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Autobauer

Mit der schnellen Datenverbindung wollen die Konzerne ihre gesamte Produktion in den Fabriken vernetzen.

(Foto: DigitalVision/Getty Images)

Daimler, BMW, VW Autoindustrie im 5G-Fieber – Deutsche Hersteller wollen ihre eigenen Netze

Sich selbst steuernde Fabriken und autonom fahrende Autos: Der geplante Mobilfunkstandard 5G wird für die Autoindustrie zur Schlüsseltechnik. Die Konzerne wollen eigene Netze für ihre Fabriken.
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München, Düsseldorf Sehr konkret ist die Vision, die Joachim Göthel vom Autowerk der Zukunft hat: Sich selbst lenkende Gabelstapler bringen das Material zu intelligenten Robotern ans Band – eine vollendete Kombination aus Logistik und Produktion. Am Ende findet das fertige Produkt den Weg zum Ausgang sogar selbst. „Autonom fahrende Autos könnten dann beispielsweise ohne Fahrer vom Band rollen“, sagt Göthel, der bei BMW die Planungen für die Datenfabriken der Zukunft vorantreibt.

Göthel leitet bei BMW die Einführung des Mobilfunkstandards 5G, der in Deutschland ab 2021 den Datenverkehr revolutionieren soll. Für den Autokonzern wird das tatsächlich eine Revolution: Eine 1000-fach höhere Kapazität als das bestehende 4G-Netz für den parallelen Zugriff Tausender Geräte, eine 100-mal höhere Datenrate und eine Übertragung nahezu in Echtzeit.

Genau das ist wichtig für das autonom fahrende Auto, das sich permanent aus der Datenwolke mit Informationen aus seiner Umgebung vollsaugen muss. Solche Autos will die deutsche Industrie ab 2021 in Serie produzieren und fordert daher von den künftigen Netzbetreibern eine flächendeckende Abdeckung in den Städten und entlang der Autobahnen.

Während aber die Autohersteller die Mobilfunkunternehmen für den Aufbau der mobilen Infrastruktur der Zukunft in die Pflicht nehmen, soll an den Werktoren Schluss sein. Dort wollen die Autohersteller ihre eigenen Netze aufbauen und betreiben. „BMW ist an lokalen 5G-Lizenzen hochinteressiert. Wir sehen die Möglichkeit, unsere Standorte mit eigenen 5G-Netzen auszustatten“, sagt Göthel dem Handelsblatt. Das Unternehmen habe bereits bei der Bundesnetzagentur sein Interesse an den Frequenzen angemeldet.

Die Behörde will die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. „Bei uns haben sich unterschiedlichste Industriezweige vorgestellt. Es herrscht eine Art Goldgräberstimmung“, sagte Agenturpräsident Jochen Homann kürzlich im Interview mit dem Handelsblatt.

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Im kommenden Jahr will die Behörde deutschlandweit Frequenzen für 5G versteigern. Zudem soll ein Frequenzbereich für die lokale Nutzung reserviert werden. Der wird nicht versteigert, sondern von der Behörde gegen Geld vergeben. Wie teuer die lokalen Frequenzen werden sollen, hat die Bundesnetzagentur noch nicht bekanntgegeben. Am 26. November soll der finale Plan für die Vergabe vorgestellt werden.

Sensible Infrastruktur

BMW ist mit seinen Zukunftsplänen nicht allein. Daimler und Volkswagen sind von den Möglichkeiten der 5G-Technik ebenfalls begeistert. „Politik und Industrie müssen jetzt gemeinsam die Weichen stellen“, fordert Ola Källenius, Daimler-Entwicklungsvorstand. Der Schwede wird ab Mai 2019 den Konzernvorsitz übernehmen und bastelt bereits an der Produktionsstruktur des kommenden Jahrzehnts.

