Daimler, BMW, Audi Deutsche Tesla-Herausforderer setzen zum Angriff auf den Elektro-Primus an

Mit schnittigen Elektroautos düpiert Tesla seit Jahren die deutschen Premiumhersteller. Daimler, BMW und Audi setzen nun zum Angriff an. Der Druck ist immens.
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Das Elektroauto aus Ingolstadt ist eines von mehreren Modellen, mit denen deutsche Premiumhersteller Tesla jagen wollen. Quelle: AUDI AG
Audi e-tron

Das Elektroauto aus Ingolstadt ist eines von mehreren Modellen, mit denen deutsche Premiumhersteller Tesla jagen wollen.

(Foto: AUDI AG)

Düsseldorf„Mit Elektroautos ist es wie mit Windrädern“, seufzte Daimler-Chef Dieter Zetsche noch im November 2015. „Jeder findet die Idee toll, aber keiner will sie vor der eigenen Haustür haben.“ Heute, gut 34 Monate später, sieht die Lage völlig anders aus.

Die Nachfrage nach Stromkarossen ist riesig, aber die Autohersteller können einfach nicht liefern. Elektro-Smart und e-Golf sind allerorts vergriffen. Dass quer durch die Republik gerade einmal 54.000 rein mit Strom betriebene Pkws rollen, liegt längst nicht mehr am Desinteresse der Deutschen, sondern an den heimischen Fahrzeugherstellern.

Es fehlt an Elektromodellen und Batteriezellen. Die Wartezeit für die wenigen erhältlichen Fahrzeuge beträgt mehrere Monate, teilweise sogar ein Jahr. Und im Premiumsegment gibt es zu den Angeboten von Tesla de facto keine Alternative. Der Elektroautopionier düpiert damit seit Jahren die deutschen Edelmarken. Das soll sich nun ändern.

Daimler, BMW und Audi forcieren im September ihren Gegenangriff. In den nächsten Tagen stellen alle drei Konzerne ihre ersten rein elektrischen Modelle vor, die dem Model S und dem Model 3 von Tesla wirklich Konkurrenz machen sollen. Den Auftakt zur Aufholjagd setzt der Stuttgarter Mercedes-Hersteller Daimler am Dienstag mit der Weltpremiere des „EQC“. Fünf Tage später, am Sonntag, stellt Erzrivale BMW den „iNext“ vor. Und am 17. September präsentiert Audi seinen „e-tron“.

Ab dem kommenden Jahr wollen die Deutschen dann nahezu im Monatsrhythmus neue Elektromodelle enthüllen. Insgesamt investieren sie in den nächsten drei Jahren rund 40 Milliarden Euro, um Tesla einzuholen. Der Erfolgsdruck ist immens. Scheitert die Elektrooffensive von Daimler, BMW und Audi, drohen auch Strafzahlungen.

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Nur wenn die Konzerne bis 2021 ausreichend Elektrowagen verkaufen, werden sie die von der EU verordneten strengen Flottenziele zur Reduzierung des Ausstoßes von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) einhalten können.

„Tesla hat die Probleme im Griff“

Deswegen müssen die Tesla-Jäger zum Verkaufsschlager werden. Aber können die Deutschen die Elektrowende wirklich erzwingen? Und gelingt es ihnen, Tesla von der Spitze zu verdrängen?

Arndt Ellinghorst ist skeptisch. Der Autoexperte vom Investmenthaus Evercore ISI ist erst vor Kurzem aus Kalifornien zurückgekehrt. Zwei Tage lang besichtigte er die Tesla-Produktion in Fremont. Was er sah, gefiel ihm. „Die Tesla-Produktion macht mittlerweile einen soliden Eindruck“, so Ellinghorst. Über Monate hinweg hakte es in der Fertigung der Amerikaner. „Tesla hat diese Probleme aber jetzt im Griff“, sagt er.

Das Model 3, mit dem Tesla den Massenmarkt erobern will, sei eine „absolute Rakete“. Die Verarbeitungsqualität werde zunehmend besser. „Der ,Autopilot‘ von Tesla ist angenehmer zu fahren als die Spur- und sonstigen Fahrassistenten, die Konkurrenten im Programm haben“, sagt Ellinghorst. Die Autos von Tesla grenzten sich ganz klar von herkömmlichen Fahrzeugen ab. „Die ersten echten Elektroautos der Deutschen werden dagegen teure Kompromissprodukte aus alter und neuer Welt sein“, prophezeit der Evercore-Experte.

