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Demenzerkrankung Warum noch immer ein wirksames Medikament zur Bekämpfung von Alzheimer fehlt

Reihenweise scheitern Forschungsprojekte im Kampf gegen die Demenzkrankheit. Wissenschaftler suchen nach neuen Therapie-Ansätzen – bisher mit wenig Erfolg.
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Trotz der miserablen Erfolgsquote gibt die Pharma- und Biotechbranche den Kampf gegen das Vergessen bisher nicht verloren. Quelle: dpa
Alzheimer-Patientin

Trotz der miserablen Erfolgsquote gibt die Pharma- und Biotechbranche den Kampf gegen das Vergessen bisher nicht verloren.

(Foto: dpa)

Frankfurt, Düsseldorf Forscher und Mediziner wollen an diesem Samstag ein Zeichen im Kampf gegen Alzheimer setzen: Organisationen weltweit fordern am „Welt-Alzheimertag“ von der Gesellschaft einen offeneren Umgang mit der Demenzerkrankung, an der allein in Deutschland 1,7 Millionen Menschen erkrankt sind. Es geht um mehr Verständnis, Toleranz und Achtsamkeit, die den Alzheimer-Patienten und ihren Angehörigen entgegengebracht werden sollen, schreibt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft.

Denn die Erkrankung wiegt für Betroffene und ihre Familien schwer – trotz aller Therapie. Noch immer fehlt ein wirksames Medikament zur Bekämpfung von Alzheimer. Milliardenbeträge hat die Pharmaindustrie in die Forschung gesteckt, doch sie entpuppt sich bisher als Milliardengrab. Das Jahr 2019 markiert dabei einen Höhepunkt. Wissenschaftler suchen nun nach neuen Therapiewegen und Strategien.

Seit März dieses Jahres kommen aus der Pharmaforschung reihenweise Hiobsbotschaften, was die Alzheimer-Projekte angeht. So musste der US-Biotechkonzern Biogen im Frühjahr einen herben Rückschlag hinnehmen, als er die Entwicklung des Medikaments Aducanumab mangels Erfolgsaussichten einstellen musste – es galt als großer Hoffnungsträger in der gesamten Forschung.

Im Juli folgten die Pharmakonzerne Amgen aus den USA und Novartis aus der Schweiz. Sie brachen zwei fortgeschrittene Studien an einem Wirkstoff ab. Vor wenigen Tagen gab dann erneut Biogen bekannt, dass es auch beim zweiten ambitionierten Projekt in der Alzheimerforschung einen Rückschlag gegeben habe. Die Weiterentwicklung wurde gestoppt.

„Man muss sich klarmachen, dass es in den vergangenen 17 Jahren kein wirksames neues Mittel gegen Alzheimer auf den Markt geschafft hat – trotz der mehr als 400 klinischen Studien“, konstatiert Alessio Brunello, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Global Data. Bisher eingesetzte Mittel arbeiten nur an den Symptomen der Erkrankung.

Die lange Reihe an Misserfolgen hat die Pharmaunternehmen Milliarden an Börsenwert gekostet. Schwerer aber wiegt es für die Erkrankten und ihre Familien, dass ein Durchbruch in der medikamentösen Therapie nicht abzusehen ist. „Wenn man die vielen Patienten sieht, die wir betreuen, spürt man den enormen Druck, endlich Therapiemöglichkeiten zu finden“, sagt Richard Dodel, Alzheimer-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Trotz der miserablen Erfolgsquote gibt die Pharma- und Biotechbranche den Kampf gegen das Vergessen bisher nicht verloren. Biotechfirmen wie Vivoryon aus Halle und AC Immune aus der Schweiz treiben trotz der Rückschläge in ihrer Wirkstoff-Pipeline die Forschung voran.

Auch große Pharmakonzerne bleiben am Ball. Zwar hat sich Branchenführer Pfizer komplett aus der Alzheimer-Forschung verabschiedet, andere wie Roche, Novartis, Eli Lilly, Abbvie, Johnson & Johnson und auch Boehringer sind dagegen weiter engagiert, wenn auch zum Teil in reduziertem Umfang.

40 Millionen Betroffene

Anreiz dafür gibt der riesige medizinische Bedarf – und damit das enorme Marktpotenzial – für eine Alzheimer-Therapie oder Prophylaxe. Erfolgreiche Medikamente versprechen ohne Weiteres höhere zweistellige Milliardenumsätze. Weltweit wird die Zahl der Betroffenen auf mehr als 40 Millionen geschätzt.

Die Medikamentensuche ist ein besonders kniffliges Puzzle, denn die biologischen Mechanismen der Erkrankung sind bisher nicht vollständig aufgeklärt. Die meisten der bisher getesteten Wirkstoffkandidaten setzen bei speziellen Eiweißsubstanzen an, die für die Degeneration der Nervenzellen verantwortlich gemacht werden: Beta-Amyloide, die sich im Gehirn ansammeln und verklumpen. Amyloide entstehen als Abbauprodukt aus anderen, größeren Proteinen.