Auch die Stuttgarter drängen auf die lokale Zuteilung eines eigenen Frequenzbereichs. Noch sind die Details der lokalen Frequenzvergabe nicht entschieden. Der Druck der Autobauer, eigene Netze aufbauen zu dürfen, wächst allerdings stetig. „Aus diesem Grund braucht es für Industrie-4.0-Anwendungen eine lokale Zuteilung eines eigenen Frequenzbereiches im Bereich 3,7 bis 3,8 Gigahertz“, heißt es bei Daimler in Stuttgart.

Somit werde der Betrieb eines lokalen Funknetzes in den Werken unabhängig von einer bundesweiten Bereitstellung von Breitbanddiensten durch Mobilfunknetzbetreiber ermöglicht. „Dieses lokale Funknetz für Produktionsanlagen ist notwendig, um Echtzeit, Zuverlässigkeits-, und Cyber-Security-Anforderungen sicher erfüllen zu können“, begründet Daimler.

Im Klartext: Die Autohersteller wollen den Aufbau und Betrieb ihrer Mobilfunknetze keinesfalls Dritten wie der Telekom oder Vodafone überlassen. So formuliert es der Volkswagen-Konzern in seiner Stellungnahme gegenüber der Bundesnetzagentur, die dem Handelsblatt vorliegt. Im VW-Konzern plant die Premiumtochter Audi die neue Produktionstechnik einzuführen.

Zahlen nennt VW aber vorerst keine: „Eine möglichst kostenfreie Bereitstellung von Frequenzen würde dieses Vorhaben begünstigen und einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unserer Produktionsstandorte liefern“, schreibt der VW-Konzern in seiner Stellungnahme.

Die neuen Netze sollen zunächst das Rückgrat der deutschen Standorte werden, dann über alle Produktionsorte weltweit ausgerollt werden – es wird der sensibelste Teil der Infrastruktur. Denn: Über 5G werden alle Prozesse laufen, von der Entwicklung, über die Produktion bis zum Marketing.

Angst vor Hackern und Spionen

„Wenn das Netz ausfällt, können wir nicht warten bis ein Techniker von außen kommt“, erklärt ein Beteiligter den Wunsch der Autobauer, die Netze selbst zu betreiben. Neben der Gefahr von Hackerangriffen fürchten sich die Konzerne vor möglicher Industriespionage.

Auf der anderen Seite erhoffen sich die Autohersteller von der 5G-Einführung aber auch eine deutlich verbesserte Flexibilisierung ihrer Produktion. Mit der Einführung von Hybrid- und Elektroautos wird die Variantenvielfalt in der Produktion schließlich deutlich zunehmen.

BMW will beispielsweise ab 2021 auf allen Bändern alle Antriebsarten „Stoßstange an Stoßstange“ produzieren. Besonders die teuren deutschen Werke müssen in der Lage sein, schneller als heute auf Schwankungen in der Nachfrage reagieren zu können, heißt es.

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Die Pläne nehmen bereits konkrete Formen an. Im August unterzeichnete Audi eine Absichtserklärung mit dem Netzwerkausrüster Ericsson. Im „Audi Production Lab“ in Gaimersheim bei Ingolstadt soll mit einem Testnetz von 5G ausprobiert werden, wie sich der Echtzeitmobilfunk in der vernetzten Automobilproduktion einsetzen lässt.

„Mit Audi testen wir bereits eine effiziente und drahtlose Vernetzung in der Automobilproduktion“, sagt Ericsson-Deutschlandchef Stefan Koetz. „Natürlich stehen wir in Kontakt mit Konzernen, die nach 5G-Lösungen suchen und arbeiten an technischen Lösungen.“ Dabei setze Ericsson jedoch auch auf bewährte Partnerschaften. „Unsere Präferenz sind Angebote für die Netzbetreiber. Dort können wir besser Skaleneffekte generieren“, sagt Koetz.

Netzwerkausrüster stehen vor einem Interessenkonflikt

Für die Netzwerkausrüster könnten die lokalen 5G-Netze eigentlich ein lukratives Geschäft werden. Gleichzeitig geraten sie jedoch auch in einen Interessenkonflikt. Über Jahre haben sie eng mit den Netzbetreibern zusammengearbeitet. Die aber sehen es nicht gerne, wenn die Ausrüster nun direkte Angebote an Unternehmen machen.