Der Grund: Während die Amerikaner ihre Limousinen auf Plattformen fertigen, die einzig und allein für Elektroantriebe designt wurden, produzieren die Deutschen ihre Stromer mit ihren Baukästen, mit denen sie auch Diesel und Benziner zusammenschrauben. „Ein neues, kompromissloses Produkt wird bei diesem Ansatz wahrscheinlich nicht entstehen“, konstatiert Ellinghorst.

Das sei „sicherlich ein Kompromiss“, attestiert auch Stefan Bratzel. Der Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach gibt zugleich aber zu bedenken, dass die heimischen Fahrzeughersteller so ihr Risiko minimieren können, falls die Nachfrage nach Elektroautos doch langsamer anziehen sollte als gedacht.

Bratzel zeigt sich zudem „recht zuversichtlich“, dass Daimler, BMW und Audi mit ihren ersten reinen Stromern Tesla wirklich frontal angreifen können. Zwar seien die heimischen Hersteller bei der Elektromobilität keineswegs Innovationsführer. „Mit den neuen Produkten kann die deutsche Autoindustrie aber die Fehler aus der Vergangenheit ausbessern.“ Der Rückstand auf den Angreifer aus Kalifornien sei allerdings nach wie vor groß. „Tesla hat mehrere Jahre Vorsprung“, sagt Bratzel. „Da muss jetzt eine Aufholjagd starten.“

Der Aufmarsch der Tesla-Jäger beginnt am Dienstag in Stockholm. Gegen 18.30 Uhr enthüllt Daimler-Chef Zetsche dort das erste rein elektrisch angetriebene Mercedes-Modell. Der EQC ist ein sportlicher Geländewagen (SUV), der bei normaler Fahrweise mit einer Akkuladung mehr als 400 Kilometer weit kommt. Gebaut wird das Modell in Daimlers größtem deutschen Werk in Bremen.

Für die Premiere des EQC setzen die Schwaben wie gewohnt auf reichlich Spektakel. In der Eventlocation Nacka Strandsmässan im Süden Stockholms richtet Mercedes in Kooperation mit der Tech-Messe South by Southwest (SXSW) die sogenannte „Me Convention“ aus. Dutzende Start-ups präsentieren dort ihre Ideen. Mehr als hundert Speaker sollen zudem für Erleuchtung sorgen, darunter beispielsweise der Magier und Hacker Tom London oder die Yoga-Lehrerin Adriene Mishler, die über Youtube Work-outs verbreitet und Achtsamkeit predigt.

Daimler will in Schweden zeigen, dass der Konzern auch im Elektrozeitalter die unangefochtene Nummer eins ist – zumindest unter den deutschen Premiumherstellern. Doch bei der Stromoffensive ist der Konzern nur bei der Ankündigung in der Poleposition. Er hadert mit einem Engpass bei Batteriezellen. Der Anlauf des EQC verzögert sich daher gegenüber internen Planungen wohl um einige Monate. In den Verkauf dürfte das Modell erst im Sommer 2019 kommen. Daimler selbst will von einem Stotterstart des EQC nichts wissen. Es laufe alles nach Plan, heißt es.

Unstrittig ist dagegen, dass Audi schneller ist. Die Premiumtochter des Volkswagen-Konzerns will ihr erstes Elektromodell noch in diesem Jahr ausliefern. Audi versucht mit dem e-tron, für einen Imagewechsel zu sorgen. Seit drei Jahren kämpfen die Ingolstädter mit den Folgen des Dieselskandals, der amtierende Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler sitzt wegen seiner mutmaßlichen Verstrickung in die Affäre seit Wochen in Untersuchungshaft.

Sein kommissarischer Nachfolger Bram Schot setzt auf Angriff: Anders als noch von Stadler geplant, wird der e-tron am 17. September nicht in Brüssel, sondern in San Francisco vorgestellt. Mit dem Auftritt vor der Haustür von Tesla will man ein Signal neuer Stärke setzen, heißt es in Ingolstadt.

