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Covid-19 Suche nach Corona-Medikament: Die Pharmabranche setzt neue Prioritäten

Die Branche forscht massiv nach Mitteln gegen Covid-19, viele andere Studien verzögern sich. Digitale Technologien werden jetzt immer wichtiger.
24.05.2020 - 18:44 Uhr Kommentieren
Covid-19-Medikament: Das sind die neuen Prioritäten der Forschung Quelle: Imago
Forscherin im Labor

Die Pharmabranche hat ihre Forschung im Bereich Covid-19 mit beispielloser Dynamik ausgeweitet.

(Foto: Imago)

Düsseldorf, Frankfurt Wohl noch nie in der Geschichte der Pharmaindustrie wurden die Forschungsaktivitäten (F+E) der Branche durch eine einzelne Krankheit so heftig durcheinandergewirbelt wie nun im Falle von Covid-19. Das komplette Ausmaß der Veränderungen ist auch vier Monate nach Ausbruch der Pandemie noch kaum abzusehen.

Doch mehrere Tendenzen deuten sich inzwischen an: Die Forschungsschwerpunkte verlagern sich aktuell – und womöglich auch langfristig – wieder etwas stärker in Richtung Infektionskrankheiten und Impfstoffe. Gleichzeitig wird unter dem Einfluss der neuen Rahmenbedingungen der Einsatz digitaler Technologien in der Arzneimittelentwicklung noch wichtiger und wertvoller.

Was die Gesamtaktivitäten in der klinischen Forschung angeht, sind aktuell zwei gegenläufige Trends erkennbar: Auf der einen Seite hat die Branche ihre Forschung im Bereich Covid-19 mit beispielloser Dynamik ausgeweitet.

So arbeiten Pharmafirmen nach Schätzung von Industrieexperten inzwischen bereits an mehr als 400 Medikamenten- und Impfstoffprojekten im Bereich Covid-19. Die Zahl der klinischen Studien im Zusammenhang mit der Erkrankung hat sich laut der Datenbank clinicaltrials.gov alleine seit Anfang April auf inzwischen mehr als 1600 vervierfacht. Rund 900 dieser Studien zielen auf die Erprobung von Medikamenten oder anderer Therapien.

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    Im Gegenzug zu dieser beispiellosen Pharma-Offensive wird die Medikamentenentwicklung in anderen Therapiebereichen zum Teil jedoch spürbar gebremst. Dafür jedenfalls sprechen vielfältige Aussagen aus der Pharma- und Biotechbranche sowie Daten aus den Studienregistern.

    Die britische Analysefirma Evaluate Pharma etwa schätzt, dass sich die Zahl der unterbrochenen und verzögerten klinischen Studien in den vergangenen beiden Monaten gegenüber den sonst üblichen Werten um den Faktor 15 erhöht hat.

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    In eine ähnliche Richtung deutet eine Analyse von Benjamin Carlisle, einem Mitarbeiter der Charité und des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung. Er ermittelte insgesamt 1271 klinische Studien, die im Zeitraum von Anfang Dezember 2019 bis Mitte Mai 2020 als Folge der Corona-Epidemie in irgendeiner Form verzögert oder sogar komplett abgebrochen wurden – darunter fast 330 Studien im Bereich Krebs und mehr als 140 Projekte im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Die Gesamtzahl der abgebrochenen oder vorläufig gestoppten Studien erreichte mehr als 2700, das entspricht rund drei Prozent von insgesamt etwa 90.000 registrierten Studien. Im Vergleichszeitraum von Dezember 2017 bis Mai 2018 war demnach die Zahl der verzögerten Studien weniger als halb so hoch.

    Die Entwicklung beruht dabei allerdings nicht etwa auf einem akuten und gezielten Richtungswechsel der Pharmabranche in Richtung Covid-19. Ausschlaggebend sind vor allem die erschwerten Rahmenbedingungen in den Kliniken und Prüfzentren in den Therapiebereichen außerhalb der Corona-Problematik.

    Erschwerte Rahmenbedingungen in den Kliniken

    Bereits Mitte März etwa verkündete der US-Konzern Eli Lilly, dass man den Start neuer Studien aufgrund der Corona-Pandemie verschiebe, ebenso wie die Aufnahme neuer Patienten in bereits laufenden Studien. Dieser Trend zieht sich inzwischen durch die gesamte Branche.

    Fast alle Unternehmen berichten über gewisse Verzögerungen in der klinischen Forschung. Die bereits laufenden Studien konnten zwar überwiegend weitergeführt werden, die Neuaufnahme von Patienten musste aber vielfach unterbrochen werden. Nur drei Prozent der von Covid-19 betroffenen Studien wurden bisher komplett eingestellt. Tendenziell stärker als die etablierten Pharmahersteller trifft die Entwicklung dabei die kleineren Biotechfirmen. Ihre Aktivitäten sind nämlich vielfach noch komplett auf die Forschung und Produktentwicklung konzentriert.

    Auch die Bewertungen hängen hier in viel größerem Maße von den jeweiligen klinischen Studien ab. Soweit sie Forschungsansätze im Bereich Covid-19 zu bieten haben, konnten eine Reihe von Biotechfirmen im Gegenzug aber auch von der Coronakrise profitieren. Die entscheidende Herausforderung für Pharma- und Biotechfirmen erwächst daraus, dass Studien schlicht aufgrund höherer Sicherheitsbedingungen und mangelnder Kapazitäten in den Kliniken gebremst werden.

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    „Wenn Sie klinische Studien durchführen, sind Sie auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen. Die Prüfzentren müssen geordnet arbeiten können“, beschreibt Jörg Möller, der Leiter der Pharmaforschung bei Bayer die Problematik.

    „In der aktuellen Situation müssen die Kliniken ihre Ressourcen zum Teil anders einsetzen. Sie werden stärker in der akuten Patientenversorgung gebraucht. Da ist der Kopf nicht frei für relativ anspruchsvolle neue Experimente. Zudem wollen wir weder die Patienten noch unsere Mitarbeiter und das Klinikpersonal ungebührlichen Risiken aussetzen.“

    Bayer hat nach eigenen Angaben den Start von zehn bis 20 neuen Studien verschoben. Seine bereits laufenden Studien dagegen konnte der Leverkusener Konzern, ähnlich wie die meisten anderen Pharmafirmen, durchweg fortsetzen.

    Auch der Schweizer Novartis-Konzern berichtete bei der Vorlage der Quartalszahlen Ende April davon, dass man bei den meisten Studien im Plan sei. In Großbritannien allerdings hatte der Konzern wegen der Coronakrise eine großangelegte klinische Studie für das Herzmittel Inclisiran vorübergehend gestoppt. Das Mittel gilt als Blockbuster-Kandidat und war einer der Gründe für die 9,7 Milliarden Dollar schwere Übernahme der Medicines Company im vergangenen Jahr.

    Alles in allem zeigte sich Firmenchef Vasant Narasimhan bei der Vorlage der Quartalszahlen Ende April aber zuversichtlich, dass die Unterbrechung keine langfristigen Auswirkungen auf die Studie habe, wenn sie in den kommenden Monaten fortgesetzt werden könnte.

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