden Betreuung von Kindern keine Lohnminderung erfolgen.“ Die Arbeitnehmer könnten ihren Beitrag leisten, über Überstundenabbau oder kurzfristige Inanspruchnahme von Urlaub die Betreuung ihrer Kinder im Anschluss an die ersten Tage sicherzustellen.

Das Arbeitsministerium prüfe derzeit, wie sich unzumutbare Lohneinbußen im Falle zwingend notwendiger Kinderbetreuung vermeiden ließen, teilte Heil mit. Gemeinsam mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und den Sozialpartnern werde er am Mittwoch über geeignete Lösungen beraten.

Autoren: Barbara Gillmann, Axel Höpner, Kevin Knitterscheidt, Florian Kolf, Stefan Menzel, Frank Specht, Katrin Terpitz

Mehr: Was Deutschland im Kampf gegen das Coronavirus von Südkorea und Taiwan lernen kann

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