Technisch kommt der e-tron für Audi eigentlich zu früh, denn die für Elektroautos gedachten Fahrzeugplattformen sind noch in der Entwicklung. Gemeinsam mit Volkswagen wird ein technischer Baukasten für Kompaktautos entwickelt, mit Porsche arbeitet Audi an einer Plattform für Luxusautos. Beide Projekte brauchen noch mindestens zwei Jahre. Um trotzdem schnell an den Markt gehen zu können, verwenden die Audi-Ingenieure für den e-tron eine vorhandene SUV-Architektur. Die beiden Stammwerke Ingolstadt und Neckarsulm werden erst nach 2020 auf Elektroautos umgerüstet. Daher läuft der e-tron zunächst mit begrenzter Stückzahl im Werk in Brüssel vom Band.

Neue Batterien-Generation soll mehr Reichweite bringen

Die zahlreichen Kompromisse führen dazu, dass der e-Tron mit 400 Kilometern keine überragende Reichweite garantiert – seine Nachfolger sollen deutlich mehr als 500 Kilometer schaffen. Beim Interieur passt man sich an Tesla an: Große Touchscreens sollen die Instrumente ersetzen, Kameras übernehmen die Funktion der Rückspiegel.

BMW lässt es beim Angriff auf Tesla gemächlicher angehen. Am kommenden Sonntag lädt der Vorstand zwar zum Münchener Flughafen, um den iNext vorzustellen, und schickt ihn anschließend auf Werbetour um die Welt. Das Auto kommt aber erst 2021 – soll dann freilich ganz neue Maßstäbe setzen. Vorher bringt BMW den E-Mini und den Elektro-X3 auf den Markt. Der große Wurf werden diese Autos aber nicht sein.

Der ist aus Sicht von BMW nur mit Batterien der „fünften Generation“ möglich, die erstmals im iNext eingesetzt werden. Die neuen Stromspeicher werden gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller CATL entwickelt, der dafür ab 2021 Batteriezellen in einer Fabrik nahe Erfurt produziert. Mit den neuen Flachspeichern soll eine Reichweite von 700 Kilometern möglich sein, heißt es in München. Zudem soll das Auto voll vernetzt sein und über weite Strecken ohne Fahrer auskommen.

In puncto Vernetzung machen die Deutschen ohnehin Boden auf Tesla gut. Sowohl bei Audis e-tron als auch bei Daimlers EQC werden erstmals „Updates over the air“ möglich sein, also Softwareaktualisierungen über das Internet. Freilich lohnt sich auch hier der Blick auf die Details. So kann Daimler zwar künftig Updates für Apps, die Karten des Navigationssystems oder Onboard-Sprachbefehle over the air aufspielen. Für Fehlerbehebungen und Neuerungen bei antriebs- und sicherheitsrelevanten Funktionen, also etwa Fahrassistenzsystemen, müssen Mercedes-Fahrer „aus Sicherheitsgründen“ aber weiterhin in die Werkstatt.

Technisch ist Tesla also noch vorn. Und auch preislich konkurrieren die Deutschen zunächst eher mit dem sechs Jahre alten Model S der Kalifornier als mit dem neuen Model 3. Der Audi e-tron ist beispielsweise nicht unter 80.000 Euro zu haben. Das Model 3 kostet dagegen in seiner Grundausstattung etwa die Hälfte. In der Massenfertigung wollen die heimischen Hersteller jetzt aber ihre Vorteile ausspielen. Darüber hinaus wollen die Deutschen vorexerzieren, wie man mit dem Verkauf von Elektroautos Gewinne erzielt. Tesla ist dazu seit 15 Jahren nicht in der Lage.