So entscheiden sich die Firmen oft für einen Mittelweg. Nokia baut zusammen mit der Telekom ein Testfeld für 5G am Hamburger Hafen auf. Gleichzeitig läuft eine Partnerschaft mit Bosch. „Nokia verfügt über ein vollständiges Ende-zu-Ende-Portfolio für 5G und kann damit – branchenunabhängig – entsprechende Netze bauen“, sagt Nokia-Manager Thorsten Robrecht.

Firmen, die lokale Netze ohne die Netzbetreiber aufbauen wollen, stehen vor größeren Herausforderungen. „Unternehmen, die selbst ein 5G-Campusnetz betreiben wollen, müssen eine vollständige Infrastruktur errichten“, sagt Robrecht. Entsprechend groß ist der Aufwand. Die Kosten ließen sich nicht pauschal beziffern.

Auch der chinesische Netzwerkausrüster Huawei entwickelt Lösungen für die Industrie. Das Unternehmen betont ebenfalls, vorrangig auf die etablierte Partnerschaft mit den Netzbetreibern setzen zu wollen.

Versäumnisse der Netzbetreiber

Für die Netzbereiter Telekom, Vodafone und Telefónica sind die Ankündigungen ein Problem. Sie hatten sich gegen lokale Frequenzvergaben ausgesprochen und vor einer Zersplitterung des Mobilfunkmarkts in Deutschland gewarnt.

Die Telekom will 99 Prozent der Bevölkerung versorgen

Während Vodafone und Telefónica noch keine Angaben zum 5G-Ausbau in Deutschland gemacht haben, hatte Telekom-Chef Timotheus Höttges die Versorgung von 99 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und 90 Prozent der Fläche angekündigt. Dafür soll die Zahl der Antennenstandorte in Deutschland von 27.000 auf 36.000 erhöht werden.

Höttges räumte auf einer Telekom-Konferenz „Netzetag“ ein, nicht ausreichend auf die Anforderungen der Industrie eingegangen zu sein. „Wir dachten, wir haben ein Verständnis dafür, wo und welche Infrastruktur für die Industrie entstehen muss. Selbstkritisch sage ich heute, wir haben eine wichtige Komponente vergessen“, sagte der Telekom-Chef. 5G werde zu einem Wertbestandteil der Produktentwicklung.

Die Autohersteller wollen den Aufbau und Betrieb ihrer Mobilfunknetze keinesfalls Dritten wie der Telekom oder Vodafone überlassen. Quelle: action press
Audi-Produktion in Neckarsulm

Die Autohersteller wollen den Aufbau und Betrieb ihrer Mobilfunknetze keinesfalls Dritten wie der Telekom oder Vodafone überlassen.

(Foto: action press)

Deswegen seien die Anforderungen an das Netz höher. „Ein Auto wird verbunden sein mit unserem Netz und muss immer funktionieren. Das Produkt funktioniert nur gut, wenn das Netz gut funktioniert.“

Für das kommende Jahr hat Höttges eine Anwender-Konferenz angekündigt, bei der die Telekom die Wirtschaft und die Politik zusammenbringen will, um alle Anforderungen an das künftige 5G-Netz zu sammeln.

Die Netzbetreiber versuchen selbst, lokale Lösungen für Firmen zu entwickeln. Die Deutsche Telekom stellt in einem Testprojekt in einem Werk des Lichtherstellers Osram ein Mobilfunknetz für den autonomen Materialtransport bereit. Vodafone hat ein Testlabor in Düsseldorf eingerichtet.

Das Wettrennen um die besten Anwendungen für 5G hat gerade erst begonnen. Vernetzte Fabriken gelten als bestes Beispiel, um die Vorzüge des Echtzeitmobilfunks auszunutzen. Die kommenden Monate werden zeigen, wie das Kräftemessen zwischen Industrie und Netzbetreibern ausgeht.

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