Dekarbonisierung: Thyssen-Krupp gibt Milliardeninvestition in grünen Stahl frei – aber unter Vorbehalt
Bis zu zehn Milliarden Euro könnte den Ruhrkonzern die Dekarbonisierung insgesamt kosten.
Foto: dpaDüsseldorf. Mitten in der Energiekrise hat der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp die Freigabe für eine milliardenschwere Investition erteilt. Wie der Industriekonzern mitteilte, wird im Herbst der Auftrag für den Bau einer Direktreduktionsanlage mit einer Kapazität von 2,5 Millionen Tonnen erteilt. Die entsprechenden Investitionsmittel hat der Vorstand am Donnerstag freigegeben. Der Aufsichtsrat unterstütze die Entscheidung.
Insgesamt soll der Bau der Anlage, in der mithilfe von Erdgas oder Wasserstoff aus Eisenerz sogenannter Eisenschwamm hergestellt wird, rund zwei Milliarden Euro kosten. Thyssen-Krupp hofft dabei darauf, dass sich der Staat mit einem nennenswerten Betrag an dem Investment beteiligt. So heißt es in der Mitteilung, die Entscheidung stehe unter dem Vorbehalt einer Förderung durch die öffentliche Hand.
Mit der neuen Anlage spart Thyssen-Krupp nach eigenen Angaben jährlich rund 3,5 Millionen Tonnen CO2, wobei der Konzern aktuell rund 20 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre ausstößt. Die Stahlherstellung gehört zu den CO2-intensivsten Industriesektoren, weil ein Großteil des verbrauchten Eisenerzes in Europa bislang in Hochöfen mithilfe von Kohle zu Roheisen geschmolzen wird.
In Zukunft jedoch wollen nahezu alle europäischen Hersteller von Kohle auf Wasserstoff wechseln, mit dem sich Stahl auch klimaneutral herstellen lässt. Jedoch müssen Rohstahlproduzenten dafür nahezu ihren gesamten Anlagenpark austauschen.
Statt in Hochöfen wird grüner Stahl nämlich in Elektroöfen hergestellt, die nicht mit Eisenerz, sondern mit Eisenschwamm befüllt werden. Diesen will Thyssen-Krupp in seiner neuen Anlage ab 2026 produzieren.
Warten auf die EU-Kommission
„Die Freigabe dieser enormen Investition erfolgt mitten im Umbau des Unternehmens, in einem zudem für alle sehr herausfordernden Umfeld“, sagte Vorstandschefin Martina Merz. „Wir unterstreichen damit unseren Anspruch, auch beim Stahl einen entscheidenden und vor allem schnellen Beitrag zur grünen Transformation zu leisten.“
Ein Großteil des verbrauchten Eisenerzes in Europa wird bislang in Hochöfen mithilfe von Kohle zu Roheisen geschmolzen.
Foto: dpaMit der Investitionsfreigabe ist Thyssen-Krupp das Schlusslicht in der deutschen Stahlindustrie. Sowohl der Konkurrent Salzgitter als auch Arcelor-Mittal und Tata Steel hatten bereits in den vergangenen Wochen entsprechende Bekanntgaben gemacht, die zum Teil ebenfalls unter dem Vorbehalt einer staatlichen Förderung stehen.
>> Lesen Sie hier: Viel Neubau aus Holz könnte mehr als 100 Gigatonnen CO2 vermeiden
Dabei hat die deutsche Bundesregierung ihre Unterstützung im Rahmen des europäischen IPCEI-Programms („Important Project of Common European Interest“) bereits zugesagt. Derzeit wartet die Branche noch auf eine Entscheidung durch die Europäische Kommission, die dem geplanten Förderprogramm erst zustimmen müsste.
Wie hoch der Eigenanteil bei der Zwei-Milliarden-Euro-Investition für Thyssen-Krupp ausfallen wird, gab der Konzern nicht bekannt. Insgesamt, so schätzt das Unternehmen, könnte die Dekarbonisierung jedoch Investitionsmittel zwischen acht und zehn Milliarden Euro verschlingen – zuzüglich zu höheren Betriebskosten, die durch den Einsatz von Wasserstoff und klimaneutral produziertem Strom entstehen.