Schon dem Frankfurter Arzt Alois Alzheimer, der die Krankheit Anfang des vergangenen Jahrhunderts erstmals beschrieb, waren diese Ablagerungen aufgefallen. Und vor allem genetische Studien sprechen klar für einen engen Zusammenhang.

So zeigten etwa skandinavische Untersuchungen, dass Menschen selbst im hohen Alter praktisch nie an Alzheimer erkranken, bei denen als Folge spezieller Mutationen weniger Amyloide im Körper gebildet werden. Menschen mit einer seltenen Mutation, die zu übermäßiger Amyloid-Produktion führt, erkranken dagegen zu fast 100 Prozent an Alzheimer, und dies in relativ jungen Jahren.

Für die Medikamentenentwicklung indessen haben diese Erkenntnisse so gut wie nichts gebracht. Alle Wirkstoffkandidaten, die an den Amyloid-Plaques ansetzten sind gescheitert.

Vor diesem Hintergrund flammt nun die Debatte neu auf, ob Forscher und Pharmakonzerne mit der Amyloid-Hypothese auf dem richtigen Weg sind. „Es ist an der Zeit, anderen therapeutischen Zielen zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit eine Chance zu geben“, fordert Christian Leibinnes, Sprecher der gemeinnützigen Alzheimer Forschung Initiative, die sich als größter privater Forschungsförderer auf dem Gebiet betrachtet.

Auch aus Sicht vieler Wissenschaftler gibt es keinen Anlass, die Amyloid-Hypothese zu verwerfen. Zu stark sind die genetischen Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Demenzerkrankung. Der Münchener Alzheimer-Fachmann Christian Haass warnt eindringlich vor einer Abkehr. Die Eiweißablagerungen sind aus seiner Sicht der entscheidende Auslöser für die Alzheimer-Erkrankung, wobei durch eine Kaskade von Folgeeffekten hinterher weitere Einflussfaktoren hinzukommen.

Therapie wird oft nicht früh genug erkannt

Der Prozess beginne vermutlich schon zehn oder 20 Jahre, bevor sich konkrete Symptome der Alzheimer-Erkrankung offenbaren. Ein entscheidendes Problem besteht aus Sicht vieler Experten daher darin, dass die Therapie nicht früh genug erkannt wird.

„Wenn die Patienten in die Klinik kommen, ist das Gehirn bereits teilweise zerstört, und zwar unwiederbringlich“, sagt Haass. „Wir kommen schlicht und einfach zu spät, dramatisch zu spät, ich spreche hier von 20 bis 30 Jahren.“

Ein Test zur Früherkennung fehlt bisher. Impfstoffe gibt es, die zum Teil die Bildung von Plaques verhindern. Doch auch sie werden viel zu spät eingesetzt. Haass forscht derzeit an einem Weg, wie Immunzellen im Gehirn des Menschen so gezielt aktiviert werden könne, dass sie den Ausbruch der Krankheit verhindern.
Darüber hinaus richtet sich das Augenmerk auf alternative Ansätze. Eine ganze Reihe von Medikamentenkandidaten zielen auf Tau-Proteine, die in den Hirnzellen von Alzheimer-Patienten – im Gefolge der Amyloid-Ablagerungen – deformieren und dadurch womöglich ebenfalls zur Degeneration beitragen. Aber auch diese Annahme wurde durch die bisherigen klinischen Tests nicht bestätigt.

Weitgehend einig sind sich Experten darin, dass Alzheimer eine komplexe Erkrankung ist, bei der diverse Faktoren eine Rolle spielen. Ähnlich wie in der Krebsbehandlung zeichnet sich damit ab, dass man auch den Kampf gegen das Vergessen – wenn überhaupt – nur mit einer Kombination von mehreren Arzneien gewinnen kann.

Womöglich bestehe die einzige reelle Chance am Ende darin, fürchtet Haass, die Ursachen der Krankheit, und das heißt die Amyloid-Ablagerungen, von vornherein zu verhindern.

„Wir haben aus dem Scheitern viel gelernt – unter anderem, dass die Diagnose und damit eine mögliche Behandlung viel früher beginnen muss“, sagt Andreas Schmitt, medizinischer Direktor beim biopharmazeutischen Unternehmen Biogen.

Er fordert eine Ent-Stigmatisierung der Krankheit in der Gesellschaft: „Es gilt das Bewusstsein zu schaffen, dass Alzheimer Jahre bis Jahrzehnte vor der Demenz diagnostiziert und dass der Krankheitsprozess auch ohne spezifische Medikation in diesem Krankheitsstadium noch beeinflusst werden kann.“

Mehr: Für Apotheken ist es an der Zeit, die Initiative zu ergreifen: Statt auf Bonusverbote zu hoffen, sollten sie eine eigene Strategie für E-Rezepte entwickeln, meint Handelsblatt-Reporterin Maike Telgheder.

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