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  • Tatsächlich, das Laden muss nicht nur einfacher werden, ES WIRD GAR NICHT MEHR NOTWENDIG SEIN!
    Für den insgesamt erhöhten Energiebedarf weltweit wurde bereits vor 3Jahren die revolutionärste Entdeckung der Energienutzung von Neutrino-Energy für die Menschheit mit dem Nobelpreis 2015 gewürdigt und ist seitdem nicht mehr Aufzuhalten, auch wenn die alten Energieerzeuger das mit allen Mitteln der Negativ-PR Abwehren wollen. Es strömen Billliarden Neutrinos Tag und Nacht weltweit mit der solaren Strömung, die wir seit neuestem Wissen (etliche internationale, universitäre Studien) in Energie wandeln können - für die mobile " dezentrale Haushaltsenergie und die Elektromobilität! Bei dieser Technologie braucht es keine Grosskraftwerke und demzufolge keine Speicher mehr. Auch materialaufwendige Akkus und Batterien werden durch kleinere Powercubes und Neutrino-Chips ersetzt. Mit einem ersten Kleinfahrzeug PI, das mit unendlicher Reichweite, quasi "aus der Luft betanken" würde, angetrieben von Tag und Nacht milliardenfach strömenden Neutrinos, welche Energie abgeben, kann ein Meilenstein gesetzt werden. Die Berliner Neutrino Group und ihr wissenschaftliches Team mit internationalen Partner, bieten Lizenzen aus weltweiterForschung für die Nutzung von Neutrino-Energy. Das ist machbar Hier und Jetzt. Sie sollten endlich mit der Zeit gehen, Der Fortschritt steht vor der Tür. Deutsche Autoindustrie erwache!
    Das Video ist zu beachten: https://m.youtube.com/watch?v=shE4W_9UQP8

  • Wie schön Sie in den letzten Zeilen schreiben:
    Tesla macht seit 15 Jahren keinen Gewinn.

    Jetzt kommt noch die Konkurrenz im oberen Preissegment! Da wird es Tesla noch schwerer haben Gewinn zu erwirtschaften!

    Das Argument, Tesla sei bei Stromern Jahre voraus, ist lächerlich, da es neben Batterie und Motor, die beide recht einfach gestrickt sind, die Themen Sicherheit, Bequemlichkeit, Haptik und Design gibt. Nach meiner Meinung sind da vor allem Daimler und BMW richtig stark - Audi und Tesla sind okay. Von Daimler und BMW erwarte ich wirklich knallharte Konkurrenz zu Tesla. Daimler und BMW bauen seit Jahren extrem gute Autos - und ob da ein Benziner, ein Diesel, ein Hybrid oder Elektro Antrieb drin ist, ist mir persönlich egal!

    @ Lothar dM: Seit Gabor Steingart nicht mehr an der Spitze des Handelsblattes ist, erscheint auch mir das Handelsblatt nicht mehr so neutral! Aber vielleicht muss der Neue auch noch lernen! Meine Lesehäufigkeit und die Anzahl meiner Kommentare haben sich dadurch drastisch reduziert.

  • Seit Jahren wird viel angekündigt und sehr wenig steht zum Verkauf bereit in den Autohäusern.
    In Ländern wo Maxi KM/H und Maxi Reichweite in den Köpfen der Menschen eine untergeordnete Rolle spielen, wird das Elektroauto schneller an Akzeptanz gewinnen. Hier in D ist Sepp Spaltmaß, Harry Haptik und die beiden Maxi's extrem wichtig und deshalb werden Elektroautos auch in anderen Märkten vorgestellt und zuerst angeboten. Der Artikel ist recht ausgewogen und beschreibt den IST-Zustand recht gut.
    WER in D vor Tesla Angst hat, sollte vielleicht mal seine Hausaufgaben machen und nicht immer nur die stinkenden und lärmenden Produkte anpreisen, sondern auch mal Alternativen.

  • So viele Hersteller wollen in den nächsten 2 Jahren mehrere neue E-Auto Modelle anbieten. Ich habe Zweifel ob der Markt schon bereit ist die alle aufzunehmen. Unausgereifte, nicht in vernünftiger Zeit lieferbare oder zu teure Modelle werden vermutlich floppen. Nie war Zukunft so spannend wie heute.

  • Kommentar zum Foristen "Lothar dM"
    Ich würde nicht so weit gehen und beim HB von "Links-Grüner Gesinnungspresse" reden.
    Was ich aber dezidiert - leider auch beim Handelsblatt - immer mehr vermisse, ist ein ausgewogener Journalismus. So auch in diesem Artikel!

  • Schöner Tesla Werbeartikel mal wieder ... wird dem Elon aber auch nicht mehr helfen. (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

    Konsequenz: Die Besten verlassen das Land, schon jetzt.

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